Abduktion

Abduktion ist kein genuin religionspädagogischer Begriff, er wird hauptsächlich in der philosophischen Logik und Wissenschaftstheorie verwendet. Es ist daher begründungsbedürftig, welchen Mehrwert Abduktion für die Religionspädagogik hat. Der Artikel rekonstruiert den religionspädagogischen Kontext der intradisziplinären Einführung des Abduktionsbegriffs in die Religionspädagogik (1) und zeigt die Verwendung des Begriffs in Philosophie, Wissenschaftstheorie und Professionalitätstheorie auf (2). Darauf aufbauend wird verdeutlicht, welche Relevanz die Abduktion für die Religionspädagogik als Wissenschaft und für religionspädagogische Profis in ihrer täglichen Praxis hat (3). Ein kurzes Fazit rundet den Artikel ab (4).

1. Einführung des Abduktionsbegriffs in die Religionspädagogik

Die Etablierung des Begriffs „Abduktion“ in der religionspädagogischen Diskussion geht zurück auf das DFG-Projekt „Korrelation von christlich-religiöser Tradition und individueller religiöser Semantik. Eine qualitativ empirisch-theologische Studie“ am Würzburger Lehrstuhl für Religionspädagogik. Das Projekt untersuchte, wie heutige Jugendliche tradierte Zeichen, Bedeutungen und Handlungen der christlichen Religion in ihrer Lebenswelt verwenden und welche neuen religiösen Stile dabei entstehen. Zur Erklärung dieses Neuen wurde das Konzept der Abduktion verwendet, das vereinzelt in der Systematischen Theologie vorhanden war (Deuser, 1993; Klinger, 1999; Hoeltz, 2000).

War die Abduktion in der Religionspädagogik anfangs auf das Korrelationsprinzip bezogen (Prokopf/Ziebertz, 2000), so gewann sie vor allem durch eine interdisziplinäre Expertinnen- und Expertentagung sowohl methodologisch als auch professionalitätstheoretisch für das Projekt an Bedeutung (Ziebertz/Heil/Prokopf, 2003). Mithilfe der Abduktion konnte erklärt werden, welche empirische Gestalt heutige religiöse Stile haben, wie Religionspädagoginnen und Religionspädagogen professionell auf Neues reagieren können und auf welchen methodologischen Voraussetzungen diese Form der empirisch-religionspädagogischen Forschung beruht. Die Abduktion hatte demnach eine dreifache Funktion innerhalb des Projekts:

  • Erstens konzeptuell, um das Korrelationsprinzip weiterzuentwickeln; hieraus entstand das Konzept der „abduktiven Korrelation“.
  • Zweitens professionstheoretisch, um zu erklären, wie religionspädagogische Profis auf die Bedeutung von Neuem in problematischen Fällen schließen können; dies konzentrierte sich auf Religionspädagoginnen und Religionspädagogen als Profis für die Gestaltung religiöser Lehr-Lernprozesse.
  • Drittens wissenschaftstheoretisch, um die methodologischen Voraussetzungen einer gegenstandsbezogenen empirisch-religionspädagogischen Forschung zu klären, z.B. durch die Weiterentwicklung des empirischen Forschungszyklus.

    Abduktion ist daher für die Religionspädagogik immer dann von Bedeutung, wenn Neues entsteht, das erklärt und begründet werden muss.

2. Abduktion in Philosophie, Wissenschaftstheorie und Professionalitätstheorie

Abduktion (von lat. ab-ducere: wegführen) ist ein Begriff aus Philosophie und Wissenschaftstheorie, der Eingang in unterschiedliche Disziplinen gefunden hat (z.B. Wirth, 2000; Thomas, 2010), was auch für die Fachdidaktiken wie z.B. die Mathematikdidaktik gilt (z.B. Meyer, 2009; Hoffmann, 2010) oder die Religionsdidaktik (z.B. Heil, 2006) gilt. Beispielhaft für diese intradisziplinäre Verwendung der Abduktion sind Professionalitätstheorien, da über den Abduktionsbegriff Parallelen zwischen forschendem und professionellem Handeln gezeigt werden können, die besondere Relevanz für professionelles Handeln (religions-)pädagogischer Profis haben. Neben der wissenschaftlichen Verwendung kommt der Begriff auch in anderen Fachsprachen wie der Medizin, der Literatur oder in der Alltagssprache (Niiniluoto, 2018).

2.1. Abduktion in der formalen Logik

Die Geschichte des Abduktionsbegriffs in Philosophie und Wissenschaftstheorie ist eng verbunden mit dem Begründer des semiotischen Pragmatismus, Charles Sanders Peirce. Peirce entwickelt das Abduktionskonzept zuerst innerhalb der formalen Logik des Syllogismus, danach als Phasen im Forschungsprozess (zum Folgenden Heil, 2006):

Peirce entfaltet die Abduktion als einen Modus des Schließens auf Bedeutung im Syllogismus neben Deduktion und Induktion. Synonyme für Abduktion sind in der Begriffsgeschichte bei Peirce „retroduction“ (CP 1.65), „hypothesis“ (CP 2.623) oder „presumption“ (CP 2.776). Peirce greift damit den in der Philosophiegeschichte eingeführten, aber randständigen Begriff der Abduktion auf - in Anlehnung an den Aristotelischen Begriff „Apagoge“ - und entwickelt ihn weiter (Reichertz 2013, 46). Ein Syllogismus ist eine feststehende Abfolge dreier aufeinander bezogener Sätze mit einer festen Abfolge (in Klammern die Begrifflichkeit von Peirce nach CP 2.623):

1. Erste Prämisse: (rule – Regel)

2. Zweite Prämisse: (case – Fall)

3. Konklusion: (result – Resultat)

Die erste Prämisse ist eine allgemeine, als wahr angenommene Regel, die zweite Prämisse beschreibt implizite Merkmale dieser Regel, die Konklusion ist der Schluss, der aus der ersten und der zweiten Prämisse notwendig folgt.

