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Antijudaismus, Antisemitismus

Andere Schreibweise: Anti-Judaism; Anti-Semitism

Reinhold Boschki

(erstellt: Febr. 2019)

Permanenter Link zum Artikel: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/200563/

Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.Antijudaismus_Antisemitismus.200563

1. Hinführung und Begriff

„Für die Entstehung der abendländischen Judenfeindschaft kommt dem konflikthaften Ablöseprozess der frühen Christen vom Judentum zentrale Bedeutung zu“ (Bergmann, 2016, 9). In diesem Zitat des Antisemitismusforschers Werner Bergmann kommt bereits die gesamte Dramatik der Frage nach religiösem Antijudaismus und Antisemitismus zum Ausdruck, die im Mittelpunkt dieses Beitrags steht. Das Christentum kann sich historisch nicht durch einen vermeintlich weniger gefährlichen Antijudaismus entschuldigen, der nur wenig zu tun habe mit dem Entstehen des modernen Rassenantisemitismus. Im Gegenteil, religiöse Judenfeindschaft und sozialer, politischer, rechtsradikaler oder gar staatlicher Antisemitismus sind auch heute noch aufs Engste miteinander verwoben. Aus diesem Grund spricht Vieles dafür, die Unterscheidung zwischen einem vermeintlich harmloseren Antijudaismus und anderen Formen des Antisemitismus künftig aufzugeben. Historiker wie Yehuda Bauer gehen von einer Kontinuität der christlichen Judenfeindschaft mit dem modernen Antisemitismus aus (Bauer, 1992). Dennoch darf man den „qualitativen Sprung der Judenfeindschaft durch die Entwicklung des Rassismus“ (Nonn, 2010, 22) nicht ignorieren.

Dies zeigt sich auch in aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus in den Gesellschaften Europas. Oft werden religiöse oder pseudoreligiöse Muster auf das Judentum angewandt (z.B. Verteufelung, Satanisierung der Juden), die aus der Geschichte des Judenhasses entlehnt und auf heutige Feindschaft gegen Juden übertragen werden: „Der christliche Antijudaismus stellte Elemente für eine Ideologie bereit, die im Antisemitismus übernommen werden konnten.“ (Kampling, 2010, 13; siehe auch Hoffmann, 1994; Ruether 1978). Aus diesem Grunde müssen Kirchen, Theologie und religiöse Bildung das Problem des Antisemitismus in der Gesellschaft von heute als ein ihnen eigenes Thema mit aller Ernsthaftigkeit bearbeiten und bekämpfen.

Die Begriffe Antijudaismus und Antisemitismus sind relativ jung (Ende des 19. Jahrhunderts). Eine einheitliche Definition ist jedoch von der Sache her umstritten, da sie die Gefahr der Rede von einem „ewigen Antisemitismus“ birgt, die beispielsweise Hannah Arendt entschieden zurückgewiesen hat (Arendt, 2004, 219). Eine solche Denkform würde von einem immer gleichbleibenden, inneren Wesen der Judenfeindschaft ausgehen, was notwendige Differenzierungen in den vielfältigen Erscheinungsformen, den historischen und sozialen Kontexten blockiert (siehe Abschnitt 3). Allgemein ist die von dem European Monitoring Center on Racism and Xenophobia – heute die Fundamental Rights Agency (Wien) – verabschiedete Working Definition of Antisemitism weit verbreitet (u.a. Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus, 2017, 23f.): „Der Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“ (zur Diskussion siehe Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus, 2017; weitere Aspekte einer Definition: Benz, 2016, 14-16).

Eine solche allgemeine Definition muss bei konkreten judenfeindlichen Äußerungen und/oder Handlungen differenziert betrachtet werden, je nach den spezifischen politischen und sozialen Kontexten: Beispielsweise ist Kritik an bestimmten staatlichen oder militärischen Aktionen Israels dann als antisemitisch zu werten, wenn sie auf alle Jüdinnen und Juden – also auch auf außerhalb Israels lebende – ausgeweitet und zum Vorwand für Judenfeindschaft im Allgemeinen instrumentalisiert wird. Antisemitismus zeigt sich demnach in erster Linie dann, wenn einer oder mehreren Jüdinnen oder Juden Eigenschaften zugewiesen werden, die (als Unterstellung) allein aus deren Zugehörigkeit zum Judentum resultieren würden.

