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Messianische Texte des AT

Messianische Texte des Alten Testaments

Messiastitel

Der Titel "Messias" ist die gräzisierte Form des aramäischen מְשִׁיחָא (mešiḥā), das hebräisches מָשִׁיַח (māšiāḥ) übersetzt. Der Titel "Christus/ Χριστός" ist die wörtliche Übersetzung in das Griechische. Übereinstimmend bedeuten die Titel: der Gesalbte. Die Bezeichnung rührt daher, dass in Israel zunächst die Könige, dann auch der Hohepriester (und später Priester generell) gesalbt wurden, vgl. dazu etwa Ri 9,8; 1.Sam 16,13; Ex 29; Lev 4,3. Der Titel Maschiach bezeichnete zunächst Saul und David, dann den jeweils regierenden israelitischen König, vgl. Ps 2+72; 1.Sam 24,7. Bei Deuterojesaja kann aber auch der persische König Kyros als Messias benannt werden, doch soll damit der König des fremden Volkes als Werkzeug des Gottes Israels herausgestellt werden. Der Titel ist also zunächst ein politischer, der im AT nicht auf den kommenden Heilskönig angewandt wurde. Dies geschah erst in der sogenannten zwischentestamentlichen Literatur. Folglich muss für das Alte Testament festgehalten werden, dass es im strengen Sinne keine Messiaserwartung gibt, stattdessen wird vom Herrscher (Mi 5,1), gerechten Spross (Jer 23,5) oder König gesprochen (Ez 37,24), den man zukünftig erwartet.

Doch finden sich an herausragenden Stellen Texte, die die Hoffnung auf einen kommenden Heilskönig aussprechen, der nach dem Vorbild des idealisierten Königs David vorgestellt wird. David ist diejenige Gestalt der hebräischen Bibel, die vor allen anderen als Messias bezeichnet wurde (vgl. 1. Sam 26,9). Der kommende Heilsbringer muss folglich ein Spross der davidischen Dynastie, ein Davidide, sein.

Im Neuen Testament werden über diese Texte hinaus noch andere Stellen als Messiasverheißung gewertet, beispielsweise Jes 7,14 (Jungfrauengeburt) oder Gen 14,18-20 (Christus als Hohepriester nach der Weise Melchisedeks). Auch wurden im NT andere Titel zur Prädikation Jesu bedeutsam, allen voran der Menschensohntitel, der aus Dan 7 abgeleitet wurde.

Königsideologie

Die alttestamentliche Messiaserwartung hat als ihre wesentliche Voraussetzung die altorientalische Königsideologie im Hintergrund. Der König gilt in besonderer Weise als zwischen Gott und Menschen stehende Person, als Mittler. Er wurde durch Gottes Geist begabt (1.Sam 9+11), galt als unverletzlich (2.Sam 1,14.16) und als Repräsentant Gottes. Zur Ausstattung des Hofzeremoniells wurde vielfach auf Vorstellungen anderer Völker zurückgegriffen, vgl. Ps 2+110 und besonders die vier Namen des kommenden Herrschers in Jes 9, die wohl die Thronnamen des ägyptischen Pharao widerspiegeln.

Gründe

Die Erwartung einer besonders ausgezeichneten Herrschergestalt rührt sicher von einer negativen Einstellung zu den gegenwärtigen Verhältnissen her, wie sie besonders in der Prophetie üblich war. Dem gegenwärtigen Regenten wird das glorifizierte Bild des Königs David entgegengestellt. Eine Herrschaft in der Weise Davids wird für die Zukunft neu erwartet, dann, wenn sich Israel wieder einem gemeinschaftstreuen, an der Tora ausgerichteten Leben zugewandt hat. Das bedeutet in der Konsequenz, dass die Messiaserwartung immer auch ein Kritikpotential innehat, dass sie auch Gericht neben dem Heil ansagt. Noch bei Sacharja in der frühnachexilischen Zeit ist diese Erwartung jedoch rein innergeschichtlich, vgl. 6,9-15, wo Sacharja Serubbabel (oder Jeschua?) als neuen Herrscher erwartet. Erst später geschieht die Eschatologisierung der Vorstellung, so wie sie im NT entgegentritt: der Messias zeigt die Zeitenwende an. Unter dem Eindruck der unerfüllten Hoffnungen nach dem Bau des Zweiten Tempels) und, noch später, durch Vermittlung der apokalyptischen Bewegungen wird formuliert, dass mit dem Kommen des Messias eine grundsätzliche Wende der Weltläufe eintreten muss. Dafür steht beispielsweise im Danielbuch die Vorstellung vom Kommen des Menschensohns, dem alle Macht übertragen wird (Dan 7).

Allen Stufen der Entwicklung innerhalb des AT ist jedoch gemeinsam, dass der Messias/ Spross/ Herrscher bloßer Repräsentant Gottes ist, dass er keine eigene Heilsmacht hat. Eine "Christologie", nach der der Messias selbst Gott ist, wird also nicht formuliert.

Literatur

H. Seebass, Herrscherverheißungen im Alten Testament, BThSt 19, 1992.
Jahrbuch für Biblische Theologie, Band 8, Der Messias, 1993.
H.J. Fabry, K. Scholtissek, Der Messias, NEB Themen 5, 2002.

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