Taizé

1. Geschichtliche Entwicklung der Kommunität und der Jugendtreffen

Die Kommunität von Taizé ist eine Ordensgemeinschaft von evangelischen und katholischen Brüdern aus über 50 verschiedenen Nationen (→ Mönchtum/Klosterleben). Das ganze Jahr über sind vor allem Jugendliche – aber in begrenzter Anzahl auch Erwachsene und Familien – willkommen, in Taizé für eine Woche zu leben, zu arbeiten und mit den Brüdern zu beten. Manche der Jugendlichen bleiben dort auch mehrere Wochen oder Monate. Taizé ist das größte kirchliche Jugendtreffen in Europa.

Ihren Anfang nahm die Kommunität, als Roger Schutz, ein reformierter Pfarrer, 1940 in einem Haus im französischen Dorf Taizé beginnt, ein Leben im Gebet und in Einfachheit zu führen und Menschen zu helfen. Während des Krieges gewährte er vor allem Juden Zuflucht, nach dem Krieg waren es deutsche Kriegsgefangene, mit denen er und zwei weitere Brüder das Wenige, das sie hatten, teilten (Escaffit/Rasiwala, 2009, 29;41f.). 1949 legten die ersten sieben Brüder ihr lebenslanges Gelübde ab, sich um der Liebe Christi willen, Gott mit allem was man ist, hinzugeben (Escaffit/Rasiwala, 2009, 51). Die evangelische Kommunität setzte sich engagiert für die → Versöhnung der Nationen und der Konfessionen (→ Konfession(en)) ein. So waren Frère Roger und Frère Max als evangelische Pfarrer Gäste beim Zweiten Vatikanischen Konzil (Escaffit/Rasiwala, 2009, 70-75).

Die Anzahl der jugendlichen Besucherinnen und Besucher wurde in den sechziger Jahren so groß, dass die alte Dorfkirche für das gemeinsame Gebet nicht mehr ausreichend Platz bot. Im Rahmen der Aktion Sühnezeichen haben deutsche und französische Freiwillige zusammen die Versöhnungskirche im Jahr 1961/1962 erbaut (Escaffit/Rasiwala, 2009, 65-67). Das erste geplante Jugendtreffen mit 1400 Jugendlichen fand vom 2. bis 5. September 1966 statt zu dem Thema „Was können wir tun, um miteinander eine sichtbare Einheit zu verwirklichen?“ (Fleer, 1988, 152). Seit 1962 helfen Ordensfrauen in Taizé mit. Die Schwestern der belgischen Ordensgemeinschaft St. André sind seit 1966 in Taizé. Sie leben im Nachbarort Ameugny und unterstützen die Brüder bei verschiedenen Aufgaben, u.a. leiten sie die Verkaufsausstellung und die Krankenstation (Escaffit/Raiswala, 2009, 96-99). 1969 wurde der erste katholische Bruder die bis dahin evangelische Gemeinschaft aufgenommen. So wurde die Kommunität zu einer ökumenischen Gemeinschaft (→ Ökumenische Bewegung).

1974 fand in Taizé das Konzil der Jugend mit 40.000 Teilnehmenden statt, die sich in den vier Tagen zu Versammlungen und Gebeten trafen. Dort wurde auch der von Jugendlichen aus allen fünf Erdteilen verfasste Brief an das Volk Gottes verlesen, der die Menschen aufruft, auf Privilegien zu verzichten und Samenkorn einer → Gesellschaft ohne Klassen zu werden (Chiron, 2009, 230-233). Schon zur Vorbereitung 1972 kamen eigenverantwortlich 16.000 Jugendliche, hauptsächlich zwischen 17 und 25 Jahren, die meist nicht in kirchliche Strukturen eingebunden waren (Chiron, 2009, 218).

1982 rief Frère Roger im vom Krieg zerstörten Beirut/Libanon den Pilgerweg des Vertrauens aus; alle, die sich anschließen und sich auf einen lebenslangen inneren Pilgerweg begeben, können in ihrem Umfeld Zeichen der Versöhnung und des Friedens setzen (Vertrauen soll wachsen, 1988, 62) (→ Reisen/Pilgern).

Am 16. August 2005 wurde Frère Roger Schutz während des Abendgebets mit 2500 Jugendlichen von einer psychisch kranken Frau getötet. Sein Nachfolger ist Frère Alois Löser, ein Katholik aus Deutschland (Chiron, 2009, 300f.).