2. Historische Aspekte

Die Geschichte des Antisemitismus ist komplex und vieldimensional (die ausführlichste Darstellung findet sich in dem achtbändigen „Handbuch des Antisemitismus“: Benz, 2009-2015; fundierte knappe Übersichten: Bergmann, 2016; Benz, 2016; Nonn, 2010). Meist wird die Geschichte der Judenfeindschaft als Geschichte der religiösen Judenfeindschaft dargestellt. Zwar gab es bereits in der heidnischen Antike judenfeindliche Handlungen und Taten. Das Erste bzw. Alte Testament selbst gibt Zeugnis davon, wenn es im Buch Ester von der Abwehr einer drohenden Judenverfolgung im Perserreich erzählt. Ob jedoch solche Formen der Judenfeindschaft mit dem modernen Begriff des Antisemitismus charakterisiert werden können, ist umstritten.

Eine neue Dimension der gegenseitigen Ablehnung beginnt historisch mit dem aufkommenden Christentum aufgrund der besonderen Verbundenheit von Angehörigen des Christen- und Judentums. „Unverkennbar gründet der Antijudaismus nicht in einer Distanz zum Judentum, sondern in einer theologischen und historischen Nähe zu ihm“ (Kampling, 2010, 11). In den ersten Jahrzehnten und Jahrhunderten haben christliche Gemeinschaften versucht, ihre Selbstdefinition in erster Linie durch Abgrenzung zu finden. Die jüdischen Heiligen Schriften wurden im Gestus einer christologischen Deutungshoheit gelesen und angeeignet. Dabei war es ein zentrales Anliegen schon der neutestamentlichen judenfeindlichen Äußerungen (z.B. im Galater- und Hebräerbrief, ebenso in den Evangelien) nachzuweisen, dass die Angehörigen des Judentums in ihrer heilgeschichtlichen Sendung durch die Angehörigen des Christentums abgelöst worden seien. Hier ist der Ursprung der in der Geschichte so wirkmächtigen und gleichzeitig fatalen Substitutionslehre zu finden, die das Christentum an die Stelle des ursprünglich von Gott erwählten Volkes setzt. Die Juden werden damit des Gottesbundes enterbt (z.B. Gal 4,21-31; Mk 12,9-11). Aus der ambivalenten Situation von jüdischem Ursprung und Konkurrenz zum Judentum entwickelte sich eine immer stärker werdende antijüdische Tradition. Besonders folgenreich war die Anschuldigung des Christusmordes: „Diese [Juden] haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen.“ (1Thess 2,15). Der Gottesmordvorwurf sollte im Laufe der christlichen Geschichte die zentrale Argumentationsfigur werden, die die Juden absolut disqualifiziert.

Wichtig zu sehen ist, dass diese Linien indes nicht eindeutig und historisch ungebrochen verlaufen. Andere neutestamentliche Überlieferungen (z.B. die jüdische Herkunft Jesu, seine Tora-Treue, seine vom jüdischen Messianismus geprägte Reich-Gottes-Botschaft, aber auch Stellen wie Röm 9-11) zeugen von der Verbundenheit von Juden und Christen. Paulus ringt mit dem Zwiespalt gleichzeitig Jude und Christusanhänger zu sein. Er sieht die Juden weiterhin als Träger der göttlichen Verheißung und glaubt an deren fortdauernde Erwählung (Röm 11,1). Auch diese judenfreundlichen Traditionen finden sich in der weiteren Geschichte des Verhältnisses von Christen und Juden wieder. Seit frühester Zeit bis ins Mittelalter gab es Perioden friedlicher Konvivenz von Juden und Christen. Beide Religionen haben sich durch Schriftauslegung, Liturgie, Predigt, Gotteslehre, Philosophie etc. gegenseitig positiv beeinflusst und geprägt.

