Fresh Expressions of Church

1. Begriff

Mit Fresh Expressions of Church (= neue, frische Ausdrucksformen von Kirche; kurz: Fresh X, international gängig: fxC) wird ein ökumenisches Netzwerk und eine damit verbundene Bewegung bezeichnet, die ihren Ursprung in der Anglikanischen und Methodistischen Kirche Großbritanniens hat, inzwischen aber weltweit Menschen und Organisationen verbindet, die sich für die Entwicklung und Gründung neuer Formen von Kirche und Gemeinde als zentrales Moment von Kirchenentwicklung engagieren. Der Begriff leitet sich ab von einer Formulierung aus der „Declaration of Assent“, der Bereitschaftserklärung in der Beauftragungsliturgie der Church of England, dass der Glaube jeder Generation „afresh“ zu verkündigen sei (Church of England’s Mission and Public Affairs Council, 2004, 34; Zweites Vatikanisches Konzil, 1968b, Nr. 4).

2. Hintergrund und Entstehung

Vor dem Hintergrund einer radikalen Entkirchlichung Großbritanniens, die Callum Brown als „Death of Christian Britain“ bezeichnet – "Britain is showing the world how religion as we have known it can die" (Brown, 2001, 198) –, verabschiedete die Generalsynode der Church of England 2004 einen im Wesentlichen durch den damaligen Bischof von Meadstone, Graham Cray, verantworteten Report: „Mission-shaped Church“ (Church of England’s Mission and Public Affairs Council, 2004; deutsch: Herbst, 2006). In ihm nimmt sie nicht nur die gesellschaftlichen Entwicklungen nüchtern wahr, sondern versucht, darauf in innovativer Weise zu reagieren. Dazu knüpft sie an die ältere und bereits zehn Jahre zuvor im Report „Breaking New Ground“ reflektierte Tradition des Gemeindegründens (engl. church planting) an, versteht aber die in diesem Zuge entstandenen zielgruppen- bzw. milieuspezifischen, personalen Gemeinden nun nicht als zusätzliche, sondern als notwendige, komplementäre Gemeindeformen im Nebeneinander zu den bislang dominierenden territorial gefassten Gemeinden (engl. parishes: Pfarreien). Dieses Nebeneinander wird im Anschluss an den ehemaligen Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, als eine „mixed economy of parish churches and network churches“ (Church of England’s Mission and Public Affairs Council, 2004, xi) beschrieben.

Aus diesem Impuls entsteht eine Bewegung der Church of England und der Methodist Church, der sich später weitere christliche Kirchen und Verbände Großbritanniens anschließen – mit einer Vielzahl an Fortbildungen und Kursangeboten, Arbeitshilfen und Konzepten sowie theologischen bzw. empirischen Forschungsarbeiten. Sie führen landesweit sowie in Kanada und Australien zu sehr unterschiedlichen Initiativen von Gemeindegründungen, die relativ bald auch in Deutschland im evangelischen wie katholischen Bereich Aufmerksamkeit erregen und erstmals 2011 auf der Tagung Gemeinde 2.0 in Filderstadt sowie 2013 auf dem Kongress Kirchehochzwei der Hannoverschen Landeskirche und des Bistums Hildesheim einem breiten Publikum bekannt werden (Hempelmann/Herbst/Weimer, 2011; Elhaus, 2013). In der Folge nehmen sich Arbeitsstellen auf der Ebene von Landeskirchen und Diözesen sowie christliche Verbände des Themas an. Es entstehen Kursmodelle und Tagungen sowie ein bundesweites ökumenisches „Fresh X-Netzwerk“ (Witt, 2016), welches 2017 den Status eines Vereins (Fresh X e.V.) erhielt und dem evangelische Landeskirchen, die evangelisch-methodistische Kirche, missionarische Arbeitsstellen, freikirchliche Institutionen, christliche Vereine und Verbände, das Bistum Hildesheim sowie theologische Ausbildungsstätten angehören (https://www.freshexpressions.de/). Der Verein vernetzt die Arbeit und koordiniert die Partnerschaftsarbeit mit Großbritannien. Inzwischen inspiriert die Idee der Fresh X vielerorts die Gemeindeentwicklung bis hinein in die Jugendarbeit (Haubold/Karcher/Niekler, 2019; Höring, 2017a, 82-86).