2. Taizé als Lernort religiöser Bildung

In erster Linie sind die Jugendtreffen von Taizé für junge Erwachsene zwischen 17 und 29 Jahren gedacht. Gleichwohl gibt es auch für die 15- und 16-Jährigen die Möglichkeit mit Aufsichtspersonen nach Taizé zu kommen. Darüber hinaus können auch ältere Erwachsene und Familien mit Kindern unter 15 Jahren zu festgelegten Zeiten nach Taizé kommen (Liebendörfer, 2011, 35).

Da der Schwerpunkt der Gruppentreffen in Taizé auf den Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegt, soll auch in diesem Artikel vor allem deren Sicht dargestellt werden.

Für ältere Erwachsene und Familien (→ Familie) ist der Tagesablauf analog zu dem der Jugendlichen, allerdings wohnen sie nicht bei den Jugendlichen, sondern auf eigenen Zeltplätzen bzw. in einfachen Häusern in Taizé und Ameugny. Sie haben eigene Gesprächsgruppen, die Erwachsenen arbeiten in ihrem Bereich. Nur die Gebete mit den Brüdern besuchen sie gemeinsam mit den Jugendlichen.

2.1. Leben in einer internationalen und ökumenischen Gemeinschaft

Die Kommunität der Brüder von Taizé umfasst Männer verschiedener Konfessionen und Nationalitäten. Sie sind ein Vorbild für die Jugendlichen, die für eine Woche – immer von Sonntag bis Sonntag – in Taizé zusammen leben, beten und arbeiten. Manche Jugendliche entscheiden sich, mehrere Wochen (girls/boys for longer) oder bis zu 12 oder 18 Monaten (permanents) zu bleiben. Dabei erleben sie auf eine sehr intensive Weise die Chancen und Herausforderungen einer solchen Gemeinschaft.

Für die Jugendlichen ergeben sich in der Gemeinschaft folgende Lernchancen:

2.1.1. Die Bibelarbeiten und Gesprächsgruppen

Von Montag bis Samstag treffen sich die Jugendlichen, die für eine Woche in Taizé sind, täglich zu einer Bibelarbeit, die von einem Bruder geleitet wird. Die gewählten Themen und biblischen Texte lassen die Jugendlichen zu einer → Hermeneutik finden, welche die Texte auf die konkrete Lebenssituation bezieht. Dabei beanspruchen die Brüder nie eine besondere Autorität der Deutung, sondern stellen ihre Deutung als eine mögliche Sichtweise zur Diskussion (Höglauer, 2016, 158f.). Diese Haltung der Authentizität überzeugt Jugendliche und eröffnet ihnen den Zugang zu relevanten biblischen Themen.

Im Anschluss teilen sich die Jugendlichen zu ca. zehn Personen pro Gesprächsgruppe auf, wobei darauf geachtet wird, dass möglichst nicht mehr als zwei aus einer Stadt in jeder Gruppe sind. Dort vertiefen sie durch Impulsvorschläge das Thema der Bibelarbeit. Abgesehen von den Gruppen der 15/16-Jährigen liegt die Gesprächsleitung bei einem Jugendlichen. So können sie sich offen in ihrer → Gruppe/Peergroup über das Thema und ihre persönlichen Erfahrungen austauschen ohne dabei ein vorgegebenes Ziel erreichen zu müssen. Die in den Gruppen erlebte Offenheit ist u.a. durch die Anonymität in der Gruppe bedingt, da diese Gruppe nur für eine Woche besteht. Durch das Zusammenleben und die täglichen Treffen kann schnell eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre entstehen, in der Jugendliche prägende Erfahrungen für ihre Glaubens- und Lebenspraxis machen.

Manche Gruppen, vor allem in den Sommermonaten, sind international gemischt. Die einzelnen Beiträge werden dann, wenn notwendig, in der Gruppe übersetzt. Viele Jugendliche nutzen das als eine Chance, mit Menschen aus anderen Ländern in Kontakt zu kommen. Oft entstehen dabei Freundschaften, die über den Aufenthalt in Taizé hinaus halten (Höglauer, 2016, 160-181).

