Katholikentag

1. Das Phänomen Katholikentag

Katholikentage sind mehrtägige, öffentliche Großveranstaltungen, die heute in der Regel im zweijährigen Abstand und alternierend mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag (→ Deutscher Evangelischer Kirchentag) durchgeführt werden. Veranstalter ist das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das von der Deutschen Bischofskonferenz anerkannte Organ im Sinne des Konzilsdekrets über das Apostolat der Laien (Apostolicam Actuositatem). Laut diesem Dekret sollen auf verschiedenen Ebenen „nach Möglichkeit beratende Gremien eingerichtet werden, die die apostolische Tätigkeit der Kirche im Bereich der Evangelisierung [(→ Evangelisierung, katholisch)] und Heiligung, im caritativen und sozialen Bereich und in anderen Bereichen bei entsprechender Zusammenarbeit von Klerikern und Ordensleuten mit den Laien unterstützen“ (Apostolicam Actuositatem Nr. 26). Auf interdiözesaner und nationaler Ebene ist dies das Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Die Katholikentage sind daher keine Veranstaltungen der amtlich verfassten Kirche. 1848 erstmals durchgeführt, sind die Deutschen Katholikentage in ihrer Tradition, in ihrem historischen Wandel und in ihrer Bedeutung weltweit einzigartig. Katholikentage in anderen Ländern, z.B. in Österreich und der Schweiz, sind nur bedingt vergleichbar. Die Deutschen Katholikentage verstehen sich von jeher und bis heute gleichermaßen als Ort öffentlichen religiösen Bekenntnisses und als Plattform für eine aus dem Geist des Evangeliums motivierte Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs. Sie werden auf Einladung des jeweiligen katholischen Bischofs in wechselnden deutschen Großstädten organisiert und unter Beteiligung von mehreren zehntausend Menschen aus dem In- und Ausland durchgeführt.

2. Die Geschichte der Katholikentage

Die Errungenschaften der sogenannten Märzrevolution von 1848, darunter die Versammlungs-, Vereins- und Pressefreiheit, nutzten die Katholiken, um sich von der damaligen staatlichen Bevormundung infolge der Säkularisierung (→ Säkularisierung) der Reichskirche zu befreien. Nach der Gründung eines ersten Piusvereins für religiöse Freiheit am 23.03.1848 in Mainz erfolgten in kürzester Zeit ähnliche Vereinsgründungen an zahlreichen anderen Orten. Ihre zunächst vorrangige Absicht war es, auf die Beratungen der damals in Frankfurt am Main tagenden Nationalversammlung Einfluss zu nehmen. Um ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen, versammelten sich vom 03. bis 06.10.1848 im nahe gelegenen Mainz Delegierte aus allen Vereinen zu einer ersten Generalversammlung. Auf dieser Versammlung, die als die Geburtsstunde der deutschen Katholikentage gilt, wurde die Gründung des Katholischen Vereins Deutschlands als Dachverband aller Piusvereine beschlossen. Bereits im Folgejahr trat diese Generalversammlung erneut zweimal zusammen, um dann bis auf weiteres jährlich zu tagen. Zu einer unregelmäßigen Abfolge kam es in den 1870er Jahren infolge des Kulturkampfs, und bedingt durch den Ersten Weltkrieg zu einer längeren Unterbrechung von 1914-1920. Ein für 1933 in Gleiwitz geplantes Katholikentreffen wurde abgesagt, da sich der damalige Präsident des Zentralkomitees zur Vorbereitung der Generalversammlungen, Alois zu Löwenstein, weigerte, den vom Preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring verlangten Treueeid auf das Dritte Reich abzulegen. Unter erschwerten Bedingungen reisten einige deutsche Delegierte stattdessen zu einem österreichischen Katholikentag nach Wien. Erst 1948 knüpfte man an die inzwischen genau 100 Jahre alte Tradition wieder an. Die ersten Nachkriegskatholikentage ähnelten im Charakter noch jenen bis 1933. Während der in der Regel fünf Veranstaltungstage wechselten sich öffentlich zugängliche Veranstaltungen und Gottesdienste mit geschlossenen Versammlungen nur für Delegierte aus den katholischen Vereinen ab. Den feierlichen Höhepunkt und Abschluss bildete eine Eucharistiefeier (→ Abendmahl/Eucharistie) unter freiem Himmel, zu der bis zu 700.000 Menschen (Köln 1956) strömten.

