Lectio Divina/Bibel-Teilen

1. Die Neuentdeckung der Lectio Divina

Seit den 1970er Jahren ist weltweit eine Rückbesinnung auf eine Leseform der Heiligen Schrift zu beobachten, die so alt ist wie die Bibel selbst: die Lectio Divina, wörtlich „göttliche Lesung“. Die Lectio Divina ist eine meditativ-kontemplative Weise, biblische Texte intensiv und wiederholend zu lesen, bis die Worte tief in das eigene Leben und den eigenen Glauben hinein sprechen – bestenfalls bis der oder die Lesende von den biblischen Worten ganz durchdrungen ist und sich im Handeln davon leiten lässt. Die Lectio Divina nimmt in verschiedenen kulturellen Kontexten und Zeiten verschiedenste „Gewänder“ an. Sie wird in methodische Schritte eingekleidet, die sehr unterschiedlich ausgestaltet sein können. Gemeinsames Anliegen ist jedoch, Bibel so zu lesen (lectio), dass sie zum lebendigen und bewegenden Wort Gottes (divina) an mich bzw. an uns wird.

In der Literatur wird die Lectio Divina als Möglichkeit der Gottesbegegnung beschrieben: „Lectio divina ist […] ein Leitfaden für das Leben. Sie hilft, in das Herz hinabzusteigen und Gott zu finden“ (Casey, 2009, 9). Und sie kann eine diagnostische und therapeutische Wirkung, eine heilsame Wandlung des sie übenden Menschen entfalten (vgl. Puzicha, 2011, 261f.). Sie ist daher viel mehr als eine Methode, Bibel zu lesen.

Lectio Divina ist nun aber keineswegs eine private oder rein individualistisch-spirituelle Übung. Sie kann und soll auch in Gemeinschaft geübt werden, da sie aus der Gemeinschaft der Glaubenden stammt. Diejenigen, die sie in Gemeinschaft üben, werden dabei eine andere Form, Kirche zu sein, erfahren, als in Gottesdiensten und Versammlungen heutiger Großkirchen: eine Gemeinschaft, die sich um das Wort versammelt, die es miteinander teilt und auslegt, voneinander lernt und miteinander lebt. Dies wird in kleinen christlichen Gemeinschaften und Basisgemeinden in Lateinamerika, Afrika, Asien und mit Verzögerung auch in Europa praktiziert (vgl. https://weltkirche.katholisch.de/Themen/Basisgemeinden).

Die für diese Gemeinschaften entwickelten weltweiten Leseformen sind in Deutschland seit den 1970er/80er Jahren unter dem Namen „Bibel-Teilen“ bekannt geworden. Seit 2008 bietet das Katholische Bibelwerk e.V. ein Lesemodell (vgl. http://www.lectiodivina.de) an, das sich im Vergleich zu den gängigen Bibel-Teilen-Methoden (vor allem „Bibel-Teilen in 7 Schritten“) stärker an der mittelalterlich-klösterlichen Leseform der Lectio Divina orientiert: Hier werden das wiederholende und gründliche Lesen des Textes sowie das Entdecken seiner Eigenschaften und Signale in einer hörenden Haltung stark gemacht. Ein solches Lesen wird durch Gebet (→ Beten – christliche Perspektive), Stille und Kontemplation begleitet und vertieft. Dieses Lesemodell eignet sich für die gemeinschaftliche und die individuelle Praxis.

2. Die Geschichte der Lectio Divina

Schon das Alte/Erste Testament preist Menschen glücklich, die Tag und Nacht das Wort Gottes murmeln und über es nachsinnen (Jos 1,8; Ps 1,1-3). Die neutestamentlichen Texte entstehen auf dem Hintergrund des intensiven Lesens und Meditierens der alttestamentlichen Traditionen. Die Emmauserzählung (Lk 24,13-35) erzählt exemplarisch von einer solchen innerbiblischen Lectio Divina: Jesus lehrt die verzweifelten Jünger, ihre aktuelle Lebenssituation mit den Worten der Schrift (Tora und Propheten) zu verbinden. Die biblischen Texte werfen ein neues Licht auf die traumatische Erfahrung des Kreuzestodes Jesu, sie offenbaren den Jüngern neue Sinndimensionen und Interpretationsmöglichkeiten der Ereignisse – und bilden den Rahmen für die eigene Christuserfahrung (Lk 24,27-32).