2.1.2. Arbeiten und Alltag

Alle Jugendlichen übernehmen in Taizé eine Arbeit. Auf diese Weise können die Kosten für Unterkunft und Verpflegung sehr niedrig gehalten werden. Um Leuten aus ärmeren Ländern einen Aufenthalt zu ermöglichen, zahlen Besucherinnen und Besucher aus reicheren Ländern (z.B. Deutschland) einen höheren Beitrag. Hier wird die → Solidarität aller in Taizé Anwesenden deutlich.

Das gemeinsame Arbeiten macht den Jugendlichen meist Freude und sie wachsen schnell zusammen. Angeleitet werden sie von Permanents, die mit Hilfe einiger Brüder die komplette Organisation in Taizé übernehmen. Die Permanents übernehmen oft eine sehr große Verantwortung und werden von den Brüdern teilweise an sehr anspruchsvolle Aufgaben herangeführt, z.B. die Organisation von Schlafplätzen bei den europäischen Jugendtreffen.

Der Alltag in Taizé zeichnet sich durch eine große Einfachheit aus. Schlafplätze, Essen, sanitäre Anlagen, Gruppenräume sind sehr schlicht und zweckmäßig gestaltet. Für viele Jugendliche ist das ein großer Unterschied zu dem Leben, das sie zu Hause gewohnt sind. Viele beschreiben es als eine wichtige Erfahrung zu merken, was man wirklich zum Leben braucht und worauf man verzichten kann (Höglauer, 2016, 191-199).

Abends wird am Oyak – einem Kiosk mit der Möglichkeit, Musik und Spiele zu machen – gefeiert. Auch hier wird die Offenheit gelebt, mitsingen, -spielen oder sich unterhalten zu können, auch wenn man niemanden kennt.

2.1.3. Die ökumenische und internationale Gemeinschaft

Die Kommunität von Taizé zeichnet sich seit ihrer Entstehung durch die ökumenische Offenheit aus. Diese wird in der theologischen Diskussion als deren Proprium wahrgenommen (Ruth, 2016, 34). In der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen spielen konfessionelle Unterschiede jedoch kaum eine Rolle. Für sie zeichnet sich die in Taizé erlebte Gemeinschaft durch ihre Internationalität, ihre Größe und ihre Offenheit aus (Höglauer, 2016, 202-215).

So bietet sich gerade in den Sommermonaten die Chance, Jugendliche aus anderen Ländern und Kulturen kennenzulernen. Bei Gesprächsgruppen, gemeinsamer Arbeit und dem Zusammenleben auf dem Zeltplatz oder in den Unterkünften schließen sie untereinander schnell Kontakte. Wer diese Begegnungen erlebt, ist kaum für nationalistisches und fundamentalistisches Denken offen.

Durch die große Anzahl Jugendlicher – in den Sommermonaten sind es bis zu 5000 – nehmen sie die Kirche in einer sehr positiven Weise wahr. Während sich die Jugendlichen zu Hause oft nur als kleine Gruppe in der Kirche erleben, sind sie hier Teil einer großen Menge. Das schafft Selbstvertrauen, man muss sich nicht verstecken, um über religiöse Themen zu sprechen. Diese durch das gemeinsame Interesse sehr schnell vertraute Gruppe erleben die Jugendlichen sowohl im Alltag als auch in den Gebeten und Gottesdiensten. Während kirchliches Engagement zu Hause als abgesondert vom Alltag in Schule, Vereinen und Freundeskreis erlebt wird, bildet in Taizé die Gemeinschaft im Gebet und im Alltag soziologisch betrachtet eine Einheit. Das gemeinsame Gebet ist somit ein Teil des Alltags, nicht nur für wenige, sondern für alle. Gerade durch diese Gemeinschaft werden die Gebete in Taizé in einer anderen Weise erlebt als die Gottesdienste zu Hause.

2.2. Die Gebete und Gottesdienste

Für die Brüder sind die dreimal täglich stattfindenden Gebete das Herzstück ihrer Kommunität. Das Gebet darf laut der Regel von Taizé in seiner Regelmäßigkeit nie zur Routine werden, es gibt keine andere Möglichkeit, als mit seinem ganzen Sein, mit Körper und Geist dabei zu sein (Rule of Taizé, 2012, 23). Es unterscheidet sich wesentlich von den klassischen Gottesdienstformen, die Jugendliche aus ihren katholischen (→ Gottesdienst, katholisch) oder evangelischen (→ Gottesdienst, evangelisch) Heimatgemeinden kennen. Dabei ist es keineswegs typisch jugendgemäß, sondern orientiert sich vielmehr an der monastischen Tradition des Singens und Schweigens (Das Gebet Jugendlicher in Taizé: http://taize.fr/de_article6320.html). Die Jugendlichen lernen eine für sie neue Form der Liturgie kennen, die auch kirchlich gering sozialisierten durch ihre Schlichtheit einen Zugang ermöglicht. Sie lässt sich anhand folgender Charakteristika beschreiben:

