Wallfahrt als religiöser Lernort

Andere Schreibweise: Pilgern; Wallfahren; Spiritueller Tourismus

(erstellt: Febr. 2020)

1. Pilgern und Wallfahren in der Spätmoderne

Pilgern und Wallfahren sind zeitgemäße Ausdrucksformen des Religiösen. Als Phänomene populärer Religion und popularisierter Spiritualität stehen sie für ein komplexes kulturelles, touristisches, religiöses und pastorales Themenfeld. In der Spätmoderne antworten Pilgerwege und Wallfahrtsorte auf die Sehnsucht nach Selbst-, Transzendenz- und Gemeinschaftserfahrung und korrespondieren mit dem Wunsch nach einem intensiven Körpererleben (→ Leib und Körper) beim Gehen des Weges.

Die weiteren Ausführungen beziehen sich auf die im Christentum praktizierte Religion auf Reisen (Lienau, 2015) mit Schwerpunkt auf den westeuropäischen Kulturraum, wenngleich vielfältige Bezüge zum Pilgern in den Weltreligionen herzustellen wären (Schöne/Mengers, 2015; Himmelheber/Majlis, 2016). Viele suchen geistliche Erfahrungen, indem sie sich in die Verehrungstradition am Wallfahrtsort einfügen, persönliche Anliegen vor Gott bringen, zu Heiligen eine geistliche Beziehung aufbauen und sie um Fürsprache bitten. Darüber hinaus suchen Gläubige, die sich in ihrem Alltag in einer Diasporasituation vorfinden, Ermutigung im Glauben und Begegnung mit Gleichgesinnten. Inzwischen ist aus der Wallfahrt als katholisches Brauchtum eine ökumenische, überkonfessionelle und interkulturelle Bewegung geworden (Antz/Bartsch/Hofmeister, 2018). Neue Pilgerrouten sind entstanden, die Communauté von → Taizé oder → Weltjugendtage locken auch junge Menschen an. Jenseits religiöser Herkunft finden sich unter den priorisierten Motiven der Dank z.B. nach überstandener Krankheit oder Lebenskrise, die Bitte um Heilung und Heil für sich bzw. nahestehende Menschen und nicht zuletzt die Hoffnung auf → Erlösung und Trost angesichts von Leid- und Schulderfahrungen (→ Sünde/Schuld) im eigenen Leben, der Familie oder im sozialen Umfeld.

Betrachtet man das Pilgern und Wallfahren als spezifische religiöse Lernorte (→ Lernorte religiöser Bildung; → Reisen/Pilgern als religiöser Bildungsort), muss eine weitere Zielgruppe genannt werden: Personen, die eine Pilgerfahrt begleiten oder am Wallfahrtsort Gastfreundschaft pflegen, die ehren- oder hauptamtlich für die Organisation der Wallfahrt Sorge tragen oder sich als hospitalero/hospitalera in einer Pilgerherberge oder am Ziel engagieren. Hinzu kommen Engagierte in Pilgervereinigungen (z.B. Jakobusgesellschaften) und lokalen Initiativen.

Diese sind als eigenständige Adressaten der Pastoral nicht zu unterschätzen. In den Pilgerherbergen entlang des Jakobspilgerwegs sind im Laufe eines Jahres Tausende von Ehrenamtlichen im Einsatz. In Lourdes stellen sich jährlich ca. 100.000 Freiwillige für die Gästebetreuung zur Verfügung. In den vier Wochen der Heilig-Rock-Wallfahrt 2012 in Trier waren 2.380 Helferinnen und Helfer durchschnittlich 9 Tage im Einsatz und haben etwa 116.000 Helferstunden geleistet (Lörsch, 2017a, 270).

Pilgerwege und Wallfahrtsorte erweisen sich angesichts einer bunten Zusammensetzung der Teilnehmenden mit divergierenden Vorerfahrungen, Motiven und Erwartungen als eine prägende Signatur unserer Zeit. Sie fordern die christlichen Kirchen heraus, Pilgern als pastorale Chance im Sinne von diakonisch-missionarischen Begegnungs- und Lernorten angemessen wahrzunehmen.

