Geburtsgeschichten Jesu / Weihnachten, bibeldidaktisch

Die Weihnachtsgeschichte ist eine zentrale und zugleich komplexe Thematik im Religionsunterricht, da sich hier verschiedene Erzählungen und theologische Motive und verschiedene Erfahrungsebenen der Lebenswirklichkeit (religiöse, kulturelle und kommerzielle) überlagern, zu denen die einzelnen Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichem Maß Zugänge haben (vgl. Benz, 2014 505).

1. Elementare Erfahrungen

Wohl kein anderer biblischer Text ist im kulturellen Gedächtnis unserer Gesellschaft so präsent wie die Geburtsgeschichten Jesu nach Lukas (1-2) und Matthäus (1-2), die alle Jahre wieder als „Weihnachtsgeschichten“ aktuell werden. Das Weihnachtsfest ist das populärste Fest des Kirchenjahres und mit vielen Bräuchen und Traditionen tief in der Gesellschaft verwurzelt, auch bei nicht christlich geprägten Familien. Die „Weihnachtsgeschichte“ ist daher aus Erzählungen, Darstellungen und Inszenierungen fast allen Schülerinnen und Schülern vertraut, wobei hier jedoch verschiedene biblische Texte miteinander verschmolzen sind (vgl. Lütze, 2018, 239f.). In Krippendarstellungen werden Elemente aus den Geburtsgeschichten der beiden Evangelien miteinander kombiniert (Hirten und „Könige“) und durch Ochse und Esel aus Jes 1,3 ergänzt. Dabei steht die oft dargestellte Idylle des Geschehens mit der ursprünglichen Situation in Spannung. In Krippenfeiern werden häufig Elemente ohne Anhalt im biblischen Text ausgestaltet, die bei Kindern großen Eindruck hinterlassen, z.B. die verzweifelte Herbergssuche Josefs und Marias. Aus den Sterndeutern bei Matthäus sind die „heiligen drei Könige“ geworden, die durch den Brauch der Sternsinger vielen Schülerinnen und Schülern aus eigener Erfahrung vertraut sind.

Weihnachten findet heute weniger in der Kirche, sondern vor allem im Raum der Familie statt, auch wieder bei vielen Jugendlichen. Dabei tritt aber die Geburt Jesu zugunsten einer von Stimmungen geprägten „Festreligion“ zurück. Die Popularität des Weihnachtsfestes mit Lichtern, Liedern, der Krippe und Geschenken spiegelt die Sehnsucht nach persönlicher Erfahrung der Nähe und Zuwendung Gottes sowie allgemein nach Geborgenheit, Heil und Frieden (vgl. Morgenroth, 2002, 11f.; Harz, 2005, 28). Die Advents- und Weihnachtszeit bietet so einen guten Anlass, das Potential der Geburtsgeschichten als verdichtete Christusverkündigung lebendig werden zu lassen (vgl. Strube, 2018, 161).

2. Elementare Strukturen

Erzählungen über Geburt und Kindheit Jesu finden sich nur in den Evangelien nach Matthäus (1,18-2,23) und Lukas (1,5-2,52), die sowohl im hellenistisch-römischen Kulturkreis als auch in der alttestamentlich-jüdischen Tradition verwurzelt sind. Gemäß dem biblischen Verständnis einer Anfangserzählung als Wesenserzählung, soll die aussagekräftige Vorgeschichte die Besonderheit Jesu von Anfang an ausweisen (vgl. Poplutz, 2016, 17). Auch in der griechisch-römischen Kultur zeigen Geburtsgeschichten programmatisch die spätere Bedeutung des Helden auf (vgl. Schreiber, 2009, 17). Die Geburtsgeschichten Jesu greifen prophetische Verheißungen auf und sind erst im Rahmen der alttestamentlich-jüdischen Messiaserwartung verständlich.

Auch spätere apokryphe Evangelien erzählen von Geburt und Kindheit Jesu, wobei vor allem das Kindheitsevangelium des Thomas und das Protoevangelium des Jakobus in der Volksfrömmigkeit eine breite Wirkung entfaltet haben.

2.1. Zentrale Motive der Geburtsgeschichten

2.1.1. Jungfrauengeburt und Gottessohnschaft Jesu

Erzählungen wunderbarer Geburten, die die Geburt auf Gottes Eingreifen zurückführen, finden sich mehrfach im AT, um die Besonderheit der Personen herauszustellen (z.B. Isaak: Gen 17-21, Samuel: 1Sam 1). Die Geburt Jesu unterscheidet sich davon grundlegend durch seine Zeugung durch den heiligen Geist und die Darstellung Marias als Jungfrau.