Die Kirchenväter, die Asketen und ersten Mönche (→ Mönchtum/Klosterleben; → Eremitentum/spätantikes Mönchtum) des dritten bis sechsten Jahrhunderts übten einen entsprechenden Umgang mit den Schriften, allerdings noch ohne feste Schritte im Leseprozess. Erstmals empfiehlt der Kirchenvater Origenes die Lektüre der Schrift mit dem Gebet (oratio) zu begleiten. Die betend-hörende Haltung beim Lesen ermöglicht für Origenes ein ständig sich vertiefendes Verständnis der Schrift. Auch andere große Kirchenlehrer empfehlen die Lectio Divina. Cassian († 435) versteht sie als ständige Meditation, die den Menschen durchtränkt, so dass Gott in seinem Herzen wohnen kann (Collationes XIV,10-11). Gregor der Große (ca. 540-604) entwickelt das Bild vom „inneren Wiederkäuen des Wortes“ (ruminatio), das dem wiederholend murmelnden Rezitieren biblischer Verse entspricht (vgl. Ps 1,2). Beim Üben der Lectio Divina wächst für Gregor das Verständnis der Schrift: „Die göttlichen Worte wachsen mit den Lesenden“ (Homilien zu Ezechiel 1,7,8).

Besonders im Mönchtum war die Lectio Divina von großer Bedeutung. Ordensgründer Benedikt gab ihr ein großes Gewicht im Tagesablauf der Mönche und in seiner Ordensregel (RB § 48). Im neunten Jahrhundert war die Lectio Divina bei Benediktinern, Zisterziensern, Kartäusern verbreitet und wurde allein oder in Gemeinschaft geübt. Im Mittelalter ist die Lectio Divina in den Klöstern die wichtigste Form, Bibel zu lesen: Durch sie wurde außerdem Bibelwissen erlangt und bewahrt. Meist wurde die Schrift fortschreitend gelesen, so konnten die Mönche Zusammenhänge wahrnehmen und die Schrift mit der Schrift auslegen, wofür sie eben genau dieses Bibelwissen brauchten.

Im Hochmittelalter, einer Blütezeit der Mystik und Kontemplation, zeigte sich die Lectio Divina als geeignet für den kontemplativen Weg. Bei der Erneuerung der Ordensspiritualität der Zisterzienser spielte die Lectio Divina eine herausragende Rolle. Sie wurde schließlich innerhalb und außerhalb der Klöster geübt. Auch Martin Luther als Mitglied der Augustiner Eremiten war tief in der Tradition der Lectio Divina verwurzelt (vgl. Leppin, 2017, 1216-1218).

Eine gewisse Systematik erhält die Lectio Divina schließlich bei Guigo dem Kartäuser im zwölften Jahrhundert in seiner Schrift „Scala Claustralium“. Er beschreibt die Lectio Divina im Bild einer Leiter zum Himmel mit vier Stufen: lectio (lesen), meditatio (betrachten), oratio (beten), contemplatio (schauen, genießen). Die Stufen können im Prozess des Lesens mehrfach wiederholt werden.