1.1. Annäherung an die Begriffe Wallfahrt/Wallfahren und Pilgern

Das Begriffspaar Wallfahren und Pilgern wird meist synonym verwendet. In der deutschsprachigen Fachliteratur nutzt man die Begriffe, um auf Gemeinsamkeiten und signifikante Unterschiede aufmerksam zu machen.

Etymologisch stammt Wallfahrt aus dem althochdeutschen wallōn = von Ort zu Ort ziehen. Daraus entwickelt sich bis zum 16. Jahrhundert die Bedeutung: eine Pilgerfahrt unternehmen, wallfahren usw. Im wissenschaftlichen Diskurs umfasst der Begriff alle religiösen Reiseaktivitäten, die einen Wallfahrtsort anzielen. Wallfahrten sind meist kirchlich-institutionell organisiert. Vielfach werden sie in Großgruppen als Teil einer kirchlichen Gemeinschaft durchgeführt. Die Wallfahrt ist zeitlich begrenzt, ihre Dauer tritt hinter dem Erreichen des Ziels zurück. Traditionen spielen eine große Rolle, wallfahren lebt von der Wiederholung: im Rhythmus des Kirchenjahres oder in Erinnerung an ein historisches Ereignis (z.B. aufgrund eines Gelübdes bei einer Pestepidemie). Ihre Popularität korrespondiert mit dem Aufstieg und der Verbreitung moderner Verkehrsmittel seit dem 19. Jahrhundert.

Pilger und pilgern sind Lehnworte aus dem spätlateinischen pelegrīnus bzw. peregrīnus = fremd, ausländisch, Fremdling, in der, in die Fremde. Beim Pilgern rückt der Weg als körperlicher und geistlicher Prozess in den Vordergrund. Man bricht allein, als Paar oder in einer Gruppe auf und bewegt sich aus eigener Kraft fort (zu Fuß, mit dem Fahrrad usw.). Pilgern in der Spätmoderne zeichnet sich durch breite Motivbündel sowie divergierende spirituelle und religiöse Erwartungen aus. Wenn diese in oder zwischen Pilgergruppen aufeinandertreffen, kommt es nicht selten zu sozialen Konflikten.

In den folgenden „Wortwolken“, die aus Interviews unter Pilgern und Wallfahrern erstellt wurden, werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Formate ansichtig:

© *Martin Lörsch*

Abb. 1 Wortwolke zu „Pilgern auf dem Jakobsweg“ (2010) – eigene Darstellung

© *Martin Lörsch*

Abb. 2 Wortwolke zur Heilig-Rock-Wallfahrt (2012) – eigene Darstellung

Die unterschiedlichen Größen der Begriffe stehen für die Worthäufigkeiten in Interviews, die auf dem Camino nach Santiago 2010 und bei der Heilig-Rock-Wallfahrt 2012 in Trier geführt und mittels QDA-Inhaltsanalyse ausgewertet worden sind.

1.2. Wallfahrt und Pilgern auf der Mikro-, Meso- und Makroebene

Auf der Mikro- bzw. individuell-personalen Ebene weist die Pilgerbewegung auf ein spirituelles Bedürfnis vieler Menschen hin. Im westeuropäischen Kulturkreis der Spätmoderne steht das Motiv der Selbstfindung im Vordergrund (Gamper/Reuter, 2017). Mit ihm korrespondieren Offenheit und Bindung auf Zeit, Konfessionsunabhängigkeit, intensive ganzheitliche Erfahrung, die Möglichkeit eines radikalen Subjekt- und Selbstbezugs usw. Das Pilgern kommt dem Bedürfnis nach Entschleunigung und körperorientierter Spiritualität entgegen. Unterwegs sind soziale Kontakte wichtig, aus zufälligen Begegnungen können intensive persönliche Gespräche erwachsen. Auch Pilgerinnen und Pilger ohne Kirchenmitgliedschaft nehmen in der Regel kirchliche Angebote gerne an. Dem gegenüber trifft man bei einer Wallfahrt eher auf ältere Menschen. Mehrheitlich stehen sie ihrer Kirche nahe oder engagieren sich in ihr. Ein herausragendes Motiv ist die Stärkung im Glauben und die Pflege bzw. eine Vertiefung bereits vorhandener Beziehungen.

