Bibliodrama

1. Bibliodrama als bibeldidaktischer Zugang

Das Bibliodrama ist eine „szenische, erfahrungsbezogene, exegetisch u[nd] theologisch begründete Zugangsweise zur Erschließung bibl[ischer] Texte“ (Kollmann, 2001, 177) und zählt im Methodenspektrum biblischen Lernens zu den „kreativ-gestalterischen Formen der Bibelarbeit“ (Dormeyer, 2001, 175). Wie biblisches Lernen im Sinne korrelativer Didaktik (→ Korrelation) grundsätzlich darauf zielt, in den „biblischen Texte[n] das Wort Gottes zu Gehör […], in einen Dialog mit den Lebensdeutungen heutiger Menschen zu bringen“ (→ Bibeldidaktik, Grundfragen), fördert das Bibliodrama „eine erfahrungsbezogene, körperlich-geistige Begegnung von Tradition und heutigem Leben“ (Langer, 2018, 246). Vergleichbar mit der aus dem Bibliodrama entstandenen Methode des → Bibliolog (vgl. Pitzele, 1998) ermöglicht das Bibliodrama, „in den Raum des Textes einzutreten und ihn quasi ‚von innen heraus‘ zu entdecken“ (→ Bibliolog). Eine „Verlangsamung des Verstehens, ein Wahrnehmen von Details, eine Auflösung von Selbstverständlichkeiten“ (Pohl-Patalong, 2009, 26) und eine vertiefte Erfahrung der Heiligen Schriften kennzeichnen beide Formen biblischen Lernens. Während der Bibliolog eine stärkere Konzentration auf die sprachliche Form bedingt und so auch in einem kürzeren zeitlichen Rahmen (ca. 15-30 Minuten in der Grundform) umzusetzen ist, greift das Bibliodrama im Hinblick auf die zur Verfügung stehende Zeit und den benötigten Raum weiter und länger aus. Als dramatische Textaneignung und -verkörperung ist es eine raum- und körperbezogene Arbeitsform, die es ermöglicht, leibhaft in den Raum des Textes hineinzugehen, Erfahrungen auf der Körperebene zu machen. Den „Text im Körper“ bzw. den „Körper im Text“ (Martin, 2008) zu erfahren, regt gleichermaßen ein inhaltlich-sachliches Verständnis wie eine Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit und dem individuellen Erleben an. Die Aktivierung von „Leibgedächtnis und Lebensgeschichte“ (Fuchs, 2008a) im aktuellen bibliodramatischen Erleben ermöglicht ein „kreatives Wechselspiel zwischen einem biblischen Text, einer Gruppe und einem einzelnen Teilnehmenden“ (Langer, 2018, 246). Das erlebte Zugleich von Text und Leiberfahrung im Spiel auf der Bühne wird in einer auf das dramatische Spielgeschehen folgenden Reflexionsphase Gegenstand des wahrnehmenden Zusammendenkens wie der inhaltlichen Auseinandersetzung. Beides, Text- und Leiberfahrung, gehören im Bibliodrama in allen seinen Phasen untrennbar zusammen. Die Teilnehmenden eines Bibliodrama übernehmen in seinem Verlauf Rollen aus dem biblischen Text und verkörpern diese in einem angeleiteten oder improvisierenden Spiel, als Protagonist oder in einer Gruppe. Das Bibliodrama setzt sich aus verschiedenen Phasen zusammen (siehe 3. Die Gestaltung und Phasen eines Bibliodramas) und sollte aufgrund der Komplexität seiner Methode nach Möglichkeit nur von ausgebildeten Bibliodramaleiterinnen und Bibliodramaleitern angeleitet werden. Umgekehrt können Elemente, die zum Methodenrepertoire des Bibliodrama gehören, in den verschiedensten didaktischen Szenarien der Bildungsarbeit (z.B. Rollenarbeit, → Standbilder, Kreative → Textarbeit, → Kreativität) oder der Seelsorge (liturgische Elemente der Verkörperung oder des → Bibliolog) zum Einsatz kommen, wie es gerade im schulischen und schulpastoralen Kontext oft möglich ist (siehe 6. Anwendungsweisen und Einsatzorte).