Die Lectio Divina verschwindet ab dem 16. Jahrhundert im Zuge der Gegenreformation (→ Katholische Reform/Gegenreformation). Sogar in Klöstern gerät sie in Vergessenheit. Andere geistliche Texte, Übungen und der → Katechismus/Katechismusunterricht treten an ihre Stelle, der selbstständige Umgang der Menschen mit der Schrift ist 400 Jahre lang versperrt (vgl. Richard, 2010, 166). Die mittelalterliche Lectio Divina mit ihren vier Stufen lectio, meditatio, oratio und contemplatio tritt in den Hintergrund zugunsten von spirituellen Übungen z.B. bei Ignatius von Loyola (1491-1556), Peter von Alcantara (1499-1562) oder Franz von Sales (1567-1622), die nicht notwendigerweise die Bibel als Referenz- und Meditationstext heranziehen. So ist es für sie z.B. möglich, über Todsünden und Tugenden oder über die fünf Sinne zu meditieren. Wohl gibt es Imagination und inneres Visualisieren von biblischen Szenen, aber häufig sind diese Formen weniger flexibel „than the freewheeling lectio divina of old“ (Dysinger, 2017, 1219).

Die Renaissance der traditionellen Lectio Divina beginnt Mitte des 20. Jahrhunderts. Erst in den 1960er Jahren erscheint der Begriff wieder in der europäischen klösterlichen Literatur, ca.10-20 Jahre später wird Lectio Divina in der englischsprechenden Welt zu einem prominenten Begriff (vgl. Dysinger, 2017, 1220). Sicher war das auch die Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), dessen zentrales Anliegen es unter anderem war, die Bibel und die Lectio Divina dem ganzen Gottesvolk wieder zugänglich zu machen. In der Konzilskonstitution Dei Verbum (Nr. 25) wird sie für „alle an Christus Glaubenden“ geöffnet. Im Reflex auf die Empfehlung des Konzils und die Öffnung der geistlichen Schriftlesung auch für Laien entstehen in den 70er/80er Jahren des 20. Jahrhunderts vielfältige Formen der Lectio Divina weltweit. 2010 wird die Lectio Divina von Papst Benedikt XVI. in seinem Schreiben Verbum Domini (2010) ausführlich beschrieben und ausdrücklich empfohlen. Damit greift er Anregungen der Bischofssynode zur Bibel (2008) auf. Obwohl die Lectio Divina weltweit nicht überall gleichermaßen bekannt ist und obwohl sie kontextabhängig sehr verschieden ausgeführt wird, scheint es derzeit in der Katholischen Kirche eine Rückbesinnung auf diese Form des Schriftgesprächs zu geben. So spielt sie im innerkatholischen Jahr der Bibel (Advent 2019-30.9.2020) eine zentrale Rolle. International und im modernen Gebrauch wird unter Lectio Divina wieder eher die klassische Praxis aus der frühen Kirche und dem Mönchtum verstanden, die die gründliche Bibellektüre mit Gebet und Kontemplation verbindet.

3. Die Praxis der Lectio Divina

Empfehlen schon biblische Texte das ständige Murmeln und Nachsinnen über die Worte der Schrift (Ps 1) und die Verbindung der eigenen Lebenserfahrungen (→ Erfahrung) mit den Schriften (Lk 24), so empfehlen die Kirchenväter weitergehend die Verbindung von Lesung und Gebet. Das sind noch sehr allgemeine Beschreibungen und Praktiken in Richtung der Lectio Divina.

Die mittelalterliche Form hat so etwas wie eine konkretere Anleitung zur Lectio Divina geschaffen, wobei diese missverstanden wäre, wenn man sie nur als „Methode“ praktizieren würde. Sie ist eher eine Übung zu einer achtsamen Lebenshaltung, die der Begegnung zwischen Bibeltext und „Lebenstext“ in einer betend-hörenden Haltung eine hohe Bedeutung einräumt. Im Folgenden werden die wichtigsten Formen der Lectio Divina vorgestellt, die im deutschsprachigen Kontext derzeit in der Praxis geübt werden. Weitere Formen aus Lateinamerika, Asien oder von klösterlichen Gemeinschaften finden sich in der Artikelserie des Katholischen Bibelwerks (vgl. www.lectiodivina.de).

