Kirchengeschichtsschulbuch, evangelisch

1. Einleitung

Die christlichen Kirchen sind ohne ihre 2000 Jahre alte Geschichte nicht zu verstehen. Auf einfachste Fragen (Warum ist das Christentum eine weltweite Religion? Warum gibt es das Christentum in Deutschland? Oder warum gibt es so viele unterschiedliche christliche Kirchen?) können Schülerinnen und Schüler nur dann sachgemäße Antworten formulieren, wenn sie diese im Religionsunterricht oder an anderen Bildungsorten erarbeitet haben.

Die Kirchengeschichtsdidaktik beschäftigt sich mit allen Lehr- und Lernprozessen, in denen kirchengeschichtliche Themen eine Rolle spielen. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Frage, wie Schülerinnen und Schülern die Relevanz kirchengeschichtlicher Themen in Geschichte und Gegenwart entdecken können. Neben Spielfilmen (→ Film, kirchengeschichtsdidaktisch), Computerspielen (→ Digitale Spiele, kirchengeschichtsdidaktisch) und Comics (→ Comics) etc. spielen hier die Bücher und die Materialien eine wichtige Rolle, mit denen im Religionsunterricht gearbeitet wird. Hier wird durch die Auswahl des Stoffes und die Weise der Präsentation die didaktische Frage nach den Inhalten und Methoden der Kirchengeschichtsdidaktik implizit beantwortet. Es können neun Gestaltungsformen bzw. Schulbuchtypen unterschieden werden. In diesen Schulbuchtypen spiegelt sich die Entwicklung der Kirchengeschichtsdidaktik seit dem 18. Jahrhundert.

2. Neun Schulbuchtypen

Aus den vergangenen 300 Jahren liegen ca. 460 evangelische überregionale Schulbücher mit kirchengeschichtlichen Themen vor. Diese lassen sich unter verschiedenen Gesichtspunkten typisieren: Sollen die Schülerinnen und Schüler mit dem Buch im Unterricht arbeiten? Gibt es bildliche Darstellungen oder Quellen? Und sind Aufgabenstellungen vorhanden? Die Bücher für Kirchen­geschichte unterscheiden sich darüber hinaus noch durch drei andere Kriterien: die Zielgruppe (Lehrkräfte oder Schülerinnen und Schüler), die Verortung von Kirchengeschichte im Schulcurriculum (im Geschichtsunterricht oder Religionsunterricht) und die Publikationsform (als eigenständiges Fachbuch oder als Teil von Religionslehrbüchern bzw. thematischen Jahrgangbüchern). Für die Typologie spielt zudem die Selbstbezeichnung eine Rolle. Wenn man diese Kriterien berücksichtigt, können vor dem Hintergrund der didaktischen Verschiebungen vom 18. bis 21. Jahrhundert neun Schulbuchtypen für Kirchengeschichte unterschieden werden. Sie werden im Folgenden zunächst in einer tabellarischen Übersicht dargestellt und anschließend mit den jeweiligen didaktischen Entwicklungen in Bezug gesetzt. Für die Schulbuch­typen werden einige „prominente“ Beispiele genannt. In der Regel handelt es sich dabei um Bücher, die über lange Zeit und oft aufgelegt wurden. Die Höhe der jeweiligen Auflagen oder die regionale Verbreitung spielen für die „Prominenz“ keine Rolle, weil diese kaum festgestellt werden können.

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Abb. 1 Schulbuchtypen für Kirchengeschichte zwischen ca. 1700 und 2005.

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2.1. Kirchengeschichte in Kompendien für Universalgeschichte