Auf der Mesoebene, das heißt der Kirche als Akteur, zeichnet sich ein ambivalentes Bild ab. Pilgern boomt, fasziniert die eigenen Mitgliederinnen und Mitglieder wie auch kirchenferne und agnostische Personen. Klassische Wallfahrten hingegen leiden unter stagnierenden oder zurückgehenden Zahlen. Ein wesentlicher Grund liegt in der Altersstruktur ihrer primären Zielgruppen. Das Problem verschränkt sich mit einer fragilen Kirchenbindung der nachfolgenden Generation. Tendenziell führt die Respiritualisierung der Gesellschaft, die man hinter den steigenden Pilgerzahlen vermuten könnte, den christlichen Kirchen keine neuen Mitgliederinnen und Mitglieder zu.

Auf der Makroebene lässt sich feststellen, dass dem Pilgern eine hohe gesellschaftliche Reputation entgegengebracht wird. Dazu tragen die Beziehungsnetze der Pilgerinnen und Pilger bei, die über ihre Erlebnisse in Familien, Freundeskreis oder im sozialen Umfeld berichten. Die unübersehbare Fülle von Büchern, Reiseberichten und Filmproduktionen hat das Pilgern in weiten Teilen der Gesellschaft populär gemacht. Die Digitalisierung ist selbstverständlich geworden und hat weitreichende Folgen für die Kultur des Pilgerns (z.B. Kommunikation in Echtzeit mit Daheimgebliebenen auf dem Weg oder nach Ankunft in der Herberge). Ein Unterbrechen und Aussteigen aus bestehenden Lebensbezügen auf Zeit als konstitutives Motiv ist in der appgestützten Pilgerwelt nur eingeschränkt möglich.

Diese heterogenen Tendenzen auf den drei Ebenen tragen zur Popularität (Knoblauch, 2009) und Fragmentierung der Pilgerbewegung bei.

2. Zur Theologie der Wallfahrt

2.1. Biblische Quellen

Pilgern und Wallfahrt finden sich in den Büchern des Alten und Neuen Testaments. Älteste Spuren lassen sich bis in die Frühphase Israels (→ Israel (AT) zurückverfolgen (Gen 12,1-9; 13,3f.,18; 35,6 usw.). In davidischer Zeit (→ David (AT)) gewinnt die Wallfahrt zum Tempel an Bedeutung (Jes 30,29; 1 Kön 12,27), der Tempel steigt schließlich zum einzig legitimen Wallfahrtsort auf. In der Gebetstradition (→ Gebet/Beten (AT)) des Volkes Israel bilden die → Wallfahrtspsalmen eine einflussreiche Kategorie für das persönliche Gebet und die Liturgie (Ps 84; 120-134). In der Prophetenliteratur wird die endzeitliche Völkerwallfahrt zum Zion (→ Völkerwallfahrt/Völkerkampf; → Zion/Zionstheologie) als messianische Vision vorausgesagt (Jes 2,2-5; 60,3-6) und in Zukunftsbildern als eschatologische Hoffnung wachgehalten.

