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Lexikon

Diskursanalyse

1. Der Diskurs-Begriff

Der Begriff „Diskurs“ und seine theoretische Reflexion in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen (z.B. Philosophie, Soziologie, Politikwissenschaft, Literatur- und Kulturwissenschaften, Linguistik) haben zu einer Vielfalt in Beschreibung und Bestimmung des gemeinten Gegenstands geführt. Gemeinsam ist den Definitionen die Auffassung, dass es sich bei einem Diskurs um eine geregelte Form der Kommunikation handelt. Dabei stehen sich jedoch ein normativer Diskursbegriff und das Verständnis von Diskurs als (empirisch vorfindliche) soziale Praxis einigermaßen dichotom gegenüber (→ Empirie). Ein normatives Diskursverständnis reflektiert die Bedingungen, die für ein herrschaftsfreies Argumentieren nötig sind, so dass Argumente intersubjektive Geltung erreichen können. Der normative Diskursbegriff – im Sinne eines diskursethischen (Moxter, 1999) Verständnisses – ist von Jürgen Habermas eingeführt und von ihm wie folgt zusammengefasst worden: „Von ,Diskursen‘ will ich nur dann sprechen, wenn der Sinn des problematisierten Geltungsanspruchs die Teilnehmer konzeptuell zu einer Unterstellung nötigt, daß grundsätzlich ein rational motiviertes Einverständnis erzielt werden könnte, wobei ,grundsätzlich‘ den idealisierenden Vorbehalt ausdrückt: wenn die Argumentation nur offen genug geführt und lange genug fortgesetzt werden könnte“ (Habermas, 1995, 71).

Diskurs als soziale Praxis meint hingegen reale Aushandlungspraktiken, die in Form von thematisch verbundenen, regelnden und geregelten Aussagen soziale Wirklichkeit und kollektive Wissensbestände herstellen. Dieses Verständnis besitzt wiederum zwei Perspektivierungen. Die erste sieht Diskurs vornehmlich als Praktiken mündlicher Rede und interpersonaler Gespräche an. Dabei wird Sprache in ihrem konkreten Gebrauch samt nonverbaler (Mimik und Gestik) und paraverbaler (Intonation) Kommunikation untersucht, und es wird insbesondere danach gefragt, wie Sprecherinnen oder kopräsente Interaktanten diese zur Organisation von interpersonaler Beziehung und Gesprächsverläufen gebrauchen. Hinzu tritt die Sicht auf die kommunikativen Praktiken zur Konstruktion von Diskursthemen und Identitäten der Interaktanten. Dieser Auffassung ist die eher alltagssprachliche Bedeutung von Diskurs im Sinne eines akademischen Gesprächs oder einer Abhandlung näher als die zweite Perspektive. Diese wird prominent in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung als Diskursanalyse verfolgt: Sie versteht Diskurs als sozial geregelte Kommunikation zur Herstellung bestimmter gesellschaftlicher Aussageformationen und daraus resultierender Wissensordnungen. Den Aussageformationen sind bestimmte Ausschließungssysteme inhärent, wie Justiz, Medizin, Wissenschaft, Religion etc., die die Streuung von Äußerungen auf kollektiv akzeptierte Sagbarkeit und damit auch Denkbarkeit verknappen. Prominent ist diese Konzeptualisierung mit dem Namen Michel Foucault verbunden, der Diskurs wie folgt definiert: „In dem Fall, wo man in einer bestimmten Zahl von Aussagen ein ähnliches System der Streuung beschreiben könnte, in dem Fall, in dem man bei den Objekten, den Typen der Äußerung, den Begriffen, den thematischen Entscheidungen eine Regelmäßigkeit (eine Ordnung, Korrelationen, Positionen und Abläufe, Transformationen) definieren könnte, wird man übereinstimmend sagen, daß man es mit einer diskursiven Formation zu tun hat […]. Man wird Formationsregeln die Bedingungen nennen, denen die Elemente dieser Verteilung unterworfen sind (Gegenstände, Äußerungsmodalität, Begriffe, thematische Wahl)“ (Foucault, 1986, 58).