Dennoch, Judenfeindschaft blieb Teil christlicher Identitätsbildung in der frühen Kirche. Alle namhaften Kirchenväter verfassten judenfeindliche Schriften, die Ablehnung der Juden, ihre Verwerfung durch Gott wurden festes Programm, das die christlichen Gemeinden mehr und mehr als gottgegeben übernahmen. Diese Grundhaltung verfestigte sich noch, als das Christentum im vierten und fünften Jahrhundert zur Staatsreligion avancierte. Ab jetzt zeigte die Judenfeindschaft auch praktische Auswirkungen wie tätliche Übergriffe und Synagogenschändungen. „In den verschiedenen Epochen des fast tausendjährigen europäischen Mittelalters trat die Judenfeindschaft in sich veränderten Ausdrucksformen und Kontexten auf, wobei der Glaubensgegensatz die Basis für eine oft erbitterte soziale Ablehnung bildete“ (Bergmann, 2016, 10). Die verworfene Religion wurde allenfalls zeitweise geduldet (→ Judenverfolgung im Mittelalter und früher Neuzeit).

Kaiserliche oder bischöfliche Schutzbriefe für Juden waren weniger toleranzmotiviert, sondern zielten meist darauf, die Juden als Finanzobjekte zu instrumentalisieren. Ihre Teilnahme an den Zünften wurde im Hochmittelalter untersagt, ihnen wurde lediglich Handel, Kleingewerbe und Bankenwesen zugestanden. Das IV. Laterankonzil (1215) bestimmte die Juden zur ausgegrenzten Gruppe (Kennzeichnungspflicht durch bestimmte Kleidung) und machte sie aufgrund der Eucharistielehre zum Objekt von Blutbeschuldigungen: Die sogenannten Ritualmord- und Hostienfrevellegenden hatten hier ihren Ursprung. Hinzu kamen Vorwürfe der Brunnenvergiftung (insbesondere in Zeiten der Pest), des Wuchers, der Verschwörung und des Bundes mit dem Teufel. All diese Feindseligkeiten fanden ihren Niederschlag in Predigten, in der Verkündigung, in Katechese und in der Kunst.

Zu letzterem erlangten die Darstellungen der blinden Synagoga traurige Berühmtheit und wurden im Hochmittelalter an Portalen von Kathedralen, Münstern und Domen in Stein gemeißelt, beispielsweise in Freiburg, Strasbourg, Notre Dame in Paris, Metz, Bamberg, Trier etc.

© Wikipedia

Abb. 1 Figur der Synagoga mit verbundenen Augen (blind für die Wahrheit Christi), zerbrochenem Stab (die Macht ist dahin) und Gebotstafeln, die ihr aus der Hand gleiten; Strasbourg, Cathédrale Notre-Dame, (13. Jh.)

Folgenschwer in Lehre, Predigt und Kunst war auch (und ist bis heute) die Verteufelung bzw. Dämonisierung der Juden. Da sie von Gott verworfen seien, so die Logik, stünden sie jetzt mit dem Teufel im Bunde:

© Horst Kannemann. Online unter: www.horstkannemann.de/, abgerufen am: 24.10.2018

Abb. 2 „Der Teufel hält den Juden im Griff“, frühgotisches Portal, die sogennante Judenkonsole, am Hauptportal des Doms zu Wetzlar, (ca. 1300)

Die Ikonografie (Schreckenberg, 1996) zeigt die Verbreitung der judenfeindlichen Haltung, die bei der Bevölkerung zu einem diffusen, volkstümlichen, fest verankerten Antijudaismus führte (z.B. auch in den Passionsspielen). Im 15. und 16. Jahrhundert erfolgte die Ausweisung der Juden aus vielen deutschen Städten und Ländern, 1492 aus Spanien. Die Exklusionspolitik führte dazu, dass sich viele Juden in Osteuropa niederließen, wo sie zunächst Schutz fanden, später jedoch auch dort durch grausame Pogrome verfolgt wurden.

