Religiöse Kinderwoche

Andere Schreibweise: Abkürzung: RKW

(erstellt: Febr. 2022)

1. Begriff und Format der RKW

Als religiöse Kinderwoche (RKW) werden in katholischen Gemeinden der ostdeutschen Bistümer Kinderferientage bezeichnet, die in der Regel während der ersten Sommerferienwoche von Montag bis Freitag, jeweils von 9 bis 16 Uhr, im Gemeindehaus zu einem biblisch-christlichen Thema stattfinden. In manchen Gemeinden ist man in den letzten Jahren dazu übergegangen, die RKW nicht mehr in der ersten Sommerferienwoche anzubieten, sondern z.B. in einer Herbstferienwoche oder/und man fährt mit den Kindern in ein Freizeitheim mit Übernachtung. Für Familien, bei denen beide Eltern berufstätig sind, sowie für berufstätige, alleinerziehende Eltern ist das gemeindliche RKW-Angebot auch zur Abdeckung der Kinderbetreuung während der Schulferien bedeutsam.

Die Materialien für die RKW werden jeweils von einem Team aus einem der beteiligten Bistümer erarbeitet. Die Auswertung der RKW und die Sondierung des nächsten RKW-Themas erfolgen durch die AG RKW, deren Mitglieder aus den (Erz-)Bistümern Erfurt, Magdeburg, Dresden, Görlitz, Berlin und Hamburg kommen (AG RKW, o.J.).

Charakteristisch für das Format der RKW ist die zeitlich geblockte Form des Angebots während der Ferien. Dieses Format ist vergleichbar mit Kinderbibeltagen (→ Kinderbibeltage). Zur normalen Durchführung eines RKW-Tages gehören neben einem gemeinsamen Einstieg und nach Altersgruppen differenzierten katechetischen Einheiten (→ Katechese/Katechetik) auch liturgische Feiern, das gemeinsame Mittagessen und Spiele (Friemel, 2001; Scheidler, 2019).

2. Die RKW im zeitgeschichtlichen Kontext

Aus historischer Perspektive lässt sich die Religiöse Kinderwoche (RKW) als religionspädagogische Folge der DDR mit ihrer sozialistischen Weltanschauung verstehen. Obwohl die Religionsfreiheit in der DDR-Verfassung von 1949 (und 1968) grundsätzlich verankert war, hatten die Machthaber sich für eine staatliche Einheitsschule mit dem Bildungsziel der allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit (Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem, Präambel) entschieden und konsequenterweise gegen konfessionellen Religionsunterricht als Schulfach.

In den 1950er bis 1960er Jahren wurde zunehmend staatlicher Druck gegen die Kirchen und ihre Mitglieder aufgebaut – insbesondere in Form eines Mitgliedschaftsstreits zwischen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und den Kirchen. Diesem lag die behauptete Unvereinbarkeit von „wissenschaftlicher Weltanschauung“ (einschließlich atheistischer Grundüberzeugung) einerseits und dem christlichen Glauben andererseits (→ Kirchen in der DDR) zu Grunde. Wer in der DDR Kirchenmitglied blieb, wurde aufgrund mangelnder Einsicht in die sozialistische Weltanschauung und/oder wegen mangelndem gesellschaftlichem Engagement diskriminiert, indem man ihn/sie hinsichtlich Bildungs- und Berufswahlmöglichkeiten benachteiligte. So haben die staatlichen Organisationen und Institutionen der DDR auch die kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen behindert (Käbisch, 2016, 2-10; Miller, 2000; Ipholt, 1991).

In katholischen Gemeinden gab es in der DDR Angebote außerschulischen Religionsunterrichts (mit katechetischem Profil) für Schulkinder, die sogenannte Frohe Herrgottsstunde für Krippen- sowie Kindergartenkinder und weitere Freizeitangebote für Heranwachsende (Friemel, 1991; Grelak/Pasternak, 2019, 69-72), während in evangelischen Gemeinden die → Christenlehre als Form außerschulischen Religionsunterrichts profiliert wurde und die Junge Gemeinde Freizeitangebote in Gesprächskreisen und Ferienlagern machte, die als Rüstzeiten bezeichnet wurden.