3.1. Die klassische Form der Lectio Divina nach Guigo dem Kartäuser

Die im zwölften Jahrhundert von Guigo beschriebene Lectio Divina in vier Stufen wird bis heute praktiziert. Die einzelnen Schritte dieser Form sind dabei nicht ganz genau voneinander abgrenzbar, da es sich eher um einen geistlichen Prozess handelt als um eine klare Abfolge methodischer Schritte. Die vier Stufen sind folgende:

  1. Lesen (lectio): Bei der Lectio stehen das aufmerksame Lesen des Bibeltextes, das Erfassen seiner literarischen Eigenarten sowie die Sammlung von Wissen zu dieser Stelle im Mittelpunkt. Im Zentrum steht die Frage: Was sagt der Text? Auch Kommentare und Texte aus der Tradition der Kirche können/sollten hinzugezogen und gelesen werden.
  2. Bedenken (meditatio): Bei der Meditatio wird über den biblischen Text in einer sehr persönlichen Weise nachgedacht: Was will mir Gott durch diesen Text sagen? Der Text wird zum lebendigen Wort Gottes, er zeigt seine Bedeutung für das Leben jetzt.
  3. Beten (oratio): Die persönliche Besinnung führt zur Antwort auf das Wort: Was lässt mich der Text zu Gott sagen?
  4. Betrachten (contemplatio) und Tun (actio): In der letzten Stufe werden alle eigenen Vorstellungen, Überlegungen, auch Gebete losgelassen. Die Beschäftigung mit dem Wort Gottes darf wirken oder, wie Guigo es sagt, „verkostet“ und genossen werden. Kontemplation heißt: ruhen, sich dem Wort überlassen und im Alltag dann im veränderten Tun (actio) erleben, wie die Beschäftigung mit dem Wort im Lebensalltag wirkt.

    Diese Form der Lectio Divina kann z.B. im klösterlichen Kontext zwei bis drei Stunden in Anspruch nehmen, in einer Alltagssituation vielleicht 20-30 Minuten. Oft wird zuerst ein → Ritual vollzogen (sich an einen stillen Platz setzen, eine Kerze anzünden, mit dem Atem in die Ruhe kommen) und ein Gebet gesprochen, bevor der Text gelesen und meditiert wird. Auch ist die Lectio Divina nach dieser Zeit nicht einfach „fertig“ oder „abgehakt“. Vielmehr wird ein Schriftwort mit ins Leben genommen oder achtsam betrachtet, was mir der Tag/das Leben zu dem Text vielleicht auch noch sagen will.

3.2. Bibel-Teilen in 7 Schritten/Lumko-Methode (Südafrika)

Die in Deutschland bekannteste Form der Lectio Divina ist das sogenannte „Bibel-Teilen in 7 Schritten“. Es wurde in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts von den europäischen Missionaren und späteren Bischöfen Oswald Hirmer und Fritz Lobinger für kleine christliche Gemeinschaften in Südafrika entwickelt, um Vitalität in die südafrikanische Kirche zu bringen. Dazu wurde ein methodischer Vierschritt aus Ostafrika/Tansania um einige Schritte erweitert und zuerst in Afrika, später auch in Asien (AsIPA) und Europa erfolgreich praktiziert.

Leiten kann und sollte das Bibel-Teilen-Treffen jede oder jeder in der Runde. Dies ist wichtig, um diese andere Form, Kirche zu sein, einzuüben. Die Leitung braucht kein biblisches Fachwissen, sondern soll für die Einhaltung der sieben Schritte des Treffens sorgen, sie moderieren, beginnen und beenden. Die „Sieben Schritte“ sind in Kurzform:

