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Lexikon

Sailer, Johann Michael (1751-1832)

1. Johann Michael Sailer: Stationen seines Lebens

Ein erster Blick auf den Lebenslauf von Johann Michael Sailer, geboren am 17.11.1751 in Aresing bei Schrobenhausen und gestorben am 20.5.1832 in Regensburg, zeigt eine fast typische „kirchlich-katholische Karriere“ (Prange, 2008, 199): Sailer entstammt ärmlichen Verhältnissen, besucht als begabter Schüler das Münchener Jesuitengymnasium und tritt schließlich 1770 der Societas Jesu bei. Nach der Priesterweihe 1775 übernimmt er erste akademische Tätigkeiten an der Universität Ingolstadt (1775-1781), wo er auch studiert hatte. 1784 wird Sailer als Professor für Ethik und Pastoraltheologie an die neuorganisierte Universität Dillingen berufen; hier wirkt er bis 1794. 1799 erhält er einen Ruf an die Universität Ingolstadt, die 1800 nach Landshut verlegt wird. Dort kann Sailer ebenso wie in Dillingen großen Einfluss entfalten: Zum einen erweitert sich sein konfessionsübergreifender Schüler- und Freundeskreis und zum anderen erzielt er mit seinen Schriften eine große – auch ökumenische – Breitenwirkung im Hinblick auf die pädagogische und pastorale Praxis. 1821 wird Sailer in das Regensburger Domkapitel berufen, 1822 zum Weihbischof ernannt und 1829 schließlich im hohen Alter Bischof von Regensburg.

In seinem Lebenslauf zeigen sich wichtige Facetten seines Wirkens als Pädagoge: Die universitäre Lehrtätigkeit macht die Abfassung von einschlägigen Handbüchern erforderlich und stimuliert auch die kreativen Ideen für die eigene pädagogische Praxis; schließlich kann Sailer im letzten Lebensjahrzehnt entscheidenden Einfluss auf die Bildungspolitik in Bayern nehmen. Allerdings erklärt sich sein innovatives Wirken nicht ohne Berücksichtigung der Konflikte, die er im Lauf seines Lebens bewältigen muss: Zweimal wird Sailers akademisches Wirken unterbrochen; diese Zwangspausen nutzt er für bahnbrechende Publikationen wie das Vollständiges Lese- und Betbuch und für die Erschließung von zentralen Texten der geistlichen Tradition des Christentums durch gezielte Auswahl und Übersetzung.

2. Religiöse Bildung in der Praxis Sailers

Bereits während der Studienjahre in Ingolstadt praktiziert Sailer die geistliche Schriftlesung zusammen mit anderen Studenten und seinem Freund Sebastian Winkelhofer. Diese privaten Gesprächskreise, bei denen gemeinsam biblische Texte übersetzt und besprochen werden, institutionalisiert Sailer während seiner Lehrtätigkeit in Dillingen; neben biblischen Schriften werden dort dann auch theologische Neuerscheinungen und Publikationen von zeitgenössischen Literaten diskutiert. Zu diesen neuen Formen des Unterrichtens zählt auch, dass Sailer seine Vorlesungen in deutscher Sprache abhält und Studierende zu homiletischen Übungen während gemeinsamer Spaziergänge anleitet. Diese kommunikativen Formen religiöser Bildung im Rahmen von zum Teil konfessionsübergreifenden Gesprächskreisen behält Sailer auch in späteren Jahren bei, sowohl an seinen jeweiligen Wirkungsstätten als auch bei seinen zahlreichen Reisen (Scheuchenpflug, 2006, 16-22).

3. Sailers Schriften zu Themen religiöser Bildung

Im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfährt die kulturelle Gestalt des Christentums in Deutschland einen tiefgreifenden Wandel: Publikationen unterschiedlichster Gattungen tragen Rudolf Schlögl zufolge dazu bei, „dass religiöses Handeln und Erleben sich in massenmedialer Vermittlung“ vollzieht (Schlögl, 2013, 451). Religion wird dadurch spätestens seit den 1830er Jahren zu einem Medienphänomen (Schlögl, 2013, 285). Das breite Spektrum der Schriften Sailers geht diesem Gestaltwandel voraus und wirkt in den verschiedenen Feldern christlichen Handelns inspirierend, wobei bei der folgenden Auswahl der Fokus auf Schriften gelegt wird, die den Anspruch erheben, in einer je spezifischen Weise religiöse Bildung (→ Bildung, religiöse) anregen zu wollen.