Diese Charakterisierung Marias greift die Verheißung Jesajas an König Ahas auf (Jes 7,14; vgl. Mt 1,23; Lk 1,27), aber in der interpretierenden Version der Septuaginta, die das hebräische Nomen alma für die geschlechtsreife „junge Frau“ (mit Bezug auf eine noch kinderlose Frau des Königs) mit parthénos, „Jungfrau“ übersetzt und die Schwangerschaft zum zukünftigen Ereignis macht. Hier zeigen sich Einflüsse der hellenistischen Umwelt sowie alttestamentlicher Traditionen. In der hellenistischen Kultur ist die göttliche Vaterschaft berühmter Helden oder Herrscher eine gebräuchliche Vorstellung, z.B. bei Herakles, Alexander dem Großen oder Augustus; auch das endzeitliche Heil wurde mit der wunderbaren Geburt eines göttlichen Kindes aus einer Jungfrau verbunden. Dies fand Eingang in zeitgenössische jüdische Theologie (vgl. Günther, 2010, 42-43; Schreiber, 2010, 18f.). Im AT ist „Sohn Gottes“ eine Metapher für die auf Erwählung bzw. „Adoption“ gründende einzigartige Gottesbeziehung des Königs, die seine Herrschaft im Auftrag und als Stellvertreter Gottes legitimierte (vgl. 2Sam 7,14; Ps 2,7;89,28; vgl. Kügler, 2010, 27f.). Mt und Lk griffen diese Überlieferungen auf, um den Ursprung Jesu in Gott zu illustrieren und ihn als den verheißenen Heilsbringer herauszustellen (vgl. Kügler, 2010, 29), dessen Herkunft sich (im Unterschied zu griechisch-römischen Zeugungsvorstellungen) dem Geist, der schöpferischen Kraft Gottes verdankt (vgl. Mt, 1,18; Lk 1,35).

Die Prädikation „Sohn Gottes“ ist eines der ältesten christlichen Bekenntnisse, das in den Texten des NT eine Entwicklung durchläuft: Von der Auferstehung an bei Paulus (Röm 1,3f.) über Jesu Erwählung bei seiner Taufe (Mk 1,11) zum Beginn seines Lebens bei Matthäus und Lukas und in der weiteren Entwicklung seit Anbeginn der Welt (vgl. Joh 1,1-18; Phil 2,6-11; vgl. Strube, 2018, 164.)

2.1.2. Davidsohnschaft Jesu und Geburt in Betlehem

Unter den bedrückenden Verhältnissen des ersten Jahrhunderts gewann die Erwartung eines königlichen, machtvollen Messias aus dem Königsgeschlecht Davids, der als bevollmächtigter Repräsentant Gottes dessen Herrschaft in der Welt aufrichtet, an Intensität (vgl. Schreiber, 2010, 24). Um Jesus als diesen auszuweisen, betonen Mt und Lk seine davidische Herkunft (Mt 1,6-17.26; Lk 1,27;2,4) und beschreiben seine Geburt in Betlehem, das in einer Verheißung des Propheten Micha als Geburtsort eines künftigen Herrschers über Israel genannt wird (Mi 5,1; vgl. Mt 2,5-6). Jesu Geburt in Betlehem ist so eine theologische Aussage. In allen vier Evangelien ist Nazaret die Heimat Jesu (vgl. bes. Joh 7,41f.).

2.2. Die Geburtsgeschichte nach Matthäus (Mt 1,18 - 2,23)

2.2.1. Leitlinien der Geburtsgeschichte

Matthäus stellt der Geburtsgeschichte eine programmatische Überschrift und einen „Stammbaum“ Jesu voraus (1,1-17). Hier bindet er Jesus als „Sohn Davids“ und „Sohn Abrahams“ (1,1) an die Überlieferung Israels an und stellt ihn als Ziel der göttlichen Heilsgeschichte von Abraham an heraus.

In allen drei Episoden der Geburtsgeschichte (Geburtsankündigung an Josef: 1,18-25, Huldigung der Magier: 2,1-12, Flucht nach Ägypten/Kindermord in Betlehem 2,13-23) ist Gott der wahre Handelnde: Er ergreift die Initiative und lenkt das Geschehen nach seinem Plan, indem er die Akteure durch Offenbarungen im Traum steuert. Die mehrfachen Schriftzitate (1,22f.;2,6;2,15;2,17f.;2,23) wollen belegen, wie sich in allen Einzelheiten des Geschehens der in den Schriften der Propheten angekündigte Heilsplan Gottes verwirklicht.

Der Geburtsankündigung Jesu durch den Engel des Herrn (Mt 1,20-23) geht es um die Deutung des Wesens Jesu. Seine Entstehung durch den Geist illustriert, dass Jesus sich ganz der Initiative Gottes verdankt (1,20; vgl. 1,16). Durch die Namensgebung wird er rechtlich der Sohn Josefs (1,25; vgl. Konradt, 2014, 31;35). Theologisch bedeutsam sind auch die Namen: „Jesus“ wird mit der Rettung Israels von seinen Sünden erklärt, was nach jüdischem Verständnis allein Gott zusteht (1,21; vgl. Ps 129,8; Mk 2,7); „Immanuel“, „Gott ist mit uns“ (1,23), als Erfüllung der Schriftpassage Jes 7,14, illustriert, dass in Jesus Gott gegenwärtig ist; das Motiv des Mitseins wird in der Zusage des Auferstandenen aufgegriffen (28,20).