Jesus (→ Jesus Christus) hat die Wallfahrtstradition seines Volkes gepflegt und den Tempel (→ Tempel (NT)) als zentralen Ort der Gottesverehrung gewürdigt (Lk 2,41-51; 21,1-4 u.a.). Während seines öffentlichen Wirkens ist er wohl mehrmals nach Jerusalem gepilgert. Die Wallfahrtsbräuche seines Volkes betrachtet er jedoch nicht unkritisch. In der Begegnung mit der Samariterin am Jakobsbrunnen stellt er klar: „Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet“ (Joh 4,21). In der Tempelreinigung geißelt Jesus die Überlagerung des Religiösen von ökonomischen Interessen (Joh 2,13-22, parr.). Unter dem Eindruck der Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.) transformiert und spiritualisiert die Christologie das Motiv der Tempelwallfahrt in die Leib-Christi-Symbolik: In Christus verschmelzen Pilgerweg und Wallfahrtsziel, sie werden auf seine Nachfolge hin entgrenzt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). In der Emmauserzählung (Lk 24, 13-35; → Emmaus) offenbart sich Jesus den Jüngern als sensibler Pilgerführer und Wegbegleiter durch die Phasen ihres Trauerprozesses. Die Apostelgeschichte bezeichnet die gläubig gewordenen Christinnen und Christen als „Menschen des neuen Weges“ (Apg 9,2; 19,23; 24,14). Für die im Glauben bedrängten Leserinnen und Leser entfaltet der Hebräerbrief das Leitbild vom pilgernden Volk Gottes, dem das Himmlische Jerusalem als Ziel irdischer Wallfahrt (Hebr 12,22-24) vor Augen gestellt wird. Das frühe Christentum kennt daher zunächst keine eigenen Wallfahrtsbräuche.

2.2. Kirchengeschichtlicher Längsschnitt

Wallfahrten sind seit dem zweiten Jahrhundert bezeugt. Inspiriert von Kaiserin Helena, die nach der Überlieferung im Jahr 324 ins Heilige Land gepilgert ist, und der Pilgerin Egeria, die von 381 bis 384 dorthin reiste, entwickelt sich in der Spätantike eine spezifisch christliche Wallfahrtstradition: Bei ihr geht es vorrangig nicht um den Wallfahrtsort als Ziel, sondern um Aufnahme von Beziehungen mit heiligen und heilsamen Personen an diesem Ort. Die Pilgerwege führen zunächst zu den Heiligen Stätten des Wirkens Jesu in Palästina sowie nach Rom zu den Gräbern der Apostel → Petrus und Paulus. Im Hochmittelalter boomt in Europa die Wallfahrtsbewegung, nicht zuletzt, weil die Pilgerwege ins Heilige Land verstellt sind. Die Wallfahrt zu Marienerscheinungsorten gewinnt von da an immer mehr an Bedeutung. Frömmigkeitsgeschichtlich korrespondiert diese Bewegung mit dem Wunsch nach sinnlich-erlebbaren Ausdrucksformen des Religiösen. Dieser Trend verschmilzt mit der Sehnsucht nach Halt und Trost in Krisenzeiten, z.B. bei Schicksalsschlägen, Krieg und Hungersnot. Missstände beim Pilgern, magische Vorstellungen aufgrund mangelhafter Bildung, der Handel mit Reliquien und Ablasshandel leiten eine Kirchenkrise ein, die in der → Reformation endet.

2.3. Pilgern als Metapher des Zweiten Vatikanischen Konzils

Das Zweite Vatikanische Konzil bezeichnet die Kirche als pilgerndes Volk Gottes. In allen Konstitutionen (Sacrosanctum Concilium 8; Lumen Gentium 6.7.14.21.48-50.58.62; Dei Verbum 7; Gaudium et spes 1.45.57) und in Ad gentes 2 findet sich diese Metapher. Ein solches Kirchenbild impliziert Unterwegssein, Vorläufigkeit, In-der-Fremde-sein. Es ruft zur Metanoia (Mk 1,15) und zur Evangelisierung (Evangelii nuntiandi 14.15; Evangelii gaudium 1ff.273). Das Bild vom pilgernden Volk Gottes hält in der Kirche die Erinnerung an ihre Identität, ihren diakonisch-missionarischen Sendungsauftrag und ihre eschatologische Zielbestimmung wach.