  1. Schritt Einladen: In einem Gebet wird Jesus Christus in der Mitte der Teilnehmenden begrüßt.
  2. Schritt Lesen: Die Bibelstelle wird laut vorgelesen.
  3. Schritt Verweilen: Alle suchen nun Worte oder kurze Sätze aus dem Text und sprechen sie laut aus. Dazwischen werden kurze Besinnungspausen eingelegt, um die Wörter/Sätze gut nachklingen zu lassen. Zum Schluss kann der Text nochmals im Zusammenhang vorgelesen werden.
  4. Schritt Schweigen: Nun werden alle für kurze Zeit ganz still und lassen in der Stille Gott zu sich sprechen.
  5. Schritt Teilen: Alle tauschen sich darüber aus, welches Wort sie angesprochen hat.
  6. Schritt Handeln: Alle sprechen darüber, welche Aufgabe sich ihnen nach der Lektüre der Schriftstelle zeigt. Sie verabreden eventuell: Wer tut was mit wem bis wann?
  7. Schritt Beten: Den Abschluss bildet eine Gebetsrunde.

    Die zentrale Idee des Bibel-Teilens ist es, dem ganzen Volk Gottes den Zugang zur Heiligen Schrift zu ermöglichen. Die Menschen kommen zum Bibel-Teilen nicht zusammen, um über die Bibel zu diskutieren, sondern um sich vom lebendigen Wort Gottes berühren zu lassen. Sie verwirklichen eine neue, geschwisterliche Form von Kirche, in der jede und jeder etwas zu sagen hat. Über diese Chancen, aber auch über Probleme in der Praxis des Bibel-Teilens (Wie können Schwierigkeiten, sich mitzuteilen, überwunden werden? Wie können Vielredner in Schranken gewiesen werden? Was ist mit schwierigen Bibelstellen?) informieren Georg Steins und Oswald Hirmer in ihrem äußerst empfehlenswerten Werkbuch „Gemeinschaft im Wort. Werkbuch zum Bibel-Teilen“ (1999).

3.3. Bibel lesen mit Herz und Verstand

Die von Guigo im Mittelalter entwickelte Lectio Divina, die eine Leiter zum Himmel darstellen will, indem sie die Stufen lectio, meditatio, oratio und contemplatio immer wieder neu aneinanderreiht, wurde von einer Arbeitsgruppe des Katholischen Bibelwerks e.V. in Deutschland für heutige Gemeindegruppen (→ Gemeinde/Gemeindepädagogik) angepasst. In der Form „Lectio Divina – Bibel lesen mit Herz und Verstand“ finden wir die Elemente der mittelalterlichen Lectio Divina in heutigem Gewand. Herzstück sind zwei Leseschlüssel im Schritt Begegnen, die den Text aufschließen helfen wollen (lectio und meditatio). Durch Ritual, Stille, Gebet wird eine achtsam-hörende Haltung gegenüber dem Text und dem Leben eingeübt (oratio und contemplatio). Das Bibelwerk veröffentlicht zwei Mal im Jahr Leseprojekte für Fastenzeit und Advent mit einen zugehörigen Adventskalender und ab Herbst 2019 eine Lectio-Divina-Bibel (vgl. https://www.lectiodivina.de/aktuelles-leseprojekt/; https://www.lectiodivina.de/ueber-lectio-divina/lectio-divina-bibel/). Die Schritte der „Lectio Divina – Bibellesen mit Herz und Verstand“ in der Gruppe sind:

1. Sammeln: Zu Beginn wird durch ein Anfangsritual eine aufmerksame, konzentrierte Atmosphäre geschaffen: Die Bibel wird im Kreis von Hand zu Hand weitergegeben. Mit Körperübungen, Lied und Gebet sammelt sich die Gruppe in der Gegenwart Gottes und um die Schrift. Dann wird der Bibeltext aus den Leseblättern laut vorgelesen und von den Teilnehmenden als Echo wiederholt.