3. Kennzeichen und Praxis

Die sehr unterschiedlichen Initiativen und Beispiele verbindet ein gemeinsamer Ausgangspunkt, nämlich die selbstkritische Frage: Welche Form von Kirche ist den Kulturen der Gegenwart angemessen? Dabei richtet sich der Blick in erster Linie auf Menschen, die noch keinen Zugang zur Kirche gefunden haben. Die einschlägige Definition lautet: „Eine Fresh X ist eine neue Form von Gemeinde für unsere sich verändernde Kultur, die primär mit Menschen gegründet wird, die noch keinen Bezug zu Kirche und Gemeinde haben“ (Fresh X-Netzwerk, o.J., o.S.).

Der erste Schritt dazu ist, diese Menschen zunächst einmal kennenzulernen: Welche Lebensweisen kennzeichnen sie? Was sind ihre Bedürfnisse, ihre „Freuden und Hoffnungen“, ihre „Trauer und Angst“ (Zweites Vatikanisches Konzil, 1968b, Nr. 1)? Wie könnte miteinander das Evangelium entdeckt und gemeinsam gelebt werden? Diese, auch direkte, persönliche Kontaktaufnahme ist getragen von einer positiven Zuwendung zu diesen, gegebenenfalls für Kirche ungewohnten Lebensweisen, und sie ist getragen von der Überzeugung, dass Gott schon längst unter diesen Menschen ist.

„Genau hinhören“ (engl.: listening/double listening; Abb. 1; Abb. 2; Church of England’s Mission and Public Affairs Council, 2004, 104-105; Moynagh, 2017, 321-324) steht daher am Beginn: Hinhören auf die Menschen, aber auch hinhören auf die Stimme Gottes unter ihnen; gefolgt von ihnen „Gutes tun“ (engl.: loving and serving), bei und unter ihnen sein, ihr Leben teilen. Daran schließen sich die Schritte „Gemeinschaft leben“ (building community) und „Glauben entdecken und leben“ (exploring discipleship) an. Dadurch nimmt schließlich Kirche/Gemeinde Form an (church taking shape), was wiederum zu erneuter Sendung führt (doing it again). (Auffallend ist die Ähnlichkeit dieses Prozesses zu den von Papst Paul VI. 1975 in „Evangelii Nuntiandi“ beschriebenen Schritten der → Evangelisierung, katholisch). Dass es hier nicht um rein funktionales Handeln, sondern einen geistlichen Prozess geht, macht der Verweis auf das fortlaufende Gebet, das unaufhörliche Hinhören und die Vernetzung mit der Gesamtkirche deutlich.

© 2015 Fresh Expressions Limited Bozeat, Northamptonshire

Abb. 1 Fresh Expressions Journey Aus: Moynagh, 2015

So entsteht eine Fresh Expressions of Church (fxC) erst im gemeinsamen Gehen, im gemeinsamen Suchen und gleicht damit einer Wanderung durch zunächst unbekanntes Terrain – eine Reise eben oder in der englischen Terminologie eine serving-first journey (fresh expressions, 2017).

© FreshX-Netzwerk e.V. Berlin

Abb. 2 Schritte zu einer FreshX Aus: https://www.freshexpressions.de/fresh-x-verstehen/

Die daraus erwachsenden neuen Gemeinden könnten unterschiedlicher nicht sein: Aus einer Haltung des Dienens entstehen soziale Unterstützungsinitiativen im Stadtviertel oder im Dorf, die aber zugleich ein geistliches Leben (Bibelstudium, Gebet, Glaubensgespräch, Gottesdienst, bis hin zu Formen modernen monastischen Lebens) ausprobieren und vom Bewusstsein getragen sind, vollwertige Kirche/Gemeinde zu sein. Das kann der Kaffeestand auf dem Wochenmarkt, die mobile Garküche für Obdachlose oder ein Jugendtreff sein. Anders als bei der „worship-first journey“ (Moynagh, 2012, 206-208) – ein Muster vieler klassischer Gemeindegründungen – erwachsen neue, für bestimmte Zielgruppen attraktive Formen von Liturgie hier erst allmählich aus der Interaktion mit dem Kontext und stehen nicht am Beginn einer kirchlichen Initiative. Die entstehenden liturgischen Formen sind ebenso vielfältig wie ihre Kontexte: Gottesdienste zu neuen Zeitpunkten (church for hangovers), an ungewohnten Orten (z.B. im Park, am Arbeitsplatz, im Sportstudio, im Café als café/coffee church), in einfacher Sprache, für ganze Familien, (z.B. als eine messy church: Chaos-Kirche; www.kirche-kunterbunt.de) (Church Army‘s Research Unit, 2019), mit einer zielgruppenspezifischen musikalischen Gestaltung, in Verbindung mit Begegnung und Gemeinschaftserfahrungen (häufig in Form einer gemeinsamen Mahlzeit) etc. (Baer-Henney, 2015, zahlreiche Beispiele finden sich unter https://freshexpressions.org.uk/stories/ sowie auf zwei vom Fresh X-Netzwerk Deutschland herausgebrachten DVDs; https://www.freshexpressions.de/fresh-x-gestalten/material/).