Von der Zeit der Reformation bis Ende des 18. Jahrhunderts waren die Schulen in Deutschland noch weitgehend in kirchlicher Trägerschaft und die Gesellschaft war in hohem Maße vom Christentum geprägt. In der Schule war die Kirchengeschichte aber nicht immer ein Element in dem Unterricht des „christlichen Glaubens“. Dabei verlief die Entwicklung an den höheren Schulen anders als an den niederen Schulen. An den höheren Schulen („Lateinschulen“, „Gelehrtenschulen“), die auf ein universitäres Studium vorbereiteten, gab es aber schon im 17. Jahrhundert kirchen­geschichtliche Elemente in dem viel verbreiteten Schulbuch von Leonhart Hütter (Compendium locurum theologicorum, 1610). Es handelte sich um eine Auswahl von Texten von Luther und Melanchthon, die eher eine konfessionell-apologetische Funktion gegenüber dem Katholizismus hatten. Die eigentliche Geschichte der Kirche war im 17. und 18. Jahrhundert Teil des schulischen Geschichtsunterrichts. Hier wurde den Schülern die Entwicklung der Menschheit von der Schöpfung bis auf den heutigen Tag als Historia Universalis vermittelt. In den kompendienartigen Lehrbüchern dieser Zeit wurde in kompakten Merksätzen umfassendes Faktenwissen aufgelistet und die Bücher konnten auch im späteren Studium als Enzyklopädie bzw. Nachschlagewerk benutzt werden. Im 18. Jahrhundert erschienen diese Schulbücher immer mehr auf Deutsch, wie das prominente Schulbuch „Erläuterte Grundlegung der Universal-Historie“ (1729, 21. Aufl. 1790) von Johann Heinrich Zopf. Zopf stand sowohl unter Einfluss des Pietismus als auch von beginnendem aufgeklärtem Denken. Er machte einen Unterschied zwischen menschlicher (weltlich-politischer) Geschichte und Kirchengeschichte und legte sie in seinem Buch nacheinander dar. Diese Unterscheidung zwischen weltlicher und kirchlicher Geschichte führte im Laufe des 18. Jahrhunderts zu einer Trennung von rationaler menschlicher Historie und dem Glauben verpflichteter historia sacra. In den, der rationalen Aufklärung verpflichteten höheren Schulen, wurde im ausgehenden 18. Jahrhundert im Fach Geschichte darum immer weniger Kirchengeschichte vermittelt. Ihr Platz war marginal geworden.

2.2. Kurze Geschichte der christlichen Religion

An den niederen Schulen kam Kirchengeschichte bis Mitte des 18. Jahrhunderts im Religionsunter­richt nicht als eigenständiges Thema vor. Bibel, Gesangbuch und Luthers „Kleiner Katechismus“ bildeten hier die wichtigsten Medien und auch die Inhalte der Glaubensvermittlung. Ab etwa 1770 wurde in den niederen „teutschen“ Schulen die Kirchengeschichte ein Element im Religionsunter­richt. Ein wichtiger Grund dafür war, dass breitere Schichten der Bevölkerung eine bessere Bildung wollten (insbesondere in den Realien und Natur­wissenschaften), der Staat den Schulen nicht länger der Trägerschaft der Kirchen überlassen wollte und die Schulpflicht einführte (z.B. Preußen im Jahr 1763: General-Landschul-Reglement). Dadurch musste der traditionell kirchliche Charakter der Schule überdacht werden und wurde (im aufgeklärt-rationalem Sinne) aus kirchlich geprägter „Catechese“ nach und nach schulischer Unterricht, der an vorderster Stelle „natürliche Religion“ vermitteln sollte: Religions-Unterricht eben. Der rationale Charakter sollte insbesondere erreicht werden durch die Vermittlung der Geschichte dieser Religion. Ab 1770 erschienen nun Schulbücher für Kirchengeschichte, in denen versucht wurde, die Entwicklung der Kirche für die ältesten Kinder der Volksschule kurz darzulegen. Rational erzählend gingen die Autoren durch die Hauptabschnitte der evangelischen Kirchengeschichte: Ausbreitung, Verfolgung, Konstantin, Mittelalter, Reformation. Ein prominentes Beispiel ist das Schulbuch von Georg Friedrich Seiler: „Kurze Geschichte der geoffenbarten Religion“ (1772, 12. Aufl. 1827). Er umschrieb als Ziel, die Kirchengeschichte im Zusammenhang so zu erzählen, dass die Schülerinnen und Schüler diese besser verstünden und von der Wahrheit des evangelisch-lutherischen Glaubens überzeugt werden sollten. Wer so kirchen­historisch gebildet sei, so Seiler, habe rationale Argumente gegen Zweifler und „Freydenker“.

