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Bibelauslegung, feministische

Andere Schreibweise: Feministische Bibelinterpretation, Feministische Exegese, Frauenbibelarbeit, Feminist Bible Interpretation (engl.)

Sonja Angelika Strube

(erstellt: Febr. 2019)

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1. Begriffsklärung und Horizonte

Mit Blick auf die große Bandbreite von Veröffentlichungen und tatsächlicher Bibellesepraxis weltweit fasst der folgende Beitrag feministische Bibelauslegung und Bibelarbeit in einem weiten Sinne primär als aus Frauenperspektiven formulierte, für Frauen engagierte Bibellektüren (Strube, 2000, 15). Frauen nehmen sich die Freiheit, Texte ihrer Heiligen Schriften selbst auszulegen; sie sind selbstbestimmte Subjekte der Bibelarbeit. Feministische Bibelarbeit findet statt, wo Frauen ihre spezifischen Lebens- und gegebenenfalls Unterdrückungserfahrungen in ein kritisches Gespräch mit biblischen Texten bringen und Mut zum Widerspruch gegen Unrecht schöpfen, etwa in Frauengruppen, örtlichen Fraueninitiativen oder Bibelkreisen in Basisgemeinden aller Kontinente, in privaten oder öffentlichen Zusammenschlüssen, kirchlichen Frauenverbänden, Frauengottesdiensten, feministischen Liturgien, auf Kirchen- und Katholikentagen, in universitären Lehrveranstaltungen sowie prominent beim jährlichen Weltgebetstag der Frauen. In einem sekundären Sinne können Menschen jedes Geschlechts in Übernahme feministischer Perspektiven forschen bzw. feministische Forschungsergebnisse rezipieren und für die religionspädagogische Praxis fruchtbar machen.

Feministische Bibelauslegung begann als Basisbewegung, führte zu zahlreichen allgemeinverständlichen theologischen Buchveröffentlichungen, aus denen sich die feministische Exegese entwickelte, die ihren Platz in der universitären Theologie eroberte. In deren Diskussionskontexten wiederum entwickelten sich bibelbezogene Gender Studies, kritische Männerforschung und Queer Theology.

In feministischer Perspektive sind praktische Bibelarbeit, Predigt und Exegese miteinander verwoben, zum einen durch ihre Entstehungszusammenhänge, zum anderen aufgrund der Einsicht, dass jede Bibelauslegung, auch die universitäre, interessengeleitet und vom persönlichen und gesellschaftlichen Standort der Auslegenden geprägt ist (Noller, 1995, 82-88; Strube, 2000;2009). Die für feministische Bibelarbeit ursprünglich prägende Kategorie einer (gegebenenfalls weltweit geteilten) gemeinsamen Frauenerfahrung hat durch Einsichten in die Diversität von Lebenszusammenhängen und den Konstruktionscharakter von Geschlecht an Plausibilität verloren. Insofern jedoch weiterhin weltweit Menschen, die als Frauen identifiziert werden, benachteiligt sind gegenüber denen, die als Männer identifiziert werden, sind feministisches und feministisch-befreiungstheologisches Engagement nicht überflüssig geworden, sondern notwendiger Bestandteil jeder auf Gerechtigkeit zielenden Praxis.

2. Die Ausgangserfahrung: Die Bibel als Instrument der Unterdrückung und Quelle der Befreiung

2.1. Die Ambivalenzen der Bibel mit Blick auf Frauen

2.1.1. Androzentrismus und Patriarchat als biblische Erfahrungskontexte

Im Umgang mit der Bibel machen Frauen seit jeher ambivalente Erfahrungen. Trotz der großen Vielfalt ihrer Textgattungen, ihrer Entstehungskontexte, ihrer Inhalte und Positionen sind die meisten Schriften der Bibel – wie auch die meisten außerbiblischen Kulturzeugnisse – geprägt von androzentrischen (= männerzentrierten) Denkweisen. Männer und ihre Lebenserfahrungen werden als ,Normalfall‘ des Menschseins angesehen, „Aussagen über »den Menschen«, die von männlich-erwachsenen Lebens- und Erfahrungszusammenhängen abgeleitet sind, wird von androzentrischen DenkerInnen also fälschlicherweise universale Gültigkeit zugesprochen: Der Mann wird zum Maß alles Menschlichen“ (Praetorius, 2002, 17).

