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Daumen-Bibel

Gottfried Adam

(erstellt: Febr. 2019)

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Digital Object Identifier: https://doi.org/10.23768/wirelex.DaumenBibel.200576

1. Zum Begriff und zur Druckgeschichte

Im Jahre 1980 brachte die amerikanische Sammlerin von

Miniaturbüchern Ruth Elizabeth Adomeit ein Buch mit dem Titel „Three Centuries of Thumb Bibles“ heraus. Darin
beschreibt sie 296 „Thumb Bibles“. Mit dieser Veröffentlichung wurden die Thumb Bibles als ein eigenständiges
literarisches Genre von biblischen Geschichten in Miniaturform einer größeren Öffentlichkeit bekannt.  

1.1.

Der Begriff Daumen-Bibel/Thumb Bible {#h1}  

Der englische Begriff „Thumb Bible“ lässt sich ins Deutsche mit

„Daumen-Bibel“ übersetzen. Im deutschen Sprachraum wurde dieser Begriff bislang weder im umgangssprachlichen Bereich
noch im Bereich der Kinderbibel- und der literaturwissenschaftlichen Forschung verwendet. So verwundert es nicht,
dass weder der neueste „Duden. Die deutsche Rechtschreibung“ (2017) noch der „Duden. Das große Wörterbuch der
deutschen Sprache“ (1999) oder das Lexikon „Die Zeit“ (2005) den Begriff kennen. Das „Digitale Wörterbuch der
deutschen Sprache“ (20.5.2018) kennt zwar ein „Daumenkino“, aber keine „Daumen-Bibel“. Interessanterweise findet man
in englischen (z.B. Cambridge Advanced Learner´s Dictionary) und amerikanischen (z.B. Webster´s Encyclopedic
Unabridged Dictionary) Allgemein-lexika gegenwärtig ebenfalls keinen Hinweis auf „Thumb Bibles“.   
Abb. 1 Titelblatt John Taylor, Verbum Sempiternum, London 1849. Wiedergabe nach Adomeit, 1980, 263.

Abb. 1 Titelblatt John Taylor, Verbum Sempiternum, London 1849. Wiedergabe nach Adomeit, 1980, 263.

Der Begriff „The Thumb Bible“ erschien zum ersten Mal in

gedruckter Form bei einem Reprint von John Taylors „Verbum Sempiternum“ im Jahre 1849 (siehe Abb. 1). Dass ein Buch
von 1614 einen solchen Zusatz bekommt, macht deutlich, dass es das Genre „Thumb Bible“ der Sache nach bereits seit
Anfang des 17. Jahrhunderts gibt. Recherchiert man mit „Thumb Bible“ im Internet, so wird man fündig, nicht zuletzt
dadurch, dass zahlreiche „Thumb Bibles“ zum Kauf angeboten werden.   

Der Begriff Daumen-Bibel/Thumb Bible hat

drei Bedeutungsaspekte:  

Erstens: Er bezeichnet eine besondere Buchform. Ein solches Bibelbuch stellt

eine Untergruppe der *Miniatur-Bücher* dar. Es ist damit ein Terminus für eine *bestimmte
    Publikationsform*. Für Miniaturbücher gilt im englisch-amerikanischen Raum eine Größe von 7,62 cm (= 3
inches) inklusive Einband als Obergrenze für die Höhe und die Breite. Im deutschsprachigen Bereich bildet die Größe
von 10 cm (= 4 inches) das Limit.   

Zweitens: Der Begriff ist die Bezeichnung für ein *literarisches

Genus*: ein religiöses Buch für die Hand der Kinder. Dabei handelt es sich um einen literaturwissenschaftlichen
Begriff.   
© Foto: Renate Rogall-Adam

Abb. 2 History of the Bible, Lansingburgh 1824

Drittens: Der Begriff stellt eine *Bezeichnung

für den Inhalt* dar. Es geht um religiöse Werke mit ausschließlich biblischen Inhalten in Wort und Bild. Konkret
geht es um Auszüge aus biblischen Geschichten in paraphrasierter Form oder auch in Versform. Für die Darbietung der
biblischen Inhalte werden mehrere tausend Wörter, in der Regel vier bis sechs tausend, benötigt.   