3. Pilgern und Wallfahren als Lernorte

Die Wallfahrt als religiöser Ort kann in vielfacher Weise an der Metapher des Pilgerns anknüpfen: als Lebensreise, als Werk der Barmherzigkeit in praktizierter Gastfreundschaft (Mt 25,35), als Religion in Bewegung... Dieses Phänomen soll in einigen pastoralen Handlungsfeldern operationalisiert werden.

3.1. Kirche unterwegs

Der Pfarrseelsorge gelingt es immer weniger, die Gläubigen in ihren vielfältigen Lebenswelten und Milieus an die lokalen Pfarrorte zu binden. Daher gewinnen Wallfahrtsstätten, offene Kirchen an Pilgerwegen, Kloster-, Autobahn-, Radwegekirchen usw. an Bedeutung. Derartige Formate erweisen sich als passende Orte einer unaufdringlichen Präsenz (Werlen, 2011). Als flüchtige Pfarreien (Paroisses liquides: Join-Lambert, 2016) bzw. Gemeinden auf Zeit (Bubmann, 2019) können sie innovativ auf neue pastorale Herausforderungen reagieren. Sie zeichnen sich durch adressatenorientierte Angebote für Suchende, Fernstehende und Ungetaufte aus, führen den Dialog auf Augenhöhe und vermitteln Lernorte, die zum Experimentieren und Reflektieren einladen. Für Wallfahrtsorte mit ihren Traditionen erweist sich dieses Format als anspruchsvolle Aufgabe, sich auf die → Lebenswelt und Erwartungen von Einzelpilgerinnen und -pilgern und Gruppen (z.B. Motorrad-Wallfahrt) einzustellen. Im Hören auf ihre Sehnsüchte und in partizipativ angelegten Verfahren können passende pastorale Handlungskonzepte entstehen, die in regelmäßigen Abständen evaluiert und fortgeschrieben werden sollten.

3.2. Geistliche Pilgerbegleitung

Eine weitere Antwort der christlichen Kirchen auf die Pilgerbewegung ist die Geistliche Pilgerbegleitung. Dieses Seelsorgeangebot von geschulten Ehren- und Hauptamtlichen richtet sich an Einzelpilgerinnen und -pilger und Gruppen, Jugendliche und Erwachsene; Tagespilgerinnen und -pilger und mehrtägig Pilgernde. Es lädt ein, Pilgerweg und Wallfahrtsort mystagogisch aus den geistlichen Quellen des Glaubens und kulturellen Bezügen (neu) zu entdecken. Geistliche Pilgerbegleiter bieten an, die eigene Biographie und den individuellen Lebensweg (→ Biografie/Lebensgeschichte/Lebenslauf) als Pilgerreise „mit Christus auf dem Weg“ zu deuten.

3.3. Wallfahrt als Entdeckungsraum für Religionsunterricht und Katechese, Schul- und Jugendpastoral

Pilgern und Wallfahren eignen sich auch als Entdeckungsräume für junge Menschen auf ihrem Weg der Identitätsfindung, für ihre Verortung in der Welt von Morgen und bei der Suche nach Spuren von Transzendenz in ihrem Leben. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien einige praxiserprobte Ideen vorgestellt.

