Erinnerungslernen, jüdisch

Das Judentum ist eine lernende → Religion, oder anders: Eine Religion, eine Kultur des Lernens, mehr noch: des erinnernden Lernens (vgl. für diesen Beitrag Passagen in Brumlik, 2018; Botticini/Eckstein, 2012; → Religiöse Erziehung im Judentum; → Erinnerungslernen). Im Judentum standen Lehren und Lernen seit Anbeginn im Horizont intergenerationeller Beziehungen: So kennt die alltägliche und festtägliche jüdische Liturgie, die Gebetsordnung des rabbinischen Judentums, zwei zentrale Gebete: Einerseits das „Höre Israel“ (hebr.: „Schma Israel“), das ein direktes Zitat aus dem Deuteronomium (6, 4-9) ist sowie das nur im Kreise von mindestens zehn Erwachsenen und im Stehen zu sagende Achtzehnbittengebet. Beide Gebete gehören zur synagogalen Liturgie – frühestens seit dem dritten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung, spätestens seit dem frühen zweiten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung. Das synagogale „Schma Israel“ (Dtn 6,4-9) lautet in seinem ersten Absatz so: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig“ worauf ein so in der → Bibel nicht fixierter Einschub erfolgt: „Gelobt sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches immer und ewig“. Dem folgt dann ein Katalog von Weisungen:

„Du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele und deinem ganzen Vermögen. Es seien diese Worte, die ich dir heute befehle, in deinem Herzen. Schärfe sie deinen Kindern ein und sprich von ihnen, wenn du in deinem Hause sitzest und wenn Du auf dem Weg gehst, wenn du Dich niederlegst und wenn du aufstehst. Binde sie zum Zeichen auf deinen Arm, und sie seien zum Denkband auf deinem Haupte. Schreibe sie auf die Pfosten deines Hauses und deiner Tore“.

Das Schma Israel hebt somit mit einer eigentümlichen Verschränkung von Aufforderung und Aussage an und gleicht insofern einem Lehrvortrag: Als erstes wird die Gemeinde aufgefordert, eine Tatsache zu akzeptieren und zu verstehen, nämlich, dass der → Gott Israels ewig und einzig ist. Das ist eine Behauptung, die in einer polytheistischen Umwelt offenbar so wenig selbstverständlich war, dass sie mit allerlei Merkzeichen immer wieder beglaubigt und weitergegeben werden musste. Einzigartigkeit und verbürgte Zuwendung („unser Gott“) sind die Gründe für die folgende Aufforderung, Gott zu lieben, und zwar mit der ganzen Persönlichkeit, mit allen Worten, Gedanken und Taten. Im alten Orient stand Herz (hebr.: lew) – anders als heute – nicht für Gefühl und Emotion, sondern für Persönlichkeit und Verstand, während Seele (hebr.: nefesch) und Verstand (hebr.: meod) so viel wie Lebenskraft und Klugheit bedeuteten. Dass hier Liebe Gottesliebe gewiesen wird, ist deshalb kein Paradox, weil es sich bei diesem Begriff von Liebe gerade nicht um ein romantisch aufflackerndes, nur spontan, letztlich unverfügbares Gefühl handelt, sondern um die Haltung tätiger Zuwendung, einer Liebe, die sich nicht im Sehnen und Trachten, sondern eben im Befolgen der Weisung, der Tora erweist.

Die folgenden Passagen des „Höre Israel“ (Dtn 11,13) stellen dann das Verhältnis von Tun und Ergehen, von Weisung und Leben ins Zentrum:

„Und es sei, wenn ihr auf meine Weisungen hört, die ich euch heute weise, den Ewigen, euren Gott zu lieben und ihm zu dienen mit eurem ganzen Herzen und eurer ganzen Seele. So werde ich den Regen eures Landes zu seiner Zeit geben, Frühregen und Spätregen, du wirst sein Getreide einsammeln und deinen Most und dein Öl. […] Auf dass sich eure Tage vermehren und die Tage eurer Kinder auf dem Erdboden, den der Ewige euren Vätern zugeschworen, ihnen zu geben, wie die Tage des Himmels über der Erde“.

Die Weisung ermöglicht es, Gott zu lieben, während sich umgekehrt die Liebe zu Gott im Erfüllen seiner Weisungen erfüllt. Aber wird hier Wohlergehen nicht gleichsam im Tausch für Verehrung, für Unterwerfung angeboten – Inbegriff aller sogenannten Werkgerechtigkeit? Darum geht es gleichwohl nicht – es geht um das Problem des sogenannten Tun-Ergehens-Zusammenhangs. Diese Gedankenfigur ist auch der Gegenwart durchaus vertraut: Sich vernünftig zu ernähren und maßvoll Sport zu treiben, das hat – wie heute allgemein bekannt ist – wohltätige Konsequenzen für das individuelle körperliche und psychische Wohlbefinden. Wer auf diese Zusammenhänge aufmerksam gemacht wird, ist damit noch lange nicht gezwungen, sich entsprechend zu verhalten: Der kausale Zusammenhang zwischen Lebensstil und Wohlbefinden ist schlicht und einfach eine erwiesene, empirische Tatsache. In genau diesem Sinn macht das „Höre Israel“ auf die lebensdienlichen, wohltätigen Folgen eines Lebens aufmerksam, das Gottes Weisungen entspricht. Auf jeden Fall: Der für eine Theorie des Lernens im Horizont der Tora entscheidende Abschnitt des Schma Israel lautete so:

„Es seien diese Worte, die ich dir heute befehle, in deinem Herzen. Schärfe sie deinen Kindern ein und sprich von ihnen, wenn du in deinem Hause sitzest und wenn Du auf dem Weg gehst [...]“ (Dtn 6,4-6).