Voraussetzung für die Entwicklung von fxC sind Kompetenzen, die als Pioneer Ministry charakterisiert werden (Goodhew/Roberts/Volland, 2012, 133–173; Sobetzko/Sellmann, 2017). Spezielle Kurse für Seelsorgerinnen und Seelsorger wie für Ehrenamtliche führen zu einer, zum Teil auch zeitlich befristeten, Beauftragung seitens der Kirchenleitung, eine fxC zu gründen und auf den Weg zu bringen (Ordained Pioneer Ministry, vielfach aber auch in Form des Lay-Lay Pioneer Ministry bzw. von sogenannten lay-lay leaders, Lings, 2016, 181-190). In anderen Fällen werden Teams Freiwilliger von einer lebendigen, jungen Gemeinde ausgesendet (engl. graft: aufpfropfen, transplantieren), um eine neue Gemeinde zu gründen oder einer im Abbruch befindlichen Gemeinde wieder auf die Beine zu helfen, die in einer späteren Phase durchaus eine kirchenamtliche Anerkennung (Bishops‘ Mission Order; Müller, 2016, 96f.) erhalten kann.

Die begleitende theologische und empirische Forschung (Lings, 2017; 2016; The Church Commissioners for England, 2014) belegt, wie vitalisierend sich diese Bewegung auf die Kirche von England ausgewirkt hat – und das in urbanen wie ländlichen Kontexten. Die Zahl der fxC ist beachtlich, die Chancen zur Aktivierung von Menschen beeindruckend: So bildeten fxC im Jahr 2016 15 % aller Gottesdienstgemeinden in 21 untersuchten Diözesen der Church of England mit insgesamt rund 50.000 Teilnehmenden. Freilich halten auch sie den langfristigen Entkirchlichungsprozess (→ Säkularisierung) nicht auf.

4. Theologische Einordnung und Kritik

Die Arbeit von Fresh Expressions of Church (fxC) weist Züge dessen auf, was andernorts als „Lokale Kirchenentwicklung“ (Hennecke, 2014), „Lebensraumorientierte Seelsorge“ (Ebertz/Fuchs/Sattler, 2005), „milieusensible Pastoral“ (Sellmann, 2013) oder die Bildung „Kleiner Christlicher Gemeinschaften“ (Hennecke/Samson-Ohlendorf, 2014) bezeichnet wird, verbunden mit Momenten innovativer Pastoralentwicklung (engl. ekklesiopreneurship), die sich von Techniken der Unternehmensgründung (engl. entrepreneurship) inspirieren lassen (Höring, 2017b; Sobetzko/Sellmann, 2017). Angesichts einer gesellschaftlichen und kirchlichen Situation, die im Anschluss an das Cynefin-Framework Dave Snowdens (Snowden, 2000) als großmehrheitlich komplex bezeichnet werden kann, legt sich dafür das von Sara D. Sarasvathy entwickelte Vorgehen der „Effectuation“ (Sarasvathy, 2008; 2001; Faschingbauer, 2017) nahe (Sobetzko/Sellmann, 2017; Sobetzko/Hahmann, 2016).