2.3. Lehrbücher für Religion

Diese Entwicklung, die in den niederen Schulen anfing, sollte sich nach 1800 auch in den höheren Schulen durchsetzen. In der öffentlichen Schule musste der Religionsunterricht als „ordentliches“ Schulfach mit anderen Schulfächern vergleichbar sein. Dabei spiegelten die Schulfächer die sich stark ausdifferenzierende Fachwissenschaftlichkeit an den Universitäten. Das Fach Geschichte spielte im Laufe des 19. Jahrhunderts hier eine immer größere Rolle. Auch für den Religionsunterricht in den höheren Schulen galt, dass die Betonung der historischen Dimension geeignet war, seinen Stellenwert zu verbessern. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen eine Reihe unter­schiedliche Lehrbücher für den Religionsunterricht an den Gymnasien (Brettschneider, Marheineke, Osiander et al.), die zwar unterschiedliche Ziele und theologische sowie didaktische Absichten verfolgten, aber fast alle auch kirchengeschichtliche Elemente hatten. Ein prominentes Beispiel und Vorläufer in dieser Entwicklung war das „Lehrbuch für die Oberen Religionsclassen gelehrter Schulen“ von August Hermann Niemeyer (Halle 1801, 18. Aufl.1843). In einem Drittel des Buches ging es um Kirchengeschichte. Als Kriterien für die Auswahl unterschied Niemeyer: 1. Die Hauptmomente der Entwicklung (Entstehung, Verbreitung, Konfessionen). 2. Die wichtigsten Motive für Veränderungsprozesse. 3. Die Entwicklung der Kirchenleitung (Papsttum und so weiter) 4. Das Verhältnis Kirche – Staat. 5. Aktuelle Fragen. Es ging Niemeyer vor allem um Veränderungsprozesse. Niemey­ers Periodisierung (1-100; 100-325; 325-800; 800-1517; 1517-heute), die aus pädagogischen Gründen bei Eckdaten der Weltgeschichte anschloss, sollte prototypisch sein. Bis weit in das 20. Jahrhundert sollten die Lehrbücher für das Fach Ev. Religion neben den spezifischen Büchern für Kirchengeschichte in Kurzform kirchenhistorische Elemente beinhalten. Diese konzentrierten sich dann auf die (noch intakte) frühe Kirche, das Mittelalter als Verfallsgeschichte und die Zeit der Reformation. Manche Autoren schrieben neben einem Lehrbuch für den evangelischen Religionsunterricht auch Kirchengeschichtsbücher, wie z.B. Karl Noack, der neben seinem „Hülfsbuch für den Ev. RU“ (1872, 33. Aufl. 1903) „Bilder aus der Kirchengeschichte für Schule und Haus“ (1878, 2. Aufl. 1894) veröffentlichte.

2.4. Leitfaden, Abriss der Kirchengeschichte

Ab 1832 wurde Kirchengeschichte überall in Deutschland in den Gymnasien ein „obligatorisches Lehrfach des Religionsunterrichtes“, wodurch „Leitfäden“ und „Abrisse der Kirchengeschichte“ entstanden. Die lutherischen Gedenkjahre 1817 und 1830 hatten gefördert, dass diese auch apologetische Ziele verfolgten. In den Vorworten und Einleitungen der Schulbücher beklagten die Autoren vielfach, dass sie in einer Zeit lebten, in der das Christentum angefochten sei und verwiesen auf die Französische Revolution, die Entkirchlichung und den Unglauben. Weil in der Schule rational argumentiert werden müsse, wurden rational-historische Argumente für das Christentum und seinen Kulturbeitrag gegeben. Gleichzeitig sollte der Unterricht mit diesen Büchern insbesondere an die Entwicklung der Moral (Sittlichkeit) beitragen. Die „Leitfäden“ und „Abrisse“ für Kirchengeschichte der höheren Schulen im 19. Jahrhundert boten einen erzählenden Durchgang durch 1900 Jahre Kirchengeschichte. Ein prominentes Beispiel ist der „Abriss der Kirchengeschichte “ von Johann Kurtz (1852, 17. Aufl. 1911). Kurtz besprach kompakt vier Inhaltsfelder: 1. Die Hauptmomente der Geschichte des Christentums (Entstehung, Verfolgung, Ausbreitung) und die Hintergründe der wichtigsten Veränderungen (Prozesse, Personen), 2. Die Verfasstheit der Kirche und ihr Verhältnis zum Staat bzw. zur Gesellschaft, 3. Die Entwicklung der kirchlichen Lehre, 4. Der Kultus, die Riten und das kirchliche Leben, auch verbunden mit aktuellen Entwicklungen. Dieses umfangreiche Programm zeigt, dass die Titel der Bücher („Abriss“, „Leitfaden“) täuschen, sie waren eher umfassend und, wie die Kompendien (2.1.), zum Memorieren und zum Nachschlagen gedacht.