3.1. Sailers flammendes Plädoyer gegen den Suizid

Bereits in dieser frühen Schrift aus dem Jahr 1785, Über den Selbstmord, zeigt sich ein Grundzug des pädagogischen und katechetischen Wirkens von Sailer: Ausgehend von einer zeitaktuellen Herausforderung – der Zunahme von Suiziden nach der Veröffentlichung von Goethes Werther – und getragen von einem leidenschaftlichen Interesse an der Lebensgestaltung und -entfaltung junger Menschen, verfasst er eine Schrift, die in empathischer Weise Argumente gegen den Suizid auflistet, in der Hoffnung, dass diese Argumente gefährdete junge Menschen zum Umdenken bewegen.

3.2. Das Vollständige Lese- und Betbuch als Element der Volksbildung

Die Popularität, die Sailer als Verfasser geistlicher Schriften über nationale Grenzen hinaus genoss, gründet auf einer Publikation, deren Edition er ursprünglich nicht übernehmen wollte. Es handelt sich dabei um das Vollständige Lese- und Betbuch (Sailer, 1783b). Der pfalz-bayerische Kurfürst Karl Theodor beauftragt 1780 die Ingolstädter Theologische Fakultät, sämtliche im Handel befindlichen Gebetbücher auf den theologischen Gehalt und ästhetischen Wert hin zu überprüfen. Sailer wird diese Aufgabe übertragen; sein Urteil über diese Schriften fällt vernichtend aus, weshalb er sich zu einer Neukonzeption durchringt. Seine Motive erläutert er in einer separaten Publikation (Sailer, 1783a). Dort wird auch der Anspruch des Gebetbuches geschildert: „Ein Betbuch ist ein Vehikel zur Bildung des Menschen“ (Sailer, 1783a, 61; Kemper, 2015, 761). Dabei ist Sailer davon überzeugt: „Nichts kann den Volksunterricht im Christentum leichtverständlicher, gründlichüberzeugender und aufschließender machen als ausgebreitete, gesunde Schriftkenntnis“ (Sailer, 1783a, 45). Anstelle der „Andächteleyen“, die er in der ihm zugesandten barocken Gebetsliteratur findet, empfiehlt er zusätzlich zu den Schriftstellen mit Nachdruck die kanonischen Gebete. Ferner finden sich im Gebetbuch Texte der Kirchenväter, der Mystik, der Devotio Moderna und der ignatianischen Aszetik (Gajek, 2001, 125). Vorbild für eine neue kirchliche Hymnik seien Sailer zufolge auch die Psalmen „in ihrer davidischen Einfalt und Vielbedeutung“ (Sailer, 1783a, 55).

Das Vollständige Lese- und Betbuch erscheint 1783 in zwei Bänden und findet sofort reißenden Absatz. Diese Tatsache spiegelt das in der Bevölkerung vorhandene Bedürfnis nach „echter geistlicher Erbauung“ wider (Schwaiger, 2001, 332). Sailer wird dadurch seinen eigenen Worten zufolge „zum Schauspiel der lesenden Welt“ (Schiel, 1948, 69). Der Literaturhistoriker Bernhard Gajek ist der Ansicht, dass Sailers Gebetbuch von evangelischen Christen „beinahe noch wärmer als von katholischen“ begrüßt wurde (Gajek, 2001, 121).

Zielgruppe der ersten Ausgabe des Gebetbuchs sind vor allem die Gebildeten beider Konfessionen; da Sailer aber überzeugt ist, dass ein Gebetbuch „seiner Hauptbestimmung nach ein Buch zur Volksaufklärung“ sei (Sailer, 1783a, 37), überarbeitet er es, um „dem Bürger und Landmanne (manches) verständlicher“ machen zu können (Sailer, 1785b, Vorrede). Geblieben ist aber auch in dieser überarbeiteten Volksausgabe das Grundvertrauen, das Sailer von der Katholischen Aufklärung her kommend im Hinblick auf die Selbststeuerungskräfte des einzelnen lesenden Menschen hatte.