2.2.2. Huldigung der Magier (2,1-12)

Im Zentrum der Komposition steht das Auftreten der Magier (magoi), Vertreter der orientalischen Wissenschaftselite, die sich durch den Stern von Gott führen lassen und als erste Jesus verehren (2,1-12). Matthäus betont den Kontrast zwischen ihnen als Vertretern der Völker, die sich Gottes Führung überlassen und Jesus Verehrung erweisen, einerseits und Herodes und den Jerusalemer Autoritäten als Repräsentanten der Führungsspitze des Volkes andererseits, die die Schriften der Propheten kennen, jedoch nicht zu dem Kind finden und heimtückisch dessen Beseitigung anstreben (vgl. Böttrich, 2001, 47). Er zeigt auf, dass nicht Herodes in Jerusalem der wahre König ist, sondern das unscheinbare Jesuskind in der Davidsstadt. Das Schriftzitat (Mt 2,6; vgl. Mi 5,1; 2 Sam 5,2) verweist auf die Rolle des davidischen Messias als messianischer Hirt seines Volkes (vgl. Konradt, 2014, 41; Poplutz, 2016, 23). Der Stern, der die Magier zu Jesus führt, evoziert die Verheißung des Propheten Bileam eines machtvollen Herrschers, der metaphorisch „ein Stern aus Jakob und ein Zepter aus Israel“ (Num 24,17) genannt wird, und die im Frühjudentum messianisch gedeutet wurde (vgl. z.B. 4Q 175). Ein Stern begegnet auch in der Literatur der Antike bei der Geburt herausragender Personen sowie auf Münzen römischer wie jüdischer Herrscher über deren Kopf (vgl. Konradt, 2014, 42).

Die Proskynese, die kniefällige Verehrung der Magier vor Jesus stellt ihn als Herrscher heraus, dem entsprechend die kostbarsten Geschenke dargebracht werden. Diese verweisen auf Jesu Königswürde (Gold) und seine göttliche Würde (Weihrauch) sowie auf seinen Tod (Myrrhe zur Totensalbung). Auch der Titel „König der Juden“ und das Erschrecken von „ganz Jerusalem“ weisen auf Jesu Kreuzigung als „König der Juden“ voraus (Mt 27,11.29.37). Zudem klingt das Motiv der Völkerwallfahrt zum Zion an (Jes 2,1-5; Mi 4,2-4; Jes 60,3; vgl. Mt 8,11) und damit die Integration der Heidenvölker in das Heil Israels.

2.2.3. Bedrohung und Errettung des Kindes (2,13-23)

Die Bedrohung des Kindes und seine durch Gottes Eingreifen erfolgte Rettung ist ein gebräuchliches Motiv in der hellenistischen wie jüdischen Literatur, so bei Romulus, Nero, Kyros sowie bei Abraham in späteren jüdischen Legenden (vgl. Kaiser, 2010, 42f.; Kügler, 2010, 29). Besonders enge Verbindungen gibt es zur Erzählung von der Gefährdung und Rettung des kleinen Mose (Ex 2,1-10), der später im Auftrag Gottes das Volk aus der Unterdrückung in Ägypten herausführte, und ihrer frühjüdischen Auslegung (vgl. Josephus, Ant 2,205-237). Durch das Zitat aus Hos 11,1 verbindet Mt das Geschick Jesu, der hier erstmals Sohn Gottes genannt wird, explizit mit der Exoduserfahrung Israels (2,15).

2.3. Die Geburtsgeschichte nach Lukas (Lk 1 - 2)

2.3.1. Komposition der Kindheitsgeschichte (Lk 1 - 2)

Lukas parallelisiert die Geburtsgeschichten Johannes des Täufers und Jesu miteinander, indem sich die verschiedenen Szenen beider Erzählstränge abwechseln (kompositionelles Diptychon). Die Dominanz liegt dabei eindeutig auf Jesus, dessen Geburt durch zwei Loblieder (Engel: 2,10-14; Simeon: 29-32), seine Darstellung im Tempel (2,22-40) und die Episode vom Zwölfjährigen im Tempel (2,41-52) erweitert wird. Johannes wird als Vorläufer Jesu präsentiert (vor allem im Loblied des Zacharias: 1,68-79). Die beiden Erzählstränge werden im Zentrum der Komposition narrativ verbunden durch die Begegnung der beiden schwangeren Frauen mit dem Loblied Marias (Magnifikat: 1,46-55). Dieses und die weiteren hymnische Lieder deuten in der Tradition des AT theologisch das Geschehen (vgl. Wolter, 2009, 99f.). Sie geben prophetische Voraussagen über die heilsgeschichtliche Bedeutung Jesu als Erfüllung der Verheißungen Gottes an die Erzväter, seiner Königsherrschaft und der des Messias mit universaler Befreiung von Unterdrückung. Das Lied Simeons formuliert erstmals explizit die universale Perspektive, indem sich das Heil für Israel für „alle Völker“ weitet (2,30-32). Die historische Verankerung in der Zeit des Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus zeigt die Verwobenheit der Heilsgeschichte in die von der römischen Weltherrschaft geprägte konkrete Geschichte.

2.3.2. Geburtsankündigung an Maria

Die Geburtsankündigungen Johannes des Täufers und Jesu illustrieren den allein von Gott initiierten Neuanfang und stellen zugleich die theologische Vorrangstellung Jesu heraus. Dies zeigen seine Entstehung durch den Heiligen Geist und die messianologische Prädikationen „Sohn des Höchsten“, „Thron seines Vaters David“, „König über das Haus Jakob in Ewigkeit“ (1,32f.), die die Ausübung der eschatologischen Königsherrschaft Gottes evozieren (vgl. 2Sam 7,12-16). Das Überschattetwerden Marias durch „die Kraft des Höchsten“ (1,35) verweist auf das von der Wolke der Gegenwart Gottes überschattete Offenbarungszelt am Sinai (Ex 40,35) und symbolisiert die dynamische Manifestation des Heilswirkens Gottes (vgl. Wolter, 2009, 91.93). Entsprechend wird Maria, anders als der angesehene Priester Zacharias, als vorbildliche Hörerin des Wortes Gottes charakterisiert (vgl. Venetz, 2006, 34f.). Ihre Selbstbezeichnung als „Magd des Herrn“ (Lk 1,38) ist das weibliche Pendant zum Ehrentitel „Knecht Gottes“, der im AT die Erwählung durch Gott und die besondere Gottesnähe zum Ausdruck bringt (z.B. Jes 42,1).