2.5. „Lebensbilder“ und „Bilder aus der Kirchengeschichte“

Für die Volksschule entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts (auch das Zeitalter der Mission und der Erweckung) eine neue Art Schulbücher für Kirchengeschichte, bei denen die Erzählung nicht länger einen rational-sittlichen, sondern einen erwecklich-erbaulichen Duktus hatte. Sie enthielten eine Auswahl an zentralen Begebenheiten und vor allem an Personen aus der Kirchengeschichte: „Bilder“ und „Lebensbilder“, bei denen die biografischen Fakten blumig und emotional eingekleidet wurden. Zwei prominente Beispiele sind Christian Gottlob Barth, „Christliche Kirchengeschichte“, Calwer Verlag (1835, 23. Aufl. 1893) und Franz Ludwig Zahn, Biblische Historien für evangelische Schulen mit einem Anhange, enthaltend Bilder aus der Kirchengeschichte, Düsseldorf 1831, 296. Aufl. 1911, Verlag Rheinischen Schulbuchhandlung, Moers; Bagel Düsseldorf. Bei Zahn war die Kirchengeschichte „verlängerte biblische Geschichte“ und wurde (auf 35 Seiten komprimiert und von August Giebe geschrieben) um 1840 herum an seinem schon sehr verbreiteten Schulbuch „Biblische Historien“ angehängt.

2.6. „Quellenbücher“ bzw. „Lesebücher“ mit Quellenmaterial

In den letzten drei Dezennien des 19. Jahrhunderts war durch den gestiegenen Wohlstand mehr Geld für Schulbücher verfügbar. Gleichzeitig war das Fach Geschichte in den Universitäten zur Leitwissenschaft geworden und galt in den Geisteswissenschaften als Anker der Wahrheit. Objektiv versuchte man zu beschreiben, wie etwas gewesen und geworden war. Die sorgfältige Arbeit an den Quellen wurde zur wichtigsten Methode (→ Quellenarbeit, kirchengeschichtsdidaktisch). Der Durchbruch des „geschichtlichen Religionsunterrichts“, so die Bezeichnung, die Ernst Thrändorf um 1900 für den RU gebrauchte, verstärkte sich in den Höheren Schulen noch, als 1890 das Fach in der Reifeprüfung (Abitur) den gleichen Status wie der Geschichtsunterricht bekam. Um 1900 herum wurde die historische didaktische Richtung ergänzt um Einsichten aus der (Entwicklungs-)Psychologie. Der Kulturbeitrag des individuellen Christen an der Verwirklichung des Reiches Gottes sollte vor allem durch die Ausbildung von „sittlichen Persönlich­keiten“, die geistigen Träger der Kultur, geschehen. Die Schülerinnen und Schüler sollten durch Quellentexte und Lebensbildern mit großen Persönlichkeiten aus der Kirchengeschichte konfrontiert werden. Vor diesem Hintergrund entstand ein neuer Typus Schulbuch für Kirchengeschichte: das „Quellenbuch“ bzw. das „Lesebuch mit Quellenmaterial“, in der „ideale Personen“ direkt zu den Schülern sprechen sollten. Ein prominentes Beispiel ist das von August Reukauf und Ernst Heyn zusammengestellte „Lesebuch zur Kirchengeschichte“ für höhere Lehranstalten und zum Selbststudium (1903, 7. Aufl. 1918). Ein weiteres prominentes Beispiel erschien im Diesterweg Verlag im Jahr 1933: Hermann Schusters, Walter Frankes und Karl Kerbers „Christentum in Geschichte und Gegenwart“. Hier wurden die Quellentexte eingeleitet und es gab Fragen an die Schüler zur Weiterarbeit. Noch im Jahr 1976 erschien es unter dem Titel „Quellenbuch zur Kirchengeschichte“ in zwei Bänden in einem neunten Druck.