Die drei Schlussmodi Deduktion, Induktion und Abduktion stellen einen inhaltlichen Merkmalszusammenhang zwischen den drei Sätzen her. Die Schlussmodi beschreiben unterschiedliche Arten und Weisen der Beziehung zwischen den drei Sätzen, indem sie Merkmale der Regel in Fall und Resultat zusammenführen. Peirce führt zur Verdeutlichung der drei Schlussmodi das berühmte Bohnenbeispiel an.

Regel: Alle Bohnen aus diesem Sack sind weiß.

Fall: Diese Bohnen sind aus diesem Sack.

Resultat: Diese Bohnen sind weiß.

Die Deduktion schließt von der bekannten Regel und einem bekannten Fall auf das unbekannte Resultat. Wenn Regel und Fall zutreffen, kann das Resultat in Form eines Wenn-Dann-Satzes notwendig davon abgeleitet werden: Wenn alle Bohnen aus diesem Sack weiß sind und diese Bohnen aus diesem Sack sind, dann sind sie notwendig weiß. Das Kriterium der Deduktion ist die Notwendigkeit.

Die Induktion schließt von einem bekannten Fall und einem bekannten Resultat auf eine unbekannte Regel. Dieser Schluss ist eine Verallgemeinerung von einzelnen Merkmalen auf alle und daher nicht zwingend. Er gilt so lange, bis er widerlegt, „falsifiziert“ wird. Da diese Bohnen aus diesem Sack und gleichzeitig weiß sind, kann angenommen werden, dass alle Bohnen aus diesem Sack weiß sind. Dieser Schluss auf die Regel ist keineswegs sicher, es könnten ja auch noch andere Bohnen darin sein. Voraussetzung der Induktion ist, dass möglichst viele Bohnen aus dem Sack genommen wurden, um zu einer Verallgemeinerung gelangen zu können. Das Kriterium der Induktion ist die Wahrscheinlichkeit.

Die Abduktion schließt von einer bekannten Regel und einem bekannten Resultat auf einen unbekannten Fall. Dieser Schluss ist ebenfalls nicht zwingend, sondern eine Deutungsleistung, da hypothetisch eine Beziehung zwischen Resultat und Regel hergestellt wird, die so sein kann, aber nicht sein muss. Die Bohnen können auch aus einem anderen Gefäß stammen. Durch Abduktion werden bestimmte Merkmale einer Regel mit anderen Merkmalen verbunden, die dazu passen. Es wird ein Kontext generiert, durch den Resultat und Regel miteinander sinnvoll verbunden werden. Die Abduktion ermöglicht eine sinnerzeugende Einbettung von Resultat und Regel, die wahr sein kann, aber nicht notwendig sein muss. Wissenschaftstheoretisch gesprochen ist der abduktive Schluss plausibel, aber nicht folgerichtig. Kriterium der Abduktion ist die Plausibilität.

Die Abduktion ist daher ein Schluss mittels einer bekannten Ersten Prämisse und einer bekannten Konklusion auf eine bisher noch unbekannte Zweite Prämisse als weiteres zugehöriges Merkmal der Ersten Prämisse. Dadurch wird ein Zusammenhang zwischen der Ersten und der Zweiten Prämisse hergestellt. Es wird deutlich, dass Abduktion (wie auch Induktion) kein notwendiger Schluss ist wie die Deduktion, sondern einer Interpretationsleistung eines Interpreten bedarf.

Peirce hat in seinem späteren Werk festgestellt, dass der im Syllogismus als Abduktion bezeichnete Schluss eigentlich eine „qualitative Induktion“ ist, da kein neues Wissen entsteht, das vorher so nicht in der Welt war, sondern ein Merkmalszusammenhang durch Zuordnung hergestellt wird, der vorher so noch nicht vorhanden war (Reichertz, 2013, 18). Qualitative Induktionen werden jedoch von manchen Abduktionstheoretikern als eine Form der Abduktion bezeichnet, da hierdurch zwar kein neues Wissen, aber eine neue Erkenntnis des Zusammenhangs von Merkmalen entsteht (Bonfantini, 2000; Schulz 2003, 256). Das Neue, das durch Abduktion als qualitative Induktion hervorgebracht wird, ist das Wissen um die kontextuellen Bedingungen von Regel und Resultat, im strengen Sinne also kein neues Wissen, das es vorher so noch nicht gab, sondern ein zuordnendes Verfahren von Merkmalen. Einer Regel werden daher bestimmte Merkmale zugeordnet (daher der Name qualitative Induktion), wodurch die Regel weiter charakterisiert und erhärtet wird. Durch diesen Schluss werden mögliche Zusammenhänge gedankenexperimentell entworfen, unter denen Regel und Resultat sinnvoll erscheinen, plausibel sind.