2.1. Entstehungsgeschichte und Anliegen der RKW

In der DDR gab es schon seit Anfang der 1950er Jahre in den achtwöchigen Sommerferien in einzelnen katholischen Gemeinden Ferien-Betreuungsangebote für Kinder mit Spielen und christlichen Programm-Elementen (Nastainczyk, 1999). In der Erfurter Gemeinde St. Severi fanden erstmals 1959 Ferientage statt, die als Religiöse Kinderwoche bezeichnet wurden. Federführend daran beteiligt war Helga Mondschein, die in den 1950er Jahren erst eine Ausbildung als Lehrerin machte und 1960 die Ausbildung zur Seelsorgshelferin abschloss (Schäfer, 2021, 2-4). Helga Mondschein entwickelte das Konzept der RKW sowie über zwei Jahrzehnte auch die RKW-Materialien zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen katholischen Administrationsbezirken in der DDR wie mit Prälat Martin Fritz (Magdeburg) sowie dem Priester und Professor für Religionspädagogik Georg Friemel (Görlitz und Erfurt).

Weil in der DDR erwartet wurde, dass Männer und Frauen in Vollzeit berufstätig waren, gab es ergänzend zur Schule ein breites Betreuungsangebot für Kinder wie Krippe und Hort; diese Einrichtungen waren auch für die Vermittlung der sozialistischen Weltanschauung und für die Erziehung hinsichtlich entsprechender Einstellungen einschließlich eines konsequenten gesellschaftlichen Engagements zuständig. Da die Werktätigen in der DDR nur wenig Urlaub bekamen, waren Kinderbetreuungsangebote auch in den Schulferien für das Funktionieren der sozialistischen Wirtschaft wichtig und Eltern hatten für ihre Kinder kaum Wahlmöglichkeiten zur Ferienbetreuung.

Bei sogenannten Ferienspielen, die als Ferientage am Wohnort durch Mitarbeitende der Erziehungseinrichtungen (Hort und Schule) sowie der Pionierorganisationen veranstaltet wurden, und bei Ferienlagern mit Übernachtung außerhalb des Wohnorts, die von Betrieben für die Kinder ihrer Beschäftigten organisiert und beispielsweise von Gewerkschafts-Mitgliedern geleitet wurden, gingen Spiel und Spaß immer auch mit weltanschaulicher Beeinflussung einher – zum Beispiel beim Fahnenappell, beim Singen von Pionierliedern oder durch die propagandistische Beschallung des Ferienlagers.

Vor diesem Hintergrund bemühten sich kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darum, den Glauben und die christliche Identität von Heranwachsenden aus katholischen Familien zu stärken und etablierten dazu auch kirchliche Angebote zur Ferienbetreuung. Im Laufe der 1960er und 1970er Jahre wurde die RKW mit ihrem von Helga Mondschein und weiteren theologisch-religionspädagogisch kompetenten Personen ausgearbeiteten katechetischen Programm durch die Vervielfältigung des Entwurfs und der Materialien in Ostdeutschland in allen katholischen Gemeinden bekannt und eingeführt (Scheidler, 2022).

Die RKW sollte nicht nur ein Angebot zur Freizeitgestaltung sein, sondern christlichen Glauben erfahrbar machen und von den Teilnehmenden als existenzielle Heimat sowie als Ort bzw. Nische geistiger Freiheit erlebt werden (Schäfer, 2021, 19-21;37-38).

2.2. Die RKW als Format kirchlicher Arbeit mit Kindern in der Diaspora und als Erfahrungsraum christlicher Gemeinschaft

Zum ursprünglichen Konzept der Religiösen Kinderwoche (RKW) gehört eine theologische Vorstellung von Kirche als Kontrastgesellschaft oder Gegenwelt zur sozialistischen, atheistischen und materialistischen Gesellschaft der DDR. Dieses Kirchenverständnis korrespondiert damit, dass Christen in der Diaspora leben, das heißt zerstreut in einem gesellschaftlichen Kontext, in dem die Mehrheit religiös bzw. weltanschaulich anders geprägt ist. Dies entspricht der soziologischen Wahrnehmung von Christen als Minderheit in einer weltanschaulich und/oder religiös anders geprägten Mehrheit.