„Schärfe sie deinen Kindern ein“ – und zwar deshalb, weil die Empfänger der Lehre im Vertrauen darauf, dass Gottes Weisung gut ist, bereit sind, der Weisung zuerst zu willfahren, um sie erst dann, in einem darauffolgenden, zweiten Schritt kritisch zu erörtern – Naasseh ve nischma, d.h. Wir werden tun und dann hören.

Auch eines der populärsten jüdischen Feste, das im Frühjahr zu begehende Pessachfest (Passah), während dessen nicht zuletzt anhand bestimmter spezieller Speisen, vor allem der ungesäuerten Brote, des Auszugs aus Ägypten gedacht wird, befasst sich an zentraler Stelle im häuslichen Gebetbuch für das Fest, der Haggadah schel Pessach, mit dem Lernen von Kindern (→ Kinder/Kindheit) und Schülerinnen und Schülern – nämlich dort, wo es um vier Typen von Kindern geht, die mit diesem Fest konfrontiert sind: dem klugen Kind, dem bösen Kind, dem törichten Kind und dem Kind, das noch nicht zu fragen versteht.

1. Rabbinisches Judentum

Das in der Antike seit dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, nach der Zerstörung des Zweiten Tempels und Jerusalems entstandene rabbinische Judentum, hat die oben genannten biblischen Impulse aufgenommen und zu einer eigenen Lebensform weitergebildet. Erst mit dem rabbinischen Judentum, entsteht jene Religion, die heute als Judentum gilt und die sich in wichtigen Perspektiven von → Glaube und Ritual des biblischen Israel, die Bundeslade und Tempeldienst, Opferdienst zu ihrem Zentrum hatten, unterscheidet. An die Stelle des Altars trat der häusliche Tisch, an die Stelle mancher Opfer Gebete, an die Stelle des gesamten Kultus das Lernen der heiligen Texte, also der Tora, der Propheten und – erst seit dem zweiten Jahrhundert bekannt – der nun verschrifteten, Moses zugeschriebenen mündlichen Lehre, der Mischna.

Unterscheidungsmerkmal des nun entstehenden rabbinischen Judentums im Gegensatz zu anderen, die Zerstörung des Tempelstaates überlebenden jüdischen Strömungen (Neusner, 1984) aber war die Kanonisierung der Mischna, der „Zweiten“ Schrift – einer Sammlung von so in den fünf Büchern Mosis nicht enthaltenen Weisungen und Erzählungen, die als bisher nur „mündlich“ überlieferte Lehre galten; Weisungen, die jetzt, nach dem Verlust des politisch religiösen Zentrum des Tempelstaates schriftlich niedergelegt und kommentiert wurden. Ihre Sammlung und Kommentierung erfolgte an zwei unterschiedlichen Orten – in Jabne, Uscha und Bet Schearim, also zunächst in Judäa, dann in „Palästina“, kurz darauf auch in der großen östlichen Diaspora, im jetzt sassanidischen Babylonien.

Die Kommentierung der Mischna im Westen, in Galiläa wurde Ende des zweiten Jahrhunderts vollendet und gilt als „Jerusalemer Talmud“, während Deutung und Kommentierung von Tenakh und Mischna im Osten, in Babylon erst im frühen sechsten Jahrhundert abgeschlossen wurden und seither als „Babylonischer Talmud“ gelten. In der späten Antike waren diese rabbinischen Akademien (Urbach, 1975), die Torah und Mischna kommentierten, auslegten und damit aktualisierten, sowohl im römischen als auch im neupersischen Reich nicht nur philosophisch-religiöse Akademie (Boyarin, 2009) und zugleich Körperschaften politischer Herrschaft. Sie waren zwar abhängig von den Rahmenbedingungen des römischen und neupersischen Reiches, aber doch im Sinne einer begrenzten politische Selbstverwaltung (Neusner, 1991) für lokale Gemeindeorganisation und niedere Gerichtsbarkeit tätig. Im römischen und im neupersischen (Neusner, 1986) Reich waren die Rabbinen sowohl studierende Akademie, legislative Körperschaft als auch Exekutivorgan, wobei die exekutive Rolle von einzelnen Personen, in aller Regel gleichsam adligen, hochgestellten Männern, wahrgenommen wurde. So waren das im Westen (Alon, 1989) des römischen Reichs Abkömmlinge vornehmer Gelehrtengeschlechter, die die Funktion eines „Patriarchen“ dynastisch einnahmen und auch von der römischen Zentralmacht anerkannt wurden. Als wohlhabende Grundbesitzer und Bewirtschafter großer, landwirtschaftlich genutzter Ländereien sowie als Besitzer von Handelsflotten konzentrierten sie theologische Deutungshoheit, politischen Einfluss und ökonomische Macht. Die westlichen Patriarchen waren zudem bemüht, bei der Festlegung des Kalenders, der Jurisdiktion für die Festtage und des Sammelns von Spenden die Anerkennung der Diasporagemeinden zu erhalten – nach eben jenem Prinzip, nach dem noch heute der apostolische Stuhl in Rom die Maßgaben für alle Katholiken festlegt.