2.2. Abduktion im Forschungsprozess

Neben der formalen Logik ist die Abduktion wissenschaftstheoretisch als eine Phase im Forschungsprozess von Bedeutung. Diese Weiterentwicklung der Abduktion ist ebenfalls mit dem Namen Peirce verbunden. Für Peirce sind Abduktion, Deduktion und Induktion (in dieser Reihenfolge) in seinem späteren Werk im Kontext der Entwicklung des semiotischen Pragmatismus Phasenabfolgen im Forschungsprozess, wie die Erklärung von tatsächlich neuem Wissen, das so entweder in der Welt oder im Bewusstsein des Einzelnen noch nicht vorhanden war, wissenschaftlich nachvollziehbar verläuft.

Am Beginn des Prozesses der Erklärung von Unbekanntem steht die Abduktion als erklärende Hypothese oder Hypothesen („Abduction is the process of forming an explanatory hypothesis“, CP 5.171) zu einem zeichenhaft vermittelten, unbekannten Phänomen. Abduktion ist daher der Prozess des Bedeutungsschlusses auf neue Zeichen. Durch die Abduktion als Erklärung von Unbekanntem entsteht Neues, indem bisher vorhandenes Wissen neu zusammengesetzt, kombiniert wird, um dem wahrgenommenen Zeichen Bedeutung zu verleihen. Dieser neuen Hypothese folgt im Forschungsprozess die Deduktion, indem die Hypothese als Regel angenommen wird, von der aus Ableitungen getroffen werden im Sinne einer Wenn-Dann-Beziehung. Wenn die Regel zutrifft, dann ergeben sich notwendig bestimmte Folgen. Durch die Deduktion können Ableitungen aus der angenommenen Regel vorgenommen werden, um deren notwendige Folgen empirisch überprüfbar zu machen und die These (vorläufig) zu bestätigen oder zu falsifizieren. Diese Folgen werden dann induktiv überprüft, indem den Folgen empirische Phänomene als deren Merkmale zugeordnet werden. Finden sich keine Phänomene oder stehen diese der Regel entgegen, gilt die Hypothese (Abduktion) als nicht plausibel und die Forschungslogik beginnt von vorne. Die Schlussmodi Abduktion, Deduktion und Induktion sind demnach Abfolgen im Forschungsprozess der Erklärung des Neuen und wirken iterativ zusammen.

Was sind die Merkmale der Abduktion im Forschungsprozess? Peirce unterscheidet zwischen einer festgelegten Abfolge und einer kreativen Entstehung der Abduktion:

Die Abfolge abduktiven Schließens ist: „The surprising fact, C, is observed; But if A were true, C would be a matter of course. Hence, there is reason to suspect that A is true” (Peirce, CP 5.189). Am Beginn der Abduktion steht die Wahrnehmung einer überraschenden Tatsache C. Zu dieser Tatsache C wird eine Erklärung A gefunden, die der Tatsache Sinn verleiht. Hier klingt die Bedeutung der Abduktion im Syllogismus an, indem ein Kontext gefunden wird, innerhalb dessen die Tatsache C sinnvoll erscheint. Für die Religionspädagogik bedeutet dies, dass immer dann Abduktionen notwendig sind, wenn neue Phänomene auftauchen, die erklärungsbedürftig sind, z.B. neue Formen religiöser Stile Jugendlicher. Durch Abduktionen werden Hypothesen entworfen, die erklären, in welchem Kontext diese Stile Sinn machen.

Man kann über Peirce hinausgehend zwischen unterschiedlichen Formen der Abduktion unterscheiden, wie es in disziplinären Forschungen unternommen wird (z.B. Hoffmann, 2010; Heil, 2006), oder den Prozess der Gewinnung von Hypothesen in mehrere Phasen unterteilen von der Wahrnehmung bis hin zur Formulierung der Hypothese (Reichertz, 2013, 126). Das Verbindende dabei ist, dass Abduktionen neues Wissen für die jeweilige Person oder auch die Forschungsgemeinschaft hervorbringen.

Die Entstehung der Abduktion, metaphorisch auch als „Geistesblitz“ oder „Einfall“ bezeichnet, ist nicht vollständig methodisierbar. Es gibt jedoch Bedingungen, die Abduktionen fördern. Peirce hat dazu einige Bedingungen genannt, die in der Forschung aus unterschiedlichen Kontexten heraus aufgegriffen und erweitert worden sind (Reichertz, 2013, 22-33; Strübing, 2014, 48): Hierzu zählen z.B.

  • empirische Wahrnehmung und exakte Beschreibung der Phänomene
  • intensive Suche nach Lösungen unter Handlungsdruck
  • Tagtraum (musement) als unbewusste Beschäftigung mit dem Phänomen
  • professionelle offene Haltung
  • umfangreiches Fachrepertoire, das neu kombiniert werden kann
  • kommunikativer Austausch über das Phänomen
  • Verwendung von Diagrammen als ikonische Form der gedanklichen Verknüpfung
  • Techniken aus der Methodologie der Grounded Theory u.a.

    Festzuhalten bleibt, dass trotz dieser Bedingungen abduktive Schlüsse nicht erzwingbar und methodisierbar, sondern kreative Akte sind.

Dass Abduktionen überhaupt möglich und im Hinblick auf Phänomene aus einer theoretisch unendlichen Vielzahl an Möglichkeiten plausibel sind, ist in der Ontologie des semiotischen Pragmatismus begründet aufgrund des letztlich auf Gott als den Schöpfer zurückgehenden seinshaften Zusammenhangs von Erkenntnis und Phänomenen und des damit verbundenen Instinkts des Menschen (Hoeltz, 2000).