Auch gegenwärtig sind katholische Christen fast überall in Ost- und Norddeutschland in einer doppelten Minderheitssituation, nämlich zum einen in christlicher Diaspora allgemein (mit Christen anderer Konfessionen ökumenisch verbunden – neben und mit einer Mehrheit nichtreligiöser oder andersreligiöser Menschen), und zum anderen in konfessioneller Diaspora (neben der größeren Gruppe evangelischer Christen). Insofern bleibt das Konzept der RKW mit seinem zentralen religionspädagogischen Anliegen, Kindern in katholischen Gemeinden während der Schulferien Erfahrungen christlicher Gemeinschaft zu ermöglichen und ihren Glauben zu stärken, nach wie vor relevant. Zudem gibt es auch heute erheblichen Bedarf berufstätiger Eltern nach Kinderbetreuungs-Angeboten in Ferienwochen, die nicht dem Familienurlaub gewidmet werden. Trotzdem ist die Zahl der Teilnehmenden an der RKW von rund 18.000 im Jahr 2009 auf rund 13.000 im Jahr 2019 infolge der zunehmenden Säkularisierung um etwa 28 % gesunken (Rüffin, 2021, 5).

3. Themen und Aktionsformen der RKW

Das von der Arbeitsgemeinschaft Religiöse Kinderwoche (RKW) gewählte Thema wird vom jeweiligen zentralen Vorbereitungsteam normalerweise in fünf Teilthemen gegliedert – entsprechend der Anzahl der zur Verfügung stehenden Werktage. In den vergangenen Jahren wurden für die RKW recht unterschiedliche Themen katechetisch aufgearbeitet.

  • 2008: Voll das Leben. Das Leben in Fülle mit Jesus Christus
  • 2009: Um Himmels willen. Dein Reich komme
  • 2010: Gott find ich gut. Eine Gottsucher-RKW
  • 2011: R.I.P. Raupe im Paradies (Sterben, Tod und Auferstehung)
  • 2012: Worauf du dich verlassen kannst. Unterwegs mit Rut
  • 2013: Wer glaubt, ist nicht allein (Glaubensgemeinschaft leben)
  • 2014: Follow me. Auf dich baue ich (Petrus)
  • 2015: Giovannis Traum (Don Bosco)
  • 2016: Warum immer ich? (Jona)
  • 2017: Miteinander zum Geschenk (Ökumene)
  • 2018: Komm, freu dich mit uns (Seligpreisungen)
  • 2019: Die Kraft der vier (Erde, Wasser, Luft und Feuer - Schöpfung)
  • 2020/21: Helden gesucht (Menschen setzen sich für andere ein und bauen dabei mit am Reich Gottes)

    Den Kindern, die an der RKW teilnehmen, werden an jedem RKW-Tag zum jeweiligen Thema gemeinsame sowie nach Altersgruppen differenzierte Aktionsformen angeboten; dabei werden auch persönlich bedeutsame Wege erschlossen, um christlichen Glauben zu leben und weiterzuentwickeln. Neben klassischen katechetischen Arbeitsformen wie Erzählen, miteinander Nachdenken, Anhörkreis, Stilleübung (→ Stilleübung) und Bildbetrachtung (→ Bilder) gehören zur RKW auch kreatives Gestalten, szenisches Spiel, Singen und Musizieren sowie erlebnispädagogische (→ Erlebnispädagogik und religiöse Bildung) und handlungsorientierte Methoden.

4. Herausforderungen und Perspektiven der RKW

Religiöse Kinderwochen (RKW) vor Ort werden zunehmend von ehrenamtlichen Leitungsteams (→ Ehrenamt), Katechetinnen und Katechten sowie Helferinnen und Helfern vorbereitet und durchgeführt, die dazu meist nur eine halbtägige Schulung (mit minimalen theologisch-religionspädagogischen Anteilen) erhalten. Deswegen besteht die Gefahr, dass diese Angebote zu primär sozial- und freizeitpädagogischen Ferientagen verflachen – mit Spiel und Spaß, Gemeinschaftserfahrungen und liturgischen Feiern, jedoch ohne deutlich wahrnehmbares Zeugnis des Lebens und des Wortes von Erwachsenen, älteren Jugendlichen und den Kindern selbst.

Zudem ist es im Studium und/oder der zweiten Ausbildungsphase bei hauptberuflich in der Pastoral arbeitenden Mitarbeitenden nur selten gewährleistet, dass professionelle Kompetenzen für die Praxis und Reflexion von Katechese erworben werden; somit sind auch darauf aufbauende Kompetenzen zur Befähigung und professionellen Begleitung von ehrenamtlichen Katechetinnen und Katecheten kaum entwickelt. Deshalb besteht eine große Herausforderung für die Zukunft der RKW darin, entsprechende Fähigkeiten bei pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dezidiert zu fördern.

