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Lexikon

Jugendkirche

Tobias Fritsche

(erstellt: Febr. 2018)

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1. Kontext der Entstehung

Die Gründe für die Entstehung von Jugendkirchen liegen im Wesentlichen in der als problematisch erfahrenen kirchlichen Grundsituation, dass Jugendliche immer weniger von Angeboten der Kirche bzw. der kirchlichen Jugendarbeit (→ Jugendarbeit, evangelisch; → Jugendarbeit, katholisch) erreicht werden. Junge Menschen erleben kirchengemeindliches Leben als „fremde Welt“. Die Integration junger Menschen in den Gemeindegottesdienst (→ Gottesdienst, evangelisch; → Gottesdienst, katholisch) gelingt in der Regel nicht. Mit der Entstehung von Jugendkirchen verbindet sich vor allem im urbanen Kontext die Hoffnung, dass insbesondere kirchenentfremdete bzw. glaubensferne Jugendliche Zugang zur Kirche und ihrer Botschaft finden.

Als Reaktion auf die wachsende Distanz zwischen Kirche und jungen Menschen wurden seit den neunziger Jahren in verschiedenen kirchenleitenden Verlautbarungen die verstärkte Orientierung an den Interessen junger Menschen angemahnt (Schwab, 2014, 199). Gefordert wurden insbesondere zeitgemäße Gottesdienste, die in Sprache, Form und → Musik an die → Lebenswelt Jugendlicher anknüpfen und einfache, unmittelbar sinnliche Erfahrungen ermöglichen. Während diese Maßnahmen jedoch noch auf die Integration junger Menschen in bestehende Gemeindeformen der Kirche zielten, entstanden vor allem im englischsprachigen Raum der USA und Großbritanniens bereits Youth Churches als eigenständige Gemeindepflanzungen mit mehr Raum für jugendkulturelle Ausprägungen (Schwab, 2014, 197).

Innerhalb der beiden Großkirchen Deutschlands darf die im Jahr 2000 eröffnete katholische Jugendkirche TABGHA in Oberhausen als eine der ersten Jugendkirchen gelten (Stams, 2008, 19). Im Jahr 2017 sind im Jugendkirchenverzeichnis der AEJ (Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend) für Deutschland, Schweiz und Österreich rund 315 Jugendkirchen gelistet, die in etwa zu je einem Drittel evangelischer, katholischer und freikirchlicher Trägerschaft zuzurechnen sind.

2. Grundformen von Jugendkirchen

Der Begriff Jugendkirche ist noch so jung, dass sich (noch) keine abschließende Definition für Jugendkirchen im gemeindepädagogischen (→ Gemeinde/Gemeindepädagogik) oder praktisch-theologischen Diskurs herausgebildet hat. In einer erweiterten Annäherung an den Begriff wird nach konzeptionellen Grundformen unterschieden (Freitag/Scharnberg, 2006, 62-68).

Raumorientierte Jugendkirchen legen Wert auf den „Resonanzraum des Heiligen“ (Hobelsberger, 2014, 52-55), in dem sich jugendkulturell geprägte Handlungen vollziehen.

Gemeindeorientierte Jugendkirchen haben insbesondere jugendgemäße Gottesdienste und die Förderung von Gemeinschaft im Fokus und werden daher oft als Jugendgemeinden bezeichnet.

Bildet Evangelisation in einem bestimmten jugendsoziokulturellen Kontext oder einer „Jugendszene“ den Ausgangspunkt für die Entstehung einer Jugendkirche, spricht man von Gemeindegründungen, church planting oder von fresh x (Freitag/Hamachers-Zuba/Hobelsberger 2012, 119-133).

In der Praxis verschwimmen die Konzepte von Jugendkirchen zu Mischformen. Insbesondere bei evangelischen Jugendkirchen werden die Aneignung des Kirchenraums (→ Pädagogik des Kirchenraums/heiliger Räume), jugendkulturell geprägte Gottesdienste und beziehungsorientierte Gemeinschaftserfahrung bewusst konzeptionell verbunden.