Zusammenfassend integriert die Abfolge Abduktion-Deduktion-Induktion die Gewinnung von Hypothesen in den Forschungsprozess und überwindet die Trennung eines nichtwissenschaftlichen Entdeckungskontextes und eines wissenschaftlichen Begründungskontextes (Kelle, 2003; → Empirie). Die Abduktion wird dadurch Teil des Forschungsprozesses selbst, der retroduktiv beschreibbar, aber nicht vollständig methodisierbar ist. Damit trägt die Abduktion zur Gewinnung von Hypothesen zu neuen, nicht erklärten Phänomenen bei, die im Forschungsprozess aufgenommen werden können.

2.3. Abduktion in der Professionalitätstheorie

Die Abduktion als erklärende neue Hypothese zu unbekannten Phänomenen ist über den Forschungsprozess hinaus in der strukturtheoretischen Professionalitätstheorie erforscht worden, da professionelles Handeln in Medizin, Recht, Pastoral, Technik, Kriminalistik oder Pädagogik, um nur einige professionelle Felder zu nennen, ähnlichen Strukturregeln folgt wie das Handeln von Forscherinnen und Forschern (Oevermann, 1996; → Objektive Hermeneutik). Die strukturtheoretische Professionalitätstheorie beschreibt übersituative Strukturen, die professionelles Handeln konstituieren. Um Fälle aus der Lebenspraxis lösen zu können, müssen Profis ihr fachspezifisches Repertoire auf diese Fälle beziehen. Können sie den Fall nicht unter ihr bisheriges Repertoire subsumieren (Induktion) oder den Fall aus dem Repertoire ableiten (Deduktion), müssen sie ihr Repertoire neu auf den Fall ausrichten, um ihn zu lösen. Dieser Transformationsprozess im professionellen Handeln ist die Abduktion (Pfadenhauer, 2003, 42).

Hier kann wiederum unterschieden werden zwischen der Abduktion als qualitativer Induktion und Abduktion als Entdeckung des Neuen: Wenn vorhandene Fälle unter vorhandenes Wissen subsumiert werden, ist dieser Vorgang eine Zuordnungsleistung von Merkmalen zu einer bekannten Regel und damit eine qualitative Induktion; eine eigentliche Abduktion ist dann vorhanden, wenn neues Wissen entsteht, sei es für den Profi oder die Allgemeinheit.

Auf das professionelle Feld der Pädagogik bezogen bedeutet dies, den professionellen Auftrag umzusetzen, Kompetenzen in einem bestimmten Bereich zu vermitteln. Combe und Helsper folgern: „Die Vereinbarkeit zwischen dem besonderen und konkreten Fall und situationsübergreifenden Erkenntnissen im Lichte der Wissenschaft muss immer wieder über komplexe interpretative Schaltungen - so genannte abduktive Schlüsse - hergestellt werden“ (Combe/Helsper, 2002, 34). Die Abduktion wird damit zur Verbindung von Theorie und Praxis im Prozess der professionellen Handlung, wenn vorhandene Theorien nicht weiterführen. Wie auch im Forschungsprozess können die einzelnen Schlussmodi kombiniert werden in der Abfolge Abduktion-Deduktion-Induktion (Heil, 2006).

3. Relevanz der Abduktion für die Religionspädagogik

Die religionspädagogische Diskussion knüpft an die bisherigen Ergebnisse zu Bedeutung und Verwendung der Abduktion an und verbindet sie mit der Logik der eigenen Disziplin. Daraus entstehen – ganz im abduktiven Sinne – neue Konzepte und Antworten auf spezifische Probleme der Religionspädagogik wie z.B. die Rekonstruktion heutiger Religionspräsenz und deren pädagogischer Aufnahme in professionellen Lehr-Lernprozessen. Die Abduktion wird daher in der Religionspädagogik in folgenden drei Kontexten reflektiert: abduktive Korrelation, abduktive religionspädagogische Professionalität sowie abduktive empirisch-religionspädagogische Forschungslogik.

3.1. Abduktive Korrelation

Die abduktive Korrelation ist ein Konzept zur Erweiterung des Korrelationsprinzips und gehört damit zur Grundlagenforschung in der Religionspädagogik (→ Korrelation; Heil, 2012; Prokopf/Ziebertz, 2000; Riegel, 2007). Korrelation bedeutet Wechselbeziehung von zwei oder mehreren Phänomenen, im religionspädagogischen Kontext Wechselbeziehung heutiger Lebenswelten und christlicher Tradition. Diese Wechselbeziehung vollzieht sich durch ein verbindendes Drittes in Zeichen, Semantiken und Funktionen. Heutige Lebenswelten sind mit der christlichen Tradition verbunden, indem sie deren Zeichen verwenden (z.B. Symbole, Bücher, Gebäude), deren Semantiken teilen (z.B. Gottesbild, Menschenbild, Ethik) sowie religiöse Funktionen durchführen (z.B. Transzendenzbezug, Sinnstiftung, Vergemeinschaftung). Korrelationen können entweder explizit hergestellt werden oder sind implizit vorhanden.