2. Entstehung und Entwicklung

Die geschichtliche Inszenierungspraxis biblischer Texte und religiöser Themen reicht bis ins Mittelalter zurück und findet sich in verschiedenen Formen von Mysterien- und Passionsspielen, Schultheatern (z.B. das Jesuitendrama im Zuge der Gegenreformation) oder in Weihnachts- und Krippenspielen bis in die Gegenwart hinein (vgl. Aldebert, 2001, 54-132). Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre entstehen in Deutschland verschiedenste Spielformen und Methoden der Körperarbeit und -therapie, in denen das persönliche Erleben und das Erleben der Gruppe im Zentrum stehen und sich schnell mit Ansätzen kreativer Bibelarbeit verbinden: Theaterpädagogik, Rollenspiel, Gestalttherapie, Playbacktheater, Psychodrama und verschiedene weitere Formen von Körperarbeit (→ Bildung, ästhetische). Finden sich bereits dramapädagogische Methoden im Fachunterricht im angelsächsischen Raum von Dorothy Heathcote und Gavin Bolton in den 1970er/80er, werden die direkten Ursprünge des Bibliodrama in denselben Jahrzehnten etwa zeitgleich an verschiedenen Orten in Europa und den USA verortet (vgl. Teichert, 1999, 4). Die entstehenden bibliodramatischen Schulen ästhetischer, therapeutischer, theaterpädagogischer oder mehr theologischer Provenienz zeichnet der gemeinsame Nenner aus, szenisch einen Bibeltext zur Geltung zu bringen: „Bibliodrama als Spiel, Exegese und Seelsorge“ (Martin, 1979) unter Einbeziehung des Körpers und mit Einsatz kreativer Elemente, von Gestus über Stimme und Klang bis hin zu Farbe und Form. Die Formenvielfalt und Variationsbreite lassen das Bibliodrama über die Jahrzehnte zu einer wachsenden Bewegung werden, die seit den ersten Studientagungen in der Evangelischen Akademie in Arnoldshain in den Jahren 1977 und 1978 auch die europäische Ebene einbezog und in Deutschland in die Gründung der Gesellschaft für Bibliodrama (GfB) im Jahr 1994 und auf europäischer Ebene in das Europäische Netzwerk Bibliodrama (EBN) im Jahr 2004 mündete. Im deutschen Sprachraum haben sich von den Müttern und Vätern des Bibliodrama insbesondere Gerhard Mar­cel Martin und Hilarion Petzold in Zusammenarbeit mit Christoph Riemer, Else Natalie Warns und Fritz Rohrer, später dann auch mit Ellen Kubitza, Reinhard Hübner und Heidemarie Langer und Klaus-Werner Stangier verdient gemacht (vgl. Teichert, 1999, 4). Die Variationsbreite exegetisch, katechetisch oder theater- oder spielpädagogisch akzentuierender Bibliodramaarbeit lässt immer wieder neu etwas Gemeinsames deutlich werden: Bibliodrama zielt prozessorientiert auf die wechselseitige Auslegung von Lebenssituation der Teilnehmenden und Bibeltext und ist dabei von den Voraussetzungen und Möglichkeiten der biblischen Texte und Textgattungen, der Teilnehmenden – sowohl als Individuen als auch als Gruppe – und der Qualifikation der Leitenden mit ihrer Methoden- und Reflexionskompetenz abhängig. Gesichert wird die Qualität des Bibliodrama durch eine standardisierte „Ausbildung zum/zur Bibliodramaleiter/Bibliodramaleiterin“, die in Deutschland entsprechend der Charta des Europäischen Bibliodrama Netzwerkes nach den aktuellen Fortbildungsrichtlinien eine mehrjährige Ausbildung über Basiskurs und Aufbaufortbildung vorsieht und von der Gesellschaft für Bibliodrama (GfB) zertifiziert oder anerkannt wird.

3. Die Gestaltung und Phasen eines Bibliodramas

Das Bibliodrama kann grob in drei Phasen unterschieden werden: die Phasen der thematischen sowie raum- und leibbezogenen Hinführung (Warming-up), der kreativen Texterschließung und des Spiels (Spielphase) und der reflektierenden Auswertung (Reflexionsphase). In der Literatur werden sie z.T. noch in weitere Schritte ausdifferenziert.