Ebenso setzen biblische Texte zumeist die hierarchisch-patriarchalen Gesellschaftsformen ihrer Entstehungszeiten als selbstverständlich voraus und spiegeln eine „männlich bestimmte, abgestufte Pyramide von Unterordnung und Ausbeutung“ (Schüssler Fiorenza, 1988, 15), die neben Sexismus weitere Mechanismen der Abwertung und Unterdrückung von Menschen durch Menschen umfasst, etwa Rassismus, Klassismus, Abwertung anderer Religionen und Kulturen.

Viele biblische Texte lassen sich daher zur Rechtfertigung von Ideologien der Ungleichwertigkeit, vor allem einer Unterordnung ,der Frau‘ unter ,den Mann‘, nutzen. Einige dagegen kritisieren patriarchale Hierarchien ausdrücklich bzw. fordern von Gläubigen, anti-hierarchische Gegengesellschaft zu sein (z.B. Mk 10,42-45; Gal 3,28).

2.1.2. Frauenfeindliche Auslegungstraditionen und Bibeltexte

Seit der Antike bis in die Gegenwart wurden biblische Texte in religiösen wie gesellschaftlich-politischen Zusammenhängen zur Diskriminierung und Unterdrückung von Frauen eingesetzt. Besonders repressive Wirkungsgeschichten gegenüber Frauen entfalteten z.B. die Haustafeln der späten neutestamentlichen Briefliteratur (Kol 3,18-4,1; Eph 5,21-6,9; 1 Petr 2,11-3,12), die patriarchale Familien- und Gemeindestrukturen vorzuschreiben scheinen, sowie frauenfeindliche Auslegungen der zweiten Schöpfungserzählung Gen 2-3 (Gössmann/Schüngel-Straumann/Leisch-Kiesl, 2001).

Bibellesende Frauen bekommen es somit sowohl mit androzentrischen, patriarchalen, gegebenenfalls frauenfeindlichen Auslegungstraditionen biblischer Texte zu tun als auch mit androzentrischen, patriarchalen, gegebenenfalls frauenfeindlichen Bibeltexten. Angesichts dessen lautet die feministische Kernfrage: „Kann die Bibel so gelesen werden, dass sie eine historische Quelle für die Macht, Unabhängigkeit und Freiheit von Frauen werden kann, oder muss sie als patriarchales Dokument der Unterdrückung von Frauen zurückgewiesen werden?“ (Strahm, 1987, 27).

2.1.3. Befreiende Impulse

Tatsächlich erlebten und erleben viele Frauen – wie auch andere unterdrückte und marginalisierte Menschen – die Bibel aber auch als Quelle ihrer Befreiung (vgl. z.B. die Bürgerrechtsbewegung der USA, Theologien der Befreiung in Lateinamerika und anderswo). Ziel feministischer Bibellektüren, die diese positiven Erfahrungen ebenfalls würdigen wollen, ist, die Ambivalenzen biblischer Texte offenzulegen und die Bibel „so zu verstehen und zu interpretieren, dass sowohl ihre unterdrückende wie auch ihre befreiende Kraft klar erkannt werden kann“ (Strahm, 1987, 28f.). Feministisch-befreiungstheologische Bibelauslegungen verstehen sich als umfassende Patriarchats- und Herrschaftskritik und zielen daher neben Geschlechtergerechtigkeit immer auch soziale, kulturelle und religiöse Gerechtigkeit an (Janssen/Köhler, 2015).

2.2 Schlaglichter frauenbefreiender Bibelauslegung durch Frauen

Frauenbefreiende Bibelauslegung durch Frauen dürfte es geben, seit es biblische Schriften gibt. In diesem weiten Wortsinn sind feministische Bibelauslegung und -arbeit keine Erscheinungen der letzten 50 Jahre, sondern können zurückblicken auf eine Jahrhunderte alte Tradition.