Die dritte Herausforderung für die Zukunft der RKW besteht darin, dass gewährleistet werden muss, dass das zentrale Vorbereitungsteam, das den Ziel-Inhalts-Zusammenhang, die religionspädagogischen Anleitungen und die Materialien für die RKW erarbeitet, dafür mit hinreichend professionellen theologischen sowie katechetischen Kompetenzen ausgestattet sein muss. Nur so kann die theologische und religionspädagogische Qualität des RKW-Themenbuchs und der weiteren RKW-Materialien gewährleistet werden.

Eine weitere Herausforderung für die Zukunft der RKW liegt darin, den teilnehmenden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nicht nur innerkirchliche Ziel-Inhalts-Zusammenhänge katechetisch zu erschließen, sondern auch die gesellschaftliche bzw. die diakonisch-politische Relevanz des christlichen Glaubens (Scheidler, 2022).

Nur, wenn diese Herausforderungen angenommen und bearbeitet werden, kann die religionspädagogische Doppelbewegung zwischen den biblisch-christlichen RKW-Themen und den konkret teilnehmenden Kindern ermöglicht und immer wieder neu angestoßen werden.

Literaturverzeichnis

  • AG RKW, RKW-Website o.O. o.J. Online unter: https://www.religioesekinderwoche.de, abgerufen am 28.09.2021.
  • Friemel, Franz G., Religiöse Kinderwoche (RKW), in: Mette, Norbert/Rickers, Folkert (Hg.), Lexikon der Religionspädagogik II, Neukirchen-Vluyn 2001, Sp. 1671-1672.
  • Friemel, Franz G., Religiöse Unterweisung in der DDR – eine Auskunft aus katholischer Sicht, in: Religionsunterricht an höheren Schulen 34 (1991), 122-130.
  • Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem, hg. v. Ministerium für Volksbildung, Berlin 1965.
  • Grelak, Uwe/Pasternack, Peer, Parallelwelt. Konfessionelles Bildungswesen in der DDR. Handbuch, Leipzig 2019.
  • Ipholt, Wolfgang, Katechese in der ehemaligen DDR, Diss. Lic.theol. (unveröffentlicht), Erfurt 1991.
  • Käbisch, David, Art. Kirchen in der DDR (2016), in: Das wissenschaftlich-religionspädagogische Lexikon im Internet www.wirelex.de(https://doi.org/10.23768/wirelex.Kirchen_in_der_DDR.100159, PDF vom 02.05.2019).
  • Lidzba, Judith/Hanstein, Julian, 60 Jahre Religiöse Kinderwoche – und dann kam Corona. Ein Erfahrungsbericht zur Situation im Corona-Jahr aus dem Bistum Erfurt, in: Lebendige Seelsorge 71 (2020), 463-464.
  • Miller, Gabriele, Vom Westen in den Osten – ein Abendteuer, in: Pittner, Bertram/Wollbold, Andreas (Hg.), Zeiten des Übergangs, Leipzig 2000, 336-346.
  • Nastainczyk, Wolfgang, Art. Religiöse Kinderwoche, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 8, Freiburg i. Br. 3. Aufl. 1999, 1085f.
  • Rüffin, Simon, Zusammenfassung zentraler Ergebnisse der Evaluation der Religiösen Kinderwochen aus der Sicht des Bonifatiuswerkes, o.O. 2021. Online unter: https://www.bonifatiuswerk.de/rkw-fachtag-digital/, abgerufen am 28.09.2021.
  • Schäfer, Carl, Eine Seelsorgerin in der DDR – Helga Mondscheins katechetische Instrumentarien und Konzepte. Magisterarbeit (unveröffentlicht), Würzburg 2021.
  • Scheidler, Monika, Ein religionspädagogischer Blick auf die Religiöse Kinderwoche – von der Evaluation 2019 her – mit Anregungen zu einem RKW-Qualitätscheck, in: Büssing, Arndt/Karl, Katharina (Hg.), Quo vadis. Religiöse Kinderwochen? Tradition im Wandel. Evaluation der RKW 2019, Würzburg 2022, 82-118.
  • Scheidler, Monika, Religiöse Kinderwoche, in: Kaupp, Angela/Höring, Patrik (Hg.), Handbuch Kirchliche Jugendarbeit, Freiburg i. Br. 2019, 356-364.
  • Scheidler, Monika, Art. Katechese/Katechetik (2015), in: Das wissenschaftlich-religionspädagogische Lexikon im Internet www.wirelex.de(https://doi.org/10.23768/wirelex.KatecheseKatechetik.100103, PDF vom 20.09.2018).

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