2.3.3. Magnifikat (Lk 1,46-56)

Die Begegnung Marias mit Elisabet mündet in ein Loblied auf Gott, der sich in Jesu Geburt gemäß seiner Verheißung seinem Volk heilsentscheidend neu zuwendet (1,54f.). Das impliziert die universale Umkehrung sozialer Verhältnisse, indem Gott die gottlosen Machthaber stürzt und die erniedrigten Armen ins Recht setzt (Lk 1,52-53). Das Magnifikat ist ein politisches Programm in der Tradition der Propheten, die die Parteinahme Gottes für die Unterdrückten und Marginalisierten proklamieren (vgl. auch 1 Sam 2,1-10). Es nimmt verdichtet die Reich-Gottes-Verkündigung Jesu mit der Umkehrung der Maßstäbe und seine Hinwendung zu Kranken und Deklassierten vorweg und ist eine thematische Leitlinie des Lukasevangeliums (vgl. z.B. Lk 6; vgl. Wolter, 2009, 103).

2.3.4. Geburt Jesu und Verkündigung der Engel

Den erzählerischen Höhepunkt bildet die Episode Lk 2,1-20. Indem Lukas diese mit einer – in anderen Quellen nicht belegten – reichsweiten Steuerschätzung auf Geheiß des Kaisers Augustus eröffnet (2,1), stellt er einen direkten Konnex zwischen diesem und Jesus her und signalisiert die weltpolitische Bedeutung des Geschehens (vgl. Schreiber, 2010, 25). Zugleich dient die Maßnahme dazu, die Geburt Jesu in Betlehem, der Stadt Davids, zu lokalisieren.

Der wahren Hoheit Jesu als „Sohn Davids“ setzt Lukas kontrastiv die Niedrigkeit seiner Geburt entgegen und erweitert so die traditionelle Messiasvorstellung. Entsprechend sind sozial niedrigstehende und marginalisierte Hirten die ersten Adressaten der frohen Botschaft, analog zur Zuwendung Jesu zu Unterdrückten und Marginalisierten. Zugleich assoziieren die Hirten David, der in Betlehem die Schafe hütete, aber von Gott erwählt und durch Samuel zum König gesalbt wurde (1 Sam 16). Die Reaktion der Hirten auf die Engelsbotschaft zeichnet sie als Glaubensvorbilder, da sie die Botschaft als Wort Gottes erkennen, sich auf den Weg machen, die äußerlich unscheinbare Wirklichkeit entsprechend der göttlichen Botschaft deuten, Gott preisen und das Evangelium verkünden.

Die Engelsverkündigung an die Hirten (2,10-14) erkennt Jesus Hoheitstitel zu, die dem römischen Kaiser vorbehalten waren: „Herr“/Kyrios, „Christus“, „Retter“. Die Proklamation universalen „Friedens auf Erden“ für alle Menschen (2,14) ist ein überbietender Gegenpol zur römischen Pax Augusta, die für die Provinzen militärische Gewalt, Unterdrückung und ökonomische Ausbeutung implizierte. Sie stellt der Propaganda von Kaiser Augustus als Bringer des „Goldenen Zeitalters“ und „Gott“ den machtlos in einer entlegenen Provinz geborenen Jesus als den wahren „Retter“ entgegen (vgl. Schreiber, 2010, 24f.).

Die Prädikationen Jesu greifen zugleich alttestamentliche Traditionen auf. „Retter“ evoziert Rettergestalten (z.B. Ri 3,9; Saul: 1Sam 10: LXX) und wird mehrfach für Gott selbst gebraucht. „Christus“ greift die messianische Hoffnung der Heilszeit auf (vgl. Jes 9;11); „Herr“ (kyrios) ist die jüdische Umschreibung des Gottesnamens (bzw. die Übersetzung von „JHWH“ in der LXX).

2.4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden Geburtsgeschichten

2.4.1. Gemeinsamkeiten

Gemeinsamkeiten zwischen Mt 1,18-2,23 und Lk 1,5-2,40 sind „christologische Basismotive“ (vgl. Konrad, 2014, 33). Maria ist die Verlobte Josefs und vom Heiligen Geist schwanger, womit das Motiv der Jungfrauengeburt und der Gottessohnschaft Jesu verbunden ist. Die Ankündigung erfolgt durch einen Engel, der den Namen des Kindes kundtut. Jesus ist Nachkomme Davids und der Messias, was durch den Geburtsort Betlehem unterstrichen wird.

2.4.2. Unterschiede

Matthäus und Lukas gestalten die zentralen christologischen Motive in unterschiedlichen Erzählungen mit je eigenen theologischen Akzenten aus.

Nach Matthäus erfolgt die Geburtsankündigung durch einen Engel an Josef, bei Lukas an Maria. Nach ihm wohnen Maria und Josef in Nazaret und gehen erst aufgrund des kaiserlichen Erlasses nach Betlehem, das nach Matthäus der ursprüngliche Wohnort der Familie ist.