Bis in die 1950er Jahre hinein hatten die Delegiertenversammlungen der katholischen Verbände, die weiterhin während der Katholikentage abgehalten wurden, beschlussfassenden Charakter. Ebenso legendär wie umstritten war beispielsweise die Entschließung zur Mitbestimmung als "natürliches Recht in Gott gewollter Ordnung" auf dem 73. Katholikentag 1949 in Bochum. Die Aufteilung in öffentliche und nichtöffentliche Teile verschwand in den folgenden Jahren zunehmend. In dem Maße, wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken sukzessive zum repräsentativen Beschlussgremium des organisierten Laienkatholizismus wurde, öffnete der Katholikentag alle seine Veranstaltungen für eine interessierte Teilnehmerschaft. Dieser Schritt war endgültig vollzogen mit dem 82. Deutschen Katholikentag in Essen 1968. Mit ihm zog eine neue Streitkultur in den Katholikentag ein, zugleich Vorbotin für die zunehmende Pluralisierung (→ Pluralisierung) des deutschen Laienkatholizismus, der bis dahin unbestritten als vorparlamentarische Hausmacht von CDU und CSU gelten konnte.

Während insbesondere in den 1950er Jahren die Deutschen Katholikentage sehr bewusst als gesamtdeutsche Ereignisse gestaltet wurden und trotz vielfältiger Einschränkungen auch möglich blieben, war eine Teilnahme für Menschen mit Wohnsitz in der DDR nach dem Mauerbau 1961 faktisch unmöglich geworden. So wurden die Deutschen Katholikentage zu rein westdeutschen Ereignissen, wenngleich mit immer intensiver werdenden Kontakten in das westeuropäische Ausland und zu anderen Kontinenten. 1987 organisierte die katholische Kirche in der DDR (→ Kirchen in der DDR) ein eigenes Katholikentreffen unter dem Leitwort Gottes Macht – unsere Hoffnung, das vom 10. bis 12. Juli in Dresden stattfand. Ursprünglich als Laientreffen nach Katholikentagsvorbild geplant, übernahm die Berliner Bischofskonferenz hierfür die Trägerschaft und organisatorische Verantwortung, nicht zuletzt um Repressalien der staatlichen Behörden zu umgehen.

Nach einem Rückgang des Interesses Anfang der 1970er Jahre erlebte der Katholikentag 1978 eine unerwartete Renaissance, als vor allem junge Menschen ihn für sich endeckten. Prägend für viele war die Teilnahme von Mutter Theresa und Frère Roger Schutz aus Taizé. Eine überdurchschnittlich junge Teilnehmerschaft gehört seitdem und bis heute zu seinen Merkmalen.

Mit dem unerwarteten Fall der Berliner Mauer bildete der Berliner Katholikentag von 1990 eine neue Zäsur. Von nun an waren Katholikentage wieder gesamtdeutsche Ereignisse, die nun auch verstärkt von Menschen aus östlichen Nachbarländern wahrgenommen wurden.

3. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken

Untrennbar verbunden mit den Katholikentagen ist das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), das 1868 auf dem 19. Katholikentag in Bamberg zunächst unter der Bezeichnung Zentralkomitee der katholischen Vereine Deutschlands gegründet wurde. Im Wesentlichen bestand seine Aufgabe darin, die folgenden Katholikentage vorzubereiten, ihre Beschlüsse umzusetzen und das katholische Vereinswesen auch zwischen den Katholikentagen zu fördern. Sein erster Präsident war Karl Heinrich Fürst zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, der infolge des Kulturkampfs ab 1872 bis zu seinem Tod 1898 als alleiniger Kommissär der Generalversammlung der Deutschen Katholikentage wirkte. Ihm folgte bis zum Jahr 1920 Clemens Graf Droste zu Vischering. Von 1920-1949 war Alois Fürst zu Löwenstein Präsident, wiederum beerbt von seinem Sohn Karl (VII.) Fürst zu Löwenstein (bis 1968). Es folgten Dr. Albrecht Beckel (1968-1972), Prof. Dr. Bernhard Vogel (1972-1976), Prof. Dr. Hans Maier (1976-1988), Rita Waschbüsch (1988-1997), Prof. Dr. Hans Joachim Meyer (1997-2009), Alois Glück (2009-2015) und Prof. Dr. Thomas Sternberg (seit 2015).