2. Begegnen: Jetzt wird mit dem Text ein intensiver Dialog in doppelter Richtung geführt. Dazu verhelfen zwei „Leseschlüssel“: Unter der Überschrift „Ich lese den Text“ führen im ersten Leseschlüssel einfache Fragen zur Beobachtung und zur selbständigen Erschließung des Textes, z.B.:

  • Wer tut was (Frage nach Personen und Tätigkeitsworten)?
  • Welche Bilder, Symbole oder Zitate verwendet der Text?
  • Welche Worte/Wendungen/Sätze wiederholen sich (Frage nach Leitmotiven)?
  • Welche Bewegung/Dramatik im Text lässt sich erkennen?

    Unter der zweiten Überschrift „Der Text liest mich“ wird der Text auf sein Potenzial abgeklopft, welche Impulse er für heutiges Leben bereithält. Leseschlüssel, die den Text so nochmals neu aufschließen, können z.B. sein:

  • Was spricht der Text in mein Leben?
  • Welche Botschaft hält der Text für uns als Glaubensgemeinschaft heute bereit?
  • Was ist die wichtigste Botschaft heute?

    Im Gespräch werden die Erkenntnisse ausgetauscht.

    3. Weitergehen: Alle legen den Text zur Seite. Aus der hörenden Haltung kommt es zum (freien) Gebet und zu Stille/Kontemplation. Alle überlegen, welches Wort sie mit in ihren Alltag nehmen möchten. Ein Lied und Segen beenden das Treffen.

    Die Leseprojekte des Bibelwerks sind gedruckte Materialien: ein Heft für die Leitung und Leseblätter für die Teilnehmenden zu den Bibeltexten, die Woche für Woche gelesen werden. Auf den Leseblättern ist der Bibeltext in einer satzweise gegliederten und strukturierten Übersetzung abgedruckt mitsamt den Leseschlüsseln „Ich lese den Text“ und „Der Text liest mich“ sowie grundlegenden Informationen zum Text wie Abfassungszeit, Kontext, theologische Einordnung und weiteren Bibeltexten, die mit dem Text in Verbindung stehen. Die ansprechend gestalteten Leseblätter laden ein, das biblische Wort mit in den Alltag zu nehmen und dort wirken zu lassen (ruminatio). In den Leseprojekt-Heften ist auch eine Anleitung für die individuelle Lectio Divina zu finden, falls keine Gruppe besucht werden kann.

3.4. Hören – bedenken – antworten. Ein spiritueller Impuls

Eine Kleinform der Lectio Divina wurde von Egbert Ballhorn an der Bibelschule Hildesheim entwickelt. Im Unterschied zu den anderen Formen, zu denen Menschen sich gezielt versammeln, um miteinander in der Schrift zu lesen, eignet sich diese Form z.B. als kurzer geistlicher Impuls zu Beginn in Pfarrgemeinderat-Sitzungen und Vorbereitungstreffen von Teams. Der Impuls selbst dauert ca. zehn Minuten.

  1. hören: Einleitung mit einem kurzen Gebet. Wenn alle sich gesammelt haben, wird ein Bibeltext in Ruhe vorgelesen.
  2. bedenken: Gemeinsames Schweigen über den Text (eine Minute). An das Schweigen schließt sich ein „Echo“ des Textes an: Alle sprechen in das Schweigen die Worte, die sie sich auswendig gemerkt haben, die in ihnen noch „da“ sind. Diese Phase dauert ca. drei Minuten.
  3. antworten: Den Abschluss bildet ein kurzes, frei formuliertes Gebet, das einen Aspekt des meditierten Bibeltextes aufgreift oder das Vaterunser.