Lukas illustriert die heilsgeschichtliche Bedeutung der Geburt Jesu durch die Parallelisierung seiner Geburtsgeschichte mit der des Johannes und durch hymnische prophetische Lieder. Matthäus deutet das Geschehen durch Erfüllungszitate im Einklang mit der Schrift und verweist durch die Flucht nach Ägypten und den Kindermord des Herodes auf die zentrale Rettungserfahrung Israels, den Exodus aus Ägypten. Er zeichnet Jesus als „König der Juden“ in Opposition zu König Herodes, wogegen Lukas ihn als „Retter“ und „Herr“ als Kontrastfigur zu Kaiser Augustus darstellt. Während bei ihm sozial niedrige Hirten die Erstadressaten der frohen Botschaft sind, was wie das Magnifikat die besondere Zuwendung Gottes zu Armen und Deklassierten verdeutlicht, sind es bei Matthäus Magier „vom Osten“, was auf die Öffnung für Nichtjuden verweist.

3. Elementare Wahrheiten

Aufgrund der großen Popularität des Weihnachtsfestes bei immer geringerer Verwurzelung in der christlichen Tradition ist der Frage nach der existentiellen Relevanz der Geburtsgeschichten Jesu im eigenen Leben nachzugehen. Diese wollen als narrative Christologie, als „Evangelium in Kurzfassung“ (Böttrich, 2001, 45) die zentrale Bedeutung Jesu für die Menschen herausstellen und das Bekenntnis zu ihm als dem verheißenen Messias bestätigen, veranschaulichen und entfalten. Beide Evangelisten zeigen auf, dass mit der Geburt Jesu das Heil schaffende Wirken Gottes für alle Menschen, auch außerhalb der Norm, erfahrbar ist. Sie stellen die heilvolle Herrschaft Gottes als Kontrastgesellschaft zu den Gewaltherrschaften der Welt dar, die durch Herodes (Mt) bzw. Augustus (Lk) repräsentiert werden, und stellen so aktuelle Gesellschaftshierarchie und Machtpolitik in Frage (vgl. Strube, 2018, 163). Sie zeigen, dass Gott ganz Mensch geworden ist, um die Sehnsucht der Menschen nach Befreiung von Unterdrückung, nach Frieden und Heil zu erfüllen und geben so Perspektiven für eine neue Orientierung in der Welt zum gemeinsamen guten Leben (vgl. Schobert, 2010, 93). Indem sie illustrieren, dass Gott in Jesus auf die Sehnsucht nach Anerkennung und sozialer Gerechtigkeit eingeht, können sie Schüler und Schülerinnen anregen, analogen Erfahrungen in ihrem Leben nachzuspüren und darauf zu vertrauen, dass Gott sie in ihren ambivalenten Lebenssituationen wahrnimmt, was neue Hoffnungsperspektiven grundlegen kann.

Lukas, dessen Gemeinde innerhalb des Imperium Romanum ihren Ort finden musste, stellt Jesus aus nachösterlicher Perspektive als wahren Retter der Welt vor Augen, dessen ewige Herrschaft universales Heil und Frieden impliziert und sich so grundlegend von der irdischer Machthaber unterscheidet (vgl. Schreiber, 2010, 25; Dormeyer, 2018, 195). Durch die Betonung der Zuwendung Gottes zu sozial Deklassierten, die dem Kern der Verkündigung und des Wirkens Jesu entspricht, kann Lukas auch heute Menschen in Unterdrückung und auf der Schattenseite des Lebens ermutigen und ihnen eine Hoffnungsperspektive geben. Zugleich regt er dazu an, Macht- und Unrechtstrukturen zu hinterfragen und sich für die Verwirklichung von Frieden und sozialer Gerechtigkeit einzusetzen.

Matthäus stellt für seine im Judentum verwurzelten Adressaten Jesus als den von den Propheten verheißenen davidischen Messias, Friedensfürst und guten Hirten dar (vgl. Mt 2,6). Indem er betont, dass in Jesus Gott selbst erfahrbar wird („Immanuel“: 1,23), und das bleibende Mitseins des Auferstandenen (28,19) verheißt, zeigt er die zentrale Bedeutsamkeit Jesu für das Gelingen des Lebens auf. Er stellt die Magier, Repräsentanten der Völker, als Identifikationsfiguren den Repräsentanten der religiösen und politischen Führung in Jerusalem mit ihrer Ablehnung Jesu entgegen und will dazu ermutigen, sich wie diese im Vertrauen auf Gottes Führung auf neue Sichtweisen und Wege einzulassen. Zugleich regt er dazu an, religiöse und ethnische Grenzen zu überwinden und sich für Fremde zu öffnen, die sich auf die Botschaft Gottes einlassen.Die Erzählungen konfrontieren Menschen aller Zeiten mit der Frage, wie sie zu Jesus stehen. Sie regen dazu an, nachzuspüren, was es für uns bedeutet, wenn wir Jesus als „Sohn Gottes“ bekennen und dem nachzugehen, was es bedeutet, dass Gott sich in Jesu Geburt voll und ganz mit den Menschen solidarisiert hat. Damit können so eine tiefere Gottesbeziehung eröffnen. Zugleich stellen sie vor die kognitive Herausforderung, den zentralen Glaubenssatz, dass Gott schon immer da ist, damit zu verbinden, dass er zugleich als Mensch wieder neu „geboren“ wird. Sie geben Impulse, der „Geburt“ Gottes im eigenen Leben nachzugehen, auch wenn dies für heutige, naturwissenschaftlich geprägte Menschen ein eher befremdlicher Gedanke ist. Es geht darum, diese Aussage metaphorisch zu verstehen. Gott kommt zu uns, noch bevor wir uns zu ihm auf den Weg machen. Menschen haben in der Begegnung mit Jesus erfahren, dass Gott in ihm ganz präsent ist. Wenn wir ernst nehmen, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist, kann uns dies zu mehr Menschlichkeit anspornen; es kann die eigene Selbstwahrnehmung sowie die Sicht auf die Mitmenschen und den Umgang mit ihnen ändern.