  • Die Warming-up-Phase ist geprägt von Körperarbeit zum Ankommen bei sich selbst und der in der Gruppe, sie dient dem Kennenlernen des Raumes und ebenso der vorbereitenden Begegnung mit dem Text.
  • Der Spielphase geht das Lesen des Textes, die Erarbeitung und Sammlung möglicher Rollen und die Rollenwahl voraus. Initiiert wird das Spiel durch die Abtrennung der Bühne, etwa durch ein Seil oder Bambusstäbe. Über die sich ergebende Schwelle gehen die Teilnehmenden in einer Identifikation mit einer Person, einem Bedeutungsträger oder Aspekt des Textes gewissermaßen in das Hier und Jetzt des Bühnenraumes hinein. Sie nehmen an einem Ort ihre Rollen ein und setzen unter der Anleitung der Bibliodrama-Leitenden, die Spielbeginn und -ende bestimmen und deren Interventionstechniken (z.B. Einfrieren des Spiels, Rollenwechsel, Interview, Resonanzwörter etc.) den Spielverlauf strukturieren, den Bibeltext in Szene.
  • Die Reflexionsphase ist ebenso wichtig wie die Spielphase selbst. Nachdem die Teilnehmenden am Ende der Spielphase die eingenommenen Rollen verlassen haben und die Bühne z.B. durch Einrollen des Seiles aufgelöst wurde, reflektieren sie mit den Bibliodrama-Leitenden, wie sie sich selbst und die anderen im Spiel wahrgenommen haben. Die Verbindung und Berührungspunkte von Alltagsleben und Glaubensleben können benannt, das Textverständnis vertieft und die ggf. über den Spielverlauf veränderten Fragen nach der Bedeutung der Aussagen der → Bibel für die Einzelnen und für die Gruppe in den Mittelpunkt gestellt werden. Mit dieser „exegetischen Dimension“ gilt das Bibliodrama in der biblischen Didaktik bereits seit Ende der 1980er Jahre als eine anerkannte „Form der Textauslegung und Textentfaltung“ (Schramm, 1987, 116).

So einfach das Dreiphasenmodell des Bibliodrama auf den ersten Blick scheint, setzen die Komplexität der methodischen Möglichkeiten, die Variationsbreite der sich ergebenden Entwicklungen und Erfahrungen, die ggf. ausgelösten Reaktionen und emotionalen Empfindungen der Teilnehmenden sowie die Rückbindung des Spielverlaufes an die zugrundeliegenden biblischen Texte (exegetische Vorbereitung, Wahl der Textgattung, theologische Reflexion) die bereits erwähnte, umfassende Weiterbildung der Bibliodrama-Leitenden voraus. Das Lernen von und mit medialer Räumlichkeit ist die besondere Herausforderung bibliodramatischer Bibelarbeit.

4. Mediale Räumlichkeit im Bibliodrama

Der strukturierte Einbezug von Leib- und Räumlichkeit als solcher ist das eigentliche Plus und das Bedeutsamste des Bibliodrama (vgl. Dörnemann, 2019, 145) und unterscheidet diese bibeldidaktische Methode von der der aus dem Bibliodrama erwachsenen und von der konkreten Raum-Leiblichkeit in gewisser Weise abstrahierenden Methode des → Bibliolog.

4.1. Differenzierte Raumstruktur

Galt für die wissenschaftliche Theologie noch bis Anfang des 21. Jahrhundert die „Bedeutung des Raumes für den christlichen Glauben und seinen Vollzug [als] weitgehend unerforscht“ (Jooß, 2005, 17), bildete in der Praxis des Bibliodrama von Anfang an das leib-räumliche Spiel und die differenzierte Struktur des Bibliodrama-Raumes die entscheidende Grundlage dieser bibeldidaktischen Methode. Der zur Verfügung stehende Raum muss eine der Bibliodramagruppe entsprechende Größe haben und nach Möglichkeit ein leerer, rechteckiger und klarer Raum ohne Ablenkung sein. Mit einem Seil oder Bambusstangen wird der zur Verfügung stehende Raum zu Beginn des Spieles in zwei unterschiedlich große Bereiche geteilt, die über die entstehende Schwelle miteinander verbunden wie voneinander getrennt sind.