Auch das Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung brachte keine grundlegende Verbesserung. Martin Luthers zunächst positives, dann immer mehr ambivalentes, später radikal ablehnendes Verhältnis zu den Juden kann als „Tragödie der Nähe“ (Bering, 2014) bezeichnet werden (Quelle: Luther, 2016; siehe darin Morgenstern, 2016, 251-276; Pangritz, 2017). Erst Aufklärung und Neuzeit brachten ab Mitte des 17. Jahrhunderts eine gewisse Konsolidierung der Situation der Juden in Europa, schließlich im 19. Jahrhundert Bürgerrechte. Allerdings entwickelte sich ab ca. 1870 im Zusammenhang mit Nationalismus ein rassistischer Antisemitismus, der sich in Europa ausbreitete (antisemitische Gruppierungen, Parteien). Die Ideologie des Rassenantisemitismus wurde schließlich zur Kernideologie des Nationalsozialismus, dessen schreckliche Konsequenz die Schoah (hebr. Vernichtung), die massenweise, industrielle Tötung der europäischen Juden darstellte.

3. Gegenwärtige Formen des Antijudaismus/Antisemitismus

Das christliche Abendland, so kann zusammenfassend gesagt werden, ist durch und durch von einer judenfeindlichen Haltung geprägt. Auch nach der Aufklärung bildet der Antisemitismus eine „negative Leitidee der Moderne“ (Salzborn, 2010). Ihre Spuren finden sich nicht nur in der religiösen Tradition, sondern in allen Teilen der kulturellen Überlieferung, beispielsweise in Werken wie denen von Kant, Hegel, Schleiermacher, den Gebrüdern Grimm, Goethe oder in der Musik, z.B. bei Johann Sebastian Bach oder – extrem – bei Richard Wagner (siehe ausführlich in Benz, 2009-2015). Doch ist nach der Schoah der Antisemitismus keineswegs verschwunden, er lebt neuerdings sogar verstärkt auf (Rosenfeld, 2013), besonders in neuen Formen im Internet und in sozialen Netzwerken (siehe unten).

Die klassischen Ideologieformen des Antisemitismus können in folgende Kategorien eingeteilt werden (Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus, 2017, 26f.):

  • religiöser Antisemitismus/Antijudaismus
  • sozialer Antisemitismus
  • politischer Antisemitismus
  • nationalistischer Antisemitismus
  • rassistische Antisemitismus

Weitere Formen des Antisemitismus, die heute weit verbreitet sind, kommen hinzu und sind eng mit den klassischen Ausprägungen verbunden:

  • sekundärer/post-Holocaust-Antisemitismus
  • israelbezogener/antizionistischer Antisemitismus
  • muslimischer Antisemitismus

In rechtsextremen Kreisen und Gruppierungen werden die uralten Vorurteilsstrukturen aktualisiert und auf neue Weise verbreitet, z.B. durch Songtexte oder rechtsradikale Websites. Allerdings darf Antisemitismus nicht auf rechtspolitische Kreise begrenzt werden, sondern ist in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft anzutreffen, auch bei Anhängern demokratischer Parteien (Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus, 2017, 75-78). Der sogenannte sekundäre bzw. post-Holocaust-Antisemitismus nimmt Aussagen über den Holocaust als Medium für eine Begründung antisemitischer Einstellungen. Juden wird dabei vorgeworfen, aus der Judenvernichtung im NS nachträgliche Vorteile zu ziehen, da sie die Situation der Verfolgung für heute ausnutzen würden. Sie wollten Geld und Anerkennung erpressen. Oft wird in dieser Argumentation das Opfer-Täter-Schema auf den Kopf gestellt: Opfer seien die Deutschen, die von den „unversöhnlichen Juden“ bis heute für Auschwitz schuldig gesprochen und zur Rechenschaft gezogen würden.

Der israelbezogene Antisemitismus bekommt immer mehr an Gewicht. Eine undifferenzierte Kritik am Staat Israel und dessen – so der Vorwurf – unmenschlichen Umgang mit Palästinensern wird zum Vehikel einer allgemeinen Ablehnung der Juden gemacht. Oft lassen sich berechtigte Kritik an Einzelmaßnahmen israelischer Behörden oder Militärs nicht von einer grundständigen Feindschaft gegen Juden unterscheiden. Der Expertenbericht für die Bundesregierung kommt zum Schluss: „Kritik an Israel ist nicht immer, aber häufig ein Indiz für Antisemitismus“ (Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus, 2017, 67).