2.2.1 „1000 Jahre feministische Bibelkritik“ (Gerda Lerner)

Seit dem Mittelalter belegen zahlreiche erhalten gebliebene Schriften, dass Frauen sich schreibend mit denjenigen biblischen Texten kritisch auseinandersetzen, die gegen sie verwendet wurden, sodass die US-amerikanische Historikerin Gerda Lerner ihre diesbezüglichen Forschungen mit „Eintausend Jahre feministische Bibelkritik“ überschreibt (Lerner, 1993, 170-201).

Die Erfahrung, dass die Bibel sowohl im kirchlichen als auch im gesellschaftlichen Kontext als Instrument der Unterdrückung und Zurücksetzung von Frauen benutzt wurde, veranlasste die US-Amerikanerin Elisabeth Cady Stanton (1815-1902), die über ihr Engagement für die Sklavenbefreiung zum Kampf für Frauenrechte gekommen war, sämtliche biblischen Texte und ihre Wirkungsgeschichte für Frauen kritisch zu beleuchten. In den Jahren 1895 und 1898 brachte sie den ersten feministischen Bibelkommentar, die zweibändige Woman´s Bible heraus, die alle biblischen Schriften aus Frauenrechtssicht kritisch kommentiert (Wacker, 1995, 4-7).

Dass die meisten bibelauslegenden Frauen mit ihren Schriften selbst einem akademischen Fachpublikum erst seit Ende des 20. Jahrhunderts bekannt sind, liegt am mangelnden Tradierungsinteresse einer männerdominierten Wissenschaft, das erst durch feministisch orientierte Forscherinnen der letzten Jahrzehnte durchbrochen wurde (Lerner, 1993, 170f.;199-201).

2.2.2 Erste Frauenbewegung und kirchliche Frauenverbände

Im Zuge der Ersten Frauenbewegung seit Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten sich die konfessionellen Frauenverbände Deutschlands; in den USA nahm der ökumenische Weltgebetstag der Frauen seinen Anfang (Bechmann, 2001). In dieser Atmosphäre entstehen erste wissenschaftliche Abhandlungen ebenso wie katechetische und pastorale Literatur evangelischer Theologinnen zur Rolle der Frau im biblischen Israel und im frühen Christentum (Wacker, 1995, 8.13-19). Innerhalb christlich-konfessioneller Frauenverbände gewinnt die praktische Bibelarbeit zu biblischen Frauengestalten mit einem wertschätzend-bestärkenden Impetus – möglichst geleitet von Frauen für Frauen – an Bedeutung.

3. „Zwischen Bewegung und Akademie“ (Schüssler Fiorenza). Feministische Bibelauslegung seit Beginn der Zweiten Frauenbewegung

Von feministischer Bibelauslegung und Feministischer Theologie (→ Feministische Theologie) im engeren Sinne wird seit Beginn der Zweiten Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre gesprochen. Für katholische Frauen waren zudem die Aufbruchsstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) wie die Enttäuschung über die fortbestehende kirchliche Zweitrangigkeit von Frauen bedeutsam.

3.1 Die 1970er Jahre: christlich-ökumenische Frauenbewegung – starke Frauen der Bibel

Zunächst in Nordamerika und Westeuropa, dann auch in anderen Regionen der Welt, entwickeln sich Bewegungen christlich-feministischer Frauen, die ihren Glauben aus feministischer Perspektive kritisch hinterfragen und eine befreiende Spiritualität miteinander leben. Orte feministischer Bibelarbeit im deutschen Sprachraum sind Frauengruppen in Verbänden, Orts- und Hochschulgemeinden, inoffizielle und offizielle Veranstaltungen bei Katholiken- und evangelischen Kirchentagen (→ Deutscher Evangelischer Kirchentag), sowie überregionale Vernetzungstreffen in kirchlichen Bildungshäusern und Akademien (→ Akademie, katholisch).