Die abduktive Korrelation schließt an dieses Phänomen an, indem sie neue Formen dieses verbindenden Dritten aufzeigt, um religiöse Lernprozesse daran anschließen zu können. Der Sitz im Leben der abduktiven Korrelation ist die Erklärung heutiger Religionspräsenz mittels des christlichen Glaubens und der Anschluss von Lernprozessen daran. Ausgehend von dem empirischen Phänomen, dass christliche Zeichen, Semantiken und Funktionen religiöse Stile von Jugendlichen prägen, jedoch lebensweltlich transformiert sind, kann gefragt werden, was dies bedeutet und wie Lehr-Lernprozesse daran angeschlossen werden können. Dies kann nicht einfach der christlichen Tradition induktiv zugeordnet oder von ihr deduktiv abgeleitet werden, sondern muss durch neue Hypothesen erschlossen werden, die die Veränderungen erklären und in einen sinnvollen Kontext stellen. Ganz im Sinn der philosophischen und wissenschaftstheoretischen Verwendung der Abduktion entwirft die abduktive Korrelation Hypothesen zur Bedeutung des Neuen, die dem Neuen Plausibilität verleihen und Räume zur religionspädagogischen Kommunikation eröffnen. Die abduktive Korrelation entwickelt „gewagte Hypothesen“ (Ziebertz/Heil/Prokopf, 2003), indem sie auf die Suche nach der Verwendung christlicher Zeichen, Bedeutungen oder Funktionen in heutigen Lebenswelten geht, diese aufdeckt und dadurch mit christlicher Tradition in Kommunikation bringt. Die christliche Tradition dient in Verbindung mit anderen Deutungsmustern als Interpretament des Neuen. Dadurch wird der Lernprozess nicht fremd und konfrontativ, sondern knüpft an die mitgebrachten Ressourcen der Lernenden an. Dies leitet über zur Verwendung von Abduktion und abduktiver Korrelation in der Professionalität.

3.2. Abduktive religionspädagogische Professionalität

Besteht abduktive Professionalität darin, neue Hypothesen zur Deutung und Lösung eines Falls zu entwerfen, indem das bisherige Repertoire neu kombiniert und auf den Fall bezogen wird (Heil, 2006), so ist die abduktive religionspädagogische Professionalität die jeweils fallbezogene Vermittlung religiöser Kompetenzen in Lehr-Lernprozessen in der Verbindung von Fall und Fachrepertoire. Dies betrifft hauptsächlich die Planung, Durchführung und Reflexion von Lernprozessen. Anhand des kompetenzorientiert erweiterten Elementarisierungsmodells als religionspädagogisches Instrument der „Vorbereitung und Gestaltung von Religionsunterricht“ (Schweitzer/Haen/Krimmer, 2019, 7) – und auch der Reflexion – wird gezeigt, wie die Abduktion in der Religionspädagogik exemplarisch umgesetzt werden kann. Da diese Beispiele metareflexiv selbst wieder Abduktionen sind, verlangen auch sie nach Kommunikation.

3.2.1. Planung religiöser Lernprozesse

Die Planung religiöser Lernprozesse im kompetenzorientierten Religionsunterricht dient dazu vorwegzunehmen, wie Religionslehrerinnen und Religionslehrer ihren professionellen Auftrag der Vermittlung religiöser Kompetenzen für den jeweiligen Fall – in der Regel eine bestimmte Lerngruppe – umsetzen können. Immer dann, wenn der Fall Neues enthält, kommen Abduktionen ins Spiel. Da Fälle normalerweise Ähnlichkeiten und Differenzen zu früheren Fällen aufweisen, sind Abduktionen fast immer notwendig, um auf das spezifisch Neue der jeweiligen Lerngruppe (Fall) eingehen zu können. Am Beispiel des Elementarisierungsmodell als religionspädagogisches Planungsinstrument wird deutlich, wie Abduktionen in der Planung von Religionsunterricht vorkommen können - sowohl innerhalb der einzelnen fünf Dimensionen der Elementarisierung als auch in der korrelativen Verbindung der einzelnen Dimensionen. Durch Abduktion werden Inhalte (Strukturen, Wahrheiten) mit Lernenden (Erfahrungen, Zugänge) und Methoden (Lernformen) verknüpft und auf ihre Kohärenz hin überprüft. Es werden Hypothesen entworfen, wie die fünf Dimensionen der Elementarisierung fallbezogen gefüllt und sinnvoll verbunden werden. Die Elementarisierung berücksichtigt ebenfalls, inwiefern Schülerinnen und Schüler selbst Abduktionen durchführen müssen, d.h. Neues so verarbeiten, um ihre Kompetenzen zu erweitern.

Beispiel Planung: Elementarisierung einer Unterrichtseinheit zum Thema „Symbole“:

Innerhalb der elementaren Strukturen sind Abduktionen notwendig zur Auswahl der Inhalte, die zu der jeweiligen Klasse passen könnten und die das Thema verdeutlichen, z.B. die Erklärung der Eigenschaften von Symbolen und die fallbezogene Auswahl sinnvoller Symbole. Auch kann hier antizipiert werden, welche zusätzlichen Inhalte möglicherweise von den Schülerinnen und Schülern eingebracht werden.

Bei den elementaren Wahrheiten sind Abduktionen dann sinnvoll, wenn das Stundenthema vom zentralen Bildungsgehalt im kompetenzorientierten Unterricht abweicht. Hier ist durch Abduktionen zu fragen, warum die Abweichungen zustande kommen und welche Bedeutungen dahinter stehen.