2.2.1. Der Kirchenraum

Ebenso wie die Form des Gebets ist auch der Kirchenraum in Aufbau und Ausstattung sehr einfach gehalten. Bunte Quadrate „in über dreißig Farbtönen deuten die Vielfalt derer an, die sich dreimal am Tag zum Gebet in der Versöhnungskirche versammeln“ (Neugestaltung des Altarraums: http://www.taize.fr/de_article23868.html). Vorher haben über 20 Jahre orange Tücher und über 40 Jahre Kaminsteine mit Kerzen den Altarraum geschmückt.

Ikonen integrieren Elemente der orthodoxen Spiritualität. Altar und Lesepult sind einfach und funktional, Bänke gibt es nur wenige am Rand des vorderen Teils der Kirche. Sowohl die Brüder als auch die Jugendlichen sitzen entweder auf Gebetshockern oder auf dem Boden. Viele Jugendliche empfinden diese Form angenehmer als traditionelle Kirchenbänke, da sie unmittelbar die Gemeinschaft mit den anderen Jugendlichen erleben können. Diese spielt sowohl für das gemeinsame Singen als auch für das Halten der Stille eine entscheidende Rolle.

2.2.2. Die Gesänge

Anstatt klassischer Choräle oder Messgesänge werden fast ausschließlich die „Chants de Taizé“ gesungen; kurze, sich wiederholende Gesänge oder Kanons, deren Text oft in verschiedenen Sprachen gesungen werden kann (http://taize.fr/de_article10313.html) (→ Chöre und Musikgruppen). Der Anlass für die Entstehung dieser Gesänge liegt im Konzil der Jugend im Jahr 1974. Tausende Jugendlicher waren in Taizé, aber sie konnten bei den Gebeten nicht bei der eigens dafür komponierten Kirchenmusik mitsingen. Die Brüder baten darauf hin ihren Freund Jaques Berthier, Organist an St. Ignace in Paris, für sie einfache Gesänge zu schreiben, bei denen alle mitsingen konnten (Santos, 2008, 109). Der Jesuit Joseph Gilenau, der selbst viele der Gesänge komponierte, schätzt den Freiraum, der durch die sich ständig wiederholenden Gesänge entsteht. Dadurch, dass man sich nicht die Frage stellt, wie lange der Gesang dauert, gelangt man zur Absichtslosigkeit des Gebets (Kuntz-Veit, 2009, 82).

Diese einfache Gestaltung der Gesänge ermöglicht den Jugendlichen in Taizé die Beteiligung am Gesang. Sie fühlen sich durch die Gemeinschaft mit anderen Jugendlichen – und eben nicht nur mit älteren Menschen – beim Singen getragen und trauen sich mitzusingen. Durch die ständigen Wiederholungen sind sie nicht mehr den Gedanken verhaftet. Das Singen wird zu einem Erlebnis, das eine Teilhabe an der transzendenten Wirklichkeit ermöglicht (Kaiser, 2012, 152f.).

Die knappen Texte der Gesänge heben sich sowohl von Chorälen in der klassischen dogmatischen Sprache als auch von Texten des neuen geistlichen Liedguts ab und konzentrieren sich auf wesentliche Glaubensaussagen in einfachen und zugänglichen Bildern (z.B.: „Im Dunkel unsrer Nacht entzünde das Feuer, das nie mehr erlischt“) (Chants de Taizé, 2013, Nr. 1). Während bei Chorgesängen oder Kirchenliedern der Text für Jugendliche kaum eine Rolle spielt (Kaiser, 2012, 165), haben die Texte der Gesänge von Taizé für Jugendliche eine große Bedeutung, da sie so offen gehalten sind, dass Jugendliche ihre eigenen Lebenssituationen darin wiederfinden und sie als Gebet singen können.