Als weitere postmarxistische Spielart der Diskurstheorie und -analyse ist die Konzeptualisierung von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe zu nennen. Sie integriert die Hegemonialtheorie Gramscis und die Machttheorie Foucaults zur Theoretisierung von (ökonomischen) Herrschaftspraktiken in postindustriellen Gesellschaften. Hegemonie im Sinne Gramscis wird dabei als kulturelle Vorherrschaft bestimmter Symbol- und Orientierungssysteme vor anderen verstanden. Diese realisiert sich daraufhin im Sinne Foucaults in der Mikroebene des Diskurses in den konkreten zwischenmenschlichen und institutionellen Praktiken in Machtwirkungen. Beispielhaft lässt sich dies anhand der Bewertung von Abtreibung in kirchlichen Kontexten durch die Jahrhunderte hinweg verfolgen. Entscheidet sich eine Frau zur Abtreibung, so hatte sie noch bis ins 20. Jahrhundert mit harten Strafen zu rechnen. Auch wenn ihr aktuell von gesetzlicher Seite bereits ein großer Anteil an Entscheidungsfreiheit gelassen wird, so mag es jedoch weiterhin einen großen moralischen Druck geben, dem sich die Frau ausgesetzt fühlt. Dieser disziplinierende Druck ist ein Beispiel für das, was Foucault unter Machtwirkung versteht.

Für die Forschungspraxis sozialwissenschaftlicher Diskursanalyse hat sich eine Diskurskonzeption etabliert, die wissenssoziologische und diskurslinguistische Ansätze forschungspragmatisch zusammenführt. Demnach sind Diskurse bedeutungskonstituierende Ereignisse bzw. Praktiken des Sprach- und Zeichengebrauchs durch gesellschaftliche Akteure (Keller, 2004, 62). Sie sind kommunikative Prozesse zur Produktion sozialen Sinns, bestehend aus Aussagen zur Konstruktion kollektiver Themen, Begriffe, Gegenstände, Wissensbestände und Aussagemodalitäten. Diskurse sind praxisbezogene semantisch und/oder kommunikativ verbundene Texte bzw. Textnetze, die in multimodaler Form, also in Korrespondenz sprachlicher und bildlicher Zeichenformen, ihren Ausdruck finden. Dabei unterscheidet man in der Sozialwissenschaft zwischen diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken der Aussagen- bzw. Diskursproduktion und der damit initiierten Diskurseffekte. Nach Keller (2004, 62) können diese Beziehungen wie folgt zusammengefasst werden:

nach Keller (2004, 62)

Abb. 1 Beziehungen zwischen Diskursproduktion und Diskurseffekten

Diese Gegenüberstellung zeigt, dass nicht-diskursive Praktiken zwar nonverbal stattfinden, dass sie jedoch ebenfalls in Diskurse eingebunden sind und durch diese ihre Bedeutungszuschreibungen erfahren. Dabei sind Diskurse machtdurchdrungen und entfalten ihrerseits Machtwirkungen in Form der diskursiven Praktiken der Diskursakteure. Akteure richten sich in ihren diskursiven Praktiken nach Diskursregeln und Ressourcenverteilung, und gleichzeitig modifizieren sie diese auf subjektive Weise, wodurch diskursiv organisiert wird, wer wo was und wie sagen darf.

Die wissenssoziologische Diskursanalyse vermag Anliegen anderer methodologischer Ansätze zu integrieren. Sie ist für kritische Forschungsanliegen, die verstärkt die Machtwirkungen der Diskurse untersuchen, ebenso anschlussfähig wie für eine eher deskriptiv an sprachlichen Mustern interessierte Diskurslinguistik. Auch die Untersuchung ethnografischer Ansätze oder multimodaler Kommunikation lassen sich mit dem Paradigma der wissenssoziologischen Diskursanalyse bearbeiten (vgl. hierzu die Beiträge in den Handbüchern: Keller, 2011; Nonhoff/Herschinger/Angermüller, 2014).