*© Holger Dörnemann*

Abb. 1 Abtrennung der Bühne

In der Abtrennung erhält der von den Teilnehmern abgegrenzte, größere Raum eine sakrale Aufladung (vgl. Dörnemann, 2013), indem er durch die Aussonderung und Abtrennung der Sphäre des Alltäglichen enthoben wird. Religionswissenschaften können diesen Zusammenhang veranschaulichen, indem sie kultur- und religionsübergreifend auf eine Gemeinsamkeit der Topographie kultischer Anlagen hinweisen: Heilige Bezirke werden von der übrigen, nicht heiligen Umgebung abgesondert, was bei den Römern zur Unterscheidung zwischen dem Fanum (dem Heiligen) und dem Profanen (dem vor dem Heiligen Gelegenen) führte (vgl. Dörnemann, 2013, 62-65). Sprachetymologisch tragen die grundlegenden Vokabeln im Bereich der Religiosität diesen räumlichen Bezug in ihrem Namen: Wie das Wort Tempel (von altgr. temno: schneiden) den ausgegrenzten und abgeschnittenen Bezirk meint, kommt sanctus von sanciri und bedeutet trennen, scheiden, aus- und absondern.

Die Bühne markiert die Grenze, den Übergang von Gruppenraum und den spielenden Akteuren, weil auf ihr „eben eine andere Welt zu Hause ist als meine Alltagswelt“ (Teichert, 2001, 102). Abgetrennt vom Raum der Vorbereitung und dem Raum der Pause ist die Bibliodrama-Bühne ein Ort der Imagination und der Phantasie, vielleicht sogar ein „Ort des Mythos“ (Stangier, 1997, 65). Der Bibliodrama-Raum schafft Raum für Un- oder Unterbewusstes und vermag alte Erfahrungen (→ Erinnerung/Erinnerungslernen) wiederkehren oder erstmals bewusst werden zu lassen. Im Bibliodrama kann in einem „Schonraum“ (Teichert, 2001, 102) erfahren und gehandelt werden, der als leerer Raum gleich der Theaterbühne ein Ort zu sein vermag, wo „das Unsichtbare erscheinen kann“ (Brook, 2009, 53). Ähnlich wie Schauspieler und Schauspielerinnen berichten viele Teilnehmende von einem Lampenfieber und empfinden das „Wagnis im Schritt auf die Bühne“ (Dörnemann, 2018), worin das Bibliodrama der Erfahrung von „Schwellen- bzw. Umwandlungsriten“ (Gennep, 2005, 25;29; → Übergangsrituale) ähnelt.

4.2. Räumliches Körperlernen

Das Bibliodrama knüpft an die leib-räumliche Verfasstheit des Menschen an: An das Lernen mit und durch den → Leib und Körper, das Körperlernen und das über die menschliche Entwicklung ausgebildete Leibgedächtnis. Schon mit dem Säuglingsalter lernt der Mensch durch „sensomotorische Eingewöhnung“ seinen Leib sukzessive zu bewohnen und inkarniert sich zugleich in der Aneignung der Welt, im „Vertrautwerden mit den Formen, Farben, Klängen und Gerüchen der Dinge […und] das Erlernen des handelnden Umgangs mit ihnen“ (Fuchs, 2008b, 18). Der Raum gehört – gewissermaßen als „dritte Haut“ (Funke, 2006) – in gleichursprünglicher Weise zum eigenen Körperschema dazu. Entwicklung geschieht in der Zueignung, im Verlassen von und neu Zugehen auf Räume. Entsprechend der → Entwicklungspsychologie geschieht sie immer an der Raumgrenze: „Ohne das Gefühl, sich an der Grenze zu bewegen und sich auf Neues einzulassen, gibt es keine Erweiterung des eigenen Raumes“ (Funke 2012, 17). Das Bibliodrama zitiert in seiner methodischen Anlage diese grundmenschliche Entwicklungsdynamik und macht sie in einer klar strukturierten Methode, innerhalb einer begrenzten Zeit über seine medialen Räume erlebbar. Der bislang in seiner Gänze als Bühnenraum benannte Bereich hält weitere Übergangsräume bereit, die sich prozessual in Hinblick auf Raum und Zeit erschließen.