FxC verstehen sich als missional („serving people outside the church“ [Moynagh 2017, 6] oder "fresh expressions are birthed mainly among people who do not normally attend church“ [Moynagh, 2017, 115]) und greifen den missionstheologischen Ansatz der „Missio Dei" auf (Todjeras, 2016). Dieser geht davon aus, dass Gott selbst das Subjekt der Mission ist, in den Worten des Reports „Mission-shaped Church“: „It is not the Church of God that has a mission in the world, but the God of mission who has a Church in the world“ (Church of England’s Mission and Public Affairs Council, 2004, 85). Dieses Verständnis schließt sich Überlegungen des evangelischen Missionstheologen Karl Hartenstein an, welche er auf der Missionskonferenz von Willingen 1952 vorgetragen hat: „Die Mission ist nicht eine Sache menschlicher Aktivität und Organisation, ‚ihre Quelle ist der dreieinige Gott selbst‘. Die Sendung des Sohnes zur Versöhnung des Alls durch die Macht des Geistes ist Grund und Ziel der Mission. Aus der Missio Dei allein kommt die ‚Missio ecclesiae‘“ (Hartenstein, 1952, 62). Das Zweite Vatikanische Konzil formuliert es ähnlich: „Die pilgernde Kirche ist ihrem Wesen nach ‚missionarisch‘ (d.h. als Gesandte unterwegs), da sie selbst ihren Ursprung aus der Sendung des Sohnes und der Sendung des Heiligen Geistes herleitet“ (Zweites Vatikanisches Konzil, 1968a, Nr. 2; Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz, 2013, Nr. 12). Dieses Grundverständnis bildet sich in der Praxis der fxC ab: Am Beginn steht das Hören auf Gottes Ruf im jeweiligen Kontext, in den die fxC gestellt ist (→ Mission, christliche).

Daran wird das zweite Grundmoment deutlich: Der Zugang der fxC ist kontextuell („contextual/incarnational“: „listening to people and entering their culture“ [Moynagh, 2017, 115]). Es geht um eine der jeweiligen Kultur (Subkultur, Milieu, Lebenswelt) entsprechenden Form, das Evangelium zu entdecken und Kirche/Gemeinde zu sein. Dies schließt an die lange Tradition christlicher Mission an, nach Formen der Inkulturation des Evangeliums zu suchen (→ Evangelisierung, katholisch).

Zum dritten wollen fxC lebensverändernd („formational“: „making discipleship a priority“ [Moynagh, 2017, 115]) sein. Selbstverständlich besteht die Hoffnung, dass Menschen die Lebensmöglichkeiten des Evangeliums für sich entdecken, sich Gott zuwenden und ihr Leben ändern. Daher versuchen fxC, Jüngerschaft bzw. lebendiges, mündiges Christsein zu ermöglichen (Herbst/Stahl, 2018).

Und schließlich trägt fxC das Bewusstsein, Kirche und kirchen- bzw. gemeindebildend zu sein, sie sind ekklesial („ecclesial“: „forming church“ [Moynagh, 2017, 115]). Hier liegt der Reiz dieser „frischen Ausdrucksformen“, indem sie das traditionelle Territorialprinzip der Kirche(n) aufbrechen und dazu beitragen, Kirche nicht als Monokultur, sondern notwendig als einen Mischwald zu verstehen, als eine „mixed economy-church“ (Croft, 2008; 2006; Müller, 2020; Lings, 2020).

Zusätzlich zu den vier Merkmalen wurden auch zehn Kriterien (engl.: parameters) entwickelt anhand derer entschieden wird, was als fxC gilt und was nicht. Darin wird unter anderem gefragt, ob eine Initiative sich mindestens monatlich treffe (Indikator 3), einen Namen habe (Indikator 4), beabsichtige, Kirche zu werden (Indikator 5) und ob eine nach innen wie nach außen anerkannte Leitung existiere (Indikator 7) (Church Army’s Research Unit, 2013, 9).

Zugleich wird daran die notwendige Frage nach dem zugrundeliegenden Kirchenverständnis bzw. dem verwendeten Gemeindebegriff erkennbar. Beides gründet sich im Wesentlichen auf der Überzeugung, dass Begegnung untereinander, solange sie zugleich Begegnung mit dem Auferstandenen ist, Kirche ist und viel Raum lässt „for diversity of rhythm and style, so long as we have ways of identifying the same living Christ at the heart of every expression of Christian life in common“ (Church of England’s Mission and Public Affairs Council, 2004, vii).