2. Methodologie der Diskursanalyse

Die Methoden einer empirischen Diskursanalyse stehen ebenfalls in der Tradition der genannten ursprünglich unterschiedlich ausgerichteten Diskursbegriffe. Während die aus dem angloamerikanischen Raum stammende discourse analysis eher das interpersonale Face-to-Face-Gespräch als Untersuchungsgegenstand fokussiert, wendet sich die vom Diskursbegriff Michel Foucaults (1977;1986;1996) inspirierte sprachwissenschaftliche (Busse/Teubert, 1994; Spitzmüller/Warnke, 2011) und wissenssoziologische (Keller, 2007), historische (Sarasin, 2003) und kritische (Link, 2009; Jäger, 2004; Wodak/Meyer, 2009) Diskursforschung eher der gesellschaftlichen, also der Makro-Ebene zu. Dabei werden zumeist qualitative, aber auch quantitative Analysen auf der Mikro-Ebene durchgeführt, die über bestimmte methodische Vorgehensweisen auf die Makro-Ebene abstrahiert werden. Diskurse sind in dieser Tradition als themenzentrierte gesellschaftliche Kommunikations- und Zeichenprozesse zu verstehen, die mittels sozialer Praktiken Wissensordnungen innovativ aktualisieren und verknappend regulieren lassen. Damit schließt diese Forschungsrichtung methodologisch an sprach- und sozialphilosophische Ansätze des französischen (Post-) Strukturalismus an, um jedoch je nach disziplinspezifischen Fragestellungen eigene hermeneutisch-interpretative Analyseinstrumente zu entwickeln.

In jüngerer Zeit wenden sich diskursanalytische Ansätze im Rahmen der Cultural Studies, der Visual Culture, der kritischen Diskursanalyse und der Wissenssoziologie verstärkter auch visuellen Phänomen zu. Sie lehnen sich dabei an den Diskursbegriff von Lacan und das ebenfalls von Foucault (1994) angeregte Konzept des Panoptismus an. Letzteres streicht den regulierenden Effekt auf Verhalten durch die Unterstellung von sanktionsausgerichteter Beobachtung heraus. Eine andere ebenfalls an Foucault anschließende Forschungsrichtung kommt aus der Sozialsemiotik. Diese untersucht multimodale Diskurse (Kress/Van Leeuwen, 2001) als „resources for representation, knowledges about some aspect of reality, which can be drawn upon when that aspect of reality has to be represented“ (van Leeuwen, 2005, 95; Meier, 2008).

Ziel einer jeden Diskursanalyse ist es, kollektive Deutungs- und/oder Argumentationsmuster zu ermitteln, die in den verschiedenen diskursiven Positionen innerhalb des zu analysierenden Diskurses auftreten. Sie ermittelt damit Wissensordnungen und Wirklichkeitseffekte anhand der sie konstituierenden kommunikativen Prozesse. So interessiert die Diskursforschung kollektive Aussagen, Sinnzuschreibungen und soziale Praktiken und weniger die Konstruktion individueller Lebenswelten. Dies erreicht sie, indem sie die einzelnen Aussagen in ihrem Bezugsgefüge zu anderen hinsichtlich damit realisierter Argumentations- bzw. Deutungsmuster untersucht. Sie stellt die Frage, inwiefern die eine kollektive Position Bezug auf die anderen nimmt und damit Inklusion schafft, oder inwiefern Abgrenzungen bzw. Exklusionen vorgenommen werden.

Keller fasst das Forschungsanliegen von Diskursanalysen wie folgt zusammen: „Diskursanalysen interessieren sich dafür, an welchen institutionellen Orten und damit korrespondierenden Regeln, durch welche (kollektiven) Akteure oder Ereignisse Diskurse in Gestalt von konkreten Äußerungen verbreitet werden“ (Keller, 2011, 66).

Dabei kann Diskursanalyse quantitativ, qualitativ oder in Kombination von beidem durchgeführt werden. Während eine quantitative Korpusanalyse nach Häufigkeiten bestimmter Schlüsselworte und Wortkombinationen als Indizes für bestimmte Positionen in einer statistisch aussagekräftigen Textsammlung sucht, führt eine qualitative Forschungspraxis hermeneutische Textanalysen durch, um die konkreten diskursiven Handlungsweisen der bestehenden Positionen zu ermitteln. Während die erste Verfahrensweise eher der lexikologischen Forschungstradition entstammt, knüpft das qualitativ-interpretative Herangehen an Methoden der qualitativen Sozialforschung an (→ Qualitative Sozialforschung in der Religionspädagogik).

