Dis/ability History, kirchengeschichtsdidaktisch

Andere Schreibweise: Inklusion, kirchengeschichtsdidaktisch

(erstellt: Febr. 2020)

1. Lebensweltliche Verortungen

Welchen Sinn kann es machen, Krankheit und Behinderung in der Vergangenheit zu erforschen? Ist das überhaupt möglich? Diesen Fragen widmet sich die Dis/ability History, die gleichsam ein Abkömmling der so genannten Disability Studies (→ Dis/ability Studies) ist. Deren aktuelle Zielsetzung besteht darin, die kulturellen und gesellschaftlichen Konstruktionsprozesse sichtbar zu machen, in denen sich Deutungsmuster körperlicher Phänomene in einer Gesellschaft sowie Praktiken von Exklusion und Inklusion Ausdruck verschaffen. Damit wird zugleich ein Einblick in die gesellschaftlichen Normen von Normalität und Abweichung (ableism/disability) eröffnet. Insofern sind Disability Studies eine disziplinübergreifende Forschungsperspektive, die zwar auch politisch-emanzipatorische Zielsetzungen verfolgt, in erster Linie jedoch „Behinderung“ als Bedeutungsphänomen in den Blick nimmt und eine neue Sichtweise etablieren will (vgl. Dederich, 2007, 17-55).

Dieser prinzipielle Perspektivenwechsel auf das Bedeutungsphänomen „Behinderung“ ändert zunächst nichts an der Wahrnehmung von Behinderungen und Einschränkungen durch Kinder und Jugendliche bzw. durch die so genannten Nicht-Behinderten. Im Folgenden soll vornehmlich der Kontext Schule bedacht werden, prinzipiell gelten die Beschreibungen aber für alle Gruppierungen der Gesellschaft.

Das Phänomen „Behinderung“ begegnet Schülerinnen und Schülern zunächst in ihrem persönlichen Umfeld, beispielsweise in der Familie (älter werdende und auf Unterstützung angewiesene Großeltern, aber gegebenenfalls auch Eltern und Geschwisterkinder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen). Sie erleben „Behinderung“ am eigenen Leib, so als ADHS, Ernährungsstörungen und andere autoaggressive Verhaltensweisen wie selbstverletzendes Verhalten.

Erfahrbar wird „Behinderung“ auch innerhalb der schulischen Laufbahn, wenn es um Fragen der besonderen Beschulung, der Zuweisung auf weiterführende Schulen oder Förderunterricht geht.

Einen institutionalisierten Rahmen findet die Begegnung mit „Behinderung“ im Rahmen diverser Sozialpraktika oder Diakonie-Praktika, die von vielen Schulen durchgeführt werden. Bekannte Modelle sind das erprobte und evaluierte → Compassion-Projekt und die Angebote, die unter den Begriff „Diakonisches Lernen“ (→ Diakonisches Lernen, evangelisch) gefasst werden (vgl. Bahr, 2012, 236-238).

Die Reaktionen auf solche Erfahrungen können sehr unterschiedlich sein und erstrecken sich von Neugier und unkompliziertem Miteinander (bei jüngeren Kindern in Inklusionsklassen) über Wegschauen bis hin zu Ablehnung, weil „Behinderung“ bei den „Normalen“ Verunsicherungen auslösen kann. Konkrete Begegnungen können das wechselseitige Verständnis fördern, wie u.a. Ergebnisse des Compassion-Projekts zeigen.

Den Schülerinnen und Schülern können unter der Perspektive der Disability Studies Einsichten eröffnet werden, was „Behinderung“ bedeuten kann und welche Deutungsperspektiven in der Gegenwart vorherrschen.

So dominiert in der Wahrnehmung von „Behinderung“ ein medizinisch-therapeutischer Blick, der insbesondere durch die Sonderpädagogik gefördert wird. Mit anderen Worten, der Blick auf Menschen mit „Behinderungen“ zielt auf Förderung, Verbesserung der Lebensumstände etc. Das ist nicht von vornherein zu kritisieren, verstellt aber möglicherweise den Blick auf die Selbstwahrnehmung der Betroffenen. Auch die soziologisch ausgerichtete Perspektive, die zwischen Dis/ability als gesellschaftlich bedingter Behinderung und Impairment als körperlicher Beeinträchtigung unterscheidet, bedient diese Perspektive. Gleichzeitig muss sich die Sonderpädagogik fragen lassen, ob sie nicht gerade mit ihren Bemühungen Normalitätsvorstellungen konstruiert und zementiert. Die Disability Studies eröffnen einen kulturwissenschaftlichen Blick, indem sie Implikationen beschreiben, die mit dem Phänomen „Behinderung“ verbunden werden. Dann wird zugleich sichtbar, dass Bedürftigkeit, Angewiesensein auf andere Menschen und Vulnerabilität als anthropologische Grundbestimmungen gelten können, so dass die Grenzen zwischen „Behinderung“ und „Nicht-Behinderung“ als fließend betrachtet werden können.

