Gemeinde

1. Zu Begrifflichkeit und Verständnis von Gemeinde

Der deutsche Begriff der Gemeinde kommt von Gemeine und bezeichnet das Gemeingut, also den gemeinsamen Anteil an einem Gut. Dieser Begriff wurde von → Martin Luther weithin als deutsche Übersetzung für Ekklesia gewählt. In der katholischen Kirche spielte der Begriff der Gemeinde hingegen lange keine Rolle. Die Rede von Gemeinde war nicht nur unüblich, sondern galt nach Aussage des für die Ökumene zuständigen Kardinals Walter Kasper als „Ausdruck eines typisch protestantischen Kirchenverständnisses“ (Blasberg-Kuhnke, 2002a, 1). Den Wendepunkt markiert das Zweite Vatikanische Konzil mit der Kirchenkonstitution (Zweites Vatikanisches Konzil, 1964, Art. 26), die die Gemeinde als „Kirche am Ort“, in der die Kirche selbst anwesend ist und als das neue Volk Gottes, in dem Christus gegenwärtig ist, bestimmt (Blasberg-Kuhnke, 1990; 2002a; 2002b). Durch diese Vorgaben des Konzils und im Zuge der nachkonziliaren Reform, vor allem in der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland in Würzburg (1971-1975; → Würzburger Synode), wurde ein unumkehrbarer Wandel des kirchlichen Selbstverständnisses ausgelöst, der von Gemeinde in ökumenischer Gemeinsamkeit als theologisch qualifizierter Sozialform des Christseins sprechen lässt.

Dabei bleibt Gemeinde ein „schillernder Begriff“ (Zimmermann, 2009, 3), in dem unterschiedliche Elemente zusammengebunden sind (Haslinger/Bundschuh-Schramm, 2000, 289-299):

1. Lokale Aspekte (die Ortsgebundenheit gemeinschaftlicher christlicher Praxis, dann stellen sich Fragen nach Umfang und Begrenzung von Gemeinde): Gemeinde kann räumlich verstanden werden als begrenzender Raum (umbauter Raum, rechtlich geordneter Raum, gottesdienstlicher Raum) oder auch als entgrenzender Raum (aufs Gemeinwesen immer schon bezogener Raum, in größeren regionalen Verflechtungen; bis hin in den virtuellen Raum des Cyberspace; Steinhäuser, 2019), schließlich auch als nicht organisierter Raum, der als Raum des göttlichen Geisteswirken und Raum der subjektiven Gottesbeziehung abhängig bleibt vom kontingenten Wirken Gottes (Steinhäuser, 2012).

2. Personale Aspekte (Gemeinde als spezifische Sozialgestalt christlicher Praxis, dann stellen sich Fragen nach der Art der Sozialität und den Grenzen der Zugehörigkeit/Mitgliedschaft): Im Gemeindebegriff kann eher prozesshaft und zugleich inhaltlich auf das Geschehen der → Kommunikation des Evangeliums oder auf die Versammlung und Verbindung von Glaubenden abgehoben werden.

3. Strukturelle Aspekte: hier geraten bestimmte Formen (Institution und Organisation) von Sozialität in den Blick, dann meist als rechtlich verfasste Ortsgemeinde = Parochie/Pfarrei.

4. Zeitliche Aspekte: eine gewisse Dauerhaftigkeit der Sozialität wird mit dem Gemeindebegriff assoziiert, strittig ist, ob es auch Gemeinden „auf Zeit“ geben kann (Bubmann, 2019).

Entsprechend dieser Aspekte lässt sich Gemeinde unterschiedlich akzentuiert definieren:

1. In primär theologisch-dogmatischer Sicht als Gemeinschaft derer, die am Heilsgut Anteil erhalten und es bezeugen: „Die Gemeinde ist die Gemeinschaft der Menschen, die durch Wort und Sakrament zur Einheit des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung gesammelt werden und dazu berufen sind, Jesus Christus als den Herrn und Heiland vor der Welt zu bezeugen“ (Kirchenverfassung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Art. 4 Abs. 2). Mit der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanums „Gaudium et spes“ betont die katholische Kirche die theologische Qualifizierung der Gemeinde als Koinonia, als Gemeinschaft, von Jesus Christus gestiftet, mit ihm und untereinander.