Feministisch-theologische Schriften dieser Zeit richten sich an alle Interessierten, ohne exegetisches Vorwissen vorauszusetzen. Verfasst werden sie von Theologinnen, Exegetinnen und Exegeten sowie von Frauengruppen, die ihre Praxiserfahrungen reflektieren, praktische Bibelarbeiten und Predigten weitergeben. Thematisiert werden vor allem biblische Frauengestalten, deren Erzählungen dem Vergessen bzw. Verschweigen anheimgefallen waren, in ihrer Bedeutung als Ahnfrauen, Prophetinnen, Jüngerinnen, Apostelinnen etc., Jesu Verhältnis zu Frauen, weibliche Gottesbilder.

Eine Reihe grundlegender Artikel namhafter feministischer Theologinnen erscheinen in den USA (u.a. Bernadette Brootens Aufsatz zur Apostelin Junia: Brooten, 1982). Vorreiterinnen der Verbreitung feministischer Bibelauslegung im deutschen Sprachraum wurden neben Elisabeth Moltmann-Wendel (1974;1980) die Neutestamentlerinnen Luise Schottroff und Elisabeth Schüssler Fiorenza (Schottroff/Stegemann, 1980).

3.2 Die 1980er Jahre: Vernetzung – Matriarchatsforschung – Antijudaismusdebatte – feministische Hermeneutik

Die 1980er Jahre sind geprägt durch erste Institutionalisierungen feministisch-theologischer Projekte über feministisch-theologische Zeitschriften und Netzwerke. Orte feministischer Bibelarbeit sind nun auch Frauenliturgiegruppen, die sich in Hochschulgemeinden und Bildungshäusern treffen, sowie feministisch-theologische Seminare an Universitäten.

Inhaltlich geprägt wird die feministisch-biblische Diskussion in Westeuropa und Nordamerika zunächst von Autorinnen, die von der These der historischen wie wesensmäßigen Vorrangigkeit des Weiblichen vor dem Männlichen und einer matriarchalen Gesellschaftsordnung vor dem Patriarchat ausgehen (Christa Mulack, Heide Göttner-Abendroth, Elga Sorge, Gerda Weiler). Biblische Texte geraten in den Verdacht, ursprünglich matriarchale Göttinnentraditionen durch den patriarchalen (JHWH-)Gott verdrängt zu haben.

An dieser „matriarchalen Herausforderung“ (Wacker, 1995, 27) entzünden sich drei wichtige Debatten: 1.) über den Umgang mit der Ambivalenz der Bibel für Frauen (feministische Hermeneutik), 2.) über das Konstrukt „Weiblichkeit“ und 3.) über die Gefahr des Antijudaismus auch in der feministischen Bibelauslegung, denn jüdische feministische Theologinnen sehen ihre Religion nach dem alten Vorwurf des „Gottesmordes“ nun noch dem des „Göttinnenmordes“ ausgesetzt (Plaskow, 1990). Zudem malten einige frühe feministische Deutungen den jüdischen Hintergrund des Neuen Testaments holzschnittartig schwarz, um Jesus umso heller als vermeintlichen Frauenbefreier erstrahlen zu lassen.

Alle drei Debatten wurden auch an der Basis leidenschaftlich geführt – etwa in der Zeitschrift Schlangenbrut – und prägten religiöse Haltungen, waren also nicht rein akademischer Natur. Der Frage nach der Vermeidung antijudaistischer Denkmuster stellt sich die feministische Theologie intensiv und ausdauernd im Dialog mit jüdischen Theologinnen und initiiert eine solche Auseinandersetzung auch in nichtfeministisch-theologischen Diskursen. Zahlreiche feministisch-biblische Projekte werden fortan in Zusammenarbeit mit jüdischen Exegetinnen umgesetzt.

Wichtige Veröffentlichungen der 1980er Jahre sind Schüssler Fiorenzas Grundlagenwerke (1988/89) sowie praxisorientierte Sammelbände wie Frauen entdecken die Bibel, Zwischen Ohnmacht und Befreiung (Walter, 1986/88), Feministisch gelesen (Schmidt/Korenhoff/Jost, 1988/89). Anstoß für eine breite Wahrnehmung gibt 1990 das Misereor-Hungertuch Biblische Frauengestalten – Wegweiser zum Reich Gottes (Legge, 1989).