2. Dis/ability History

2.1. Begriffliche Einordnungen

Der Aspekt der Vulnerabilität verweist implizit schon auf die historische Dimension der Disability Studies. Während Verletzlichkeit, Krankheiten und Einschränkungen in früheren Zeiten „normal“ waren, dominieren in der Gegenwart Bilder von Gesundheit, Stärke und Jugendlichkeit und avancieren zur Norm. Unsere heutigen Vorstellungen von „Behinderung“ sind geprägt von Diskursen der Neuzeit, vor allem seit dem 18. Jahrhundert. Darauf hat Michel Foucault mit seinem berühmten Buch „Die Geburt der Klinik“ verwiesen.

Die Dis/ability History der Vormoderne, die im vorliegenden Artikel (auch) kirchengeschichtsdidaktisch (→ Kirchengeschichtsdidaktik) reflektiert wird, ist eine noch relativ junge Disziplin. Als Teil der transdisziplinären Disability Studies erschließt sie einen neuen Zugang zum Forschungsgegenstand „Behinderung“. Diese wird nun historisiert und als kontingent, das heißt als soziohistorische Konstruktion gedacht. Zunächst geht es darum, neue Geschichten von Behinderung zu schreiben. Die Dis/ability History versucht, sich von den traditionellen Erfolgsgeschichten des wohltätigen Erfindungsreichtums der Medizin und des Sozialstaats zu lösen. Sie entwirft in historischer Tiefe differenzierte Bilder der Konstruktion von und des gesellschaftlichen Umgangs mit Behinderungen. Sie grenzt sich erstens von der älteren „Meistererzählung“ von der allgegenwärtigen Ausgrenzung passiver Opfer ab, wie sie noch die älteren sozialgeschichtlichen Darstellungen anbieten. Zweitens gilt auch der heroisch-biografische Zugang, der vor allem für die Forschung in den USA typisch war, heute als eindimensional. Menschen mit Behinderungen werden von der Dis/ability History zunehmend als Handelnde und als Subjekte (→ Subjekt) der Geschichte betrachtet und nicht mehr nur als Behandelte untersucht.

Die Forschungsprogrammatik lässt sich mit Anne Waldschmidt und Elsbeth Bösl als der Versuch beschreiben, „zu untersuchen und aufzuzeigen, wie und warum – historisch, sozial und kulturell – dis/ability überhaupt hergestellt wird“ (Nolte, 2017, 43). Behinderung wird so zur analytischen Kategorie, um nach Exklusions- und Inklusionsmechanismen zu fragen. Sie ist somit keine Behindertengeschichte aus der Perspektive der Normalität, sondern schärft den Blick dafür, dass Körper historisch und kulturell variabel sind, dass die Erwartungen an Körper im Sinne von Leistungsfähigkeit und Funktionalität je nach historischem Kontext differieren können. Gleichzeitig versteht sich die Dis/ability History als Korrektiv gegenüber den Disability Studies. „Die historische Perspektive leistet einen wesentlichen Beitrag, reduktionistische Sichtweisen der Gegenwartsgesellschaft auf Behinderung zu hinterfragen, indem sie aufzeigt, wie viele Varianten und Möglichkeiten des gesellschaftlichen Umgangs mit Alterität es gibt, die der gegenwärtige Kollektivbegriff ‚behindert‘ nur unzureichend abbildet. Zugleich weisen historische Studien darauf hin, dass die dem aktuellen Behinderungsbegriff immanente Homogenitätsannahme vor allem eine Zuschreibung ‚von außen‘ ist, die zudem wesentliche Machtfragen überdeckt“ (Nolte, 2017, 46). Dis/ability History leistet so einen Einblick in unausgeleuchtete Räume vergangener Epochen und kann dazu anregen, Geschichte noch einmal anders zu schreiben, indem sie nicht nur „Behinderung“, sondern auch Normalitäten sichtbar macht. Die Parallelen zu den Gender Studies/zur Geschlechtergeschichte sind evident.