4. Weite Räume für das Wort Gottes

Die Lectio Divina zeigt sich durch die Zeiten und in den verschiedenen Kontexten als sehr bewegliche, anpassungsfähige Form, die biblischen Texte als Wort Gottes zu hören. Sie ist eine überkonfessionelle und sogar interreligiöse (wenn wir Ps 1 als jüdischen Text und jüdische Anleitung zum Lesen der Tora ansehen) Weise, Bibel zu verinnerlichen und sie als Gesprächspartnerin für das eigene Leben zu wählen. Sie wurde von den Kirchen in den Zeiten der Gegenreformation über 400 Jahre vergessen und wird erst im 20. Jahrhundert langsam wiederentdeckt. Aber sie zeigt sich heute vital und anpassungsfähig wie eh und je. Erfahrungen mit dem Lectio-Divina-Leseprojekt des Bibelwerks zeigen, dass in Deutschland auf Gemeindeebene die Lectio Divina von evangelischen und katholischen Christinnen und Christen angenommen und gemeinsam geübt wird. Weltweit wird inzwischen das Internet als wichtiger Träger sichtbar, z.B. im evangelisch freikirchlichen Kontext besonders der jungen Generation (vgl. für den evangelisch-freikirchlichen Kontext https://www.campus-d.de/fileadmin/content/campus-d.de/Allgemein/Campus_Connect/Tool_Pool/Connect-Lectio-Divina.pdf; für Lateinamerika http://www.lectionautas.com/site/) oder indem Orden, Bistümer oder Bibelwerke Anleitungen und Ergebnisse präsentieren (vgl. z.B. http://www.ocd.pcn.net/nuns/n1_dt.htm; http://www.die-bibel-lebt.de/; https://www.abtei-st-hildegard.de/die-geistliche-schriftlesung-lectio-divina/; https://www.lectiodivina.de/).

Auf den ersten Blick scheinen die verschiedenen Formen der Lectio Divina einfach gestrickte, fromme Leseformen zu sein. Auf den zweiten Blick sind diese Formen gehaltvoll, da sie die Selbsttätigkeit und Gleichwertigkeit aller Beteiligten fördern und eine Form von Kirche erleben lassen, die an die biblischen Wurzeln von Kirche als einer Gemeinschaft gleichgestellter Menschen zurückführt. Alle Menschen sind eingeladen zu einer Entdeckungsreise, was Bibel als Wort Gottes ihnen für ihr Leben zu sagen hat.

Nicht abzuweisen ist die Gefahr des fundamentalistischen Bibellesens, wenn die Bibeltexte nicht in ihren historischen Kontext und den kanonischen Zusammenhang eingeordnet werden oder wenn Bibelverse aus ihrem Zusammenhang gerissen und dadurch missverständlich werden. Dem kann man dadurch begegnen, indem größere Textpassagen gelesen werden, am besten sogar ganze biblische Bücher (Ganzschriftlektüren) und auf das plurale Gespräch der biblischen Texte achtet, die nicht selten gegensätzliche Positionen einnehmen. Pablo Richard macht einen weiteren hilfreichen Vorschlag: Anlehnend an → Augustinus von Hippo sei immer noch das Leben als das „erste Buch Gottes“ in gewisser Weise ein Korrektiv für die fundamentalistische Lektüre der Heiligen Schrift (= das zweite Buch Gottes). Leben und Bibel können ein widerstreitendes Gespräch führen und sich gegenseitig korrigieren (vgl. Richard, 2010, 165f.). Hilfreich sind auch biblische Bildung und die Darbietung von hilfreichem Wissen zu den konkreten Texten, wie sie die Leseprojekte des Katholischen Bibelwerks für die Menschen bereithalten.