3.3 Seit den 1990er Jahren: Akademisierung und Breitenwirkung – Queer und Gender Studies, Postkoloniale und Interreligiöse Perspektiven

In den 1990er Jahren gewinnt die wissenschaftlich-feministische Exegese an Bedeutung; immer mehr Exegetinnen verfassen feministische Forschungsarbeiten. Schwerpunkte sind u.a. die Bedeutung von Frauen in religiösen Leitungsämtern, in außerkanonischen Schriften sowie die Frage nach dem Umgang mit Texten sexualisierter Gewalt (Impulse von Trible, 1987). Der Diskurs erweitert sich um Perspektiven der kritischen Männerforschung, der Gender und der Queer Studies, um postkoloniale Perspektiven sowie den Interreligiösen Dialog mit muslimischen Theologinnen, etwa zur Frage einer frauenbefreienden Hermeneutik des Korans (Wacker, 2016; Schüssler Fiorenza, 2015). Wo feministische Exegetinnen Lehrstühle erlangen, werden internationale Buchprojekte zahlreicher Fachfrauen möglich, so etwa das Kompendium Feministische Bibelauslegung (Schottroff/Wacker, 1998), das alle biblischen und zahlreiche apokryphe Schriften feministisch-exegetisch kommentiert.

Parallel dazu entstehen Buchreihen, die feministisch-exegetische Inhalte und Zugänge zur Bibel praxisbezogen für Bibelarbeiten, Predigten, Frauen- und Weltgebetstags-Gottesdienste aufbereiten, so FrauenBibelArbeit (seit 1998) und die Kleinschriftenreihe Frauen der Bibel (als Kooperationen von Frauenverbänden/Weltgebetstag und Katholischem Bibelwerk). Evangelische Pfarrerinnen und Diakoninnen geben Predigthilfen heraus (Feministisch predigen; seit 2003). Artikelserien erscheinen in Frauenverbandszeitschriften (vgl. Hollmann). Zeitschriften für biblisch Interessierte widmen feministischer Bibelauslegung Themenbände (z.B. Bibel und Kirche, Bibel heute, Welt und Umwelt der Bibel). Exegetinnen und Exegeten erarbeiten 2006 die Übersetzung Bibel in gerechter Sprache.

Ergebnisse feministisch-exegetischer Forschung werden der breiten kirchlichen Öffentlichkeit bekannt, überzeugen und sickern ins Allgemeinwissen ein. Früchte feministischer Arbeit sind u.a. geschlechtersensible Revisionen gängiger Bibelübersetzungen, die Einführung inklusiver Anreden in gottesdienstlichen Lesungen, die Wiederbenennung der Apostelin Junia in der neuen Einheitsübersetzung (2016) oder die Wiederwahrnehmung der Maria aus Magdala als Apostelin der Apostel. Teilweise setzt sich zugleich die Missachtung theologischer Frauenforschung fort, wenn feministische Forschungsergebnisse positiv rezipiert, ihre Urheberinnen jedoch nicht genannt werden.

4. Feministische Verstehenszugänge zur Bibel (Feministische Hermeneutik)

4.1 Verstehen zwischen Loyalität, Ablehnung und bewusster Parteilichkeit

Die eingangs dargestellten Ambivalenzen der Bibel führen zu unterschiedlichen Umgangsweisen von Frauen mit der Bibel. Einige weichen der Ambivalenz aus, indem sie entweder das Problem allein in frauenfeindlichen Auslegungstraditionen sehen, während postchristliche Feministinnen die Bibel insgesamt als ein „unrettbar“ sexistisches und patriarchales Dokument beurteilen (Wacker, 1995, 35-37).