Besonders virulent wird diese Ablehnung des jüdischen Staates (Antizionismus), wenn damit eine grundlegende Verneinung des Existenzrechts Israel einhergeht, die gleichzeitig mit muslimisch-religiösen Argumenten begründet wird. Diese Form des Antisemitismus ist vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts unter der arabischen Minderheit in Israel sowie in den arabischen Nachbarstaaten Israels weit verbreitet. Häufig kommt es zur Vermischung von religiösen Motiven, die sich auf Aussagen im Koran stützen, und arabisch-nationalistischen Einstellungen. Menschen aus muslimischen bzw. arabischen Ländern, die nach Europa kommen, bringen nicht selten solche antiisraelischen und antisemitischen Vorurteile mit, was zur Verstärkung antisemitischer Tendenzen in europäischen Ländern führen kann (Ranan, 2018). Allerdings muss vor Pauschalisierungen gewarnt werden, denn nicht alle Muslime oder Geflüchteten haben judenfeindliche Einstellungen. Außerdem darf das Problem des neu aufkommenden Antisemitismus nicht auf das Vorhandensein von Muslimen in unserer Gesellschaft geschoben werden.

Neuere Forschungen zeigen nämlich, dass sich Antisemitismus gerade nicht allein in Sonderbereichen der Gesellschaft manifestiert, sondern in besonderer Weise im Internet, das fast jede und jeder täglich nutzt: „Aufgrund der hohen Relevanz der Netz-Partizipation und seiner informationssteuernden, meinungsbildenden und identitätsstiftenden Funktion akzeleriert das Web 2.0 – als primärer Multiplikator und Tradierungsort für die Verbreitung von Antisemitismen – die Akzeptanz und Normalisierung von Judenfeindschaft in der gesamten Gesellschaft“ (Schwarz-Friesel, 2018, 65). Hierbei stehen gerade Mainstream-Dienste wie Youtube, Facebook, soziale Kommunikationskanäle, Informations- und Ratgebenseiten im Fokus. Dort finden sich mit einem Klick frappierende Äußerungen über Juden, die von den Userinnen und Usern oft ungefragt übernommen werden: „Die Omnipräsenz von Judenfeindschaft ist somit integraler Teil der Webkommunikation 2.0, die durch multimodale Kodierungen (Texte, Bilder, Filme, Songs) das Sag- und Sichtbarkeitsfeld für Antisemitismen signifikant vergrößert und intensiviert hat. Zu konstatieren ist auch eine qualitative Radikalisierung der Antisemitismen, die sich durch drastische Pejorativa, Superlative und NS-Vergleiche sprachlich manifestiert“ (Schwarz-Friesel, 2018, 63).

Gerade die „Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhunderte“ (Schwarz-Friesel/Reinharz, 2013), zeigt eine erschreckende Kontinuität zur hasserfüllten Sprache der klassischen Formen des Antisemitismus. Beispielsweise ist es im digitalen Netz üblich geworden, die Verteufelung und Satanisierung der Juden sprachlich zu wiederholen und ins Extreme zu pervertieren (Schwarz-Friesel/Reinharz, 2013, 222-232). „Sprachgebrauchsmuster, die zum Teil seit Jahrhunderten im kollektiven und kommunikativen Gedächtnis der abendländischen Gesellschaft verankert sind und zum rhetorischen Standardrepertoire von Antisemitinnen und Antisemiten gehören, werden nahezu unverändert reaktiviert und gruppenübergreifend sowie gruppenunspezifisch im Web 2.0 benutzt, um Jüdinnen und Juden und Judentum sowie Israel zu diskriminieren und zu diffamieren“ (Schwarz-Friesel, 2018, 64).

Schimpfworte, die u.a. auf Schulhöfen auftauchen, z.B. das abfällige Du Jude!, werden durch solche Negativkonnotationen, die das Worldwideweb zur Verfügung stellt, genährt.