2.7. Illustrierte Erzähl- und Quellenbücher

Nach dem ersten Weltkrieg und der Gründung der Weimarer Republik wurde der „historische Religionsunterricht“ kaum verändert weitergeführt, sogar die Fokussierung auf große Persönlichkeiten weiter verstärkt, wie der Titel des erfolgreichen Mittelstufen-Kirchengeschichtsbuch von Walter Franke zeigt: „Helden und Werke der Kirche“ (1926, 18. Aufl. 1938). Es wurde kein Widerspruch gesehen zwischen dem historischen Arbeiten und der normativen Charakterbildung in evangelisch-konfessionellem Sinne. Die neuen Kirchengeschichtsschulbücher in dieser Zeit sind eine Mischform aus Lebensbildern, Quellen- und Lesebücher. Sie sollten die alten „Leitfäden“ und reine Quellenbücher verdrängen. Anfänglich waren sie ohne Abbildungen, aber in den 1920er Jahren, als die Reproduktionstechniken sich verbesserten, sollten sie reich mit Kupferstichen, Fotografien, Grundrissen etc. illustriert werden und bis in den 1970er Jahre zum Haupttypus für Kirchengeschichtsbücher werden. Die Bücher wurden zudem immer mehr von Lehr- zu Lernbüchern, weil die Texte mit Schüleraufgaben und Hinweisen zur Weiterarbeit ergänzt wurden.

Das galt auch in der Zeit des Nationalsozialismus, als das „Dritte Reich“ zur wichtigsten aktuellen Herausforderung wurde. In den Schulbüchern führte das zu einer stärkeren Betonung des ethischen Problems des Verhältnisses von Kirche und Staat: für Nationalsozialisten, weil sie mit der Kirchengeschichte die „nationale Erhebung“ fördern wollten, für Mitglieder der Bekennenden Kirche, weil die Lehre der Zwei Regimente zur Debatte stand.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte der Religionsunterricht mehr zur Verkündigung werden (→ Evangelische Unterweisung) und Bibel, Gesangbuch und Katechismus wieder in die Mitte rücken. Als „Kirche in der Schule“ sollte auch die Kirchengeschichte einen verkündigenden Charakter haben und exempla fidei liefern. In der schulischen Praxis herrschte aber eher Stabilität und Kontinuität mit der Zeit vor 1933 vor, was bedeutete, dass die Schulbücher aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg mit Gesamtüberblicken über die Kirchengeschichte für bestimmte Jahrgangsstufen nur leicht verändert neu aufgelegt wurden. Kirchengeschichte wurde in den Neuauflagen – etwas umgeschrieben – zur Glaubensgeschichte und aus den Lebensbildern der „Helden“ wurden Erzählungen von frommen Vorbildern. Aber auch in den neu konzipierten Kirchengeschichtsschulbüchern der 1950er Jahre erscheint der biblische Bezug eher hinzugefügt als integriert. Ein prominentes Beispiel ist Martin Rangs „Biblische Geschichte und Bilder aus der Kirchengeschichte“ (1949, 27. Aufl. 1975). Der Spagat zwischen einer prinzipiell breit geteilten konzeptionellen Absicht (Bibel und Verkündigung) und dem faktischem Unterrichtsinhalt bzw. dem verfügbaren alten Unterrichtsmaterial führte in der Lehrerschaft zu Verunsicherungen und trug maßgeblich dazu bei, dass die Kirchengeschichte Anfang der 1960er Jahren zum „Stiefkind“ des Religionsunterrichts wurde.

Auch wenn sich konzeptionell um „1968“ herum viel ändern würde, kann das ökumenische Schulbuch von Jörg Thierfelder und Herbert Gutschera „Brennpunkte der Kirchengeschichte“ (1976, 4. Aufl. 1999) zum Typus „illustriertes Erzähl- und Quellenbuch“ gerechnet werden. Das 2015 erschienene Schulbuch mit dem gleichen Titel verfolgt eine andere Konzeption, gehört aber ebenso zu diesem Typus.

2.8. „Präparationen“ und „Unterrichtsmodelle“ für Lehrkräfte

Das erste Lehrermaterial für Kirchengeschichte erschien am Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Titel „Präparationen“ und war von Ernst Thrändorf und Hermann Melzer verfasst: Hermann Meltzer, Skizzen zur Behandlung der KG, 8. Kl. Volksschule (1909, 2. Aufl. 1914).