3.3. Die Vorlesungen aus der Pastoraltheologie

Mit diesem Werk stellt Sailer die junge Disziplin Pastoraltheologie, die ursprünglich vom Nützlichkeitsdenken des aufgeklärten Staates geprägt war, auf ein offenbarungstheologisches Fundament (→ Offenbarung). Für Sailer ist der Priester nicht Vollzugsorgan des Staates hinsichtlich der Erziehung des Menschen zum tugendhaften Untertanen, sondern in erster Linie Seelsorger, der sich durch praktisches Schriftforschen selbst bildet und dadurch in einer lebendigen Beziehung zu Gott in Christus, dem Heil der Welt bleibt. Diesem praktischen Schriftforschen widmet sich Sailer im ersten Band der Pastoraltheologie; die anderen beiden Bände behandeln verschiedene Amtspflichten des Priesters, wozu vorrangig auch die Tätigkeit in der Katechese bzw. religiösen Bildung von jungen Menschen zählt (→ Katechese/Katechetik).

3.3.1. Die Anleitung zum praktischen Schriftforschen

Sailers Abhandlung zum praktischen Schriftstudium, die den ersten Versuch dieser Art im katholischen Raum darstellt, bietet eine Theorie der geistlichen Schriftlesung. Inspiriert wird Sailer dabei von Johann Kaspar Lavater und anderen befreundeten Theologen aus der Schweiz, aus deren Schriften er verschiedene Passagen übernimmt. Ausgangspunkt für die Notwendigkeit des praktischen Schriftforschens ist Sailers Überzeugung, dass jeder Christ, der Verantwortung für seinen → Glauben übernimmt, als Seel-Sorger für sich wirke. Damit verbindet sich aber auch die Pflicht, für das Heil der anderen zu sorgen: „Jeder sey des anderen Seelsorger“ (Sailer, 1788/1, 6). Um dieser doppelten Seelen-Sorge nachkommen zu können, ist die regelmäßige Schriftlesung unabdingbar. Ausgehend von der Grundregel, dass sich die Heilige Schrift selber auslege, entwickelt Sailer konkrete Anleitungen für dieses private Schriftlesen in zwölf Erfordernissen, wozu unter anderem das wiederholte Lesen der gleichen Schriftstelle, das kursorische Lesen, der Wille zur Besserung als Beweggrund, die Wahrheitsliebe, ein vorurteilsfreier Blick, gedankliche Verknüpfungen mit anderen Schriftstellen, begleitende Lektüre und der Austausch mit geistlich erfahrenen Menschen zählen. Auch wenn sich die Anleitung zum praktischen Schriftforschen zunächst an zukünftige Priester wendet, bejaht Sailer die private Schriftlesung als Mittel für die geistliche (Selbst-)bildung von Laien, allerdings plädiert er hier für eine Rahmung durch Katechese und Predigt und favorisiert – vor allem im Hinblick auf das Alte Testament – die Edition von Auswahlbibeln (Scheuchenpflug, 1997, 43-61).

3.3.2. Die Anleitung für angehende Kinderlehrer

Sailer entwickelt im zweiten Band eine katechetische Theorie, die er als Anleitung für angehende Kinderlehrer bezeichnet (Meier, 2001, 37); diesen Ansatz vertieft er im Laufe seines akademischen Wirkens, was sich in der vierten Auflage der Pastoraltheologie von 1820 beobachten lässt. Zu den Bedingungen gelingender Katechese zählt Sailer zufolge zunächst die konsequente Orientierung des katechetischen Handelns an der Fassungskraft der Kinder und an der Kinderwelt. Diese an den Adressatinnen und Adressaten orientierte Didaktik wirkt sich auf Auswahl und Strukturierung der Inhalte aus: „Denn wovon die Kinder gar nichts verstehen können, damit sollen sie allerdings verschont werden“ (Sailer, 1788/2, 225). Für die verbleibenden Themen sieht Sailer eine graduale Vorgehensweise (vom Leichteren zum Schwereren) sowie eine hierarchische Auswahl (Setzung von Prioritäten) vor. In konstruktiver Weise ergibt sich hieraus eine Sensibilisierungskatechese bzw. eine spirituelle Einfühlungs-Pädagogik (Meier, 2001, 38f.).