Bei den elementaren Zugänge wird üblicherweise die qualitative Induktion angewendet, da die jeweilige Klasse bestimmten allgemeinen Merkmalen der Altersstufe zugeordnet wird, z.B. in entwicklungspsychologischer Hinsicht.

Innerhalb der Dimension der elementaren Erfahrungen sind die meisten Abduktionen angebracht. Dies betrifft sowohl Hypothesen zur Zusammensetzung der Lerngruppe – professionstheoretisch gesprochen zur Strukturgesetzlichkeit des Falls – als auch der thematischen Verankerung des Themas in den Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler der konkreten Lerngruppe. Die abduktive Planung einer Unterrichtseinheit zu diesem Thema berücksichtigt, wie Zeichen, Bedeutungen und Funktionen aus diesem Themenbereich in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen verwoben sind. Es werden z.B. Hypothesen entworfen, welche weltlichen und christlichen Symbole in den Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler vorkommen und wie Schülerinnen und Schüler diese deuten.

Die Frage nach der Auswahl der Sozialformen und Medien innerhalb der elementaren Lernformen erfordert wiederum eine Vielzahl an Hypothesen. Aus beiden Bereichen muss eine begründete Auswahl getroffen werden, inwiefern die Sozialformen und Medien zu der Lerngruppe passen und Lernen ermöglichen. Dies betrifft im kompetenzorientierten Unterricht vor allem die Initiierungs- und die Anwendungsphase (Heil, 2013): In der Initiierungsphase wird z.B. ein Symbol eingeführt, das Aufmerksamkeit erzielen und zum Lerninhalt hinführen soll. Die Hypothesen gehen insofern in die Planung ein, als ein Impuls in der Initiierungsphase ausgewählt wird, der für den Fortgang des Lernprozesses geeignet scheint. Ähnliches gilt für die Anwendung, in der das bisher Erworbene sachlich oder fallbezogen umgesetzt wird. Auch hierzu entwirft die Lehrkraft Hypothesen, die erklären helfen, inwiefern der Lernprozess weiterführen kann, z.B. die Erklärung der Frage, „Welche Symbole haben eine Bedeutung für mein Leben?“ Auch die Schülerinnen und Schüler entwickeln Abduktionen, wie das bisher Gelernte auf einen konkreten Fall angewendet werden kann. Abduktionen sind daher im problemlösenden und entdeckenden Lernen in der Anwendungsphase im kompetenzorientierten Unterricht von Bedeutung.

Die Elementarisierung ist so konzipiert, dass die einzelnen Dimensionen kohärent zueinander sein müssen, d.h. jeweils zu den anderen passen und im Zusammenspiel der fünf Dimensionen ein kohärenter Lehr-Lernprozess geplant werden kann. Abduktionen sind dazu notwendig, inwieweit die einzelnen Dimensionen korrelieren. Da innerhalb der Elementarisierung Neues entsteht, ist die Bezogenheit der Dimensionen aufeinander von großer Bedeutung.

3.2.2. Durchführung religiöser Lernprozesse

Trotz sorgfältiger Planung ist die Durchführung von Unterricht wie jede professionelle Praxis nicht standardisierbar. Es kommt immer wieder zu Überraschungen und Neuem, das den geplanten Verlauf unterbricht. (Religions-)pädagogisches Handeln unterliegt daher aufgrund der immanenten Strukturlogik von Praxis Unwägbarkeiten und Unsicherheiten (Oevermann, 1996). Der Umgang mit Neuem und Unvorhergesehenem gehört damit konstitutiv zur Praxis selbst und erfordert situationsgerechtes Deuten und Reagieren. Auch eine noch so sorgfältig erstellte Elementarisierung kann das Unterrichten selbst nicht vollständig antizipieren, so dass die Verwendung von Abduktionen notwendig zum professionellen Handeln gehört. Abduktionen sind nicht erlernbar. Es können jedoch Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Verwendung von Abduktionen begünstigen, was im folgenden Beispiel deutlich wird.

Beispiel Durchführung: L-S-Interaktion in einer Religionsunterrichtsstunde zum Thema „Symbole“:

In der Klasse 4a einer Grundschule hält die Religionslehrerin Frau Beckmann eine Religionsstunde zum Thema „Christliche Symbole“ innerhalb der Sequenz „In Bildern und Symbolen sprechen“. Frau Beckmann hat eine Elementarisierung als Planung wie beschrieben konzipiert. Zu Beginn der Stunde in der Initiierungsphase zündet sie eine Kerze an, um die Schülerinnen und Schüler für das Thema zu sensibilisieren. Es kommt zu folgender Interaktion:

1. Fr. Beckmann: Ich zünde jetzt eine Kerze an.2. (Lehrerin zündet Kerze an)3. Schaut euch das Licht der Kerze genau an.4. (Kurze Stille)5. An was denkt ihr, wenn ihr an Licht denkt?6. Laura: An Traurigkeit.7. Fr. Beckmann: ?

Frau Beckmann ist überrascht von der Antwort. Sie hatte eigentlich geplant, Licht mit Wärme, Geborgenheit o.Ä. zu assoziieren, um die Doppelstruktur eines Symbols zu verdeutlichen und auf die Verwendung christlicher Symbole hinzuführen. Wie kann Frau Beckmann nun auf Lauras Antwort reagieren?