4. Theologische Zurückweisung der Judenfeindschaft und Konsequenzen für die religiöse Bildung

Nach der Schoah hat sich im Christentum und in der westlichen Kultur ein fundamentaler Wandel im Blick auf die Einstellung zum Judentum vollzogen. Der Schock über das millionenfache Morden hat dazu beigetragen, dass die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) verabschiedeten. Gleichzeitig bahnte sich in christlicher Theologie und in den Kirchen eine Kehrtwende an. Der französische, jüdische Historiker Jules Isaac, der mit knapper Not dem Holocaust entronnen war, während seine Familie dem Massenmord zum Opfer fiel, hatte bereits in den Nachkriegsjahren bedeutende Studien zur Genese des christlichen Antijudaismus vorgelegt (u.a. Isaac, 1961; 1969). Die Themen, die Isaak dezidiert einbrachte, waren: Die „theologische Lehre der Verachtung“ und das „System der Erniedrigung“ (Isaac, 1961, 103) jüdischen Glaubens und Lebens musste überwunden werden; die ungerechten Aussagen über die Juden in Lehre, Katechese und Predigt sollten überprüft und korrigiert werden.

Schon 1947 veranstaltete Jules Isaac zusammen mit jüdischen und christlichen Gelehrten eine Konferenz im Schweizer Ort Seelisberg, um die Ursachen des christlichen Antijudaismus und Antisemitismus aufzudecken und künftig zu bekämpfen. Die zehn kurzen sogenannten Seelisberger Thesen stellen ein revolutionäres Statement einer völligen Neuausrichtung der Beziehungen zwischen Christen und Juden dar (Schweizer Bischofskonferenz, 2007). Es wird hervorgehoben, dass derselbe Gott im Alten und Neuen Testament zu den Menschen spricht, dass Jesus von einer jüdischen Mutter geboren sei, dass seine Jünger Juden waren, dass die Liebe zum Nächsten bereits im Alten Testament verkündigt und von Jesus bestätigt wurde. Aufgezählt wird ferner, was in kirchlicher Lehre und Predigt unbedingt zu vermeiden ist: Herabsetzung der Juden zugunsten der Christen, Gottesmordvorwurf gegen die Juden, Lehre von der Verwerfung und Verfluchung des jüdischen Volkes etc.

Von heute aus gesehen, lesen sich die Seelisberger Thesen wie das Präskript zu einer völlig neuen Theologie des christlich-jüdischen Verhältnisses, wie sie u.a. in Nostra Aetate zum Ausdruck kommt, der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Verhältnis der Kirche zu den nichtjüdischen Religionen. Das Herzstück der kurzen Erklärung stellt der Abschnitt 4 dar, in dem die Beziehung zum Judentum theologisch positiv gedeutet und Judenfeindschaft aus theologischen Gründen unmissverständlich abgelehnt wird (Boschki/Wohlmuth, 2015; Siebenrock, 2005. Zahlreiche weitere Verlautbarungen der katholischen und evangelischen Kirchen, z.B. der Synode der EKD 1950 und der Synode des Rheinlands 1980 (siehe Boschki/Henrix, 2018; Rendtorff/Henrix, 2000; Kraus/Henrix, 2000), veränderten nicht nur das Verhältnis zum Judentum, sondern auch die Theologie und die Kirchen selbst (Himmelbauer, 2018). In allen Erklärungen werden religiöser Antijudaismus und politischer Antisemitismus scharf verurteilt.

Die neue Theologie schlug sich in einer völlig veränderten Art und Weise religiöser Bildung zum Thema Judentum nieder (→ Judentum, als Thema christlich verantworteter Bildung). Der sogenannte Freiburger Lernprozess Christen-Juden (u.a. Fiedler, 1980; Biemer, 1981) führte zu einer grundsätzlichen Überarbeitung der Schulbücher und Curricula für den Religionsunterricht. Neben der positiven Verhältnisbestimmung von Christen und Juden wurde das Thema Antisemitismus intensiv bearbeitet (Langer, 1994; Rothgangel, 1995). Martin Rothgangel sieht Antisemitismus als besondere Herausforderung für religiöse Bildung und deckte auf, dass sich in Lehrbüchern und Bildungsplänen zum Religionsunterricht auch nach vielfältigen Reformen zahlreiche explizite und implizite Antijudaismen befinden. Überraschender Weise hat seine Schülerin Julia Spichal zwanzig Jahre später in ihrer Studie diese Diagnose immer noch bestätigen müssen (Spichal, 2015; Rothgangel, 2018).