Für die konkrete Methodik empfiehlt Sailer eine dreistufige Vorgehensweise: vorerzählen, Religion als Geschichte darlegen (das Erzählte in Frage und Antwort auflösen), die Kinder fragen und antworten lassen, prüfen (Sailer 1820/2, 230f.). Sailer räumt hier der Erzählung (→ Erzählen) (nicht nur aus der Biblischen Geschichte) eine Priorität vor der anschließenden sokratischen Reflexion ein und begrenzt im Gegensatz zur damals vorherrschenden Praxis das Auswendiglernen auf ein Minimum (Sailer, 1788/2, 250f.). Auch hier wird nochmals deutlich, dass es Sailer um die Prägung der Person geht und nicht um „religiöses Bescheid-Wissen“ (Meier, 2001, 40). Dies hat fundamentale Auswirkungen auch auf das Selbstverständnis des Katecheten, denn im Vordergrund seiner Theorie über den Katecheten steht der Primat des gelebten Glaubens „und nicht die systematische Vollständigkeit oder begriffliche Konsistenz einer Theologie" (Meier, 2001, 41). Von daher ergibt sich ein Dreischritt in der Katechese: „Zuerst das überzeugende Glaubensleben. Dann die Präsentation der Wahrnehmung des Glaubens (etwa in Gestalt der biblischen Zeugnisse). Danach erst die begrifflich systematische Durchdringung der Lehre, die eben zuvor erfahren, erlebt sein will“ (Sailer, 1820/2, 228f.).

3.4. Sailers pädagogische Hauptschrift: Über Erziehung für Erzieher

Sailer legt diese Publikation 1807 erstmals im Druck vor, dann noch zweimal in überarbeiteter Form, zuletzt 1822. In diesem Werk fasst er seine pädagogischen Erkenntnisse „klar geordnet und lebendig dargestellt“ zusammen (März, 1998, 517). Während seiner Lehrtätigkeit in Landshut trägt Sailer diese Pädagogik regelmäßig vor; sie wird Klaus Prange zufolge im 19. Jahrhundert zum Grundbuch für die katholische Lehrerschaft (Prange, 2008, 199). Eine bislang letzte Edition erscheint 1962.

Der Duktus dieser Schrift ist „lehrhaft und pastoral“ (Prange, 2008, 203): Nach begrifflichen Vorklärungen und einer Zielangabe in zwölf Punkten folgen zwei umfangreiche Teile, die deduktiv aufgebaut sind: Im ersten Teil geht es um die Idee des Erziehers, im zweiten folgt die Realisierung der Idee des Erziehers.

Bei den im ersten Teil referierten Grundlagen der → Erziehung handelt es sich weniger um die Darbietung eigener und damit neuer Erkenntnisse, sondern „um einen Vergleich und um die Verbindung der zu seiner Zeit lebendigen Vorstellungen vom Menschen sowie der Erziehungsziele und -theorien mit der christlichen Lehre vom Menschen“ (März, 1998, 517). Ziel aller Erziehung ist für Sailer wie auch für Pestalozzi und Herder die Humanität (März, 1998, 517). Extreme oder einseitige Theorien von der Erziehung des Menschen weist Sailer zwar zurück, rezipiert aber durchaus für seine Erziehungslehre „gültige Beiträge“, wie beispielsweise in seinem Konzept der „schönen Kindlichkeit“ (Sailer, 1962, 57), bei dem der „Einfluss Rousseaus, Pestalozzis und seiner romantischen Zeitgenossen“ deutlich zu beobachten ist (März, 1998, 517). Grundsätzlich gilt auch hier die Orientierung am Subjekt, denn Sailer zufolge ist es falsch, „den Kindern etwas aufzudrängen, was ihnen nach ihrer Anlage nicht gemäß ist“ (Prange, 2008, 208). Anders als Rousseau mit seiner naturalistisch-optimistischen Anthropologie erkennt aber Sailer – selbst wenn er das Kind als „verborgenes Heiligtum“ (Sailer, 1962, 31) bezeichnet – auch das Böse als Realität an und fordert deshalb den Einsatz positiver – unterstützender wie entgegenwirkender – Erziehungsmaßnahmen (März, 1998, 522).

Hier zeigt sich, dass Sailers Pädagogik sowohl personal als auch ethisch orientiert ist; erziehen heißt für Sailer „diesen Entwicklungsprozess so leiten, dass der Zögling der leitenden Hand entbehren und seine Selbstführung dem Ideal der Menschheit entsprechen kann“ (Sailer, 1962, 12). Eine entscheidende Rolle bei dieser Hinführung zur Selbstführung bzw. modern gesprochen Autonomie des Subjekts (Prange, 2008, 205) kommt dabei den Erziehern zu. Dies sind zuerst die Eltern (hier zunächst mit starker Betonung der Rolle des Vaters), dann die Lehrer und weitere Akteure der pädagogischen Institute.

Im zweiten Teil thematisiert Sailer Maßnahmen der körperlichen, intellektuellen und sittlichen Erziehung, wobei er Schwerpunkte auf die Bedeutung des Erziehers als Vorbild, die Notwendigkeit der Kleinkindererziehung (hier spielt nun die Mutter eine wichtige Rolle) und die Erfordernisse der emotionalen und der religiösen Erziehung legt (März, 1998, 518).