Allen Jugendkirchenkonzepten gemein ist das missionarische Anliegen gelingender Kommunikation des Evangeliums an junge Menschen unter besonderer Berücksichtigung ihrer Lebenswelt und deren jugendkultureller Ausformungen. Damit richten sich Jugendkirchen zunächst an eine altersspezifische Zielgruppe und geben dieser den Raum, als handelnde → Subjekte kirchliches Leben selbst zu gestalten. Die Besonderheit gegenüber kirchlicher Jugendarbeit (→ Jugendarbeit, evangelisch; → Jugendarbeit, katholisch) besteht dann darin, dass den Jugendkirchen zeitlich und räumlich ein besonderer Platz neben der parochial organisierten Ortsgemeinde zugestanden wird.

3. Programmatische Schwerpunkte von Jugendkirchen

Die meisten Jugendkirchen zeichnet ein regelmäßiges Gottesdienstangebot aus. Die Frequenz schwankt zwischen wöchentlichen oder (mehr-)monatlichen Abständen. Konstituierende Merkmale sind das aktive Handeln junger Menschen, die persönliche Aneignung von Glaubensinhalten als glaubende Individuen, die emotionale Erfahrbarkeit von → Glauben und Gemeinschaft, sowie der thematische und handlungsorientierte Bezug zu Kultur und → Lebenswelt von Jugendlichen. Bei evangelischen und katholischen Jugendkirchen üben hauptberufliche Pfarrerinnen und Pfarrer oder Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter meist eine anleitende und begleitende Funktion aus.

In den meisten Jugendkirchen gibt es vielfältige kulturelle Angebote wie Konzerte, Theateraufführungen, Poetry Slams und Ähnliches. Wo Jugendkirchen einen Schwerpunkt auf Kulturarbeit im Kirchenraum legen, wird von Jugendkulturkirchen gesprochen. Spezielle Kursangebote nehmen künstlerische, politische oder religiöse Themen junger Menschen auf. Sozialdiakonische Projekte und Aktionen ergänzen das kulturelle Profil vieler Jugendkirchen. Wo ein eigenes Gebäude zu Verfügung steht, gibt es häufig einen offenen Cafébetrieb.

4. Forschungsstand und Bedeutung von Jugendkirchen für Kirchentheorie und Gemeindepädagogik

Jugendkirchen haben aufgrund der spezifischen Fragestellungen und zunehmender Erfahrungen eine Rolle als „Forschungslabore kirchlichen Lebens“ (Brembeck/Pappert, 2014, 187-196) eingenommen. Damit kommen sie in den letzten Jahren vermehrt als Gegenstand praktisch-theologischer Forschung in den Blick. So werden Jugendkirchen im Zusammenhang von Milieu-Theorien (→ Milieu und Religion) und Lebenswelt-Konzepten (→ Lebenswelt) untersucht (Hennecke, 2012, 73-80).

Experimentelle Gottesdienstformen in Jugendkirchen werden einerseits als sensibel für Musikrichtungen, Zielgruppen, Lebensgewohnheiten oder auch Milieus gewertet. Andererseits wird ihnen in ihrer Bedeutung gegenüber dem agendarischen Gottesdienst am Sonntagmorgen als „Standbein“ der Rang eines „Spielbeins“ zugewiesen (Nicol, 2013, 1).

Durch zunehmende Umnutzungen von Kirchen unter anderem in Zusammenhang mit im Erhalt immer teureren Kirchengebäuden wird seit den 1990er-Jahren die zum Teil recht emotionale Debatte darüber geführt, was im Kirchenraum (→ Pädagogik des Kirchenraums/heiliger Räume) überhaupt stattfinden darf. Im Kontext von Kulturarbeit in der Kirche stellt sich die Frage nach einer verantworteten Kulturtheologie, in der weder Kirche noch Kultur für die Zwecke des jeweils anderen instrumentalisiert werden. Die Frage wird diskutiert, unter welchen Voraussetzungen Jugendkirchen zum „Resonanzraum“ für die jugendkulturelle Auseinandersetzung von jungen Menschen mit religiös-existenziellen Fragen werden können.