Infolge grundlegender gesellschaftlicher und politischer Veränderungen, nicht zuletzt im vorparlamentarischen Raum, etwa durch die Bildung der überkonfessionellen CDU und CSU, veränderte sich die Aufgabenstellung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken nach dem Krieg grundlegend. Vorbereitung und Durchführung der deutschen Katholikentage rangieren in der Liste seiner Aufgaben (Statut des Zentralkomitees der deutschen Katholiken § 2 Aufgabe) jetzt nur noch an vierter Stelle.

4. Aufgabe, Funktion und Gestalt der Katholikentage heute

Katholikentage heute zeichnen sich durch ein außerordentlich vielgestaltiges, bis zu 2000 Einzelangebote umfassendes Programm aus. Hierin spiegeln sich nicht zuletzt sehr differenzierte Erwartungen und Bedürfnisse wider, die durch einen Katholikentag erfüllt werden sollen:

  1. Für das veranstaltende ZdK ist der Katholikentag die herausragende Gelegenheit, um zu den aktuellsten und relevantesten Fragen der Zeit Stellung zu beziehen und einen Diskurs hierüber „mit allen Menschen guten Willens“ zu ermöglichen. Dabei strebt es eine möglichst große Außenwirkung und maximale, mediale Reichweite an, nicht zuletzt durch die gezielte Einladung an prominente Persönlichkeiten aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Das bevorzugte Veranstaltungsformat ist hierfür nach wie vor die große Podiumsveranstaltung.
  2. Neben der gesellschaftspolitischen Agenda bilden aktuelle Fragen rund um den Großkomplex Kirche, Theologie und Religion(en) einen zweiten Fokus. Hierzu gehören spätestens seit der Wiedergeburt der Katholikentage in den späten 1940er Jahren auch ein lebendiges ökumenisches Gespräch (→ Ökumenische Bewegung) sowie seit den 1970er Jahren bzw. den 1990er Jahren der jüdisch-christliche sowie der christlich-islamische Dialog (→ Interreligiöses Lernen).
  3. Katholische Organisationen und Institutionen sowie diözesane Laienräte nutzen den Katholikentag als Plattform für den fachlichen Diskurs und zur Vernetzung sowie für je eigene Botschaften. Dies geschieht in eigenen Veranstaltungen oder durch die Mitgestaltung von Zentren und Treffpunkten. Präsenz zeigen sie nicht zuletzt auf der Kirchenmeile, einer Zeltstadt im öffentlichen Raum, wo sich die Vielfalt des organsierten Laienkatholizismus erleben lässt.
  4. Das gastgebende Bistum, das in den zurückliegenden Jahren immer stärker in die Konzeption eingebunden wurde, nutzt den Katholikentag zur Schärfung des eigenen Profils und zielt auf innovative und nachhaltige Effekte. Oft bereichert es das Programm durch diözesane Spezifika, z.B. Elemente eigener Frömmigkeitstraditionen.
  5. Überaus vielgestaltig ist inzwischen die Erwartungshaltung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst. Im Zuge einer nachlassenden Bindekraft sowohl der Herkunftsgemeinde als auch klassischer kirchlicher Organisationsformen gewinnen Katholikentage als kirchliche Erlebnisorte (→ Erlebnispädagogik und religiöse Bildung) für viele eine neue Bedeutung. Individuelle Bedürfnisse, z.B. nach Austausch und Beratung in persönlichen Glaubens- und Lebensfragen, finden ihre Entsprechung in einem vielgestaltigen, meist kleinteiligen Programmangebot. Zielgruppen- oder themenspezifische Veranstaltungen – vom Workshop bis zum Einzelgespräch – machen daher heute den Großteil der Veranstaltungen eines Katholikentags aus.
  6. Zu einem Katholikentag gehören selbstverständlich Gottesdienste und liturgische Feiern (→ Gottesdienst, katholisch). Hier reicht die Spanne von den zentralen Großgottesdiensten mit mehreren zehntausend Teilnehmenden über das inzwischen klassische Taizégebet bis hin zum kleinen Gruppenangebot mit liturgisch-experimentellem Charakter.
  7. Nicht zuletzt sind Katholikentage in den letzten Jahren zu einem prominenten Ort der Begegnung zwischen Kirche und Kunst geworden. Namhafte Künstler und Ensembles sind bereit, sich auf die jeweilige Herausforderung der spezifischen Thematik und des Leitworts eines jeden Katholikentags einzulassen. International beachtete Kunstausstellungen oder Auftragskompositionen namhafter Musikerinnen und Musiker (→ Musik) geben hiervon immer wieder Zeugnis.

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