  • Der Besuch einer Kathedral- oder Wallfahrtskirche kann Kinder, Jugendliche und Erwachsene nachhaltig beeindrucken. Voraussetzung ist eine geeignete religionspädagogische Hinführung, Begleitung und Reflexion. Denn viele Menschen sind nicht mehr vertraut mit dem Kirchenraum, seiner Architektur und Ikonographie. Hilfreich erweisen sich mystagogische Angebote, die die Lebenswelt junger Menschen mit den Raumeindrücken (Formen, Farben, Kreuz, Pietá, Altar,…), den Lichteffekten, der Musik usw. in Beziehung setzen, damit diese in Resonanzbeziehungen (Hartmut Rosa) transformieren. Kirchenräume bieten unerschöpfliche Möglichkeiten, dem Geheimnis des Lebens auf die Spur zu kommen (Lörsch, 2017b).
  • Ökumenischer Wallfahrtsort → Taizé: Seit Jahrzehnten stellt sich diese Bewegung den religiösen und spirituellen Fragen junger Menschen und Erwachsener. Stille, Ruhe finden in Gesang und Gebet, Begegnung mit Gleichgesinnten, Zeit für Glaubensgespräche oder das persönliche Gespräch mit einem Mönch usw. sind zentrale Motive, nach Taizé aufzubrechen, „zwischen den Jahren“ an einem Taizé-Treffen teilzunehmen oder sich zum lokalen Taizé-Gebet zu treffen. Die Spiritualität von Taizé mit ihren Liedern und Gebeten nimmt im konfessionellen Religionsunterricht und in der → Schulseelsorge/Schulpastoral einen prominenten Platz ein.
  • Sozialpraktikum im Rahmen einer Bistumswallfahrt mit Kranken: Eine Wallfahrt kann junge Menschen mit dem „Virus der Nächstenliebe“ in Berührung bringen. Das belegen mehrjährige Praxiserfahrungen mit Schülerinnen und Schülern einer kooperativen Gesamtschule im Bistum Trier, die an der Diözesan-Wallfahrt nach Lourdes teilnehmen. Im Rahmen des Sozialpraktikums der Schule und begleitet von Lehrerin und Lehrer engagieren sich Freiwillige einer 10. Schulstufe als Betreuerinnen und Betreuer kranker und behinderter Pilgerinnen und Pilger. Sie begleiten diese zu den Gottesdiensten oder zu den Bädern und stellen sich für die Nachtwache zur Verfügung. Im Gruppengespräch werden die Erlebnisse in der Assistenz von Kranken, die persönlichen Begegnungen am Wallfahrtsort oder religiöse Fragen der Jugendlichen ausgetauscht und reflektiert.
  • Weltjugendtage (→ Weltjugendtage): Dieses Format, das sich einer Initiative von Papst Johannes Paul II. (1984) verdankt und seither in regelmäßigen Abständen in verschiedenen Kontinenten stattfindet, setzt sich aus Elementen traditioneller Frömmigkeit und Eventkultur zusammen. Ihr Erfolg lässt vermuten, dass sie dem Lebensgefühl vieler junger Menschen mit ihren religiösen und sozialen Bedürfnissen entsprechen. Konstitutiv sind dezentrale Begegnungen in einzelnen Diözesen, Musik und Feier, Gottesdienst und thematischer Austausch, persönliches Gebet und eucharistische Anbetung, Beichte und Abschlussgottesdienst mit dem Papst. Dieses jugendgemäße Wallfahrtsformat erweist sich als ein beeindruckender, grenz- und generationenüberschreitender Ort der Glaubenskommunikation.

4. Fazit

Pilgern und Wallfahren bieten vielfältige Chancen, Religion in Bewegung zu erleben und in den spezifischen Ritualen das eigene Leben als sinnvoll zu deuten. Sie erweisen sich in dem Maß als religiöse Lernorte, wie man sich für Begegnungen öffnet, die sich manchmal in der Rückschau als prägendes Ereignis der Gotteserfahrung erweisen (Gen 18,1-15). Nicht zuletzt erweist sich die Pilgerbewegung als ein Stachel im Fleisch der Kirche, weil sie zum Aufbrechen und Unterwegssein heraus ruft: Als Volk Gottes unterwegs zu den Menschen auf der Suche nach Gottes Reich (Mt 6,33). So erweisen sich Pilgern und Wallfahren als Laboratorium zur Entdeckung einer Kirche von Morgen, als Lernarena, die den Menschen und der Gesellschaft in der Spätmoderne den Himmel offenhält.