März zufolge nimmt Sailer in diesem Teil Themen der pädagogischen Bewegung des zwanzigsten Jahrhunderts vorweg; so unterstreicht er den Gedanken eines personalen Erziehungsverständnisses, bei dem auch die Grenzen menschlicher Vorbildlichkeit thematisiert werden. Denn der junge Mensch soll ja seinen eigenen je einmaligen Weg einschlagen können. Für den Erzieher gilt deshalb: „Die Erziehung ist so rein von Herrschsucht, dass es ihr Zweck ist, sich selbst entbehrlich und den Zögling zur Selbstherrschaft früh genug und auf die Dauer tüchtig zu machen“ (Sailer, 1962, 93).

Zu diesem Erziehungsziel einer freien, selbständigen Persönlichkeit gehört für Sailer selbstredend auch religiöse Bildung, die sich aus seinem anthropologischen Grundverständnis vom Menschen als Gottes Ebenbild ergibt (Philipp, 1990, 163-165). Anders als Rousseau, der religiöse Erziehung erst im Jugendalter empfiehlt, insistiert Sailer darauf, dass die „Weckung der religiös-sittlichen Gefühle“ frühzeitig beginnt. Für ihn als christlichen Pädagogen ist eine Erziehung ohne religiöse Bildung undenkbar: „Ohne Religion ist der geistige Mensch im Menschen tot; also lass ihn nicht ohne diese Geistesnahrung, sobald er sie in sich aufnehmen kann, und gib ihm eine solche, die der zarte Geist ertragen kann“ (Sailer, 1962, 65).

Religiöse Bildung ereignet sich allerdings in unterschiedlichen Dimensionen: Im Hinblick auf die Sinnlichkeit haben die ersten Erzieher die Aufgabe, an den Dispositionen der Kinder anzuknüpfen, „z.B. das Vertrauen der Kinder in ihre Eltern zu vertiefen und so das rechte Gottvertrauen vorzubilden“ (Prange, 2008, 208f.). Dieser Optimismus hinsichtlich der Selbstentfaltung des Menschen prägt auch Sailers Überlegungen zur intellektuellen Bildung: „Er plädiert nicht für Bildungsbeschränkung zum Zwecke der Konsolidierung einer naiven Religiosität“ (Prange, 2008, 209), sondern geht von der Überzeugung aus, dass das Wissen auch den Glauben vertiefen kann. Anders verhält es sich dagegen bei der moralischen Bildung: Hier grenzt sich Sailer mit seiner Position deutlich von der Kants ab: Während für Kant „Moralisierung als Eigenleistung des Subjekts die höchste und letzte Stufe der Erziehung ist“, geht Sailer davon aus, dass es noch eine weitere Stufe gibt, für die er den Begriff der Divinisierung (Gottseligkeit) einführt: Erst hier ist der Endpunkt allen Lernens erreicht. Im Gegensatz zu Kant ist für Sailer Ethik – wie für jeden Christen – religiös begründet und begründbar (Prange, 2008, 210).

3.5. „Die Weisheit auf der Gasse“

Mit pädagogischem Impetus abgefasst ist auch Sailers kommentierte Sammlung von Sprichwörtern. Diese Schrift, in der „Unterhaltung mit Belehrung gleichen Schritt hält“ (Sailer, 1996, 11), dient als Sammlung, die Erziehern und Lehrern die „Bildung der Jugend und die Bildung des Volkes erleichtern“ soll, wobei Sailer nicht auf Vollständigkeit abzielt, sondern auf den Sinn und Geist des deutschen Sprichworts aufmerksam machen will. Sailers Anliegen ist hier patriotisch: „Wir Deutschen sind noch Genossen der einen Sprache: dieß Eine Band bindet uns noch alle“ (Sailer, 1996, 8).

3.6. Weitere Schriften für die religiöse Selbstbildung

Im Hinblick auf die religiöse (Selbst-) Bildung räumt Sailer zwar der regelmäßigen Bibellektüre unbedingte Priorität ein; aber von dieser Basis aus kann sich der Leser dann auch anderen Publikationen widmen, wobei für Sailer Innerlichkeit und ein intensives geistliches Leben nicht Selbstzweck sind, sondern dem Verstehen, Bewältigen und Gestalten des Alltags dienen.