2. Als Personenverband gleichgesinnter Angehöriger einer Religionsgemeinschaft, die in einem bestimmten kommunikativen Beziehungsgeflecht leben (ein eher soziologisch und kommunikationstheoretisch ansetzendes Verständnis). „Der Begriff Gemeinde ist dabei ein abstrahierendes Summarium für Begegnungen und Prozesse unterschiedlicher Art, welche das Individuum kaum je in seiner Gänze, meist nur in den für es wichtigen Ausschnitten und Konkretionen erfährt“ (Degen, 2000, 131). Sozial hängt die Lebenskraft und die Tradierung des christlichen Glaubens zu einem nicht unbeträchtlichen Teil an interpersonalen Identifikationsprozessen in Beziehungsnetzen, das heißt an der Begegnung mit konkreten Personen, die überzeugend Christsein im Alltag zu leben versuchen und bereit sind, darüber mit anderen zu sprechen und ihren Glauben (→ Glaube) zu bezeugen. In dieser Weise Ort und Medium der Weitergabe eines motiv- und sinnstiftenden Glaubens zu sein, hat die „epochale Bedeutung der Gemeinde“ (Mette/Blasberg-Kuhnke, 1986, 189-191) ausgemacht, eine Epoche, die gegenwärtig womöglich an ihr Ende kommt, da eine solche qualifizierte Beziehungs- und Kommunikationskultur in den oft unüberschaubar gewordenen pastoralen Großräumen kaum zu entwickeln ist.

3. Rechtlich verstanden als Parochie/Pfarrei, das heißt als rechtlich-räumlich definierter Bereich/Aufsichtsbezirk, der unter der Leitung eines Pfarrers steht (so z.B. im Katholischen Kirchenrecht Codex Iuris Canonici, Canon 374; Canon 515). Zu klären ist das Verhältnis der kirchenrechtlich verfassten Pfarrei als kirchliche Verwaltungs- und Seelsorgeeinheit zur theologisch qualifizierten Gemeinde. Die Zielbestimmung des Synodenbeschlusses „Die pastoralen Dienste in der Gemeinde“ (Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, 1976, Punkt 2.3.2) benennt eher das Problem: „Aus einer Gemeinde, die sich pastoral versorgen lässt, muss eine Gemeinde werden, die ihr Leben im gemeinsamen Dienst aller und in unübertragbarer Eigenverantwortung jedes Einzelnen gestaltet“.

Zwischen dogmatisch-theologischen, soziologischen und kommunikationstheoretischen sowie kirchenrechtlichen Aspekten des Gemeindeverständnisses muss einerseits deutlich unterschieden werden. Andererseits gehören in konzeptionellen Vorstellungen von Gemeinde diese Aspekte meist auch zusammen und werden miteinander verbunden. Integrativ könnte das so formuliert werden:

Gemeinde ist zu verstehen als strukturiertes, in der Regel auf größere Dauer angelegtes Geschehen der Kommunikation des Evangeliums an einem bestimmten Ort. Gemeinde ist demnach einerseits die empirisch wahrnehmbare Form einer zahlenmäßig und örtlich begrenzten Gemeinschaft, in der sich andererseits Kirche als jeweils neu lokal konkretisierte Glaubenspraxis ereignet – verstanden als Prozess der Kommunikation des Evangeliums. Gemeinde ist Kirche am Ort, ohne deshalb auf die Rechtsform der Ortsgemeinde reduziert werden zu können. Daher ist Gemeinde primär ein theologisch qualifizierter Begriff, der über die soziale und rechtlich sichtbare Gestalt der Gemeinde hinaus auf Koinonia als Kern der Reich-Gottes-Botschaft des Evangeliums verweist (Kuhnke, 1992; Blasberg-Kuhnke, 1990).