Im Osten, in Persien ist die Institution eines vergleichbaren Exilarchen, der vom persischen Königshaus förmlich anerkannt wurde, ab dem dritten nachchristlichen Jahrhundert belegt (Neusner, 1986). Jüdisches Leben in Persien vollzog sich vor allem in den Städten Sura und Pumpadita. Die politische Funktion des Exilarchen lag vor allem in seiner juristischen Autorität für die jüdischen Einwohner des Sassanidenreichs. Ohne in Fragen des Strafrechts kompetent zu sein, waren die vom Exilarch eingesetzten Richter im Zivilrecht, in der Marktaufsicht, in Erb- und Schuldfragen sowie im Familien- und Scheidungsrecht zuständig. Anders als die Patriarchen der in Palästina befindlichen jüdischen Gemeinschaft waren die persischen Exilarchen jedoch nicht auf das Engste mit dem rabbinischen Gelehrten verbunden, was oft zu heftigen Spannungen führte. Massive Konflikte löste unter anderem das Begehren der Rabbinen aus, von der allen Juden auferlegten Kopfsteuer befreit zu werden. Spätere Konflikte der Exilarchen mit dem sassanidischen Königshaus schwächten die Institution zusätzlich, bis sie zu Beginn des sechsten Jahrhunderts, nur wenige Jahre vor der Eroberung Persiens durch die Araber, in den Dokumenten nicht mehr belegt sind. Im römischen Reich waren die in Galiläa gelegenen Akademien mitsamt ihrer politisch-geistlichen Führung, dem Patriarchen trotz der einen oder anderen Einschränkung etwa bei der Beschneidung und Konversion von Nichtjuden als religio licita, als lizenzierte Religion anerkannt, die – als einzige – das Privileg besaß, nicht dem Kaiser zu opfern bzw. ihm als Gott Steuern entrichten zu müssen – ein Privileg, das erst dann beendet wurde, als unter Konstantin das Christentum zur Staatsreligion erhoben wurde.

2. Rabbinisches Studium

Für das Verhältnis von Judentum, → Bildung und → Erziehung, von Judentum als lernender und damit erinnernder Religion bedeutet das nichts anderes, als dass es die rabbinischen Akademien waren, die die biblischen Anregungen zu einer neuartigen Form der Religion umbildeten und festigten – vergleichbare Entwicklungen sind für das Christentum vor der Reformation ebenso unbekannt wie für den Islam. Der klassische Text hierzu stammt aus der Mischna, es handelt sich um den Traktat Aboth, übersetzt Die Sprüche der Väter, ein Text, der im Sinne einer historischen Erinnerung eine lückenlose Sukzession der Überlieferung von Moses am Sinai bis zur damaligen Gegenwart behauptet. Dort ist u.a. als erstes zu lesen:

„Mose empfing die Tora auf dem Sinai, überlieferte sie Jehosua, Jehosuah den Ältesten, die Ältesten den Propheten und die Propheten überlieferten sie den Männern der grossen Synode. Diese sprachen drei Dinge aus: Seid bedächtig beim Rechtsprechen, bildet viele Schüler aus und errichtet einen Zaum um die Tora“. (Aboth I, 1981, 665).

Dem Imperativ, viele Schüler auszubilden, entsprach dem komplementären Imperativ, sich einen Lehrer zu suchen – so heißt es einige Verse später:

„Sodann: Jehosua b. Peraja sprach: Schaffe dir einen Lehrer und erwirb dir einen Kollegen. Beurteile jeden Menschen nach der guten Seite‘“ (Aboth VI,1981, 683).

Vers XV der „Sprüche der Väter“ zitiert dann den Lehrer Sammaj, der sagte: „Mache dein Torastudium zur ständigen Beschäftigung [...]“. Ideal des Lebens ist also die Gelehrsamkeit – wobei den Rabbinen durchaus bewusst war, dass man vom Studium alleine ein Leben nicht fristen konnte. Das formulierte niemand genauer als der Sohn des galiläischen Patriarchen Jehuda ha Nassi (des Fürsten), Rabbi Gamliel, von dem folgender Ausspruch überliefert ist:

„Schön ist das Torastudium mit weltlichem Tun verbunden, denn die auf beides verwandte Mühe lässt die Sünde in Vergessenheit geraten, aber das Torastudium ohne Lebenserwerb wird endlich zunichte und zieht Sünde nach sich“ (Aboth II,ii, 1981, 667).

Die Rabbinen sowohl Galiläas als auch Babylons beließen es freilich nicht bei an Individuen gerichteten Aufforderungen, sondern waren an der Errichtung eines regelrechten Bildungssystems interessiert – im Jerusalemer Talmud, Traktat Chagiga 7,76c wird eine Ortschaft beklagt, die keine Lehrer anstellen wollte:

„R. Judan Nesian sandte R.Chijja und R. Assi und R.Ammi aus, sie sollten durch die Ortschaften des Landes Israel ziehen und dort Bibel- und Mischnalehrer einsetzen. Sie kamen in einen Ort und fanden dort weder einen Bibel- noch einen Mischnalehrer. Da sagten sie zu den Ortsbewohnern: ‚Bringt uns die Hüter des Ortes’. Da brachten sie ihnen die Wachleute des Ortes. Doch sie entgegneten: ‚Das sind doch nicht die Hüter des Ortes`, sondern `Vernichter des Ortes’. Da fragten sie: ‚Wer sind dann die ‚Hüter des Ortes’? Sie antworteten: ‚Bibel- und Mischnalehrer’. Denn so steht geschrieben: ‚Wenn nicht der Herr das Haus erbaut’“ (Ps 127,1) (Stemberger, 1979, 109).

Dieses Prinzip, ein Schulsystem zu errichten, war eine der vornehmsten Aufgaben der rabbinischen Höfe in Galiläa und Babylonien: So lobte Rabbi Jehuda einen Mann namens Jehoschua ben Gamala dafür, dass ohne ihn die Tora in Israel in Vergessenheit geraten wäre:

„Früher lehrte jemanden, der noch einen Vater hatte, dieser Tora; wer keinen Vater mehr hatte, lernte nicht Tora. Wie legten sie aus? Ihr sollt sie lehren (Dtn 11,19) – ihr selbst sollt sie lehren. Dann ordnete man an, Kinderlehrer in Jerusalem einzusetzen. ‚Wie legten sie aus? ’Denn von Zion geht die Tora aus’ (Jes 2,3). Und noch immer war es so: Wer einen Vater hatte, den brachte dieser hinauf und ließ ihn lernen. Da ordnete man an, in jedem Bezirk (Lehrer) einzusetzen, und ihnen (die Jugendlichen) im Alter von sechzehn oder siebzehn Jahren zu bringen. Wenn nun der Lehrer sich über einen Schüler ärgerte, rebellierte dieser und lief davon. Schließlich kam Jehoschua ben Gamala und ordnete an, Kinderlehrer in jedem Bezirk und in jeder Stadt einzusetzen und ihnen die Kinder im Alter von sechs oder sieben Jahren zu bringen“ (Traktat Baba Bathra zitiert nach, Stemberger 1979, 108).