Neben der grundlegenden Problematik, die mit den Begriffen „disability“/„impairment“ bzw. „Behinderung“/„Beeinträchtigung“ insofern verknüpft ist, als dies künstliche und heterogene Kategorien sind, kommt für die Dis/ability History der Vormoderne erschwerend hinzu, dass die Kategorie „Behinderung“, wie wir sie heute (simplifizierend) verstehen, in dieser Epoche nicht existierte. In den schriftlichen Quellen werden vielfach Sammelbegriffe wie „infirmitas“ (Gebrechlichkeit) oder „debilitas“ (Schwäche, Lähmung) gebraucht, die sich allerdings nicht auf rein physische Phänomene beziehen, sondern „vielfach (auch) ökonomische Unsicherheit, soziale Unterlegenheit oder gesellschaftliche (Schutz)bedürftigkeit“ implizieren“ (Nolte, 2017, 54). Bianca Frohne schlägt daher vor, mit dem Konzept der „embodied difference“ zu arbeiten, das die Chance eröffnet, auch impairments als kulturelle Konstruktionen zu analysieren. Das bedeutet gleichzeitig, dass es nur sehr bedingt möglich ist, die Materialität „behinderter“ Körper zu erfassen, da die Begrifflichkeiten der schriftlichen Quellen keine eindeutige Identifizierung von Krankheitsbildern und Beeinträchtigungen zulassen. Für die historische Forschung ergibt sich daraus die Forderung, sich bewusst zu machen, dass die Begrifflichkeiten vormoderner Texte von unseren modernen Vorstellungen vermutlich sehr weit entfernt sind. Diese Differenz und Uneindeutigkeit wird in der Dis/ability History durchaus als Chance gesehen, da die Variabilität des Behinderungsbegriffs damit sichtbar wird. Damit ist zugleich die Chance gegeben, Begriffe wie „Behinderung“ zu modifizieren und gegebenenfalls irgendwann auch (gesellschaftlich) zu überwinden. Insofern kann die Dis/ability History mit ihrer Eröffnung von Einsichten in den Umgang mit Beeinträchtigungen in der Vergangenheit Veränderungspotenzial für die Gegenwart und Zukunft entfalten.

2.2. Dis/ability History und Christentumsgeschichte

Die Forschungen zu einer „Dis/ability History der christlichen Tradition“ stehen noch ganz am Anfang. Zwei Perspektiven sollen hier ins Zentrum gerückt werden. Zum einen die theologiegeschichtliche Linie, zum anderen die sozialgeschichtliche Dimension. Beide sind nicht wirklich voneinander zu trennen, haben aber unterschiedliche Quellenlagen und Zielrichtungen.

Die theologie- oder traditionsgeschichtliche Linie zielt darauf ab aufzuzeigen, wie innerhalb der christlichen Theologie über „Behinderung/Behinderte“ nachgedacht und geschrieben worden ist, welche theologischen Deutungsmodelle für „Behinderung“ entwickelt wurden. So kann aufgezeigt werden, dass christliche Theologie einerseits ihren Beitrag zur Ausgrenzung „Behinderter“ geleistet hat, vor allem durch die Verknüpfung mit menschlicher Sünde bzw. Sündhaftigkeit. Anderseits hat sie auch Perspektiven eröffnet, „Behinderung“ und Krankheit als conditio humana zu fassen, die nicht zu bewerten ist, sondern die zu praktischem Handeln auffordert.

Sozialgeschichtlich wirkt sich die christliche Perspektive vor allem im Umgang mit Armut/Bettelei, d. h. im Bereich der Armenfürsorge, aus.

2.3. Theologiegeschichtliche Linien

Der theologische Diskurs ist vielfältig und i. d. R. situativ, d. h. die Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Behinderung“ ist in der Theologie kein eigenständiger Topos, sondern wird im Kontext übergeordneter theologischer Fragen oder situativ-anlassbezogen und ethisch fokussiert bearbeitet. Folgende – parallel verlaufende – Linien lassen sich ziehen:

2.3.1. Differenzierung zwischen irdischer und eschatologischer Existenz

Seit dem frühen Christentum existieren Ansätze, „Behinderung“, vor allem in Form von Missbildungen, in Gottes Schöpfungsordnung einzufügen. Texte von Augustin lassen sich so lesen. Der „sichtbare“ Widerspruch zur Vollkommenheit der Schöpfung wird in der Weise aufgelöst, dass zwischen der irdischen körperlichen Existenz und dem Auferstehungsleib differenziert wird, so dass im Eschaton alle Menschen gleichermaßen „vollkommen“ sein werden.