3. Methodisches Vorgehen der Diskursanalyse

Die Diskursanalyse orientiert sich in der Regel an Verfahren qualitativer Sozialforschung.

3.1. Diskurstheoretische Positionierung

Die meisten Diskursanalysen beginnen zunächst mit einer forschungsprogrammatischen Positionierung. Dies liegt an den unterschiedlichen Disziplinen und Forschungstraditionen, die in der Diskursanalyse zusammenkommen. Auch wenn sich viele Ansätze mit dem sozialphilosophischen Diskursbegriff von Michel Foucault verbunden fühlen, so haben sich mit der kritischen Diskursanalyse, der Diskurslinguistik, der wissenssoziologischen oder frameanalytischen Diskursanalyse, der multimodalen Diskursanalyse oder der ethnografischen Diskursanalyse unterschiedliche Diskurskonzepte und methodische Umsetzungen ausgeformt, so dass zunächst die eigene Perspektivierung deutlich zu machen ist.

3.2. Sondierung des Diskursthemas/-feldes und Entwicklung der Forschungsfrage

Die Entscheidung, eine Diskursanalyse durchzuführen, beruht auf forschungspragmatischen Erwägungen: In der Regel ist das Interesse an einem Thema leitend, das öffentlich diskutiert wird. Die Diskursanalyse erlaubt nun, diese Diskussion systematisch zu rekonstruieren und in seiner gesellschaftlichen Relevanz gewichten zu können. Gesichtet werden dazu zentrale Medientexte zum Thema, auch Interviews können (ergänzend) geführt werden. Eine Systematik des Materials ist grundlegend.

Ein Überblick über das Diskursfeld ist dann gegeben, wenn sich folgende Fragen (vorläufig) beantworten lassen: Wer sind, zum Zeitpunkt der Untersuchung, die relevanten Diskursakteure? Wie lassen sich die Positionen der Akteure im Wesentlichen beschreiben, wie der bisherige Diskursverlauf? Welche thematischen Schlüsselwörter stecken (bisher) das Feld ab? Zu diesem Zeitpunkt ist es sinnvoll, die vertiefende und den Forschungsprozess bestimmende und weiterführende Forschungsfrage zu formulieren. Die Fragestellung wirft nun eine bestimmte Perspektive auf den bisher grob ermittelten Diskursgegenstand. Mögliche Fragestellungen beleuchten dabei bestimmte Akteure näher oder bestimmte Machtkonstellationen, die im Diskurs ausgehandelt werden. Auch bestimmte Wissensbereiche oder diskursive Praktiken könnten hierbei im Zentrum der Untersuchung stehen.

3.3. Datenauswahl und Korpusbildung

Diskursabhängig kommen verschiedene Datenformate für die Auswahl in Betracht. Wurden ursprünglich vorwiegend Zeitungs- und Zeitschriftenartikel überregionaler Printmedien untersucht, da diesen als massenmedialen Kommunikaten bereits gesellschaftliche Relevanz unterstellt wurde, so erweist sich dieses Vorgehen – freilich abhängig von der konkreten Forschungsfrage – angesichts der immer stärker werdenden Bedeutung von Social Media und online-kommunikativen Diskurspraktiken als unterkomplex. Gleichzeitig behalten die klassischen Tageszeitungen und audiovisuellen Massenmedien Gewicht, denn sie fungieren weiterhin als Selektionsinstanzen zur Ausbildung öffentlicher Meinung bzw. Meinungsführerschaften. Agenda-Setting erfolgt nach wir vor stark über die klassischen Massenmedien. Diese verstärken dann auch Themen, die im Netz ‚Karriere‘ gemacht haben. Auf der anderen Seite fungieren die sozialen Medien häufig als kommunikativer Resonanzraum auf der Mikro- und Meso-Ebene für in den klassischen Medien publizierte öffentliche Themen der Makro-Ebene.

Diese diskursiven Wanderungen von Themen und Positionen hat die Datenerhebungspraxis des qualitativen Samplings etablieren lassen. Sie orientiert sich in starkem Maße an der Fragestellung und dem Überblickswissen der Diskursanalysierenden. Den Einstieg bildet in der Regel ein (journalistischer) massenmedialer Text, der zentrale Positionen und Verläufe der öffentlichen Debatte abbildet bzw. thematische Schlüsselwörter und Diskursakteure nennt. Von hier aus erfolgt, geleitet durch die Forschungsfrage, die Aufnahme weiterer Elemente in das Untersuchungskorpus.