Freilich war das rabbinische Bildungswesen von Anfang mit einem Problem konfrontiert, das die Geschichte der jüdischen Bildung bis weit ins 19., ja sogar 20. Jahrhundert begleiten sollte – der Umstand nämlich, dass das rabbinische Judentum als patriarchalische Religion Frauen und Mädchen vom Lernen ausschloss. So heißt es in einem rabbinischen Kommentar:

„Und ihr sollt sie eure Söhne lehren. Eure Söhne und nicht eure Töchter – Worte des R. Jose b.Aqiba. Von daher sagten sie: ‚Sobald ein Knabe zu sprechen beginnt, spricht sein Vater mit ihm in der heiligen Sprache und lehrt ihn Tora. Spricht er nicht mit ihm in der heiligen Sprache und lehrt ihn nicht Tora, so ist es, als ob er ihn begraben würde’“ (Stemberger, 1979, 107).

3. Frauen und Lernen

Ein höheres Leben, so geht aus diesem Text hervor, kann nur Männer eignen. Frauen ist nach dem Glauben der meisten Rabbinen eine andere Aufgabe in der göttlichen Schöpfungsordnung zugewiesen. Allerdings: Der Talmud überliefert auch das Aufbegehren von Frauen wider diese Auslegung und berichtet von Rebellionen gegen diese patriarchalische Ordnung sowie von Frauen, die es an Gelehrsamkeit und Streitbarkeit mit den schärfsten rabbinischen Geistern, mit Denkern und Gelehrten aufnahmen.

Besonders bekannt wurde eine Frau namens Berurja. Anfang des zweiten Jahrhunderts geboren, galt sie, die mit einem der Begründer der mischnischen Tradition verheiratet war, als gelehrtes Genie: „Berurja“ so wurde von ihr erzählt, „prägte sich an einem Tag 300 Traditionen von 300 Meistern ein und brauchte mehr als drei Jahre, um sie zu studieren[...]“ (Pesachim 62b,1980, 496f.). Die Traditionen von Berurja zeichnen in aller Kürze das Bild einer komplexen, individuellen und intellektuellen Person. Eine andere Frau ,,Jalta, die Tochter eines im späten dritten Jahrhundert in Babylon lebenden Gemeindeoberhaupts wurde als streitlustige Kritikerin schon damals ultraorthodoxer, Frauen aufgrund der Reinheitsvorschriften aus der → Gesellschaft ausgrenzender, Rabbinen bekannt (Hauptman, 2009). Als bei einem Mahl der Gelehrte Ulla von Jaltas Vater aufgefordert wurde, seiner Tochter den Becher zu geben, über den er den Weinsegen gesprochen hatte, da ja schon die Leibesfrüchte der Frauen nicht durch sie selbst, sondern nur durch den Mann gesegnet seien, ging sie in den Weinkeller des Hauses und zerbrach vierhundert Krüge. Auf versöhnliche Äußerungen anderer rabbinischer Gäste, ob dieser selbstzerstörerischen Zeichenhandlung antwortete sie nur mit dem Schmähruf: „Gerede von Fahrenden, Schande von Lumpen“ (Berakhot 51b, 1981, 222f.). Jalta unterbreitete zudem Rabbinen offen Fragen über ihre Monatsblutungen. Sie hielt dem berühmten Rabbi Nachman u.a. entgegen:

„Beachte, dass die Tora uns für alles Verbotene einen Ausgleich gestattet: Wir dürfen kein Blut essen, aber Leber ist erlaubt. Wir haben keinen Verkehr während der Menstruation, aber nach der Geburt.... Der Verkehr mit einer Verheirateten ist verboten, aber mit einer Geschiedenen zu Lebzeiten des früheren Mannes erlaubt. Die Brudersfrau ist verboten, aber die Ehe mit seiner Witwe erlaubt. Nichtjüdinnen sind verboten, aber die schöne Kriegsgefangene ist erlaubt. Ich habe Appetit auf Fleisch mit Milch – wo ist der Ausgleich?“ (Niddah 20b, 1981, 403f.).

Die vor allem von Männern besuchten Akademien des rabbinischen Judentums in Galiläa, also im Römischen Reich sowie in Babylonien mussten am Ende der Antike ihre Arbeit einstellen: Im inzwischen byzantinisch beherrschten Palästina endete das rabbinische Patriarchat im frühen fünften Jahrhundert (Avi-Yonah, 1962, 227), während die rabbinischen Akademien im neupersischen Reich noch bis zur Eroberung des Sassanidenreichs durch die muslimischen Araber weiter existierten (Neusner, 1986, 245).

4. Jüdische Feste und Erinnerung: Jom Kippur, Schabbat und Pessach

Der zweithöchste jüdische Feiertag findet wöchentlich statt – jeden Samstag. Er erinnert an die Erschaffung der Welt und das Ruhen Gottes. Am höchsten Feiertag des Jahres, im Herbst, am Jom Kippur bitten Jüdinnen und Juden Gott um → Vergebung für all die Sünden, die sie im Hinblick auf seine Weisungen begangen haben und sind sich doch seines Erbarmens gewiss. Im Hinblick auf Verfehlungen jedoch, die wir unseren Mitmenschen gegenüber begangen haben, hält sich Gott zurück: Hier lässt sich Vergebung und → Versöhnung ausschließlich von jenen erlangen, denen wir Unrecht getan und die wir selbst um Verzeihung gebeten haben. Gegenüber unseren Mitmenschen gibt es keine Stellvertretung. Was indes die Erinnerung (→ Erinnerung/Erinnerungslernen) an die sechs Millionen Opfer der Shoah betrifft, so gilt, dass ihrer auf jeden Fall einmal im Jahr im Rahmen des Erinnerungsgebets an die Toten gedacht wird – und zwar durch Nennung der Orte ihres Todes. Die Erinnerung an das Leiden und die Opfer der Shoah ist ansonsten kein integraler Teil des jüdischen Glaubens beziehungsweise der jüdischen Religion. Das hat den jüdischen Religionsphilosophen Emmanuel Levinas dazu geführt, das Judentum als eine „Religion für Erwachsene“ (Levinas, 1992, 21) zu bezeichnen.