2.3.2. Verknüpfung von „Behinderung“ und sündhaftem Sein

Ein überaus wirkmächtiges Deutungsmuster seit der Alten Kirche hat sich dadurch etabliert, dass man „Behinderung“/Missbildungen im Widerspruch zur Schöpfungsordnung gesehen hat. Die Ursache für körperliche Einschränkungen wird dann im Subjekt selbst gesucht, d. h. das Böse bzw. das Sündersein und dis/ability werden miteinander verbunden: Der behinderte Mensch ist infolge seiner Sündhaftigkeit selbst schuld.

2.3.3. Differenzierung zwischen Körper und Seele

Ein weiteres, bei vielen Theologen vertretenes Deutungsmuster liegt in der Unterscheidung von körperlicher und seelischer Existenz. Für Thomas von Aquin beispielsweise gehören körperliche Einschränkungen zu den konstitutiven Bedingungen menschlichen Seins nach dem Sündenfall. Diese Defekte behindern allerdings nicht die Kommunikation der Seele mit Gott.

2.3.4. Pragmatische Deutungsmuster

Eine sich seit den Anfängen des Christentums durchhaltende Perspektive sieht in Menschen mit körperlichen und seelischen Leiden Adressatinnen bzw. Adressaten christlicher Nächstenliebe und diakonischen Handelns. Die Exklusionsprozesse, die auf der Ebene theologischer Reflexion nicht zu leugnen sind, ziehen nicht automatisch soziale Exklusionen nach sich. Im Gegenteil, die real existierende Not von Menschen wird gesehen. Exemplarisch zeigt sich dies bei → Luther, Martin, der angesichts verschiedener Pestepidemien die Fürsorge für die Kranken als Dienst am Nächsten deklariert, den es im Glauben zu erfüllen gilt.

2.3.5. Didaktische Vereinnahmung

In paränetischen Kontexten werden „Behinderung“ und Krankheiten von vielen Theologen didaktische Intentionen zugewiesen. So soll der Mensch im Leiden sein Angewiesensein auf Gott erkennen oder Leiden sollen zu Demut und Gebet führen. In Hinblick auf Bibelstellen, die von „Behinderung“, insbesondere Blindheit, handeln, wird auf einen spirituellen bzw. metaphorischen Sinn verwiesen, der letztlich mit Sündhaftigkeit gleichgesetzt wird.

2.4. Sozialgeschichtliche Perspektiven

An ausgewählten Beispielen wird aufgezeigt, dass – sozialgeschichtlich betrachtet – die Themen „Behinderung“/Krankheit neue bzw. andere Einsichten in die Vergangenheit vermitteln können.