Eine Methode ist z.B. die Rekonstruktion von Phasen der Reaktion von Lehrkräften auf Beiträge von Schülerinnen und Schülern, innerhalb derer Abduktionen vorkommen. In einer empirischen Untersuchung wurden fünf Phasen der Verwendung der abduktiven Korrelation rekonstruiert, um mit Beiträgen von Schülerinnen und Schülern abduktiv umzugehen (Heil, 2006):

© Stefan Heil

Abb. 1 Phasen der abduktiven Reaktion auf Beiträge von SuS

Diese fünf Phasen der verbalen individuellen Kommunikation ermöglichen religiöse Kommunikation im Unterricht. Es sind Techniken, die in der empirischen Unterrichtsforschung rekonstruiert worden sind und in der Lehrerbildung Verwendung finden. Wendet man die Phasenabfolge der abduktiven Korrelation in der Unterrichtsdurchführung an, dann könnte sie folgendermaßen interagieren:

  • Nachfragen: „Traurigkeit, warum verbindest Du Licht mit Traurigkeit?“ Laura antwortet: „Bei der Beerdigung wird immer ein Licht angezündet, da brennt eine Kerze.“ Frau Beckmann hat damit herausgefunden, welche Bedeutung Laura mit dem Symbol verbindet und kann direkt zur Phase des Komplementierens übergehen, indem Sie den christlichen Kontext erklärt.
  • Zentrieren: Falls Laura abschweifen sollte, insistiert die Lehrerin auf der Beantwortung der Frage, z.B. „Bleib mal dabei!“
  • Kontextualisieren: Die Lehrerin bietet einen Kontext als sinnvollen Bedeutungshorizont an, falls Laura nicht selbst darauf kommt oder verbalisieren kann. Dieser Kontext setzt die Äußerungen Lauras in einen sinngebenden Zusammenhang: „Meinst Du vielleicht …“
  • Aufdecken: Die Lehrerin spiegelt oder paraphrasiert Lauras Antwort als mäeutische Technik der Rekonstruktion von Bedeutung: „Aha, Du meinst …“
  • Komplementieren: Frau Beckmann versucht, Lauras Äußerungen mit der christlichen Religion in Kommunikation zu bringen: „In der christlichen Tradition kann uns das Licht der Kerze an die Auferstehung Jesu erinnern“.

    Abduktionen werden demnach in der Unterrichtsinteraktion verwendet, um unbekannte oder überraschende Äußerungen zu deuten. Die Verwendung der Abduktion ist eine Möglichkeit der Reaktion in der Unterrichtsinteraktion neben Deduktion, Induktion und Nicht-Schließen. Vorteil ist das individuelle Eingehen auf einzelne Schülerinnen und Schüler, Nachteil die mögliche Vernachlässigung des Gruppenfokus. Die Abduktion kann immer dann eingesetzt werden, wenn Neues im Unterricht auftaucht, was der Erklärung bedarf. Die Abduktion ist nur ein Teil der allgemeinen Professionalität von Religionspädagoginnen und Religionspädagogen. In dieser Perspektive müssen sie daneben auch über die anderen Schlussmodi Deduktion, Induktion und auch Nicht-Schließen verfügen und diese situationsgerecht einsetzen.

3.2.3. Reflexion religiöser Lernprozesse

Reflexion und Feedback werden im kompetenzorientierten Unterricht immer bedeutsamer (Hattie, 2014, 131). Sowohl Lehrkräfte als auch Schülerinnen und Schüler entwickeln im Reflexionsprozess Hypothesen, um den Lernprozess zu verbessern. Reflexion ist daher eine Schlüsselkompetenz für Profis im Allgemeinen und Lehrkräfte im Besonderen.

Abduktionen in Reflexionsprozessen sind innerhalb einer kompetenzorientiert erweiterten Elementarisierung immer dann notwendig, wenn trotz genauer Planung die angezielten Kompetenzen und Stundenlernziele nicht erreicht worden sind (Schweitzer/Haen/Krimmer, 2019, 46). Es stellt sich die Frage nach dem „Warum“, die klassische Ausgangsfrage zur Entwicklung gewagter Hypothesen (Abduktionen). Die dazu notwendige Reflexivität kann in der Professionalisierung erlernt werden, bedeutet Reflexivität doch das Zusammenspiel und die geregelte Abfolge der drei Schlussmodi (Heil, 2013, 165). Reflexivität ist daher als eine Art Forschungsprozess zu verstehen, der durch die Abfolge der Schlussmodi strukturiert werden kann (Kapitel 2.2). Die folgende Grafik kann diesen Prozess verdeutlichen:

© Stefan Heil

Abb. 2 Reflexivität als Zusammenspiel der Schlussmodi

Der reflexive Prozess beginnt mit einem zu lösenden Fall, der das mitgebrachte Professionswissen aktiviert. Der Fall ist der „surprising fact“ in der Terminologie von Peirce, den es zu erklären gilt. Die Abduktion entwickelt Hypothesen zu dem Fall und liefert dadurch Deutungsmuster, warum der Fall so ist und nicht anders. Die Folgen davon werden dann deduktiv abgeleitet und induktiv überprüft. Am Ende des Prozesses stehen Handlungsalternativen.

Beispiel Reflexion des Verhältnisses von Elementarisierung und Kompetenzorientierung:

Auf das Symbolbeispiel bezogen bedeutet dies:

© Stefan Heil

Abb. 3 Beispiel

Anhand dieses einfachen Beispiels wird deutlich, wie die Divergenz von Planung und abweichender Durchführung reflexiv eingeholt werden kann. Die Reflexion anhand des Schemas ermöglicht es, methodengeleitet Unterrichtsprozesse zu analysieren und zu verändern.