*© Holger Dörnemann*

Abb. 2 Bedeutungsbereiche der Bühne

Von außerhalb betrachtet, teilt sich die Bühne in zwei Teile, ausgehend von dem, was in der Nähe ist, bis hin zur Polarität dessen, was weit entfernt ist. Die frontale Medianebene liegt zwischen den Polaritäten der Linken (Vergangenheit) und der Rechten (Zukunft) und ist die Bahn des Kommens und Gehens, des Hin und Her zwischen den symbolischen Richtungen des Ursprungs und der Vollendung (vgl. Sheleen, 1987, 92f.). Diese theaterpädagogischen, choreographischen (vgl. Humphrey, 1998, 102-104) und bild- und raumpsychologischen (vgl. Riedel, 1988, 27f.) Bedeutungen sind den Teilnehmenden eines Bibliodramas unbewusst oder allenfalls unterbewusst leitend, wenn sie sich auf der Bühne an den von ihnen gewählten Orten in eine Rolle hineinbegeben. Für Bibliodrama-Leitende ist das Bewusstsein und eine Sensibilität für die Orte und Bedeutungsebenen und Bereiche des Bühnenraumes demgegenüber eine wichtige Wahrnehmungshilfe, um das Spiel oder die Erfahrung der spielenden Akteure vertieft in den Blick nehmen und ggf. methodisch einbeziehen zu können. Der Blick kann in neuer Weise frei werden für den Spielverlauf, die Entwicklungsschritte der einzelnen Teilnehmenden und den Prozess des Bibliodramaspieles insgesamt, der – nicht ausgeschlossen – mitunter auch gegenläufig zu dem skizzierten Raumschema empfunden werden kann. „Erfahrene Choreographen wissen – was der gerade skizzierten Beschreibung Bedeutungsebenen der Bühnen­bereiche nichts nimmt –, dass die Bedeutung aller Bühnenbereiche im Spielverlauf changiert und selbst die Wirkung des zentralsten Ortes der Bühne wechselt, wenn er zu sehr oder zu statisch beansprucht wird“ (Dörnemann, 2013, 84).

5. Reflexion und Würdigung des Bibliodramas

Die Erfahrung der menschlichen Einbezogenheit in ein nolens volens jeden Menschen angehendes und umgreifendes Geschehen der räumlichen Weltdeutung und -zueignung ist das eigentliche Thema und die Botschaft des medialen Raumes des Bibliodrama, in das hinein sich das Leben, Verse, Geschichten und die Botschaften der → Bibel (oder aber anderer Traditionen) kontextualisieren. Sie werden persönlich von den darstellenden Akteuren erlebt und in nochmals anderer Weise von ggf. anwesenden Zuschauenden wahrgenommen. Die einander ergänzenden Perspektiven und Auslegungen des inszenierten, inkorporierten Textes machen diese bibeltheologische Methode heuristisch wertvoll. Die biblischen Texte bekommen über die mit der historisch-kritischen Exegese verbundenen „Grundeinsichten der Formgeschichte“ und „Eigenarten der biblischen Überlieferung“ im Bibliodrama „einen Platz im Leben der Menschen“; „sie machen uns Rollenangebote, sie verstricken uns in ein Geschehen, ja sie identifizieren uns – indem sie uns als »Gesetz« oder »Evangelium« begegnen«“ (Schramm, 1987, 127).

In der Reflexionsphase des Bibliodramas (siehe 3. Die Gestaltung und Phasen eines Bibliodramas) geschieht diese bewusste Reflexion des zuvor (dramatisch) Erlebten: die sogenannte „Adams-Arbeit“. Wie „die ersten Menschen“ gemäß der biblischen Schöpfungsgeschichte allem Lebenden Namen geben durften, folgt in der abschließenden Phase des Bibliodrama die Zeit der Benennung des zuvor Dargestellten und Erlebten, das Worte-Finden und der wechselseitige Austausch über das Erlebte zu einem Gesamterleben bzw. die Bewusstwerdung der je eigenen Einzelperspektiven und die Wahrnehmung der (ggf. gegenüber den Vorverständnis veränderten) Bedeutung des zugrundeliegenden Textes. Die Identifikationen der Teilnehmenden im szenischen Spiel mit Situationen, Rollen und Aspekten, die in der Bibel geschildert werden, werden in ihrem Erleben, der Verkörperung und Verortung auf der Bühne reflektiert, insbesondere darauf, wie ggf. in den biblischen Texten menschliche Grunderfahrungen (→ Erfahrung) zu Wort kommen, die das eigene Leben tiefer verstehen und neu gestalten können. Was formal zu Beginn dieses Beitrags als wechselseitige Auslegung von Lebenssituation der Teilnehmenden und Bibeltext (→ Korrelation) als Charakteristikum des Bibliodrama benannt wurde, verdankt sich den spezifischen Möglichkeiten der in dieser bibeldidaktischen Arbeitsform einbezogenen medialen Räumlichkeit und Leiblichkeit.