2.4.1. Behinderung und Bettelei in mittelalterlichen Städten

Ein instruktives bildhaftes Beispiel bieten die mittelalterlichen Darstellungen (→ Kunst, kirchengeschichtsdidaktisch) des Heiligen Martin und seiner Mantelspende an den Bettler. Die Variationen des Bildthemas können nach Irina Metzler exemplarisch für die Wechselwirkung zwischen Bildmotiv und Gesellschaft gelten (vgl. Metzler, 2015). Das Bild wird somit durchsichtig für sozialgeschichtliche Prozesse und gesellschaftliche Diskurse. Während die ältesten Darstellungen Martin und den Bettler als ebenbürtig darstellen, wird der Bettler im Hochmittelalter zunehmend hässlicher, ausgemergelter und kleiner als der Heilige präsentiert. Eine neue Stufe in der Entwicklung des Bildmotivs bringt das Spätmittelalter hervor. Jetzt wird der Bettler zunehmend „behindert“, er wird zum Krüppel mit Beinstützen, Krücken oder Schemeln, um sich rutschend fortzubewegen. Der Bettler wird als Krüppel gleichzeitig zum Symbol für Bedürftigkeit, und er wird Ausdruck eines Mentalitätswandels in der Gesellschaft. Im frühen und hohen Mittelalter war es, auch dank der caritativen Funktionen der Klöster, gesellschaftlicher Konsens, die „pauperes“ (Armen) mit Almosen zu versorgen. Als Gegenleistung wurden von ihnen Gebete/Fürbitten erwartet, so dass sich ein angemessenes Austauschverhältnis ergab. Insofern war die christliche Caritas nicht-diskriminierend bzw. inklusiv, d. h. niemand wurde prinzipiell ausgeschlossen. Dieses Verhältnis änderte sich im Spätmittelalter durch die steigende Zahl der Bettler in den Städten, u.a. eine Folge wirtschaftlicher und sozialer Transformationsprozesse. In der spätmittelalterlichen Stadtgesellschaft wurden Arbeits- und Leistungsfähigkeit zu neuen Normen, die die Nützlichkeit des Einzelnen für die Gemeinschaft umschrieben. Armut sollte mit Arbeit, nicht durch Bettelei bekämpft werden, sodass Armut/Bettelei zunehmend stigmatisiert wurden. Damit einher ging die Unterstellung, dass viele Bettler eigentlich nicht bedürftig seien und betrügerisch Almosen erheischen wollten. Ein sichtbarer „Nachweis“ der Arbeitsunfähigkeit, Bedürftigkeit und damit legitimer Bettelei wurde der deformierte Körper. Die Darstellungen der Mantelspende des Heiligen Martin an den „Krüppel“ reflektieren unverkennbar diesen Mentalitätswandel bzw. sozialen Wandel.

Schriftlichen Niederschlag haben diese sozialen Transformationsprozesse in städtischen Verordnungen (Bettelordnungen, Armenordnungen, Hospitalordnungen) oder den Bruderbüchern so genannter „fraternitates miserabilium“ (Elendenbruderschaften), die man als Selbstorganisation der „Armen“ bezeichnen kann, gefunden. Diese Quellen (→ Quellenarbeit, kirchengeschichtsdidaktisch) machen sichtbar, dass es in gewisser Weise um → Inklusion der „eigenen“ Armen und Exklusion „fremder“ Armer ging. Dass Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen bis in die Gegenwart pauschal als „arm“ im Sinne von bedauernswert, aber auch in konkreter materieller Hinsicht angesehen werden, hat hier möglicherweise eine Wurzel.

2.4.2. Dis/ability im Umfeld religiöser und klerikaler Lebensformen

„Behinderung“ und Krankheit prägten im Mittelalter nicht nur Menschen im Laienstand, sondern waren auch Phänomene, von denen Menschen im Kleriker- oder Religiosenstand betroffen waren und die diskursiv bearbeitet wurden. In Bezug auf das Leben in Klostergemeinschaften lassen sich Gemeinsamkeiten mit den Ordnungen für das städtische Zusammenleben entdecken. So finden sich in verschiedenen Klosterregeln dezidierte Vorschriften, wie mit kranken und schwachen (d. h. zeitweilig oder im Alter dauerhaft beeinträchtigten) Brüdern umzugehen sei. Auf der einen Seite werden sie privilegiert, d. h. sie bekommen eigene Räume, gegebenenfalls Pflegepersonal, besondere Körperpflege, und sie werden von den strengen klösterlichen Pflichten befreit (körperliche Arbeit, Fasten, (Stunden-)Gebete). In der Regel werden sie auch üppiger mit Nahrung und Wein versorgt, wenn es der Genesung dient. Gleichzeitig warnen die Regeln davor, dass die gesunden Brüder neidisch auf die Kranken schauen, indem sie darauf insistieren, die Kranken wären lieber gesund und würden den normalen Tagesablauf im Kloster mitvollziehen. Simulanten werden im Gegenzug Strafen angedroht. In der Perspektive der Dis/ability History zeigt sich, dass Gesundheit/Funktionalität als Normalität gilt, gleichzeitig ein angestrebtes Ideal ist. Abweichungen durch Krankheit werden von der Gemeinschaft pragmatisch bearbeitet: Kranke nehmen am Klosterleben im Rahmen ihrer Möglichkeiten teil, eine Absonderung erfolgt vor allem dann, wenn der Alltag durch sie gestört wird.