Zusammenfassend kann die Abduktion im professionellen Handeln von Lehrkräften zur Planung, Durchführung und Reflexion von Lehr-Lernprozessen eingesetzt werden. Dadurch ist es von Bedeutung, Abduktionen in Theorie und Praxis in einen professionellen religionspädagogischen Habitus zu integrieren und deren Anwendung zu trainieren (Heil/Riegger, 2017).

3.3. Abduktive empirisch-religionspädagogische Forschungslogik

Religionspädagogik als empirisch-hermeneutische Wissenschaft erforscht Religionspräsenz heute und die damit verbundenen religiösen Lehr-Lernprozesse auf der Makro-, Meso- und Mikroebene der Gesellschaft. Aufgrund gesellschaftlicher Trends wie Pluralität, Heterogenität, Individualisierung oder Digitalisierung, um nur einige zu nennen, kommt es zur Entstehung von Neuem. Hier setzt die Abduktion im religionspädagogischen Forschungsprozess an, um dieses Neue aus der Disziplin heraus zu erklären und neue Theorien zu entwickeln. In unterschiedlichen Forschungskontexten spielt die Abduktion daher eine Rolle: Paradigmenentwicklung, Methodologie und Forschungslogik (→ Empirie; Heil, 2007):

Ein Paradigma ist die grundlegende Orientierung einer Disziplin. Als Theorie der Praxis ist das Materialobjekt der Religionspädagogik religiöse Praxis im weiteren Sinne, das Formalobjekt ist die iterative Verbindung mindestens der drei Paradigmen empirisch, hermeneutisch und pragmatisch. Diese Verbindung ist nicht festgelegt, sondern folgt der Ausrichtung auf das Materialobjekt, d.h. die Auswahl des Gegenstandes bedingt das Formalobjekt. Die Komplementarität des Formalobjekts ist wiederum selbst ein hermeneutischer Akt und bedarf der Abduktion, d.h. der Hypothese, wie die Paradigmen zusammenwirken, um den Gegenstand zu erklären. Dies ist von Gegenstand zu Gegenstand unterschiedlich und bedarf immer wieder der Neuausrichtung.

Die Methodologie ist die Reflexion auf die Verwendung bestimmter Methoden im Forschungsprozess. Vier Möglichkeiten der methodologischen Ausrichtung der Religionspädagogik können hier unterschieden werden: „Angewandte Theologie, Multidisziplinarität, Interdisziplinarität und Intradisziplinarität“ (van der Ven, 1990). Wird Religionspädagogik intradisziplinär verstanden, dann ist zu fragen, wie die Auswahl der Methoden vorgenommen werden muss, um den neuen Gegenstand zu erklären. Auch diese Auswahl und deren mögliche Revision im Forschungsprozess sind hermeneutische Leistungen, die Abduktionen erfordern, ähnlich wie bei der Paradigmenentwicklung, allerdings auf der Ebene der konkreten Forschung. Es muss hier erklärt werden, warum genau diese und nicht andere Methoden verwendet werden, um einen Gegenstand zu erforschen.

Die Forschungslogik schließlich folgt dem Forschungsprozess wie auch in anderen Forschungsbereichen in der Abfolge Abduktion-Deduktion-Induktion. Dem korrespondiert die logische Abfolge des Entdeckungs-, Begründungs- und Verwendungskontextes im wissenschaftstheoretischen und sozialwissenschaftlichen Diskurs, was schließlich zur Entwicklung eines empirischen Zyklus in der Religionspädagogik führt (→ Empirie).

Ein Beispiel einer abduktiven Forschungslogik ist die New Grounded Theory im Unterschied zur klassischen Grounded Theory. Strauss verweist dazu auf Peirce, „dem Vertreter des Amerikanischen Pragmatismus, dessen Konzept von Abduktion die entscheidende Rolle hervorhebt, die die Erfahrung in der ersten Phase von Forschungsarbeiten spielt“ (Strauss, 1994, 38; auch Corbin, 2003; Strübing, 2014, 46). Die Abduktion ist daher in der → Grounded Theory (Method) fest verankert und kann als beispielhaft für deren Umsetzung im Forschungsprozess gelten.

4. Fazit

Abduktionen als „gewagte Hypothesen“ sind immer dann notwendig, wenn neue, überraschende Phänomene nicht mehr durch vorhandene Kategorien gedeutet werden können, sondern einer Neukombination dieser Kategorien bzw. einer Einführung neuer Kategorien bedürfen. Religionspädagogik als Wissenschaft sowie Religionspädagoginnen und Religionspädagogen im professionellen Handeln haben es mit dem zeichenhaften Ausdruck neuer religiöser Phänomene zu tun, denen sie Bedeutung zuweisen müssen, um sie zu erklären. Dabei handeln sie – bewusst oder unbewusst – abduktiv. Ohne Abduktionen wäre eine disziplinäre Vermehrung des Wissens oder subjektbezogene religiöse Bildung nicht möglich. Der weiteren Erforschung der Abduktion im wissenschaftlichen und professionellen religionspädagogischen Handeln wird daher eine bedeutende Rolle zukommen.

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Phasen der abduktiven Reaktion auf Beiträge von SuS © Stefan Heil
  • Abb. 2 Reflexivität als Zusammenspiel der Schlussmodi © Stefan Heil
  • Abb. 3 Beispiel © Stefan Heil

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