4. Elementare Zugänge

Trotz der Beliebtheit des Weihnachtsfestes haben Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer unterschiedlichen religiösen Sozialisation eine sehr heterogene Kenntnis seines christlichen Hintergrunds. Viele nehmen den religiösen Ursprung zahlreicher Weihnachtsbräuche nicht mehr wahr (vgl. Benz, 2014, 505). Der Religionsunterricht hat die Aufgabe, die Weihnachtssymbole anhand der Beschäftigung mit den Texten mit biblisch-theologischen Aspekten zu verbinden. Eine Schwierigkeit könnte darin liegen, dass die Schüler und Schülerinnen aufgrund der (vermeintlich) großen Bekanntheit der Weihnachtsgeschichte wenig motiviert sind, sich nochmals intensiv mit ihr zu beschäftigen.

Bei Schülerinnen und Schülern der Grundschule gehört die Geburtsgeschichte Jesu zu den beliebtesten Erzählungen der Bibel. In Spannung zur inhaltlichen Bekanntheit erkennen viele Kinder und Jugendliche aber keinen Bezug der Geschichte zu ihrem Leben (vgl. Hanisch/Bucher, 2002, 109; Lütze, 2018, 240). Dies erfordert, ihre Inhalte mit der Lebens- und Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler zu verbinden, um ihnen zu ermöglichen, darüber nachzudenken, inwieweit sie für ihr Leben relevant sein kann. Vor allem in der Kindheitsgeschichte des Lukas finden sich Berührungspunkte zu existentiell bedeutsamen Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler, so z.B. die Bewertung nach sozialem Status, Ausgrenzung und Sehnsucht nach Anerkennung. Hier kann die Erzählung mit den Hirten als Identifikationsfiguren und dem Magnifikat als Gegenstimme eingebracht werden.

Da der realistische Erzählstil der Geburtsgeschichten die Gefahr eines historischen Missverstehens bedingt, geht es darum, den Schülerinnen und Schülern die Erkenntnis zu ermöglichen, dass die Geschichten als erzählte Theologie zentrale Aussagen über das Wesen Jesu und seine Bedeutung für die Menschen vermitteln. Insbesondere Grundschulkinder, die Sachverhalte in spezifisch anderer Weise als Erwachsene rezipieren, verstehen Geschichten meist wörtlich, anders als nach bibelwissenschaftlichen Erkenntnissen und binden die theologische Wahrheit einer Geschichte an ihre historische Wahrheit. Allerdings finden sich bei Laien wie bei wissenschaftlichen Exegeten mehrere Lesarten. Zudem entwickeln Kindern bereichsspezifische Fähigkeiten, wobei neben dem kognitiven Entwicklungsstand auch die religiöse Sozialisation und familiäre Bildung und Einstellungen großen Einfluss auf die Bereitschaft und die Fähigkeit haben, sich mit biblischen Texten auseinanderzusetzen. Studien zur Kindertheologie belegen, „dass Kinder schon in einem sehr frühen Alter fähig sind, Glaubensbilder und Metaphern zu produzieren und theologische Einsichten zu formulieren“ (Büttner/Schreiner, 2006, 7; vgl. Schlag, 2018, 13f.).

Dies legt im Unterricht ein konstruktivistisch orientiertes Vorgehen nahe, das die Deutungen der Kinder ernst nimmt und miteinander ins Gespräch bringt, um weiterführende theologische Reflexionsprozesse zu fördern. Dabei ist die Prägung der Wahrnehmung durch Krippenfeiern, Weihnachtslieder etc. als Rezeptionskontext der Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen. Zugleich ist ihnen Raum zu geben, nachzuspüren und ins Gespräch einzubringen, welche Botschaft der Weihnachtsgeschichte für sie in ihrem Leben bedeutsam ist (z.B. etwas Kleines kann Großes bewirken),

Eine Herausforderung für kindliche Konstruktionsleistung ist es, die Figuren Jesuskind, Christkind und Weihnachtsmann voneinander abzugrenzen. Hier können eine tiefere Betrachtung der Geschichten und weiterführende Impulse ein angemessenes Verständnis ermöglichen (vgl. Benz, 2014, 507). Da für viele Kinder historisch-kritische Zugänge eine kognitive Überforderung darstellen, bietet es sich an, sie durch eine Rahmenerzählung mit Identifikationsangeboten in die Lebenssituation der Menschen unter römischer Herrschaft einzuführen.

Eine kognitive Herausforderung für Schülerinnen und Schüler ist die Rede von Jesus als Sohn Gottes. Hier ist bedeutsam, dass sich an verschiedenen Stellen des NT unterschiedliche theologische Vorstellungen von Gottessohnschaft finden, die im Unterricht zur Sprache gebracht werden können. Dies kann die Erkenntnis auslösen, dass „Sohn Gottes“ eine Metapher ist, die auf verschiedene Weise gefüllt werden kann. Die „Jungfrauengeburt“ birgt gerade bei Jugendlichen, die von einem naturwissenschaftlichen Verständnis geprägt sind und bei denen die eigene Sexualität an Bedeutung gewinnt, die Gefahr, dass die biblische Geschichte insgesamt als unglaubwürdig angesehen wird. Wichtig ist, dass ihre Vorbehalte zur Sprache kommen und mit Hilfe weiterer Texte diskutiert werden, damit ihnen bewusst werden kann, dass dies keine biologische Aussage über Maria, sondern eine metaphorische Wesensaussage über Jesus darstellt.