In den 1980er Jahre erschien vielen Feministinnen der Gedanke einer ursprünglich matriarchalen Kultur, einer zeitüberdauernd-wesenhaften Weiblichkeit und einer daraus resultierenden, Zeiten und Räume umspannenden Schwesterlichkeit plausibel, so dass sie biblische Texte maßgeblich daran bemaßen, ob diese den Blick auf matriarchale Göttinnenreligionen und ein weibliches Göttliches freigeben. Demgegenüber werden biblische Texte aktuell unter der Perspektive ihrer Fähigkeit zur Dekonstruktion und Verflüssigung naturalistisch fixierter Vorstellungen von Geschlecht gelesen.

Immer prägen persönliche Überzeugungen und gesellschaftliche Weltbilder das Bibelverständnis. Feministische Bibellektüren legen daher bewusst ihre Parteilichkeit für Frauenbefreiung offen; Autorinnen beschreiben ihre jeweilige Perspektivität.

4.2 Hermeneutik der Befreiung – Subjektwerdung aller Menschen

Elisabeth Schüssler Fiorenzas Konzept einer „kritisch-feministischen Hermeneutik der Befreiung“ (1988, 49-58) nimmt die Ambivalenz biblischer Texte ernst. Für den Umgang mit der Bibel empfiehlt sie mehrere Haltungen und Zugangsweisen, die sowohl kritisch als auch schöpferisch sind, und nimmt als Orte feministischer Bibellektüre sowohl exegetische Forschung als auch praktische Bibelarbeit und feministische Liturgie in den Blick. Zunächst sei sowohl jeder Auslegung als auch den Bibeltexten selbst mit dem kritischen Verdacht zu begegnen, dass sie eine androzentrisch-patriarchale Perspektive haben könnten („Hermeneutik des Verdachts“). Eine „Hermeneutik der Erinnerung“ rekonstruiert die in biblischen Texten sichtbar werdende Frauengeschichte. In der kirchlichen Praxis gelte es im Sinne einer „Hermeneutik der Verkündigung“, frauenbefreiende biblische Texte und Traditionen in den Mittelpunkt zu stellen und zu feiern, frauenunterdrückende dagegen zu problematisieren, zu kritisieren und nicht zum Gegenstand fromm-zustimmender Verehrung und Affirmation zu machen, denn: „Unterdrückende patriarchale Texte und sexistische Traditionen können nicht die Autorität göttlicher Offenbarung beanspruchen“ (Schüssler Fiorenza, 1988, 53). Mit Blick auf die vielfältigen kreativen Umgangsweisen mit der Bibel in Frauengruppen, -verbänden, -gottesdiensten und feministischen Liturgien spricht Schüssler Fiorenza von einer „Hermeneutik kreativer Aneigung“, die wesentlich von den Bedürfnissen und dem Einfallsreichtum der sie gestaltenden Frauen und der Dynamik ihrer Zusammenkünfte geprägt ist. Später erweitert Schüssler Fiorenza ihr Konzept um weitere herrschaftskritische und ethisch-handlungsbezogene Komponenten, die sie wie Tanzschritte locker aufeinander bezogen versteht (Schüssler Fiorenza, 2005, 238-294).

Insofern feministisch-befreiungstheologische Ansätze Patriarchat als mehrdimensionale Herrschaftspyramide rekonstruieren, beinhaltet Patriarchatskritik eine Kritik an allen Formen von Unterdrückung, Diskriminierung sowie strukturellen Unrechts. Sie zielt auf umfassende Gerechtigkeit und auf die Subjektwerdung aller Menschen, d.h. vor allem der Marginalisierten und Angehörigen angefeindeter Menschengruppen. Zugleich ist dieser Anspruch komplex und sprengt jeden simplen Geschlechterdualimus, jedes lineare Täter-Opfer-Denken, das etwa alle Männer als Täter, alle Frauen als Opfer sieht. Es wird möglich, die Verstrickung privilegierter Frauen der ersten Welt in Mechanismen der Ausbeutung von Männern und Frauen der 2/3-Welt und die Mittäterschaft von Frauen (Fachbegriff von Christina Thürmer Rohr) ebenso zu analysieren wie den innerhalb aller Schichten beobachtbaren Sexismus bis hin zu sexualisierter Gewalt, den manche privilegierten wie mehrfach diskriminierten Männer gegenüber Frauen ausüben.