Da das Analysekorpus jedoch nie die Gesamtheit der Diskursfragmente eines Diskurses enthalten kann (bei der Suche nach Online-Inhalten kann eine Grundgesamtheit ohnehin nicht bestimmt werden), empfiehlt sich das Vorgehen des Theoretischen Samplings, wie es die → Grounded Theory vorsieht (Glaser/Strauss, 2010): Über minimale und maximale Kontrastierung lässt sich die ‚Breite‘ des diskursiven Felds abschreiten. Entsprechend ist eine variierende Auswahl von Medienformaten notwendig: Massenmediale Nachrichtentexte auf der Makro-Ebene sind ebenso zu behandeln wie Texte der Mikro- und Meso-Ebene (z.B. Twitter- oder Facebook-Beiträge).

Das Theoretical Sampling vollzieht ähnliche Schritte wie der Prozess des Kodierens im Kontext der Grounded Theory. Es beginnt mit dem offenen Sampling. Die Sichtung des Materials erfolgt möglichst offen und geht minimal wie maximal kontrastierend vor, rückgebunden an parallel stattfindende Materialanalysen. Lassen sich in den unterschiedlichen Diskursfragmenten Ähnlichkeiten in den Deutungen oder Argumentationen finden, wird zur Illustration und Klärung der je interessierenden diskursiven Position das axiale Sampling angeschlossen. Das abschließende selektierende Sampling sucht stützende Diskursfragmente für die ermittelten diskursiven Deutungsmuster, Wissensordnungen oder diskursiven Positionen, bezogen auf die Forschungsfrage. Voraussetzung für diese abschließende Samplingphase ist eine theoretische Sättigung, d.h. dass zu den bisher aufgefundenen Aspekten keine neuen hinzutreten.

3.4. Grob- und Feinanalyse

In der Grobanalyse wird die Diskursnarration bestimmt. Dazu ist es notwendig, den (von den Forschenden mit-) gesetzten Diskursanfang zu erläutern, die Einbettung in andere Diskursstränge, die Entwicklung des Diskurses nachzuzeichnen und das Diskursende zu bestimmen. Da diese Ordnungen in der Regel von den Forschenden selbst vorgenommen werden, sind sie transparent und intersubjektiv plausibel zu machen. Die Diskursnarration orientiert sich häufig an diskursiven Ereignissen, die innerhalb des Diskurses auftreten und kommunikative Dynamiken auslösen. Diese können etwa durch bestimmte politische Ereignisse motiviert sein, die auf den Diskursverlauf Auswirkungen haben. Die Feinanalyse beschäftigt sich mit Texten, die einschlägig zur Beantwortung der Forschungsfrage erscheinen. Sind die erhobenen Diskursfragmente über den Schritt des axialen Samplings und Kodierens zu Clustern bzw. Mustern zusammengefasst worden, werden die einzelnen diskursiven Handlungen im Zusammenhang diskursiver Deutungs- oder Argumentationsmuster zur Markierung bestimmter Positionen im Diskurs beschreibbar. Diese bilden überindividuelle Rahmungen, in die sich die Einzelhandlungen einordnen lassen. Damit sind die impliziten Diskursmuster bestimmt. Über das selektive Sampling bzw. die selektive Kodierung werden diese Muster wiederum in Beziehung gesetzt, um abschließend bestehende Diskursformationen beschreiben zu können. Dieser Schritt macht Inklusions- und Abgrenzungskonstellationen sowie daraus resultierende Machtkonstellationen deutlich.