5. Elementare Lernwege

Um durch gängige Krippendarstellungen geförderte Fehlverknüpfungen aufzulösen, ist zwischen den unterschiedlichen Erzählsträngen bei Lukas und Matthäus zu differenzieren. Beide Geburtsgeschichten sind theologisch fundiert zu erschließen, evtl. in „Forscherteams“, und mit gängigen Darstellungen in Krippenspielen, Weihnachtsliedern und Brauchtum (z.B. Sternsinger) zu vergleichen, was überraschende Entdeckungen auslösen kann. Durch den Vergleich beider Geburtsgeschichten kann den Schülerinnen und Schülern deutlich werden, dass es jeweils darum geht, zentrale Aussagen über Jesus plastisch darzustellen. Ziel ist, dass sie erkennen, dass es sich lohnt, über die Geschichten nachzudenken und Bezüge zu ihrem eigenen Leben zu entdecken.

5.1. Die Geburtsgeschichte nach Lukas (Lk 1 - 2)

5.1.1. Symboldidaktische Erschließung

Entsprechend den vielen Lichtern in der Weihnachtszeit ermöglicht eine Annäherung über die Licht-Dunkel-Symbolik (→ Symboldidaktik), die Erzählung mit Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler zu verbinden. Den Ausgangspunkt bilden ihre Erfahrungen von Licht und Dunkelheit, die sie auf vielfältige Weise zur Sprache bringen, z.B. in Mind-Maps, Collagen, Standbildern, graphischem Gestalten etc. Darauf aufbauend können sie ihre eigenen Utopien einer licht- und heilvollen Welt entwerfen (vgl. Schobert, 2010, 92). Weiterführend gehen die Schülerinnen und Schüler der Frage nach, was die Verkündigung der Engel an die Hirten mit ihren Licht-Dunkel-Erfahrungen zu tun hat, und können diese so als Licht in der Dunkelheit für die Hirten erschließen. Ergänzend können Bilder eingesetzt werden, z.B. vom Jesuskind in der Krippe, von dem Licht ausgeht (z.B. von Rembrandt), die die Schüler zu Vermutungen anregen. Vertiefend kann die Engelsbotschaft mit der Friedensutopie Jes 9,1-6 in Beziehung gesetzt werden.

Wichtig ist es, durch theologische Gespräche tiefergehende Denkprozesse anzuregen (→ Kindertheologie) und der Frage nachzugehen, wie Jesus Licht ins Leben vieler Menschen gebracht hat (vgl. Benz, 2014, 511f.). Dabei sollte Vorwissen der Schülerinnen und Schüler über Begegnungen des erwachsenen Jesus mit Menschen aktiviert werden, woraus weitere theologische Gespräche entstehen können.

5.1.2. Durch Identifikationsangebote die Relevanz erfahrbar machen

Wie in der Erzählung sollte im Unterricht der Fokus auf der Engelsbotschaft an die Hirten liegen. Die soziale Situation der Hirten zurzeit Jesu als arme und oft verachtete Bevölkerungsgruppe kann herausgearbeitet und mit Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler von mangelnder Wertschätzung, Ausgrenzung oder Ablehnung verbunden werden. Dazu bietet es sich an, dass die Schülerinnen und Schüler die Erzählung aus der Perspektive der Hirten wahrnehmen und nachspüren, welche Gefühle und Gedanken diese bei ihnen auslöst. Weiter kann der Frage nachgegangen werden, was diese Botschaft für heutige Menschen auf der Schattenseite des Lebens bedeutet.

In der Sekundarstufe ist es lohnend, den gesellschaftskritischen Aspekt zu verstärken und das Magnifikat als Befreiungslied zu aktualisieren, d.h. es in Kontexte zu übersetzen, in denen Menschen heute unterdrückt sind. Die Erkenntnis, dass Gott auf der Seite der Armen und Unterdrückten steht und ihnen Kraft gibt, sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren, kann in einen Austausch darüber münden, auf welche Weise dies heute geschehen kann und zum Engagement für soziale Gerechtigkeit anregen.

5.1.3. Die Erzählung vom Wirken Jesu her erschließen

Die Engelsbotschaft mit den zentralen theologischen Prädikaten Jesu mündet in die Frage, inwiefern Jesus „Retter“ und „Messias“ ist. Dabei ist es wichtig, an heilvolle Erfahrungen anzuknüpfen, die Menschen mit Jesus gemacht haben: Kranke, Behinderte und als Sünder Stigmatisierte, Jesu Mahlgemeinschaften und seine Reich Gottes-Verkündigung, dass Gott das Heil aller Menschen will. Es ist sinnvoll, die Weihnachtsgeschichte nicht isoliert als Fest im Kirchenjahr zu behandeln, sondern zunächst die Jesu Reich Gottes-Botschaft und Wirken zur Sprache zu bringen und im Anschluss daran die Geburtsgeschichte als Verdichtung und Vertiefung von Jesu Botschaft und Heilswirken einzubringen.