Zu den konkreten Maßnahmen, die im Rahmen von religiöser Bildung, Katechese, Gemeindepädagogik und Predigt durchgeführt werden können, zählen u.a. (Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung im Kontext, Themenheft „Antisemitismus“, 2018):

  • Eigene Beschäftigung mit dem Judentum bereits in Studium und Ausbildung als eine heilsgeschichtliche Partnerreligion des Christentums;
  • Theologische Auseinandersetzung mit allen Formen einer expliziten und impliziten Substitutionslehre, z.B. anhand von mittelalterlichen Darstellungen der Synagoga und Ekklesia; keine Darstellung des Judentums als einer vom Christentum abgelösten oder von Gott verworfenen Religion;
  • Aufzeigen der Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Christentum, ohne die Differenzen zu ignorieren;
  • Herbeiführung von Begegnungen mit dem heute lebendigen Judentum, z.B. durch Austausch mit Synagogengemeinden, Einladung jüdischer Expertinnen und Experten (z.B. auch jüdischer Jugendlicher über Projekte wie Likrat: www.likrat.de/);
  • Aufsuchen von Orten jüdischen Lebens in Geschichte und Gegenwart;
  • Aufklärung über die christlichen Wurzeln des Antisemitismus, z.B. anhand von judenfeindlichen Texte aus Bibel und Kirchengeschichte, judenfeindlichen Darstellungen aus der christlichen Kunstgeschichte;
  • Nachweis der Kontinuität zwischen religiösem und politischem Antisemitismus bis hin zum rassistisch motivierten Judenhass (z.B. durch fächerübergreifende Projekte zwischen Religionsunterricht, Ethik bzw. Praktische Philosophie; Geschichte, Gemeinschaftskunde etc.);
  • Lernen von Mechanismen der Judenfeindschaft im Kontext der Erinnerung (→ Erinnerung/Erinnerungslernen; → Auschwitz/Auschwitz-Gedenken);
  • Biografieorientiertes Lernen von Schicksalen jüdischer Menschen: ihr Leben, ihr Glaube, ihre Verfolgungsgeschichten;
  • Jedoch, Darstellung des Judentum nicht allein im Horizont von Verfolgung und Vernichtung; Vermeidung einer alleinigen Opferperspektive, dagegen Aufzeigen des Reichtums jüdischer Glaubensweise, Geschichte und Kultur in Deutschland und Europa;
  • Besuchen von Mainstream-Internet-Seiten zusammen mit Schülerinnen und Schülern; Suche nach und Entlarvung von antisemitischen Äußerungen.

Religiöse Bildung in Schule und Gemeinde kann den Antisemitismus nicht aus der Welt schaffen, aber sie kann einen wesentlichen Beitrag leisten, um judenfeindliche Haltungen, zumal religiös motivierte Einstellungen, zu verändern, Menschen gegen Antisemitismus in der Gesellschaft zu sensibilisieren und Vorurteile gegen Juden abzubauen.

Literaturverzeichnis

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Figur der Synagoga mit verbundenen Augen (blind für die Wahrheit Christi), zerbrochenem Stab (die Macht ist dahin) und Gebotstafeln, die ihr aus der Hand gleiten; Strasbourg, Cathédrale Notre-Dame, (13. Jh.) © Wikipedia
  • Abb. 2 „Der Teufel hält den Juden im Griff“, frühgotisches Portal, die sogennante Judenkonsole, am Hauptportal des Doms zu Wetzlar, (ca. 1300) © Horst Kannemann. Online unter: www.horstkannemann.de/, abgerufen am: 24.10.2018
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