4. Diskursanalyse und Praktische Theologie

Hat sich die empirische Religionsforschung in den letzten Jahren in der Praktischen Theologie etabliert (Weyel/Gräb/Heimbrock, 2013), stellen Diskursanalysen im Ensemble der Methoden, mit denen gearbeitet wird, immer noch eher eine Ausnahme dar. Diskursanalysen bieten sich jedoch an, will (Praktische) Theologie (selbstreflexiv) Prozesse gesellschaftlicher Konstruktion von Wirklichkeit (Berger/Luckmann, 2001) in den Blick bekommen: Diese Prozesse sind ihr nicht äußerlich, sondern Kirche und Theologie sind – insbesondere hinsichtlich Formen religiöser Kommunikation (Neubert, 2016) – in sie verwoben. Können Diskursanalysen die Konstitution symbolischer Ordnungen ‚innerhalb‘ und ‚außerhalb‘ der Kirche in Form von Diskursen, d.h. „abgrenzbare[n], situierte[n], bedeutungskonstituierende[n] Ereignisse[n] bzw. Praktiken des Sprach- und Zeichengebrauchs durch gesellschaftliche Akteure“ (Keller, 2011, 66) nachzeichnen und transparent machen, liegen „Reiz und Tragik aktueller Diskursanalysen“ darin, „den Einschreibungsprozessen hinterherzuschreiben“ (Klostermeier, 2016, 121). Dieser ‚nachlaufende‘ und selbst konstruktive Charakter ist jedoch kein Spezifikum der Diskursanalyse als Methode empirischer Forschung. Die Analyse von Prozessen der Veridiktion und die Rekonstruktion des Zusammenhangs von Wissen und Macht – sowohl hinsichtlich der Etablierung normativer Wissensordnungen als auch bezogen auf Ordnungswechsel und Veränderungen – ist dabei nicht nur mit Blick auf gegenwärtige Diskurse (Klostermeier, 2011; Sinn, 2014), sondern auch in historischer und exegetischer (Sals/Scholz/Lehmann/Warnke, 2009) Perspektive höchst bedeutsam. Diskursanalysen in religionspädagogischem Interesse können einmal mehr auf den unauflösbaren Zusammenhang zwischen der kommunikativen Konstitution von Wissensordnungen und ihrer notwendigen, wenngleich variierenden, Reaktualisierung in Form von (Selbst-) Bildungsprozessen hinweisen sowie auf das Problem der Reifizierung problematischer Wirklichkeitskonstruktionen durch ihre diskursive (wiederkehrende) Benennung (zum Beispiel des Heterogenitätsdiskurses in der Religionspädagogik: Grümme, 2017, 53-62).

Literaturverzeichnis

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  • Foucault, Michel, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt/M. 1977.
  • Foucault, Michel, Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 1986.
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  • Foucault, Michel, Von der Subversion des Wissens. Mit einer Bibliographie der Schriften Foucaults, Frankfurt/M. 1996.
  • Glaser, Barney G./Strauss, Anselm L., Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung, Bern 3. Aufl. 2010 (englisch: The Discovery of Grounded Theory, 1967).
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  • Keller, Reiner/Hirseland, Andreas/Schneider, Werner (Hg. u.a.), Handbuch sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Bd. 2: Forschungspraxis, Wiesbaden 4. Aufl. 2010.
  • Keller, Reiner/Hirseland, Andreas/Schneider, Werner (Hg. u.a.), Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Bd. 1: Theorien und Methoden, Wiesbaden 3. Aufl. 2011.
  • Klostermeier, Birgit, Das unternehmerische Selbst der Kirche. Eine Diskursanalyse, Berlin u.a. 2011.
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  • Neubert, Frank, Die diskursive Konstitution von Religion, Wiesbaden 2016.
  • Nonhoff, Martin/Herschinger, Eva/Angermüller, Johannes (Hg. u.a.), Diskursforschung. Ein interdisziplinäres Handbuch, 2 Bde., Bielefeld 2014.
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  • Sarasin, Phillipp, Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt/M. 2003.
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  • Spitzmüller, Jürgen/Warnke, Ingo, Diskurslinguistik. Eine Einführung in Theorien und Methoden der transtextuellen Sprachanalyse, Berlin u.a. 2011.
  • Weyel, Birgit/Gräb, Wilhelm/Heimbrock, Hans-Günter (Hg.), Praktische Theologie und empirische Religionsforschung, Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie 39, Leipzig 2013.
  • Wodak, Ruth/Meyer, Michael, Methods of Critical Discourse Analysis, London 2009.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Beziehungen zwischen Diskursproduktion und Diskurseffekten nach Keller (2004, 62)

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