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Schöpfung

Schöpfung

Schöpfungstexte

Das Alte Testament setzt programmatisch mit zwei Berichten über die Erschaffung der Welt ein (Gen 1,1-2,4a; Gen 2,4b-3,24) und bekennt damit, dass die Lebensgrundlage der Menschheit auf den planenden, gestaltenden Willen Gottes zurückzuführen ist. Diese Ur-Geschichte ist im Rahmen des Buches Genesis durch die Toledot-Formeln mit der Geschichte des Volkes Israel verbunden, letztlich ist die Entstehung Israels so als Ziel der Schöpfung verstehbar.

Die alttestamentlichen Aussagen gelten im Horizont einer biblischen Theologie, die beide Testamente umgreift, auch für das Neue Testament mit. Hier nämlich wird keine eigene Schöpfungsvorstellung entwickelt, sondern die alttestamentlichen Vorstellungen (in ihren späteren Entwicklungsstufen) werden einfach vorausgesetzt, vgl. Hebr. 11,3: "Durch Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort entstanden ist."

Schöpfungsvorstellungen

Bei der Beschäftigung mit den Schöpfungsvorstellungen ist die Erkenntnis wichtig, dass das AT verschiedene Vorstellungsweisen bezeugt:
- Der erste, priesterliche Schöpfungsbericht Gen 1 schildert, dass die Welt auf Gottes Wort hin entstanden ist.

Dabei wird das Verbum ברא, bara, "schaffen", verwendet, das allein Gott zum Subjekt haben kann. Ziel des 7-Tage-Werkes ist die Erschaffung des Menschen als Ebenbild Gottes, der sich die Erde untertan=urbar machen soll. Mit dem Halten des Sabbat-Tages kann der Mensch Gottes sehr gute Schöpfung anerkennen. Die Struktur des Schöpfungsberichtes entspricht der Darstellung vom Bau der Stiftshütte in Ex 25–40; Schöpfung und Tempel, Sabbat und Kult sind also aufeinander bezogen.

Der zweite, üblicherweise dem Jahwisten zugeordnete Bericht in Gen 2+3 entstand sicher in früherer Zeit. Er ist eher von bäuerlichem Milieu geprägt und stellt den Menschen in den Mittelpunkt, nicht so sehr den ganzen Kosmos. Ohne Adamah (= Erdboden) kann der Adam (= Mensch) nicht leben, genauso wenig als Isch (= Mann) ohne Ischah (= Frau). Gleichzeitig weiß die sogenannte Sündenfallerzählung in Gen 3, dass trotz der Güte des Werkes Gottes das Böse in der Welt ist und sich die Menschen davor zu hüten haben.

Das Nebeneinander der beiden Berichte im Buch Genesis belegt, dass die Redaktoren nicht einfach eine Vorstellung von der Entstehung der Welt hatten, die verabsolutiert werden sollte. Man wusste also bereits damals, dass es immer nur Annäherungen an eine Erklärung geben kann, die stets abhängig sind vom Wissen der jeweiligen Zeit.

Gottesbild

Die Schöpfungsberichte der Genesis bezeugen die Vorstellungen von Gott als den, der durch sein Wort schafft (Gen 1) oder in handwerklicher Weise bildet (Gen 2). Daneben findet sich in anderen Texten die vor allem aus Mesopotamien und Ugarit bekannte Vorstellung, dass Gott einen Kampf mit Chaosmächten zu führen hatte, um so die Ordnung der Welt zu schaffen, vgl. besonders Psalm 18 und Jes 51,9f.. Diese Chaostiere, benannt als Leviatan, Rahab oder Tannim (Meerungeheuer), werden als noch immer hintergründig präsent gesehen; sie bedrohen die Schöpfung auch weiterhin. Auch nach Gen 1 ist die Urflut nicht vergangen, sondern nur gebändigt worden, "am Rande der Schöpfung lauert das Chaos" (G.v. Rad). Spätere Texte drängen diese Vorstellung zurück. Nach Ps 104,26 wurde der Leviatan von Gott gebildet, damit er mit ihm spielen könne. Eine Existenz aus eigener Macht haben diese Kräfte damit nicht mehr. Das führt letztlich in noch späteren Schriften zur Ausbildung der Vorstellung einer creatio ex nihilo, der Schöpfung aus dem Nichts, vgl. 2.Makk 7,28, die dann auch im Neuen Testament präsent ist, vgl. Röm 4,17.

Theologie

Die alttestamentliche Literatur beschäftigt sich vor allem in der Exilszeit mit dem Problem der Schöpfung. Durch den Untergang des Tempels war der Bezug auf heilsgeschichtliche Ereignisse, beispielsweise den Exodus oder die Davidsdynastie, fraglich geworden. Der eigene Gott schien den Göttern der Gegner unterlegen zu sein. Der Rückgriff auf JHWH als Schöpfer diente dann der Vergewisserung, dass er auch in der Geschichte mächtig ist und die Welt weiterhin erhalten kann.

Dabei ist die Beobachtung wichtig, dass man sich nicht davor scheute, Vorstellungen der Nachbarvölker aufzunehmen. So spiegeln sich in der Vorstellung vom Chaoskampf kanaanäische Mythen, Gen 1 bezeugt die Aufnahme mesopotamischer und ägyptischer Vorstellungen und in  Psalm 104 sind gar Teile eines ägyptischen Sonnenhymnus zitiert worden.

Literatur

W. Beyerlin (Hg.), Religionsgeschichtliches Textbuch zum Alten Testament, ATD Erg. 1, 2. Aufl., 1985, 31ff., 100ff., 210ff.
G. von Rad, Das theologische Problem des alttestamentlichen Schöpfungsglaubens, in: ders. Gesammelte Studien zum AT I, 1971, 136-147.
Jahrbuch Biblische Theologie, Band 5: Schöpfung und Neuschöpfung, 1990.

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