Ab den 1970er Jahren erschien dieser Typus erneut unter den Titeln „Unterrichtsmodelle“ bzw. „Unterrichtshilfen“, Arbeitshilfen oder Arbeitsbücher. Dies hing mit den großen Veränderungen im Religionsunterricht um 1968 zusammen. Es wurde erstmals grundsätzliche Kritik an der Kirchengeschichtsdidaktik laut: der Stoffkanon sei „ungeprüft konservativ“, die exempla fidei seien nur hagiografisch-erbaulich, es fehle an ökumenischer Weite sowie an der Behandlung der Schatten­seiten der Kirchengeschichte. Im Jahr 1970 formulierte Eta Linnemann für das Buch von Klaus Wegenast und Heinz Grosch „Religionsunterricht unterwegs“ fünfzehn Lernziele (→ Kerncurriculum) für den Kirchengeschichtsunterricht, die auf „das Ende der Glorifizierung“ des Christentums hinausliefen. Die Schülerinnen und Schüler sollten u.a. an Situationen der Kirchengeschichte lernen, wie religiöse, geistige, kulturelle, wirtschaftliche und politische Faktoren ineinanderwirken. Sie sollten erkennen, wie eng die Entscheidungsspielräume von Menschen oft sind und sie sollten Kriterien zur Beurteilung von kirchengeschichtlichen (Fehl-)Entscheidungen entwickeln können. Historische Kenntnis sollte „Lösungsmodelle für aktuelle Fragen“ liefern. In den neuen Schulbüchern und Unterrichts­modellen für kirchengeschichtliche Themen ging es nun um „repräsentative“ Themen (ein Begriff von Klafki), um „Brennpunkte“ und „Entscheidungssituationen“. Dazu wurden bestimmte aktuelle sozial-politische Themen (zum Beispiel Soziale Gerechtigkeit, Kirche-Staat-Politik, Krieg und Frieden) in kirchenhisto­rischer Perspektive erschlossen. Viele dieser „Arbeitsmaterialien“ wurden von Lehrerinnen und Lehrern in Kooperation mit Dozenten der neu gegründeten Religionspädagogischen Institute entwickelt. In überarbeiteter Form erschienen sie als „Unterrichtsmodelle“ bei Verlagen. Ein prominentes Beispiel ist Heft 9 in der von Eckhart Markgraf und Eberhard Röhm herausgegebenen Reihe „Oberstufe Religion“: Friedrich Goedeking „Kirche, Krieg und Frieden“ Stuttgart 1986. Auch Jubiläumsjahre wie „Luther 1983“, „Reformation 2017“ oder „Barmen 1984“ förderten die Materialentwicklung und brachten neue methodische Ideen für den Unterricht, die auch in die neuen Lehrbücher für den Religionsunterricht (2.9.) Eingang fanden.

2.9. Thematische jahrgangsbezogene Schulbücher

In der 1970er Jahren erschienen nicht länger Schulbücher für „biblische Geschichte“ oder „Kirchen­geschichte“, sondern thematische jahrgangsbezogene Schulbücher. Das prominenteste Beispiel ist das „Kursbuch Religion“, dass ab 1976 erschien. Jörg Thierfelder („Brennpunkte der Kirchengeschich­te“) war verantwortlich für die kirchenhistorischen Themen im „Kursbuch“ und betonte konsequent die ökumenische Ausrichtung und die Relevanz der Kirchengeschichte durch den Gegenwartsbezug: aktuelle ethische und ekklesiologische Fragen. In diesem bis heute gängigsten Typus Schulbuch werden aktuelle (Schüler)fragen als „Themen“ erschlossen, während mit „Kursen“ Inhalte aus der christlichen Tradition vermittelt werden sollten. In den drei Büchern für die Mittelstufe werden kursorisch die klassischen Themen der traditionserschließenden Kirchengeschichte besprochen: Ausbreitung und Verfolgung des Christentums, Konstantinische Wende, Christentum im Mittelalter, Reformation, Soziale Frage, Mission, Kirche und Nationalsozialismus. Im „Kursbuch“ nehmen die kirchengeschicht­lichen Stoffe zwischen Klasse 5 und 10 ca. 20% des Umfangs ein. In anderen Büchern, wie z.B. „Religion. Entdecken – verstehen – gestalten“ ist dieser Anteil bedeutend geringer (ca. 10%).