Literaturverzeichnis

  • Antz, Christian/Bartsch, Sebastian/Hofmeister, Georg (Hg.), „Ich bin dann mal auf dem Weg!“ Spirituelle, kirchliche und touristische Perspektiven des Pilgerns in Deutschland, Konstanz/München 2018.
  • Bubmann, Peter (Hg. u.a.), Gemeinde auf Zeit. Gelebte Kirchlichkeit wahrnehmen (Praktische Theologie heute; 160), Stuttgart 2019.
  • Gamper, Markus/Lörsch, Martin, Pilgern und Wallfahren – Ausdruck zeitgenössischer Spiritualität und Religion? Eine Vergleichsstudie zwischen Pilgern auf dem Jakobusweg nach Santiago de Compostela und Heilig-Rock-Wallfahrt in Trier, in: St. Jakobusbruderschaft Trier (Hg.), Abenteuer Pilgern. Ein populäres Thema interdisziplinär erforscht, Würzburg 2017, 229-267.
  • Gamper, Markus/Reuter, Julia, Pilgern als spirituelle Selbstfindung oder religiöse Pflicht, in: St. Jakobusbruderschaft Trier (Hg.), Abenteuer Pilgern. Ein populäres Thema interdisziplinär erforscht, Würzburg 2017, 77-108.
  • Hervieu-Léger, Danièle, Pilger und Konvertiten. Religion in Bewegung, Würzburg 2004.
  • Himmelheber, Clara/Majlis, Brigitte (Hg.), Pilgern – Sehnsucht nach Glück? (Ausstellungskatalog des Rautenstrauch-Joest-Museums Köln), Köln 2016.
  • Join-Lambert, Arnauld, Paroisses liquides. Flüchtige Pfarreien - ein Zukunftstrend, in: Trierer Theologische Zeitschrift 125 (2016), 6-27.
  • Knoblauch, Hubert, Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft. Frankfurt/ M./New York 2009.
  • Kurrat, Christian, Renaissance des Pilgertums. Zur biographischen Bedeutung des Pilgerns auf dem Jakobsweg, Berlin 2015.
  • Lienau, Detlef, Pilgern als mystischer Erfahrungsweg, in: Geist & Leben 91 (2018) 2, 134-141.
  • Lienau, Detlef, Religion auf Reisen. Eine empirische Studie zur religiösen Erfahrung von Pilgern, Freiburg i. Br. 2015.
  • Lörsch, Martin, Pilgernde Kirche – Kirche der Gastfreundschaft. Freiwillige bei der Heilig-Rock-Wallfahrt 2012 zwischen Bewahren und Erneuern. Die Helfer-Studie als Beitrag einer oft übersehenen Seite der Wallfahrts- und Pilgerforschung, in: St. Jakobusbruderschaft Trier (Hg.), Abenteuer Pilgern. Ein populäres Thema interdisziplinär erforscht, Würzburg 2017a, 269-298.
  • Lörsch, Martin, Open Space – Kathedralkirchen als Entdeckungsraum, in: Diakonia 48 (2017b) 2, 91-98.
  • Schöne, Anja/Mengers, Lena (Hg.), Pilger Welten. (Ausstellungskatalog im RELIGIO – Westfälisches Museum für religiöse Kultur), Münster 2015.
  • St. Jakobusbruderschaft Trier (Hg.), Abenteuer Pilgern. Ein populäres Thema interdisziplinär erforscht, Würzburg 2017.
  • Werlen, Martin, Unaufdringliche Präsenz. Klöster und Wallfahrtszentren als alternative Orte. In: Herder-Korrespondenz Spezial 65 (2011) 1, 55-59.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Wortwolke zu „Pilgern auf dem Jakobsweg“ (2010) – eigene Darstellung © Martin Lörsch
  • Abb. 2 Wortwolke zur Heilig-Rock-Wallfahrt (2012) – eigene Darstellung © Martin Lörsch

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