Doch am zweithöchsten Feiertag, dem wöchentlichen Schabbat, sind Jüdinnen und Juden dankbar. Wie alle jüdischen Feiertage, beginnt der Schabbat am Abend zuvor, wenn die ersten Sterne am Himmel zu sehen sind. Nach dem synagogalen Abendgebet werden beim häuslichen Mahl Segenssprüche und Gebete gesagt, die dankbar der Erschaffung der Welt und Gottes Ruhen gedenken – ein Ruhen, das seit Jahrtausenden auch Mensch und Tier einbegreift.

Nach dem Segen über den Wein und vor dem Segen über das Brot und dem Beginn des häuslichen Mahls wird freilich ein weiteres Gebet gesagt, das mich Woche für Woche zu dankbar empfundenem Nachdenken anregt; eine neuere deutsche Übersetzung lautet so:

„Gepriesen seist Du Ewiger, unser Gott, du regierst die Welt. Du hast uns durch Deine Gebote geheiligt. Du hast Gefallen an uns. Du lässt uns teilhaben an deinem heiligen Ruhetag, der daran erinnert, dass du alles geschaffen hast. Er ist der erste der ‚Tage heiliger Versammlung’, eine Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Du hast uns dazu erwählt, heilig zu sein unter allen Völkern. Du lässt uns in Liebe und Wohlgefallen teilhaben an deinem heiligen Ruhetag. Gepriesen seist du Ewiger. Du hast den Schabbat geheiligt.“ (Salman von Liadi/Mangel, 2017, 179).

Woche für Woche bin ich von neuem von dem Gedanken gefesselt, dass die Erinnerung an die Schöpfung in eins fällt mit der Erinnerung an die Befreiung aus der Sklaverei. Heißt das, dass Schöpfung und Befreiung in letzter Instanz zusammenfallen? Das also schon beim Schöpfungsakt die menschliche Freiheit und mit ihr die Befreiung aus unwürdigen Abhängigkeitsverhältnissen ebenso gewollt war, wie umgekehrt jeder Wunsch nach Freiheit in eine dankbare Erinnerung an in eine im Grundsatz gute Schöpfung mündet.

Nichtjuden mögen den Dank Israels für seine Erwählung mit Eifersucht oder Verständnis hinnehmen, sie sollten aber zur Kenntnis nehmen, dass diese Erwählung nur der Beginn ist, dass vielmehr die Befreiung Israels aus Ägypten ein Geschenk an die ganze Menschheit ist.

In der Liturgie des häuslichen Passahfestes, das an den Exodus aus Ägypten erinnert, werden bedeutende rabbinische Lehrer des zweiten und dritten Jahrhunderts in ihren Diskussionen über die Bedeutung dieses Festes zitiert. Das waren kluge Männer – eine ihrer zentralen Aussagen lautet: „In jeder Generation ist der Mensch verpflichtet, sich des Auszugs aus Ägypten zu erinnern [...]“ (Shire, 2013, 36). Doch waren diese Männer nicht nur klug, sondern auch sehr genau – niemand wusste besser als sie, wann von Israel und wann von Mensch zu sprechen war. Ihre Botschaft ist eindeutig: Nicht nur die Schöpfung, sondern auch die in der Schöpfung schon gewollte Befreiung aus Ägypten ist ein Geschenk an die ganze Menschheit. Dieser Grundsatz sollte auch für das erziehende Lernen, zunächst für Knaben, später auch für Mädchen gelten.

Das Pessachfest ruft es immer wieder in Erinnerung: Das Judentum ist eine Religion des Lernens! Nicht zufällig steht im Zentrum der Haggada schel Pessach, dem liturgischen Buch zum Pessachmahl die Geschichte von den vier Kindern: dem klugen Kind, dem bösen Kind, dem Kind, das nicht klug genug ist, zu fragen und dem, das noch nicht fragen kann.

Das zentrale Gebet des Judentums aber, das „Höre Israel“ weist Jüdinnen und Juden mit Blick auf die Tora an: „Diese Worte [...]. Du sollst sie deinen Kindern erzählen“ (Dtn 6, 4-10). Das Judentum ist somit von Anbeginn an eine Religion und zugleich eine Kultur des erinnernden Lernens. Die Haggadah schel pessach entfaltet das Motiv des in Frage und Antwort verlaufenden dialogischen Lernens damit, dass das jüngste, das kleinste Kind am Sedertisch die rituelle, jedes Jahr zu wiederholende Frage stellt: Ma nischtanah ha leijla ha seh?: Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?, aber auch dadurch, dass alsbald vier nach dem Sinn des Festes fragende Kinder eingeführt werden. Für jedes dieser Kinder und seine möglichen Frage wird ein bestimmter Typ der Antwort vorgegeben: Antworten, die entweder in einer bestätigenden und vertiefenden Belehrung bestehen, wie im Fall des klugen Kindes; in einer Art strafenden Ausschlusses aus der liturgischen Gemeinschaft, wie im Fall des bösen, aber doch raffiniert fragenden Kindes; in einer schlichten, beglaubigenden Antwort, wie im Fall des törichten Kindes sowie endlich einer beruhigenden Floskel für das Kind, das noch gar nicht fragen kann. In jedem Fall aber geht es um die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten.