Eine ganz andere Funktion übernimmt körperliche Beeinträchtigung bei Mystikerinnen und Visionärinnen. In ihren Selbstbeschreibungen, in Schwesternbüchern und Fremdbeschreibungen werden ihre Schmerzen, Leiden und Krankheiten oftmals ausführlich dargestellt, möglicherweise folgen diese Darstellungen literarischen Mustern. Interessant ist hier die Funktion körperlicher Beeinträchtigungen und Leiden. „Das biographische Konstrukt liefert die Grundvoraussetzung dafür, dass die religiösen Frauen schreibend und predigend in die Öffentlichkeit treten durften. (…) Wollten sie doch verkündigen, mussten Strategien gefunden werden, die dies ermöglichten. Dazu gehört die Anerkennung einer prophetischen Gabe und mystischer Erfahrung, die oft in Verbindung gebracht wird mit der generellen Schwäche der Frauen, deren sich Gott gnadenhaft bedient“ (Nolte, 2017, 200). Ein Teil dieser Strategie waren die körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen, die auch in mehrjährige Krankheitsphasen münden konnten. In dieser Perspektive ist Dis/ability gerade nicht eine Einschränkung von Lebensvollzügen, sondern „so erweisen sich (vermeintliche) Schwäche, Krankheit und ‚Beeinträchtigung‘ als eine Form von ‚ability‘, die den Mystikerinnen und Visionärinnen Teilhabe am öffentlichen religiösen Leben und an der Vermittlung von Seelenheil und Frömmigkeit erlaubte“ (Nolte, 2017, 200).

Eine andere Diskussion, die an dieser Stelle nur erwähnt sei, ist die um die „Behinderung“ von Klerikern, in der es beispielsweise um die Voraussetzungen der Weihe und um den Einsatz körperlich eingeschränkter Priester geht. Das sind Fragen, die bis in die Gegenwart hinein (kirchenrechtlich) relevant sind. Auch diese Diskussionen setzen Vorstellungen von Normalität und Normabweichung voraus.

3. Kirchengeschichtsdidaktische Reflexionen

Dis/ability kann und sollte eine Kategorie der Reflexion kirchengeschichtlicher Themen im → Religionsunterricht bzw. den Feldern der kirchlichen Bildungsarbeit sein. Es kann dabei nicht die Zielsetzung sein, eine „(Kirchen-)Geschichte der Behinderung“ zu schreiben, wohl aber kann an geeigneten Stellen kritisch gefragt werden, welche Funktion dis/ability in Quellentexten, Erzählungen (→ Erzählen), bildlichen Quellen etc. spielt. Das bedeutet, dass vor allem die kulturwissenschaftliche Perspektive der Dis/ability History in den Fokus gerückt wird. Damit verbunden ist die Frage, was im Umkehrschluss „ability“ bedeutet und welche Normalitätsnormen implizit vorausgesetzt werden. Dazu sind unter 2.3 und 2.4 Beispiele genannt worden, die für unterrichtliche Settings fruchtbar gemacht werden können.

Instruktiv ist dieses Vorgehen zum einen bei Themen, die dezidiert „Behinderung“ im Blick haben, z. B. Caritas- bzw. Diakoniegeschichte, Missionsgeschichte oder Euthanasie im Dritten Reich. Zum anderen kann faktisch in Bezug auf alle Themenbereiche die Frage gestellt werden, ob Deutungen geschichtlicher Phänomene allgemeingültig sind, ob Menschen mit Beeinträchtigungen diese Deutungen mittragen könnten oder ob Deutungen nur die Perspektive der vermeintlichen Normalität spiegeln. Damit wird gleichzeitig unser gegenwärtiges Verständnis von Normalität, Gesundheit, Leistungsfähigkeit hinterfragt, so dass sichtbar wird, dass Fragen an die Vergangenheit auch eine aktuelle Dimension haben. Das bedeutet konkret, dass Unterrichtsentwürfe, Materialien, Texte und so weiter daraufhin befragt werden, ob sich die Darstellung der Ziele und Ergebnisse aus der Perspektive der Dis/ability History verändern (müssen).

4. Ausblick

Die Dis/ability History als Zugriff auf kirchengeschichtliche Themen und damit als kirchengeschichtsdidaktische Kategorie steht noch ganz am Anfang. Orientierung und Impulse zur Entwicklung dieser Kategorie bietet die Geschlechtergeschichte, die sich mittlerweile in allen historischen Arbeitsfeldern etabliert hat und auch neue Einsichten in das eröffnet, was wir Kirchen- und Christentumsgeschichte (→ Kirchengeschichte) nennen.

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