Das deutsche Fresh X-Netzwerk versieht seine Definition von Fresh X daher mit einer erläuternden Anmerkung: „Unter Gemeinde verstehen wir hier jede dauerhafte Glaubensgemeinschaft unabhängig von ihrem rechtlichen Status, z.B. als selbstständiger Teil einer Kirchengemeinde, eines Glaubensbezirks oder einer Pfarrei, als landeskirchliche Gemeinschaft oder als Neugründung“ (Fresh X-Netzwerk, o.J., o.S.). Gemeinde wird also sehr weit verstanden, auch als kleine christliche Gemeinschaft, als cell-church – allein eine gewisse Dauerhaftigkeit wird als Kriterium angeführt, der rechtliche Status bleibt jedoch offen. Nun ist der Begriff → Gemeinde im deutschen Sprachraum ohnehin vieldeutig und gerade im Katholizismus wittert man schnell eine Art Sektierertum.Immerhin scheint sich katholischerseits jedoch langsam abzuzeichnen, dass Gemeinde eine christliche Gemeinschaftsform unterhalb (oder auch neben) der kirchenrechtlichen Größe der Pfarrei bezeichnen kann, auch wenn Fragen hinsichtlich amtlicher Leitung oder der Feier der Sakramente (noch) nicht näher geklärt sind. Freilich ist es bis zu einer „Liquid Church“ (Ward, 2002) noch ein weiter Weg. Im deutschsprachigen theologischen Diskurs werden fluidere Gemeindeformen unter den Stichworten „Kirche bei Gelegenheit“ (Nüchtern, 1991), „Gemeinde auf Zeit“ (Bubmann/Fechtner/Merzyn/Nitsche/Weyel, 2019) oder „verflüssigte Pastoral“ (Schüßler, 2013) diskutiert.

Ungeklärt ist das Verhältnis solcher neuen Gemeinden gegenüber der übergeordneten Größe der Pfarrei bzw. anderer Gemeinschaftsformen (wie die sonntägliche Gottesdienstgemeinde vor Ort) vor allem in der Praxis, in der Konkurrenz im Allgemeinen nicht als Bereicherung, sondern als lästig empfunden wird. Hier wird noch eine Weile bis zu einer gesunden mixed economy-church zu arbeiten sein. Einen möglichen evangelischen Ansatz bietet das Modell einer „regiolokalen Kirchen- und Gemeindeentwicklung“ (Herbst/Pompe, 2017; Herbst, 2016; 2020).

Weitere Nachfragen richten sich an die Tragfähigkeit des zugrunde gelegten Missionsverständnisses: Geht es um das Evangelium und die Menschen oder um zahlenmäßiges Wachstum der Kirche? Auch wenn die Rolle der Kirche zurückhaltend beschrieben wird, wie beispielsweise durch Lesslie Newbigin: „Die Kirche ist weniger die Ausführende der Mission als vielmehr der Ort der Mission“ (Newbigin, 2017, 138), so ist doch vielfach von church growth und von zahlenmäßigem Wachstum die Rede. Weiter theoretisch reflektiert zu werden, lohnt also das Verhältnis von Mission und Institution, während eine Wechselwirkung von Frömmigkeit und Kirchlichkeit empirisch inzwischen unstrittig sein sollte (Pollack/Rosta, 2015).

In England wurde grundsätzlichere Kritik an fxC besonders von John M. Hull (u.a. Vorwurf einer church-shaped mission, Hull, 2006, zu weiterer Kritik Hulls auch Hull, 2008a; 2008b), Martyn Percy (u.a. Vorwurf einer unverbindlichen „multiple-choice spirituality“, Percy, 2008) sowie Andrew Davison und Alison Milbank (u.a. Kritik an der Trennung von kirchlicher Form und theologischem Inhalt sowie Kritik eines funktionalen Kirchenverständnisses, Davison/Milbank, 2010) geübt. Weitere Kritik richtet sich schließlich auf eine mutmaßlich allzu sorglose Orientierung an den Interessen der Zielgruppe, wie beispielsweise an der Debatte um die Errichtung einer Minigolf-Anlage in der Kathedrale von Rochester (BBC, 2019a) und einer Jahrmarktsrutsche in der Kathedrale von Norwich (BBC, 2019b) erkennbar wird.

Damit wird deutlich, dass es nicht darum gehen kann, einzelne Modelle aus dem englischen Kontext zu kopieren, sondern fxC und die damit grundlegende Haltung des doppelten Hörensals Grammatik zu verstehen, als eine Art, wie Kirche, die sowohl der Mission Gottes als auch ihrem Kontext gerecht werden möchte, gedacht und gelebt werden kann.

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