3. Fazit und Ausblick

Viele Kirchengeschichtsbücher wurden über Jahrzehnte hinweg kaum verändert neu aufgelegt, und die genannten Schulbuchtypen haben eine große Lebensdauer. Diese Stabilität korrespondiert mit langsamen didaktischen Akzentverschiebungen.

Die ältesten Formen der Schulbücher für Kirchengeschichte im Religionsunterricht („Kurze Geschichte“, „Abriss, Leitfaden“) hat es von ca. 1770 bis ca. 1920 gegeben. „Lebensbilder“ und biografische Darstellungen erscheinen ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis in das 21. Jahrhundert. Quellenbücher gab es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und wurden bis Ende der 1970er Jahre neu aufgelegt. Der gängigste Typus, das illustrierte Erzähl- und Quellenbuch für Kirchengeschichte, gibt es seit den 1920er Jahren.

Seit den 1970er Jahren erscheinen die kirchengeschichtlichen Themen in thematischen Jahrgangs­büchern („Kursbuch Religion“ et al.). Die „Präparationen“ (von ca. 1900) haben ihre Parallelen in den Lehrermaterialien („Unterrichtsmodelle“), die seit den 1970er Jahren bis heute als Ergänzungsmate­rial zu den thematischen Schulbüchern geschrieben werden. Aktuelle Titel sind: Rainer Lachmann, Herbert Gutschera, Jörg Thierfelder (Hg.), „Kirchengeschichtliche Grundthemen. Historisch – systematisch – didaktisch“ Göttingen 2003, 4. Aufl. 2014 und Harmjan Dam „Kirchengeschichte im Religionsunterricht“ Göttingen 2010, 3. Aufl. 2018.

Die Entwicklung, die um 1970 eingesetzt hat, hält bis heute an. Kirchengeschichte kommt faktisch nur in zwei Schulbuchtypen vor: Arbeitshilfen und thematischen Jahrgangsbücher. Die Arbeitshilfen setzen etwas stärker auf den biografischen und ethischen Zugang zur Kirchengeschichte und bringen wichtige methodische Impulse. Die Jahrgangsbücher fokussieren mehr auf die Traditionserschließung. Allerdings drohen die kirchenhistorischen Aspekte immer wieder von anderen Themen verdrängt zu werden. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzen sollte, dann ist zu befürchten, dass Schülerinnen und Schüler die eingangs formulierten Fragen nicht mehr beantworten können und ihnen die Bedeutung des Christentums in Geschichte und Gegenwart verborgen bleibt.

Literaturverzeichnis

  • Adam, Gottfried/Englert, Rudolf/Lachmann, Rainer/Mette, Norbert (Hg.), Didaktik der Kirchengeschichte, Münster 2008.
  • Bork, Stefan/Gärtner, Claudia (Hg.), Kirchengeschichtsdidaktik. Verortung zwischen Reli­gionspädagogik, Kirchengeschichte und Geschichtsdidaktik, Stuttgart 2016.
  • Dam, Harmjan, Evangelische Kirchengeschichtsdidaktik im Horizont der Praxis, in: Bork, Stefan/Gärtner, Claudia (Hg.), Kirchengeschichtsdidaktik. Verortung zwischen Reli­gionspädagogik, Kirchengeschichte und Geschichtsdidaktik, Stuttgart 2016, 116-128.
  • Dam, Harmjan, Evangelische Kirchengeschichtsdidaktik. Entwicklung und Konzeption (in Vorbereitung).
  • Dierk, Heidrun, Kirchengeschichte elementar. Entwurf einer Theorie des Umgangs mit geschichtlichen Traditionen im Religionsunterricht, Münster 2005.
  • Lachmann, Rainer/Schröder, Bernd (Hg.), Geschichte des evangelischen Religionsunterrichts in Deutschland, Neukirchen 2007.
  • Philipps, Ansgar, Die Kirchengeschichte im katholischen und evangelischen Religions­unterricht. Eine historisch-didaktische Untersuchung über die Entwicklung des kirchen­geschichtlichen Unterrichts von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, Wien 1971.
  • Schönfeld, Heidi, Bücher für den evangelischen Religionsunterricht. Ein Beitrag aus den bayrischen Volksschulen im 19. Jahrhundert, Jena 2005.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Schulbuchtypen für Kirchengeschichte zwischen ca. 1700 und 2005. © Harmjan Dam

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