Gemeinde existiert, wo „‚Glauben- und Lebenlernen‘ als gemeinsames Erkunden, als Frage- und Antwortfinden geschieht, als Infragestellung und Vergewisserung, als Innehalten und Feier“ (Degen, 1992, 115). Als Gemeinde wird möglicherweise also auch der Gospelchor, die Gemeinschaft bei Akademietagungen, Hochschulgottesdiensten, Kirchentagen (→ Deutscher Evangelischer Kirchentag), Klöstern (→ Mönchtum/Klosterleben) und Reiseprojekten etc. erfahren; solche Orte bilden Kristallisationskerne von Gemeinde (Sauer, 2019; Martin, 2019; Kühn 2019). In ihnen zeigt sich die für Glaubenskommunikation in besonderer Weise geeignete Sozialform Gemeinde zwischen → Familie oder anderen Primärgruppen auf der einen und Gesellschaft und Kirche(n), soweit sie Merkmale von Großorganisationen angenommen haben, auf der anderen Seite. Gemeinde bildet soziologisch jene Sozialform, die eine überschaubare, kaum vom Prozess der gesellschaftlichen Differenzierung erfasste → Lebenswelt darstellt. „Ihre strukturelle Lage am Schnittpunkt zwischen privater und öffentlicher Sphäre macht sie zum bevorzugten sozialen Ort und Medium der Weitergabe christlicher Sinngehalte in die Zukunft“ (Blasberg-Kuhnke, 2002b, 171). Familie, → Schule und andere Sozialisationsinstanzen zur Tradierung des Christentums sind darauf angewiesen, dass sie auf Orte verweisen können bzw. selbst daran partizipieren, an denen Menschen aus den Inspirationen des Evangeliums heraus gemeinsam zu leben versuchen (Blasberg-Kuhnke, 2002b, 171).

Für die Identitätsbildung als Christin oder Christ bleibt Gemeinde unverzichtbar; im Kontext der Individualisierung und → Pluralisierung von Lebens- und Glaubensstilen werden aber nicht mehr feste, über lange Zeiträume hinweg verbindliche Gruppen oder gar Verbände der Normalfall sein, sondern eher Netze von Beziehungen (Blasberg-Kuhnke/Kuhnke, 2008a; 2008b; Roleder/Weyel, 2019).

Theologisch lassen sich weitere Kriterien benennen, um von christlicher Gemeinde zu sprechen, wobei hier immer schon normative kirchentheoretische Vorannahmen mit einfließen: „Solche sind der Bezug auf Christus als Grund der Gemeinde, ihr Selbstverständnis als zugehörig zur christlichen Kirche, ihre Bereitschaft zur Vergemeinschaftung Verschiedener sowie ein Bezug zur Welt. Eine regelmäßige Feier des Gottesdienstes (→ Gottesdienst, evangelisch; Gottesdienst, katholisch) und weiterer Aspekte des kirchlichen Auftrags in der Welt sind erkennbar; sie eröffnet Raum zum Glauben, fördert und begleitet ihn“ (Pohl-Patalong, 2014, 204). Aus protestantischer Sicht wird sie „durch Amt und allgemeines Priestertum geleitet und eröffnet die Möglichkeit zur Partizipation ihrer Mitglieder. Sie hat eine eigenständige Leitungsstruktur und versteht sich in wechselseitiger Steuerung mit der Gesamtkirche“ (Pohl-Patalong, 2014, 204; ausführlicher: Hauschildt/Pohl-Patalong, 2013, 275-284). Aus katholischer Sicht liegt die Gemeindeleitung in der Hand eines geweihten Amtsträgers, des Pfarrers; angesichts des gravierenden Priestermangels, verbunden mit großräumigen Strukturen in Pfarrverbünden, gewinnt die konziliare Betonung des gemeinsamen Priestertums der Getauften und Gefirmten im Ernstnehmen ihrer Verantwortung für die Sendung der Kirche (Zweites Vatikanisches Konzil, 1965b, Art. 2f.) immer größere praktische Bedeutung. Gemeindeleitung wird zunehmend in der Gemeinde verantwortet, mit einer Vielfalt von Diensten und Ämtern für (theologisch qualifizierte und ehrenamtliche) Frauen und Männer, die kirchlich beauftragt sind (Themenheft „Zukunft der Gemeindeleitung“; → Ehrenamt).