Man kann diese, wahrscheinlich in der späten Antike oder im frühen Mittelalter entstandene Lehrerzählung auch als Grundriss einer rabbinischen Theorie der Lebensalter ansehen: Die wesentlichen Einschnitte im Leben eines Juden oder einer Jüdin bemessen sich daran, ob und zu welchen Lernschritten Heranwachsende in der Lage sind. Im erwähnten Text der Hebräischen Bibel, im Deuteronomium ist die Rede von le banecha – der hebräische Ausdruck lässt offen, ob es sich um „Knaben“ oder um „Kinder“ handelt, wobei die im zweiten Jahrhundert vor der Zeitrechnung entstandene griechische Übersetzung, die Septuaginta, den Ausdruck eindeutig mit „Knaben“ übersetzt. Andererseits ist gerade aus hellenistischer Zeit eine Fülle von Texten überliefert, die auf eine liturgische Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen in der → Synagoge hinweisen (Brooten, 1982; Mayer, 1987).

5. Lernen, Lebenslauf und Erinnerung

Die Erinnerung aber spielt auch und gerade bei jenen Übergangsriten eine zentrale Rolle, die das Zur-Welt-kommen sowie das Erwachsenwerden im jüdischen Leben markieren. Als erster solcher Übergangsritus kann der seinerzeit gerade in Deutschland juristisch und politisch heftig umstrittene Brauch der Zirkumzision neugeborener jüdischer Knaben gelten. Dieses Ritual ist mitsamt der Vorschrift, die Beschneidung der Penisvorhaut exakt am achten Tag nach der Geburt vorzunehmen, biblisch begründet (Lev 12,3), geht zurück auf den Abrahamsbund (Gen 17,24) und war in Zeiten der israelitischen Religion die Voraussetzung für die Teilnahme am Passahmahl (Ex 12). Nach rabbinischem und talmudischem Recht ist es freilich nicht die Beschneidung, die einen neugeborenen Knaben zum Juden macht: Jude in diesem Sinn ist ein Kind, wenn es von einer jüdischen Mutter geboren wurde. Die am achten Tag vorzunehmende Beschneidung stellt dann eine feierliche Beglaubigung, ja Besiegelung des Umstandes dar, dass ein jüdischer Knabe geboren wurde. Eine Beschneidung von Mädchen kennt und kannte das Judentum ausweislich der Hebräischen Bibel und der maßgeblichen talmudischen Schriften nie – auch wenn ein einziger paganer Autor der Antike, der Geograph Strabo dies behauptet hat. Nach rabbinischem Recht – im Talmud gemäß Traktat Schabbat, Abschnitt 137b (Schabbat 137b, 1980) – müssen sich erwachsene Männer, die zum Judentum übertreten, ebenfalls dieser Prozedur unterziehen.

Zu fragen ist gleichwohl, ob das traditionelle Judentum analoge, funktional äquivalente Rituale für neugeborene Mädchen kennt. Das war ausweislich der zunächst maßgeblichen talmudischen Schriften nicht der Fall, wohl aber gemäß der Volksfrömmigkeit. Mindestens in aschkenasischen Gemeinden vor allem des elsässischen Landjudentums hat sich ein Brauch entwickelt, nach dem neugeborene Mädchen öffentlich in der Synagoge unter dem Beifall der Anwesenden (Männer) gesegnet werden – der sogenannte Holekreisch, im Hebräischen heute als Zeved ha Bat bezeichnet. Dieser deutlich ältere, wohl im Mittelalter entstandene Brauch wurde seit Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem in liberalen und konservativen Gemeinden zunehmend angewandt, erst in jüngster Zeit haben auch vereinzelte Gruppen der (Ultra-)Orthodoxie diese oder ähnliche Einsegnungen für Mädchen übernommen.

Als nächster Abschnitt im Lebenslauf kann dann die schon in spätantiker, rabbinischer Zeit obligatorische Einschulung - jedenfalls der Knaben - gelten. Nach rabbinischer Überzeugung erstreckt sich das Feld eines von Gott gewiesenen Lebens keineswegs nur auf gottesdienstliche Handlungen in der Synagoge, sondern mindestens ebenso sehr auf das Leben in der → Familie sowie auf das Studium der Heiligen Schrift. So heißt es in den spätantiken Sprüchen der Väter (hebr.: Pirqei Avot), dass die Welt auf drei Säulen ruht: Tora, Avoda sowie Gemilut Chassadim also dem Befolgen und Studieren der Tora, dem Gottesdienst sowie der Wohltätigkeit. Bemerkenswert ist hier – jedenfalls für die Zeit der Spätantike – eine Art verallgemeinerter Schulpflicht für jüdische Knaben: Eine Schulpflicht, die freilich während der folgenden 1500 Jahre unterschiedlichste Formen annahm und zwar so, dass sie keineswegs den Empfehlungen aktueller Didaktik genügt.

Oft genug, das berichten jedenfalls literarische Quellen vor allem des osteuropäischen Judentums aus dem 19. Jahrhundert, war vor allem die Grundschule ein Ort oft sinnlosen, durch körperliche Strafen verstärkten Paukens. Knaben kamen im Alter von etwa drei Jahren in das sogenannte Cheder, zu Deutsch Zimmer, wo sie unter Aufsicht eines Melamed, d.h. eines nicht höher Gebildeten Lehrenden Lesen und Schreiben, Beten (→ Beten, jüdische Perspektive) sowie das Lesen biblischer Texte erlernten. Dass dabei in ländlichen Gegenden der Melamed auch oft genug zum Stock griff, ist überliefert. Im Zeitalter der Aufklärung, in wohlhabenderen, städtischen Gebieten vor allem in Deutschland wurden jedoch bald andere, von der Philanthropie übernommene Unterrichtsformen gepflegt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde sogar in der deutschen Neoorthodoxie in Anknüpfung an frühe Überlegungen Moses Mendelsohns, Mädchen nicht nur allgemeiner Schulunterricht, sondern auch Unterricht in Talmud und Tora erteilt, ohne dass damit freilich die Berechtigung zum öffentlichen Vortrag aus der Tora im synagogalen Gottesdienst einhergegangen wäre.