Das Bibliodrama kann – in Entsprechung wie Kontrast zu den vielen Räumen gelebten Daseins – den (heiligen) Rahmen dafür schaffen, die leibräumliche Existenz des Menschen erlebbar zu machen, in der sich ein Mensch in einer grundlegenden Weise bereits religiös aufgehoben, eingebunden, verortet, aufgegeben oder aber neu herausgefordert empfinden kann. Das Bibliodrama ist ein herausragender Ort für eine „räumlich gelebte Religion“ (Dörnemann, 2014), das die Bedeutung räumlicher Erfahrung und medialer Räume für die Entwicklung und Reflexion des Menschseins zu erinnern und mithilfe des biblischen Textes je neu gegenwärtig halten kann. Das Bibliodrama kann zugleich bewusst machen: Wir brauchen mediale Räume dieser Art und aller Art (z.B. Kirchen → Pädagogik des Kirchenraums/heiliger Räume, Friedhöfe → Friedhofsbesuch/Friedhofspädagogik, aber auch Theater-, Kunst- und Kulturräume), um Mensch zu sein und es – immer wieder neu – zu werden.

6. Anwendungsweisen und Einsatzorte

Das Bibliodrama findet meist als Gruppenspiel, selten auch als Protagonistenspiel mit oder ohne Rollenwechsel statt. Seine Einsatzorte liegen in der Erwachsenen- und Jugendpastoral (→ Jugendarbeit, katholisch; → Jugendarbeit, evangelisch) in der religiösen Erwachsenen- und Familienbildung (→ Erwachsenenbildung; → Bildung, religiöse) und im Religionsunterricht (→ Religionsunterricht, evangelisch; → Religionsunterricht, katholisch) und bilden seit dem Jahr 1999 einen zentralen Baustein der Bibelarbeit und Biblischen Zentren der Kirchen- und Katholikentage (→ Deutscher Evangelischer Kirchentag; → Katholikentag). Attraktiv für die unterschiedlichsten Lebensalter kann das Bibliodrama – mit ausgewählten Elementen – auch in einem → Gottesdienst eine liturgische Dimension gewinnen und methodisch mit der Exerzitienarbeit, der → Katechese/Katechetik und darin auch mit Elementen des → Bibliolog verknüpft werden. Elemente, die zum Methodenrepertoire des Bibliodrama gehören, können insbesondere den schulischen Religionsunterricht bereichern. Rollenarbeit, → Standbilder, Kreative → Textarbeit (→ Kreativität) und die verschiedensten Formen der Verkörperung (z.B. im Maskenspiel; vgl. Dörnemann, 2015) können verknüpft werden mit Versprachlichungen – etwa durch Befragung in einer Rolle oder die Bitte um Resonanzwörter –, die ähnlich der Methoden des „echoing“ und des „interviewing des → Bibliolog das Erlebte kognitiv übersetzen und für die Weiterarbeit in der Reflexion/dem Unterricht sichern. Auf die Schwierigkeit im Religionsunterricht (z.B. Zeitschranke, Benotungsanspruch), das „Bibliodrama vollständig in einen bereits bestehenden religionspädagogischen Konzeptionsrahmen einzupassen“ (Aldebert, 2001, 261) ist wiederholt hingewiesen worden. Jenseits des Einsatzes einzelner Elemente des Bibliodrama sind für ein vollständiges Spiel mehrere Stunden nötig. Es kann aber auch halbe, ganze und sogar mehrere Tage umfassen. Bezogen auf die zur Verfügung stehende Zeit, aber auch grundsätzlich, können immer nur einzelne Elemente der drei zum Bibliodrama gehörenden Phasen (siehe 3. Die Gestaltung und Phasen eines Bibliodramas) aus dem Methodenspektrum ausgewählt werden, sodass bei allem methodischen Know-how der ausgebildeten Bibliodrama-Leitenden jedes Bibliodrama einer umfassenden und – auf die konkrete Gruppe, den ausgewählten Text und spezifische Situation sowie zur Verfügung stehende Zeit – abgestimmten Vorbereitung bedarf.

Literaturverzeichnis

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Abtrennung der Bühne © Holger Dörnemann
  • Abb. 2 Bedeutungsbereiche der Bühne © Holger Dörnemann

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