In bildender Absicht stellt Sailer Texte aus der christlichen Tradition durch Auswahl und (Neu-)Übersetzung einem breiten Lesepublikum zur Verfügung. Hierzu zählen unter anderem die sechsbändige Sammlung Briefe aus allen Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung (München 1800-1804), sowie die klassisch gewordene Übersetzung der Nachfolge Christi des Thomas von Kempen (Das Buch von der Nachfolgung Christi), die 1794 in München erscheint, das wohl am weitesten verbreitete Buch Sailers wird und heute auch als Reclam-Ausgabe vorliegt.

Zu erwähnen wären ferner zahlreiche Kleinschriften, mit denen Sailer Geist und Sinn der Liturgie dem Volk erschließen will (Schwaiger, 2001, 337), sowie seine Lebensbeschreibungen von vorbildlichen Christen und schließlich sein letztes Werk, Der christliche Monat (Landshut 1826), das den Leser in 31 Kapiteln zu einem Grundkurs christlichen Lebens und Handelns einlädt (Scheuchenpflug, 2001, 15).

4. Sailers bildungspolitisches Engagement

In einem engen Zusammenwirken mit Eduard von Schenk und König Ludwig I. kann Sailer in seinem letzten Lebensjahrzehnt Einfluss auf die Besetzung des Personals an der bayerischen Landesuniversität nehmen, Kandidaten für Lehrstellen an den Lyzeen erfolgreich vorschlagen und Ludwig bei seinen Plänen, Männer- und Frauenklöster wieder zu errichten, um das Bildungsniveau der Bevölkerung in Bayern zu heben, tatkräftig unterstützen. Dieser Einfluss erstreckt sich auch auf die anstehenden Neuernennungen von Bischöfen und Nachbesetzungen von Domkapitelstellen. Handlungsleitend ist dabei für Sailer eine Haltung der „goldenen Mittelstraße“, denn „wie die politischen Ultras den Staatswagen gefährden, so die kirchlichen Ultras den Kirchenwagen“ (zitiert nach: Appl/Lübbers, 2014, LXXI). Dieser Grundhaltung entspricht die Vorstellung Ludwigs von einer (Wieder-)Verchristlichung Bayerns, die vor allem durch Bildung erreicht werden sollte. Pointiert zeigt sich dies in Ludwigs Diktum: „Fromm sollen Meine Bayern sein, aber keine Kopfhänger“ (zitiert nach: Appl/Lübbers, 2014, LXXI).

5. Bemühungen um religiöse Bildung im Schüler- und Freundeskreis

5.1. Die Bibelbewegung

Diese in weiten Teilen ökumenisch orientierte Bewegung im frühen 19. Jahrhundert (→ Ökumenische Bewegung) zeigt sich im Bereich der katholischen Kirche als wesentlich von Sailer inspiriert. Die Erfahrungen mit dem praktischen Schriftforschen bei den Zusammenkünften der Freundes- und Schülerkreise Sailers motiviert diese zu eigenen Initiativen, um die biblische Bildung der Bevölkerung fördern zu können:

Sailers Freund Michael Feneberg erarbeitet eine Teilausgabe, mit deren Hilfe die von Georg Michael Wittmann begonnene Übersetzung des Neuen Testamentes (Regensburger Neues Testament, Verbreitung ca. 74.000 Exemplare) vollendet werden kann; Wittmann zufolge sollte dessen Lektüre auch der Verbesserung der Sittlichkeit dienen und in der damaligen kriegerischen Zeit Trost spenden (Scheuchenpflug, 1997, 118f.).

Ermöglicht wird die Verbreitung der (meist kostenlosen) Exemplare durch Freunde und Schüler Sailers in deren Wirkungskreis dank der umfangreichen finanziellen Unterstützung durch die British and Foreign Bible Society.

Diese in London gegründete Gesellschaft fördert auch das Münchener Neue Testament, eine Übersetzung, die der Sailerschüler Johannes Goßner anfertigt. Ab der ersten Auflage von 1815 findet diese Edition enorme Verbreitung (ca. 150.000 Exemplare): zunächst unter den erweckten Christen im Allgäu und in Goßners Wirkungskreis; in späteren Jahren mit Hilfe der Bibelgesellschaften unter bestimmten Zielgruppen wie dem preußischen Heer oder bei Pilgern, Emigranten sowie Geschäftsreisenden (Scheuchenpflug, 1997, 239-264).