Damit ist man schon beim nächsten förmlichen Übergangsritus, nämlich der – wenn man so will – → Religionsmündigkeit, d.h. jenem Alter, in dem Knaben (und Mädchen) zu vollgültigen Mitgliedern der betenden und studierenden Gemeinde werden. Die Bezeichnung für diesen Status und zugleich die Bezeichnung für die mit diesem Status verbundene Feier lautet Bar Mitzva (Sohn der Weisung) bzw. Bat Mitzva (Tochter der Weisung). Die Bezeichnung Bar Mitzva ist rabbinischer Herkunft und in dieser Form seit dem Ende des 13. Jahrhunderts aus dem aschkenasischen Europa überliefert. Der Status beginnt für Knaben mit dem Beginn ihres vierzehnten, für Mädchen mit dem Beginn ihres dreizehnten Lebensjahres und soll ausdrücken, dass das jüdische Kind nun in jeder Hinsicht für das Befolgen aller rituellen Weisungen – für Mädchen und Knaben unterschiedlich – verantwortlich ist.

Die theologische Vorgabe hierfür findet sich wiederum in dem in der späten Antike abgeschlossenen Talmud, genauer: In jenen Passagen der mündlichen Überlieferung, die nach der Zerstörung des Tempels verschriftlicht wurden, also in der sogenannten Mischna, die nach traditionellem Glauben Moses am Sinai von Gott empfing. Die rituelle Ausformung, nicht nur die Bezeichnung Bar Mitzva, freilich ist in der heute praktizierten Form erst seit dem 15. Jahrhundert zuverlässig überliefert, und zwar in ihren drei Teilen: dem öffentlichen Aufruf zur Tora, dem – natürlich nicht am → Sabbat – gebotenen Anlegen der Gebetsriemen sowie einer am Ende des synagogalen Gottesdienstes, genauer am Ende des Lesens aus den Toraabschnitten gehaltenen Ansprache an die Gemeinde.

Bar Mitzva, Sohn der Weisung zu sein, das heißt für Knaben, dass sie von nun an beim täglichen Morgengebet die schon im 6. Jahrhundert vor der Zeitrechnung vorgeschriebenen Gebetsriemen anlegen und zudem im Gottesdienst Gebetsmäntel mit Schaufäden tragen sollen. Diese Maßgaben gelten freilich im orthodoxen Judentum ausschließlich für Wesen männlichen Geschlechts. Mit der Bar Mitzva wird der Knabe vollgültiges Mitglied der betenden Gemeinde, d.h. dass bestimmte Gebete, deren öffentliches Rezitieren ein bestimmtes Quorum (zehn Männer, der sogenannte Minjan) erfordert, gesagt werden können, wenn neun Erwachsene sowie ein dreizehnjähriger Knabe anwesend sind. Kern des synagogalen, des sabbatlichen Gottesdienstes ist die sogenannte Alyah, der Aufstieg zu einem meist in der Mitte der Synagoge stehenden Lesepult, auf dem die Torarolle liegt, die die fünf Bücher Mose in hebräischer, unpunktierter Schrift enthält. In der Regel werden (männliche) Mitglieder der Gemeinde nach einer bestimmten Regel aufgerufen, beugen sich nach einigen einschlägigen Segenssprüchen neben dem Vorbeter über den jeweiligen Wochenabschnitt, während der Vorbeter den Text auf die Melodie einer altertümlich und fremdartig wirkenden Kantillation vorträgt. Diese Handlung kann von normalen Betern nicht nachvollzogen werden, weil zum Lesen des Toratextes bestimmte Melodien vorgegeben sind, die Spezialwissen von Rabbinern und Kantoren sind. Das besondere des Bar Mitzva-Rituals besteht nun nicht nur darin, dass der Knabe an einem Sabbat, der möglichst auf seinem gemäß dem jüdischen Mondkalender festgestellten Geburtstag folgen soll, eine Alyah vollzieht, sondern dass er den entsprechenden Wochenabschnitt selbst singend der Gemeinde vorträgt. Dazu erhalten die Knaben zuvor Unterricht, werden mit den Grundlagen des jüdischen Glaubens und der jüdischen Geschichte vertraut gemacht, mit Weisungen, Riten und Narrativen, vor allem aber mit der Technik des kantillierenden Vortrags des ihnen zugewiesenen Abschnitts aus der Tora. Vor und nach dem Vortrag aus der Tora rezitiert der Bar Mitzvah zwei Segenssprüche, die wiederum Erinnerung einfordern: an die Erwählung Israels, den Auszug aus Ägypten sowie die Offenbarung der Tora am Sinai.

Wendet man den Blick von den rituellen, im engeren Sinne praktisch-theologischen Vorgaben den sozialpsychologischen Aspekten dieses Ritus zu, so lässt sich vermuten, dass die Erlebensqualität intensiver als bei den funktional äquivalenten Ritualen der Kirchen, also den Riten der Konfirmation bzw. der Erstkommunion ist. Und zwar deshalb, weil den Knaben und Mädchen, die Bar (d.h. Sohn) oder Bat (d.h. Tochter) Mitzva werden, nicht nur eine größere und anstrengendere Lernleistung zugemutet wird, sondern vor allem, weil sie in diesem Ritual als besonders herausgestellte, markierte Einzelpersonen aus dem Kreis der Familie, einer gleichsam „natürlichen“ Umgebung heraus und ins Licht der gemeindlichen Öffentlichkeit treten.