2.2.3. Die Stille

Weder in den täglichen Gebeten noch im Sonntagsgottesdienst gibt es in Taizé eine Predigt. Stattdessen wird nach der biblischen Lesung, die in zwei Sprachen gelesen und deren zentraler Satz in mehreren Sprachen übersetzt wird, eine ca. zehnminütige Zeit der Stille gehalten (→ Stilleübungen). Viele Jugendliche, die zum ersten Mal in Taizé sind, kennen diese Erfahrung weder aus Gottesdiensten noch aus anderen Kontexten. Im Laufe der Woche wird ihnen aber diese Praxis immer wichtiger. Entscheidend ist auch dabei die Gemeinschaft, in der sie die Stille erleben. Alleine würden sie sich wohl kaum regelmäßig darauf einlassen.

Die Brüder haben keine Erwartung, was in dieser Stille geschehen soll (Santos, 2008, 118). Empirisch lassen sich drei Möglichkeiten nachweisen, wie Jugendliche diese Stille nutzen: 1. Sie bietet für viele eine Zeit des Nachdenkens, über den gelesenen Bibeltext, über Alltagsprobleme oder um sich mit sich selbst zu beschäftigen. 2. Die Stille ist eine Zeit für das persönliche Gebet, das in dieser Situation – vor allem wegen der großen schweigenden Gemeinschaft – als sehr intensiv erlebt wird. 3. Die Stille wird nicht zum aktiven Denken oder Sprechen von Gebeten genutzt, sondern ist eine Zeit, in der man einfach in der Präsenz Gottes da ist (Höglauer, 2016, 246-259).

In der völlig ungezwungenen Zeit der Stille sagt den Jugendlichen kein Erwachsener, wie sie zu glauben oder leben hätten. Vielmehr können sie ihre spirituellen Erfahrungen eigenständig darin machen. So wird die Stille für die Jugendlichen in Taizé eine wichtige Form ihrer → Spiritualität, die sie in den Gottesdiensten ihrer Heimatgemeinden vermissen.

2.2.4. Besondere Gebete am Ende der Woche

Jeden Freitag wird am Ende des Abendgebets die Kreuzikone flach auf einige Steine gelegt, sodass man zum Gebet die Stirn auf das Kreuz legen kann. Diese Tradition haben die Brüder in den 1970er Jahren von russischen Christen übernommen, die jeden Freitag für ihre Freunde im Gefängnis beteten (Santos, 2008, 122). Obwohl die Tradition keineswegs spezifisch jugendgemäß ist, lassen sich viele Jugendliche aus eigener Motivation darauf ein, teils sehr lange zu warten, um ein Gebet an der Ikone zu sprechen.

Den Höhepunkt der Liturgie in der Woche bildet für viele Jugendliche die Auferstehungsfeier am Samstagabend. In den Sommerwochen sind mehrere Tausend Jugendliche – jede und jeder mit einer Kerze – in der Kirche und reichen das Licht von der Osterkerze einander weiter. Jugendliche beschreiben dies als ein „Weitergeben der Freude“, als ein helles Licht, zu dem jeder nur mit einer kleinen Flamme beiträgt und nicht alleine alles leisten muss; als Gottes Wort, Liebe und Frieden, die sich symbolisch in dieser Feier ausbreiten und als das Leben, das neu beginnt (Höglauer, 2016, 266-268).

Am Sonntag findet um 10 Uhr eine Eucharistiefeier statt, die von einem katholischen Priester geleitet wird (→ Abendmahl/Eucharistie). Dort und bei jedem Morgengebet wird im katholischen Ritus konsekriertes Brot und Wein von den Brüdern ausgeteilt. Zugleich verteilen zwei Jugendliche vor der Kreuzikone Brot und Wein, die in einem evangelischen Abendmahlsgottesdienst eingesetzte wurden. Wer nicht an der Eucharistie/dem Abendmahl teilnehmen möchte, kann nach einer orthodoxen Tradition gesegntes Brot empfangen (Höglauer, 2016, 100-102). Obwohl die Ökumene das zentrale Anliegen der Gemeinschaft von Taizé ist, unterteilt sich die Abendmahlsgemeinschaft eigentlich in drei Gemeinschaften, die zusammen in einem Raum sind.

3. Elemente von Taizé in Kirchengemeinden

Die Spiritualität von Taizé, insbesondere deren Gesänge, ist keineswegs nur auf den Ort in Burgund beschränkt, sondern hat bereits vielfältig Einzug in katholische und evangelische Kirchengemeinden gefunden.