5.2. Christoph von Schmid

Uto J. Meier ist überzeugt: Christoph von Schmids katechetisches Wirken ist „die Darstellung der Gestalt gewordenen Sailerschen Katechese und Theologie“ (Meier, 2001, 36); dies zeigt sich in drei Bereichen: Zum einen in den von ihm entworfenen Katechismen für Kinder, zum anderen in seiner Kinder- und Jugendliteratur, in der Schmid Katechese im Stil literarischer Erzählungen betreibt und schließlich mit ebenso großer Breitenwirkung in der Biblischen Geschichte für Kinder. Dieses Schulbuch entsteht in enger Zusammenarbeit mit Sailer und aufgrund von Schmids eigenen unterrichtlichen Erfahrungen; es findet unmittelbar nach seinem Erscheinen in München 1801 in Bayern weite Verbreitung. In der Folgezeit wird dieses Werk auch außerhalb Bayerns in vielen Schulen des deutschsprachigen Raums eingeführt, sowie ins Italienische und Französische übersetzt (Scheuchenpflug, 1997, 72). Die prägende Wirkung dieser Publikation, in der sich am stärksten der „heilsgeschichtliche Ansatz der katechetischen Konzeption Sailers und Schmids“ manifestiert (Meier, 2001, 49), lässt sich daran ermessen, dass sie aufgrund der mangelhaften Ausstattung der Schulen zunächst vielerorts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts das einzige vorhandene Unterrichtsbuch bleibt. Im Religionsunterricht bildet die Darbietung der biblischen Geschichte solange den Hauptinhalt, bis diese im Zuge der kirchlichen Restauration vom Katechismusunterricht verdrängt wird (Scheuchenpflug, 1997, 73).

5.3. Ignaz Heinrich von Wessenberg

Eine weitere Praxisauswirkung der Sailerschen Pädagogik zeigt sich bei Ignaz Heinrich von Wessenberg, der lebenslang mit Sailer befreundet war. Wessenberg reformiert im Bistum Konstanz die Aus- und Fortbildung der Priester. So belebt Wessenberg die Pastoralkonferenzen wieder, gründet ein der beruflichen Bildung dienendes Publikationsorgan und fördert die Einrichtung von Volksbibliotheken und „Lesegesellschaften“ (Baumgartner, 2001, 27). All diese Maßnahmen sollten letztlich dem Ziel der religiösen Volksaufklärung dienen (Handschuh, 2014, 45).

6. Würdigung Sailers in der gegenwärtigen Pädagogik

Während in den vergangenen 30 Jahren von Seiten der theologischen Wissenschaften eine umfangreiche Auseinandersetzung mit Sailer zu beobachten ist, erfolgt eine Würdigung seines Wirkens aus pädagogischer Sicht eher vereinzelt: In einigen Kompendien zur Geschichte der Pädagogik wird Sailer nicht erwähnt, wohingegen Fritz März Sailer als bedeutenden christlichen Erzieher bezeichnet (März, 1998, 515-522). Nach Klaus Prange zählt Sailers Schrift Über Erziehung für Erzieher selbstredend zu den Schlüsselwerken der Pädagogik (Prange, 2008, 198-211). Michael Obermaier würdigt Sailers Werk im Hinblick auf die Frühpädagogik als eine christliche Erziehungstheorie, die auf Humanität zielt (Obermaier/Hoffmann, 2013, 117). Dem Werk sei eine unhintergehbare Pflicht zur klaren Begründung der originären Erziehungsziele der Frühpädagogik zu entnehmen (Obermaier/Hoffmann, 2013, 121). Schließlich transferiert Obermaier Sailers Idee des Erziehers in die Gegenwart: Diese bestehe heute in einem „Habitus, der fundiertes akademisches Fachwissen mit unbedingter Wertschätzung der Person und einer non-direktiv bestärkenden Didaktik verschränkt“ (Obermaier/Hoffmann, 2013, 118).