Geht man von einem derartigen Begriff der Gemeinde als strukturierter Kommunikation des Evangeliums aus, kommen sehr unterschiedliche Gemeindeformen in den Blick: Ortsgemeinden, Anstaltsgemeinden, Personalgemeinden, Para-Gemeinden, Hausgemeinden, Funktionsgemeinden (Studierendengemeinden), Basisgemeinden, Projektgemeinden (Kirchentag).

2. Typen von Gemeindestrukturen

Sieht man auf die innere Kommunikations-Struktur solcher Gemeinden, lassen sich verschiedene Typen skizzieren:

  • Hierarchische Modelle mit am Individuum orientierter Pastoral (z.B. die römisch-katholische Parochie/Pfarrei): Die Kommunikation des Evangeliums ist angebunden an eine bestimmte Personalkonstellation: Bischof, Priester, Laien in personaler Verbundenheit. Die Gemeindeglieder werden als Adressaten der Seelsorge, Empfängerinnen und Empfänger von Sakramenten und Teilnehmerinnen und Teilnehmer an religiös-kirchlichen Veranstaltungen gesehen.
  • Monozentrisch (volkskirchlich-lutherisch, z.B. Christian Möller; Möller, 1991): Die Personalhierarchie ist hier durch eine Sach-Konzentration ersetzt. Entscheidend sind die zentralen Kommunikationsvollzüge des Evangeliums, nicht bestimmte Person-Konstellationen. In der Regel wird ganz traditionell Wort und Sakrament, das heißt der Gottesdienst, als dieses Zentrum gesehen. Die Frage der Grenzen dieser Gemeinde ist nachrangig, sie können fließen.
  • Konzentrische Modelle (etwa bei → Bonhoeffer, Dietrich in seiner Dissertation Sanctorum Communio): kleinster Kreis = Abendmahlsgemeinde als Bekennergemeinde; mittlerer Kreis = Predigtgemeinde als Freiwilligkeitskirche; weitester Kreis = alle Getauften. In der katholischen Kirche entspricht dem die volkskirchliche Angebotspastoral der aktiven Gemeinde, ebenfalls aufgebaut nach dem Modell konzentrischer Kreise, die die Nähe oder Ferne zur Gemeinde festmacht als unterschiedlich gestufte Teilnahme an den von der Gemeinde organisierten Veranstaltungen und vor allem am Sonntagsgottesdienst. Hohe Teilnehmerzahlen werden zum entscheidenden Kriterium für die Gemeindepraxis und ihren „Erfolg“. Bis zur Gegenwart sind es marketingorientierte Konzepte der Pastoral, die möglichst passgenau kirchliche Milieus (→ Milieu und Kirche) zu erheben versuchen, um Angebotspräferenzen zu identifizieren und eine optimale Zielgruppenoptimierung kirchlich-gemeindlicher Angebote sicherzustellen, die diesen Gemeindetypus besonders propagieren (Medien-Dienstleistung, 2005; Bucher, 2006; Sellmann, 2007; kritisch dazu Blasberg-Kuhnke/Kuhnke, 2008b; Wanke, 2006). In schlichterer Form findet man dieses Modell in vielen Gemeindeaufbaukonzepten und in der Realität vieler Gemeinden: In der Mitte steht der Pfarrer oder die Pfarrerin, die dann aktive Mitarbeitende um sich sammeln, die eine Kerngemeinde an sich binden, die dann auf die noch Distanzierten ausstrahlen soll.
  • Polyzentrische Modelle (plural-aufgabenbezogen) mit gemeinwesenorientierter Pastoral, die ihr gemeindliches Handeln an den örtlichen Gegebenheiten im Gemeinwesen des Dorfs oder Stadtteils, seinen Bedürfnissen, Nöten und sozialen Konflikten orientiert und sich nicht selten basis-kirchlich als Sozialpastoral versteht. Hier wird davon ausgegangen, dass es nicht nur ein Zentrum, sondern viele Zentren der Kommunikation des Evangeliums in einem Sozialgebilde gibt. Der Pluralität der Charismen kann so sehr gut Raum gegeben werden. Der Preis ist die Gefahr des Unsichtbarwerdens der Einheit der Gemeinde. Netzwerk-Modelle (post-modern-plural-subjektbezogen) sind eine Variante des polyzentrischen Gemeindemodells, die die Verbindung zwischen den Zentren stärker ins Bewusstsein heben. Hier verbinden sich plurale Teilnahme und Gestaltungsformen mit dem Versuch, Vernetzung herzustellen zwischen den verschiedenen Gemeindeaktivitäten.