3.1 Gebete mit Gesängen aus Taizé

In vielen Kirchengemeinden werden Abendgebete in der Form gestaltet, wie sie auch in Taizé üblich sind. Die verbreitete Bezeichnung Taizégebet ist nicht sinnvoll, da die Brüder von Taizé nie eine eigene Bewegung mit einer bestimmten Gebetsform begründen wollten, sondern vielmehr die Menschen ermutigen möchten, sich in ihren Kirchengemeinden zu engagieren (Liebendörfer, 2011, 88). Besser spricht man deswegen von Gebeten mit Gesängen aus Taizé.

In manchen Gemeinden gestalten diese Gebete Jugendliche, die in Taizé waren, um zu Hause die durch die Woche in Taizé vertraut gewordenen Form des Gebets weiterzuführen. Die Gesänge und die Stille waren für sie so prägend, dass sie darin ihr Gebet stimmig praktizieren können. Oft vermissen sie diese Intensität in den sonntäglichen Gottesdiensten oder Messen. Wichtig ist dabei zu beachten, dass die Gebete von Jugendlichen verantwortet werden und nicht für sie ein Gebet von Erwachsenen angeboten wird.

Allerdings sind nicht alle Jugendliche für diese Form des Gebets in der Heimatgemeinde aufgeschlossen. Für manche gehört sie unmittelbar mit dem Ort Taizé zusammen. Bei den Gebeten zu Hause vermissen sie den typischen Kirchenraum und vor allem die große Gemeinschaft der Jugendlichen in Taizé. In der Heimatgemeinde nehmen sie sich wieder als kleine Gruppe wahr (Höglauer, 2016, 350-353).

Weiterhin gibt es in vielen Kirchengemeinde Abendgebete mit Gesängen aus Taizé, die von Erwachsenen vorbereitet und besucht werden. Sowohl in das katholische Gotteslob als auch in das evangelische Gesangbuch wurden zahlreiche Gesänge aus Taizé aufgenommen (Kyrie, Gloria, Meine Hoffnung und meine Freude, Ubi caritas, usw.), wodurch auch die Liturgie der sonntäglichen Gottesdienste bereichert werden kann.

3.2. Europäische Jugendtreffen und provisorische Gemeinschaften

Zwischen 15.000 und 100.000 Jugendliche nehmen an den jährlich in einer anderen europäischen Metropole zum Jahreswechsel stattfindenden Jugendtreffen teil. Die Treffen sind Großveranstaltungen, über die auch → Medien berichten. Die Brüder von Taizé und Jugendliche suchen zur Vorbereitung das Gespräch mit den Kirchengemeinden vor Ort. Gemeindeglieder beherbergen Jugendliche aus ganz Europa. Kirchen und Gemeinderäume werden für Gebete und Gesprächsgruppen zur Verfügung gestellt. Diese Jugendtreffen sind für die jeweilige Stadt sehr prägend. So haben sich z.B. aus dem Treffen im Jahr 2000 in Barcelona 70 regelmäßige Gebetsgruppen in den Kirchengemeinden gebildet (Escaffit/Rasiwala, 2009, 166-168).

Nicht alle Brüder leben permanent in Taizé. Es gibt auf sämtlichen Kontinenten kleine provisorische Fraternitäten, in denen einige Brüder meist unter sehr armen Menschen leben, um Freude und Leid zu teilen und miteinander zu beten (Escaffit/Rasiwala, 2009, 154).

Seit 2014 gibt es darüber hinaus kleine provisorische Gemeinschaften, in denen meist drei Jugendliche in einer Stadt für einige Wochen zusammen leben, drei mal täglich zusammen beten, andere Jugendliche treffen, bei der Gemeindearbeit helfen und Menschen besuchen (Neues von den „Kleinen Provisorischen Gemeinschaften“: http://www.taize.fr/de_article20275.html). Die Erfahrungen aus diesen Begegnungen sind so gut, dass diese Gemeinschaften weiterhin immer wieder neu entstehen sollen.

Diese Gemeinschaften sind ein sehr gutes Beispiel für das Zutrauen, das die Brüder von Taizé in die Jugendlichen haben. Sie geben ihnen damit die Möglichkeit, sich mit teilweise großer → Verantwortung zu engagieren und ihre Spiritualität im Alltag zu entfalten.

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