Literaturverzeichnis

  • Appl, Tobias/Lübbers, Bernhard (Hg.), Die Briefe Johann Michael von Sailers an Eduard von Schenk, Regensburg 2014.
  • Baumgartner, Konrad/Scheuchenpflug, Peter (Hg.), Von Aresing bis Regensburg. Festschrift zum 250. Geburtstag von Johann Michael Sailer am 17. November 2001, Regensburg 2001.
  • Baumgartner, Konrad, Bemühungen um Seelsorge und Seelsorger im Kreis um Sailer und Wessenberg, in: Baumgartner, Konrad/Scheuchenpflug, Peter (Hg.), Von Aresing bis Regensburg. Festschrift zum 250. Geburtstag von Johann Michael Sailer am 17. November 2001, Regensburg 2001, 22-27.
  • Gajek, Bernhard, Sailer und die Geistesgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, in: Baumgartner, Konrad/Scheuchenpflug, Peter (Hg.), Von Aresing bis Regensburg. Festschrift zum 250. Geburtstag von Johann Michael Sailer am 17. November 2001, Regensburg 2001, 114-136.
  • Handschuh, Christian, Die wahre Aufklärung durch Jesum Christum. Religiöse Welt- und Gegenwartskonstruktionen in der Katholischen Spätaufklärung, Stuttgart 2014.
  • Kemper, Karl Friedrich, Religiöse Sprache zwischen Barock und Aufklärung. Katholische und protestantische Erbauungsliteratur des 18. Jahrhunderts in ihrem theologischen und frömmigkeitsgeschichtlichen Kontext, Nordhausen 2015.
  • März, Fritz, Personengeschichte der Pädagogik. Ideen – Initiativen – Illusionen, Bad Heilbrunn 1998.
  • Meier, Uto J., Christoph von Schmid: Johann Michael Sailers erster Katechet, in: Baumgartner, Konrad/Scheuchenpflug, Peter (Hg.), Von Aresing bis Regensburg. Festschrift zum 250. Geburtstag von Johann Michael Sailer am 17. November 2001, Regensburg 2001, 28-52.
  • Obermaier, Michael/Hoffmann, Cornelia, Projekt frühkindliche Erziehung. Ein Lehr- und Lernbuch, Paderborn 2013.
  • Philipp, Brigitte, Sailers Theorie der Bildung, Passau 1990.
  • Prange, Klaus, Schlüsselwerke der Pädagogik. Band 1: von Plato bis Hegel, Stuttgart 2008 (17. Johann Michael Sailer: Über Erziehung für Erzieher, 198-211).
  • Sailer, Johann Michael, Über Zweck, Einrichtung und Gebrauch eines vollkommenen Lese- und Betbuches. Samt der skeletischen Anzeige eines vollständigen Lese- und Betbuches, das bereits unter der Presse ist, München-Ingolstadt 1783a.
  • Sailer, Johann Michael, Vollständiges Lese- und Betbuch zum Gebrauche der Katholiken, München 1783b.
  • Sailer, Johann Michael, Über den Selbstmord. Für Menschen, die nicht fühlen den Werth, ein Mensch zu seyn, München 1785a.
  • Sailer, Johann Michael, Vollständiges Gebetbuch für katholische Christen. Von J.M. Sailer, aus seinem größerm Werke von ihm selbst herausgezogen, München 1785b.
  • Sailer, Johann Michael, Vorlesungen aus der Pastoraltheologie. 3 Bände, München 1788-89; 4. Aufl. 1820.
  • Sailer, Johann Michael, Über Erziehung für Erzieher. Besorgt von E. Schoelen, Paderborn 1962.
  • Sailer, Johann Michael, Die Weisheit auf der Gasse oder Sinn und Geist deutscher Sprichwörter, Frankfurt a.M. 1996.
  • Scheuchenpflug, Peter, Die Katholische Bibelbewegung im frühen 19. Jahrhundert, Würzburg 1997.
  • Scheuchenpflug, Peter (Hg.), Johann Michael Sailer, Der christliche Monat. Betrachtungen und Gebete für jeden Tag des Monats, Regensburg 2001.
  • Scheuchenpflug, Peter (Hg.), Die Privatbibliothek Johann Michael Sailers, Frankfurt 2006.
  • Schiel, Hubert, Johann Michael Sailer. Bd. 1: Leben und Briefe, Regensburg 1948.
  • Schlögl, Rudolf, Alter Glaube und moderne Welt. Europäisches Christentum im Umbruch 1750-1850, Frankfurt a.M. 2013.
  • Schmid, Christoph, Biblische Geschichte für Kinder. Ein Lesebuch, das auch Erwachsene brauchen können. Zum planmäßigen Unterrichte in sämmtlichen deutschen Schulen Baierns, München 1801.
  • Schwaiger, Georg, Johann Michael Sailers literarisches Werk und theologische Bedeutung, in: Baumgartner, Konrad/Scheuchenpflug, Peter (Hg.), Von Aresing bis Regensburg. Festschrift zum 250. Geburtstag von Johann Michael Sailer am 17. November 2001, Regensburg 2001, 325-354.

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