Besondere Beachtung finden Jugendkirchen derzeit im Kontext der erneut diskutierten Frage, in welchen Strukturen und Formen Kirche ihre Aufgaben am besten erfüllen kann. Neben der Parochie kommen für Gemeinden weitere Konstitutionsprinzipien wie Personalprinzip, Funktionsprinzip, oder Bekenntnisprinzip in den Blick (Hauschildt/Pohl-Patalong, 2013, 260-263) Jugendkirchen gelten hierbei als neue Spielart kirchlichen Lebens, die daraufhin untersucht werden kann, ob sie in kirchenrechtlicher, theologischer und organisatorischer Hinsicht als Gemeinde gelten darf (Kunz/Pohl-Patalong, 2013, 28-35). Vor dem Hintergrund des EKD-Reformprozesses wurde und wird kontrovers diskutiert, ob es sinnvoll ist, Jugendkirchen mit hohem finanziellen Aufwand „als zentrale Begegnungsorte des evangelischen Glaubens“ neben der Parochie zu etablieren, die „angebotsorientiert in einer ganzen Region evangelische Kirche erfahrbar machen“ sollen (Kirchenamt der EKD, 2006, 59).

Neben der Frage, inwieweit die Parochie verstärkt durch zielgruppenorientierte Gemeindeformen ergänzt werden sollte, wird das Modell Jugendkirche auch daraufhin befragt, welche Bedeutung ihm zukommt, wenn seine Angebote nur zeitlich befristet und selektiv von bestimmten Alters- oder Zielgruppen wahrgenommen wird. Ist „Gemeinde auf Zeit“ vollgültige Gemeinde (Bubmann/Fechtner/Weyel, 2016, 345-357)? Unter dem Schlagwort „Kirche bei neuen Gelegenheiten“ werden Jugendkirchen als exemplarische Form für sporadisch gelebte Kirchenmitgliedschaft und als Beispiel für die Entwicklung neuer Formen in der Kirche angeführt (Pohl-Patalong, 2014, 202f.).

Zusammenfassend wird Jugendkirchen zugetraut, einen „wichtigen Impuls für eine pluralitätsfähige Kirchenstruktur insgesamt“ (Schwab, 2014,132) geben zu können.

Literaturverzeichnis

  • Brembeck, Felicia/Pappert, Torsten, Ein Laboratorium für eine veränderte Form von Kirche. Ein Interview von Felicia Brembeck mit Torsten Pappert, Jugendkirche Hannover, in: Pastoraltheologie 103 (2014) 4, 187-196.
  • Bubmann, Peter/Fechtner, Kristian/Weyel, Birgit, Gemeinde auf Zeit: praktisch-ekklesiologische Perspektiven aus evangelischer Sicht, in: Ökumenische Rundschau 65 (2016) 3, 345-357.
  • Freitag, Michael/Hamachers-Zuba, Ursula/Hobelsberger, Hans, Lebensraum Jugendkirche, Hannover 2012.
  • Freitag, Michael/Scharnberg, Christian (Hg.), Innovation Jugendkirche. Konzepte und Know-how, Hannover/Kevelaer 2006.
  • Hauschildt, Eberhard/Pohl-Patalong, Uta, Kirche, Lehrbuch Praktische Theologie 4, Gütersloh 2013.
  • Hennecke, Christian, Jugendkirche und Lebenswelten. Ein Beschreibungsversuch, in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen, Hildesheim, Köln und Osnabrück 64 (2012), 73-80.
  • Hobelsberger, Hans, Resonanzraum, nicht Kulisse. Jugendkirche – Raum als Konzept, in: das baugerüst. Zeitschrift für Jugend- und Bildungsarbeit 66 (2014) 1, 52-55.
  • Kirchenamt der EKD (Hg.), Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, Hannover 2006.
  • Kunz, Ralph/Pohl-Patalong, Uta (Hg.), Themenheft „Neue Formen von Gemeinde“, in: Praktische Theologie 48 (2013) 1.
  • Nicol, Martin, Warum wir Gottesdienst feiern, Nürnberg 2013. Online unter: http://landessynode.bayern-evangelisch.de/downloads/ELKB-Nicol-Vortrag-Gottesdienst-Nuernberg-2013.pdf, abgerufen am 28.07.2017.
  • Pohl-Patalong, Uta, Kirche bei neuen Gelegenheiten, in: Kunz, Ralph/Schlag, Thomas (Hg.), Handbuch für Kirchen- und Gemeindeentwicklung, Neukirchen-Vluyn 2014.
  • Schwab, Ulrich, Jugendkirche ist junge Kirche – und mehr?!, in: Pastoraltheologie 103(2014) 4, 197-207.
  • Stams, Elisa, Das Experiment Jugendkirche, Stuttgart 2008.
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