Die Jugendlichen, die auf der Kanzel stehend nach Wochen des Übens laut kantillierend den Abschnitt der Tora vortragen, stehen im Scheinwerferlicht: Sie wissen, dass nicht nur die Augen ihrer Eltern und ihres Lehrers, sondern die Augen der ganzen Gemeinde auf sie gerichtet sind, dass die synagogale Öffentlichkeit gespannt verfolgt, ob der schwierige Vortrag gelingt oder nicht, ob sie einen souveränen oder unsicheren Eindruck machen. Auf diese schwierige Pflicht folgt dann in aller Regel noch eine Kür, nämlich eine von Bar oder Bat Mizvah gehaltene, lehrhafte Ansprache, eine Art lehrhafter Predigt, die Derasha, die traditionell immer auch einen öffentlich ausgesprochenen Dank an Eltern und Lehrer für die bisher erhaltene Erziehung enthält. Nach Abschluss des Gottesdienstes folgt dann im Allgemeinen in den Vorräumen der Synagoge noch ein von den Eltern gespendeter Empfang, ein Kiddusch, d.h. eine Heiligung des Weines, bei dem die Jugendlichen und ihre Eltern von den einzelnen Mitgliedern der Gemeinde Glückwünsche und die Jugendlichen Geschenke empfangen. Wohlhabendere Familien laden dann häufig am Abend, nach Ausgang des Sabbats zu einer Art Ball ein, bei der auch wiederum der/die Jugendliche zunächst im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, nicht selten auf einen Stuhl gesetzt und zu den Klängen chassidischer Musik durch den Raum getragen wird. Die Verbindung von monatelangen anstrengenden Phasen des Übens und erinnernden Lernens, der hohen Anspannung während des synagogalen Rituals vor den Augen einer kritischen Öffentlichkeit und der anschließenden, Selbstbewusstsein und Selbstgefühl erhöhenden Feier lassen das Ritual zu einem „kritischen Lebensereignis“ im positiven Sinne werden, einem Lebensereignis, das in sehr vielen Fällen später als außerordentlich prägnant erinnert wird und damit sowohl die Strukturiertheit des Lebenslaufs unterstreicht als auch die Besonderheit eines jüdischen Lebenslaufs betont.

Tatsächlich fallen die Lebensalterzeiten der religiösen Mündigkeit und der Pubertät, d.h. der sexuellen Reifung, d.h. das Auftreten der ersten Menstruation bei Mädchen sowie der ersten Samenergüsse bei Knaben in etwa in denselben Zeitabschnitt und das traditionelle, orthodoxe Judentum kennt seit den Zeiten der späten Antike verschiedene Formen, darauf zu reagieren. Damit sind nun nicht Formen von Sexualunterricht gemeint, sondern wiederum spezielle Rituale. Nach biblischer Auskunft stellen Menstruation und Samenerguss, also das Austreten jener Körperflüssigkeiten, die als Träger des Lebens gelten, Krisen (vor allem bei geschlechtsreifen Frauen) im Lebenszyklus dar, die dazu führen, dass Personen, die durch Austritt dieser Flüssigkeiten an ihrer Leiboberfläche mit ihnen in Berührung kommen, als „unrein“ gelten, was aber nicht im trivialen Sinne als „schmutzig“ anzusehen ist.

Die Menstruation von Frauen hat im sogenannten „gesetzestreuen“ Judentum zur Folge, dass sich die Frau bis zu drei Tagen nach dem Ende der Menstruation aller Näherungen und Berührungen ihres Mannes zu enthalten hat und sich anschließend einem rituellen Reinigungsbad in einem Grundwasser gespeisten Brunnen unterziehen muss.

Analog zur differenztheoretischen Auffassung männlicher und weiblicher Lebensvollzüge im orthodoxen Judentum unterscheiden sich auch die Rituale religiösen Mündigwerdens. Während in der strengen Orthodoxie Mädchen überhaupt keinen Auftritt in der Synagoge haben, kennen modernere Formen der Orthodoxie immerhin den Brauch, den Mädchen zwar keinen Aufruf zum Lesen aus der Tora zuzubilligen, wohl aber einen Vortrag vor der Gemeinde der Betenden, vor dem Toraschrein. In den sogenannten konservativen oder liberalen Denominationen des Judentums, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts herausgebildet haben (Marcus, 2004) und die Ordination von Rabbinerinnen als Regelverfahren seit den 1970er Jahren kennen, erhalten auch Mädchen einen Aufruf zur Tora und vollziehen Ritual und Feier mit allen Variationen analog zu den Knaben.

Auch in dieser Frage ist ein Blick in die spätantiken Quellen, namentlich das rabbinische Schrifttum hilfreich. Es bedurfte nicht erst Isaac Bashevis Singers Novelle „Yentl“ und des gleichnamigen, schon zum Klassiker gewordenen Films mit Barbra Streisand aus dem Jahr 1983, um auf die Probleme hinzuweisen, die mit dem Ausschluss kluger und gelehrter Frauen vom Tora lernen entstanden. So patriarchalisch sie auch gesonnen sein mochten, so waren die Autoren der talmudischen Schriften doch redlich genug, die damit verbundenen Konflikte zu überliefern.

Die Haggadah schel Pessach, so wurde anfangs berichtet, weist vier Typen von Söhnen auf. Dem bösen Kind – im Hebräischen Text wie alle anderen auch eindeutig als männlich gekennzeichnet –, wird folgende Frage zugeschrieben: Was bedeutet Euch dieser Dienst? Es fragt – so die Haggadah weiter –

„‚für Euch‘, nicht auch für sich selbst! Weil es sich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und die Hauptsache abgestritten hat, darum sollst Du Deine Worte gegen es wenden und ihm antworten: ‚Dies geschieht wegen der Taten, die der Ewige mir getan hat, als ich aus Ägypten ausgezogen bin. Mir und nicht dir! Denn du wärst nicht erlöst worden, wenn Du dort gewesen wärst‘.“

„Taten, die der Ewige mir getan hat [...]“. Auch hier ist sie wieder – die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten; indem das Passahfest mit diesen Worten jedes Jahr begangen wird, finden wir hier eine Form lebenslangen erinnernden Lernens vor.

Literaturverzeichnis

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