5.1.4. Die Erzählung in den historischen Kontext einordnen

Wenn die Schülerinnen und Schüler zu einem historisch-kritischen Verständnis in der Lage sind, kann die Geburtsgeschichte als Gegenentwurf zur Herrscherpropaganda der römischen Kaiser herausgearbeitet werden. Dabei gibt das Einbeziehen weiterer Texte und Materialien nähere Aufschlüsse, z.B. die Kalenderinschrift von Priene über Kaiser Augustus im Vergleich mit der Engelsbotschaft. Die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Intention Lukas durch seine Gestaltung verfolgte, kann zur Erkenntnis führen, dass er Jesus entgegen dem Augenschein als wahren Retter und Herrn herausstellen will. Dazu können weitere Bibeltexte aus dem Neuen wie Alten Testament einbezogen werden.

5.2. Die Geburtsgeschichte nach Matthäus (Mt 1 - 2)

5.2.1. Verbindung mit dem Brauch des Schenkens

Ein Zugang für Kinder der Primarstufe ist die Frage, was Weihnachten mit Geschenken zu tun hat. Hier werden die Geschenke der Sterndeuter zur Sprache kommen; wichtig ist aber, dies theologisch zu vertiefen, z.B. indem die Schülerinnen und Schüler überlegen, wie es ist, Jesus als Geschenk Gottes anzusehen. Dies kann mit der Frage verbunden werden, inwieweit Jesus die Menschen beschenkte, wobei Erzählungen aus dem Leben Jesu einzubeziehen sind (vgl. Benz, 2014, 509;511).

5.2.2. Symboldidaktische Erschließung

Möglich ist ein Zugang über das Symbol „Stern“, ausgehend von Assoziationen der Schülerinnen und Schüler, die ihnen bewusst machen kann, dass ein Stern vielfältige Konnotationen besitzt und metaphorisch verstanden werden kann. Mit Bezug auf die Bileamverheißung in Num 24,17 forschen sie nach, welche Bedeutung der Stern in der Geschichte haben könnte. Ergänzend können Abbildungen zeitgenössischer Münzen einbezogen werden, auf denen die Köpfe von Herrschern mit einem Stern darüber dargestellt sind und dies zur Geschichte in Beziehung gesetzt werden. Weiter denken die Schülerinnen und Schüler darüber nach, was die Führung der Magier durch den Stern für sie heute bedeuten könnte.

5.2.3. Jesus als Gegenfigur zu König Herodes

Ausgehend von der Frage, warum König Herodes Jesus töten wollte, können beide einander gegenübergestellt werden. Falls der Kindermord thematisiert wird, sollte der Fokus auf der Rettung Jesu liegen. Es bietet sich an, dass die Kinder die Perspektive armer und behinderter Menschen einnehmen und aus dieser Position das Verhalten König Herodes‘ sowie Jesu wahrnehmen, wobei auf das Wirken und die Reich Gottes-Botschaft des erwachsenen Jesus zurückgegriffen werden sollte. Dabei können sie Jesus – im Unterschied zum „schlechten König“ Herodes, der sich nicht um die Bedürfnisse der Menschen kümmerte – als „guten König“ erkennen (vgl. Buck, 2004, 67; Benz, 2014, 510f.).

5.3. Christologische Vertiefung

Eine tiefere theologische Erschließung wird angeregt, wenn die Schülerinnen und Schüler die jeweiligen Bilder von Jesus herausarbeiten und nachfragen, warum der Evangelist Jesus auf diese Weise schildert. Hilfreich ist, die Geburtsgeschichte in den jeweiligen biblischen Kontext einzuordnen und nach Leitlinien und gemeinsamen Motiven zu fragen. Durch das Präsentieren und Begründen der Ergebnisse und die Diskussion der verschiedenen Vorstellungen reflektieren die Schülerinnen und Schüler ihre Wahrnehmungen nochmals. Es geht darum, dass sie im Sinne des Theologisierens mit Kindern bzw. Jugendlichen durch Impulse und im Austausch untereinander zu eigenen Reflexionsprozessen angeregt werden.

Eine Herausforderung für Schülerinnen und Schüler ist, ob Jesus der Sohn Gottes oder der Sohn Josefs ist. Tiefergehende christologische Reflexionsprozessen können dadurch angeregt, werden dass sie sich selbst Gedanken machen, sich positionieren (z.B. mit Hilfe von Positionsstühlen) und begründen, warum sie Jesus als „Sohn Gottes“ oder „Sohn Josefs“ sehen. Einige Schülerinnen und Schüler können zum Schluss kommen, dass Jesus beides zugleich ist, was sie begründen und in der Gruppe diskutieren (z.B. mit einem dritten Stuhl; vgl. Benz, 2014, 511). Wichtig ist, auf die Vielfalt der neutestamentlichen Erzählungen mit ihren unterschiedlichen Christusbildern einzugehen, damit die Schülerinnen und Schüler für sich ein vielfältiges und tragfähiges Bild von Jesus Christus entwickeln können (vgl. Schobert, 2010, 94).

Da auch der Koran Texte über Jesu Geburt enthält, können Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen religiösen Traditionen aufgegriffen und die theologische Bedeutung von Jesus im Christentum und Islam einander gegenübergestellt werden. Dies kann eine tiefere Reflexion des christlichen Verständnisses von Jesus Christus als Sohn Gottes anbahnen.

Literaturverzeichnis

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