5. Praktische Bibelarbeit in feministischer Perspektive

5.1 In kirchlicher Frauen- und Bildungsarbeit

Praktische Bibelarbeit in feministischer Perspektive kann heute durch zahlreiche feministisch-bibeltheologische Veröffentlichungen inhaltlich inspiriert werden sowie direkt auf ausgearbeitete Bibelarbeiten, Gottesdienstentwürfe, Predigten und geschlechtersensible Übersetzungen zurückgreifen (siehe Kapitel 3). Zentral im Sinne einer Subjektwerdung aller (→ Subjekt) ist, dass sich die Beteiligten als selbsttätige Subjekte des Auslegens erfahren und dass die persönlichen Lebenserfahrungen mit den im biblischen Text wahrgenommenen ins Gespräch kommen. Text und Leserin/Leser begegnen sich dabei auf Augenhöhe, was ausdrücklich auch offene Fragen, Zweifel, Kritik am und Distanzierung vom Text umfassen kann. Vor Vereinnahmung wird der Text geschützt, indem die eigenen Perspektiven und Interessen bewusst gemacht und so von denen des Textes unterschieden werden. An die Stelle einer Suche nach festen Quintessenzen und „ewigen Wahrheiten“ tritt die Begegnung mit dem Text im Verlauf eines fluiden Leseprozesses (Strube, 2009, 386-399).

Organisatorisch sollte daher einem erfahrungsbezogenen Dialog untereinander und mit dem Bibeltext Raum gegeben werden, in dem ohne voreilige Harmonisierungen unterschiedliche Lebenserfahrungen benannt werden können. Methodisch kann dies durch Gespräche und Diskussionen ebenso geschehen wie durch → Bibliolog, Bibliodrama, kreative Anteile, Imagination, Körperarbeit und → Tanz. Durch interkulturelle und interreligiöse Angebote sowie anlässlich des Weltgebetstags kommen unterschiedliche Perspektiven ebenso wie soziale und politische Verantwortungen in den Blick. Gemeinsames feministisch-kritisches Bibellesen von Frauen und Männern sensibilisiert für unterschiedliche Lebenserfahrungen und Perspektiven, ermutigt das Hinterfragen von Geschlechterrollen und Stereotypen und stärkt das Einfühlungsvermögen in sich selbst und andere.

5.2 Impulse feministischer Bibelarbeit für Religionsunterricht und religiöse Kinder- und Jugendarbeit

Im Sinne einer Subjektwerdung aller ermutigt feministische Bibelarbeit dazu, das selbsttätige Theologisieren von Kindern und Jugendlichen sowie ihre persönlichen Lesarten biblischer Texte wertzuschätzen und zu fördern (→ Kindertheologie; → Jugendtheologie). Biblische Texte sind im Sinne einer kritisch-feministischen Hermeneutik als Dialogpartner anzusehen, mit denen Jugendliche streiten und in kritische Diskussionen eintreten können. Das Kennenlernen starker Frauen der Bibel beugt der Bildung von Rollenklischees vor und stärkt das Selbstbewusstsein von Mädchen (Arzt, 1999). Die von feministischer Bibelarbeit gehobenen vielfältigen Gottesbilder der Bibel brechen einseitige Vorstellungen vom Männlich-Göttlichen auf und stellen Gott als Frau, als Mutter, aber auch in ungeschlechtlichen nicht-anthropomorphen Bildern vor. Dadurch ermöglichen sie Mädchen und Frauen, sich selbst als Gottes Ebenbilder zu erkennen, und helfen allen, für sich persönlich stimmige Bilder zu finden, auch den Menschen, die negative Erfahrungen mit Vater oder Mutter machten oder die Gott eher als Geistkraft und den Kosmos durchwirkendes Prinzip erleben.

Literaturverzeichnis

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Praktisch-feministische Bibelarbeit, feministisch predigen

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