    Einen Kontrapunkt zur Sehnsucht nach einer überschaubaren Gemeinde der hochaktiv Beteiligten, das viele Gemeindeaufbau-Konzepte bestimmt, setzen gemeindepädagogische und eher im protestantischen Raum verortete praktisch-theologische Konzeptionen, die bewusst Kirche als „Kirche bei Gelegenheit“ (Nüchtern, 1991), „Karawanserei“ (Foitzik/Goßmann, 1995, 103-111) oder „Gemeinde auf Zeit“ (Bubmann, 2019) entfalten und also auch von unstetem und punktuellem Beteiligungsverhalten der Kirchenmitglieder ausgehen. Gemeinde sei „ein Geflecht vieler kleiner und großer Lernorte ‚mitten im Alltag’ und in ‚sakralen’ Räumen“ (Foitzik, 2004, 94). Das alles spreche für plurale und differenzierte Gemeindeformen, sodass es „neben der Kirche am Ort die Kirche am Weg, die Gemeinde auf Zeit, die Gemeinde in der Region, die Gemeinde bei Gelegenheit und sogar die Gemeinde auf überregionaler Ebene gibt“ (Adam/Lachmann, 2008, 37).

3. Gemeindetheoretische Konzeptionen

Der Begriff Gemeindetheorie ist in der (evangelischen) Praktischen Theologie zwar wenig eingeführt (im katholischen Bereich wohl aber die Gemeindepastoral). Er ist aber als Unterbereich der Kirchentheorie naheliegend (Hauschildt/Pohl-Patalong, 2013, 271-284). Er bezeichnet eben denjenigen Bereich der praktisch-theologisch zu analysierenden Kommunikation des Evangeliums, der sich in verschiedenen Formen von Gemeinden abspielt. Sachlich sind weite Felder der Gemeindetheorie in der Geschichte der Praktischen Theologie unter Komposita-Begriffen mit Gemeinde abgehandelt worden: Gemeindepflege (in Analogie zur Jugendpflege, heute etwa von Kristian Fechtner favorisiert; Fechtner, 2014, 166); Gemeinwesenarbeit (ein teils konfliktorientierter, gesellschaftskritischer Ansatz), Gemeindeorganisation, Gemeindewachstum (in den USA entstandenes Konzept eines Church Growth in den 1970er-Jahren, das stark auf die Steigerung der Quantität von Kirchenbesuchern abhebt); Gemeindeaufbau(-theorien), die es in volkskirchlichen (Christian Möller) wie missionarischen Varianten gibt (Fritz und Christian A. Schwarz, Michael Herbst), Gemeindeentwicklung(-stheorien) (Herbert Lindner, Günter Breitenbach, heute vor allem Kunz 2014; Schramm 2015; Zimmermann 2009; 2020), Gemeindeberatung (eine Übertragung des Konzepts des Organization Developments durch die Supervisorin und Trainerin Eva Renate Schmidt, die ab 1978 in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau einen Beratungsdienst für Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen eingeführt hat, der auch von anderen Landeskirchen aufgegriffen wurde und sich als Gemeindeberatung durchgesetzt hat) und schließlich die → Gemeindepädagogik (evangelisch als Erbin der Katechetik seit 1970, im katholischen Bereich neben der Gemeindekatechese).

Christian Möller und andere benutzen als Begriff für die all diese Bereiche umgreifende Subdisziplin der Praktischen Theologie den Begriff Oikodomik, der die Kybernetik als Steuerungslehre untergeordnet wird (Möller, 2004, 45). Inzwischen hat sich jedoch die praktisch-theologische Kirchentheorie als Rahmen des Nachdenkens über Gemeinde und als Disziplin der Praktischen Theologie durchgesetzt, ohne dass deshalb die Notwendigkeit einer Gemeindetheorie (als ein Teilbereich) zu bestreiten wäre.

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