Literaturverzeichnis

  • Artikelserie zur Lectio Divina (von Autorinnen und Autoren der Arbeitsgruppe Lectio Divina beim Katholischen Bibelwerk e.V.), https://www.lectiodivina.de/ueber-lectio-divina/artikelserie/; abgerufen am 05.11.2019.
  • Bianchi, Enzo, DICH finden in deinem Wort. Die geistliche Schriftlesung, Freiburg 1988.
  • Casey OCSO, Michael, Lectio divina. Die Kunst der geistlichen Lesung, aus dem Englischen von Adelrich Staub OSB, St. Ottilien 2009.
  • Cassian, Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum), Bibliothek der Kirchenväter, https://www.unifr.ch/bkv/kapitel3064-10.htm; abgerufen am 05.11.2019.
  • Dysinger,Luke, Art. Lectio Divina III. Modernes Europa und Amerika, in: Christine Helmer (Hg. u.a.), Encyclopedia of the Bible and its Reception 15, Berlin/Boston 2017, 1218-1220.
  • Eltrop, Bettina, Art. Lectio divina/Bibelteilen, in: Zimmermann, Mirjam/Zimmermann, Ruben (Hg.) Handbuch Bibeldidaktik, Tübingen 2013, 483-489.
  • Friedmann, Edgar, Die Bibel beten, Münsterschwarzach 3. Aufl. 2013.
  • Guigo der Kartäuser, Scala Claustralium, https://abtei-kornelimuenster.de/images/Spirituelles/benediktinische-spiritualitaet/regel-benedikts/2008-08-15_guigo_scala-claustralium_de_ebook.pdf; abgerufen am 05.11.2019.
  • Gregor der Große, Homilien zu Ezechiel, ins Deutsche übertragen von Georg Bürke SJ, Einsiedeln 1983.
  • Hirmer, Oswald/Steins, Georg, Gemeinschaft im Wort, Werkbuch zum Bibel-Teilen, München 1999.
  • Hirmer, Oswald, Von Südafrika über Asien nach Europa. Die Erfolgsgeschichte der Lumko-Programme, in: Die Katholischen Missionen 116 (1997), 128-132.
  • Katholisches Bibelwerk e.V. (Hg.), Dem Wort auf der Spur. Dokumentation der Lectio-Divina-Jubiläumstagung 2018, Sonderheft Bibel und Kirche 2019.
  • Leppin, Volker, Art. Lectio Divina II. Mittelalter und Reformation, in: Christine Helmer (Hg. u.a.), Encyclopedia of the Bible and its Reception 15, Berlin/Boston 2017, 1216-1218.
  • Lobinger, Fritz, Leben mit der Bibel in der Dritten Welt, in: Ordenskorrespondenz 28 (1987), 428-438.
  • Origenes, Schriften vom Gebet und Ermahnung zum Martyrium, aus dem Griechischen übersetzt von Paul Koetschau, Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Bd. 48, München 1926, https://www.unifr.ch/bkv/kapitel3207-6.htm; abgerufen am 05.11.2019.
  • Puzicha OSB, Michaela, Lectio divina – Ort der Gottesbegegnung, in: Erbe und Auftrag 3 (2011), 245-263.
  • Richard, Pablo, Ein neuer Raum für das Wort Gottes, in: Concilium 46 (2010), 164-173.
  • Salzburger Äbtekonferenz (Hg.), Die Regel des heiligen Benedikt, Beuron 2001. (im Text als RB gekennzeichnet)
  • Tibi, Daniel, Gott begegnen in seinem Wort, https://abtei-kornelimuenster.de/spirituelles/2012-09-06-14-19-21/regel-benedikts/lectio-divina-%E2%80%93-gott-begegnen-in-seinem-wort.html; abgerufen am 05.11.2019.
  • Vellguth, Klaus, Eine neue Art, Kirche zu sein. Entstehung und Verbreitung der Kleinen Christlichen Gemeinschaften und des Bibel-Teilens in Afrika und Asien, Freiburg 2005.
  • Wellmann, Bettina, Bibel lesen mit Herz und Verstand: Das Lectio-Divina-Projekt des Katholischen Bibelwerks e.V. Eine Leseform und ihr Weg in die Bistümer, in: Lebendiges Zeugnis 2 (2017), Themenheft „Bibelpastoral“, 123-130.
  • Wellmann Bettina, Die Bibel lesen. Ein Gespräch zwischen Text und Lesenden, in: Ehebrecht-Zumsande, Jens/Leinhäupl, Andreas (Hg.), Handbuch Bibelpastoral, Zugänge – Methoden – Praxisimpulse, Schwabenverlag, Ostfildern 2018, 71-80.

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