2009 wurde

in den USA der Begriff „Thumb Bible“ in das Regelsystem für das Katalogisieren von seltenen Drucken in Bibliotheken
aufgenommen. Dazu heißt es, dass es sich um „Miniaturbücher, die Summarien oder Auszüge von biblischen Texten in
Vers oder Prosa enthalten, in der Regel illustriert sind und hauptsächlich für Kinder hergestellt wurden“ (RMBS
Thesaurus) handelt. Mit Blick auf die Geschichte der Daumen-Bibeln/Thumb Bibles ist das eine angemessene
Beschreibung dieses Genres.  

1.2. Zur Druckgeschichte

In einem Zeitraum von drei Jahrhunderten (1601

bis 1908) sind über dreihundert Ausgaben von Daumen-Bibeln erschienen. Ruth Elizabeth Adomeit hat in der bereits
erwähnten Bibliographie für Amerika 156 Publikationen, für England, Schottland und Irland 89 Titel und für
Kontinental-Europa 51 Ausgaben aufgeführt. In Europa handelt es sich dabei um die Länder Deutschland (23 Titel),
Frankreich (13 Titel), Holland (14 Titel) und Schweden (1 Titel).   

Als erste Daumen-Bibel erschien in London

im Jahre 1601 „An Agnus Dei“. Der Verfasser hieß John Weever, ein junger Poet und Altertumsforscher. Der Text war in
Versform gefasst und enthielt nur das Neue Testament. Es erschienen drei weitere Auflagen (1603, 1606 und 1610).
Diese Veröffentlichung wurde bald von „Verbum Sempiternum/Salvator Mundi“ verdrängt. Dies Büchlein erschien erstmals
1614. Bei diesem Text handelt es sich um eine Paraphrase des Alten Testaments und Neuen Testaments. Dabei wurde die
Versform des jambischen Pentameter verwendet. Der Verfasser war der damals populäre Poet John Taylor. Das „Verbum
Sempiternum“ erschien in England und Amerika mit insgesamt 59 und in Frankreich mit sieben Drucken. 1908 wurde die
letzte Auflage gedruckt. Diese Daumen-Bibel erreichte die größte Auflagenzahl.  

Die erste Daumen-Bibel in

Prosaform erschien ein Jahrhundert später unter dem Titel „Biblia or a Practical Summary of ye Old & New
Testaments” (London 1727). Es ist ein Text im Geiste der puritanisch-reformierten Theologie. Diese Daumenbibel war
die Grundlage für die weitere Entwicklung dieses literarischen Genres. Unter unterschiedlichen Titeln und in
teilweise leicht veränderter Form erschien der Text in England und Amerika in zahlreichen Ausgaben. Darüber hinaus
gab es zusätzlich einige andere, weniger bedeutsame Daumen-Bibeln. Ende des 19. Jahrhunderts kam das Genre
„Daumen-Bibel“ an sein Ende. Die „Biblia“ von 1727 hatte 16 Illustrationen. Diese Anzahl von Bildern war eine Art
Standard. Später wuchs aufgrund billigerer Druckverfahren die Zahl der Bilder. Es konnte zu einem gleichen
Seitenzahl-Verhältnis von Text und Bild kommen (Weiteres zu den Daumen-Bibeln bei Bromer/Edison, 2007, 68-74; Bondy,
1988, 32-36, Bottigheimer, 1994, 78-82).  
© Foto: Gottfried Adam

Abb. 3 Biblia, or a Practical Summary of ye Old & New Testaments, London 1727 (1728 handschriftlich geändert)

Die Analyse der „Biblia“ von 1727 hat ein überraschendes

Ergebnis erbracht: Die Vorlage für das Text- und das Bildprogramm ist eine deutsche Miniaturbibel von 1705. Der
deutsche Text wurde größtenteils wörtlich ins Englische übersetzt, gelegentlich etwas modifiziert und um das
Vierfache erweitert. Bei dieser Vorlage handelt es sich um die „Biblia, oder Innhalt und Kern gantzer H. Schrifft“
(1705).  

2. Daumen-Bibeln in Deutschland

Vor dem Erscheinen der „Biblia“ von 1705 gab es noch eine

interessante Entwicklung, bei der Miniaturbibeln von den Bildern her konzipiert worden sind.   

2.1 „Dess

Alten Testaments Mittler“ und „Dess Neuen Testaments Mittler“ von Christina und Magdalena Küslin {#h4}  

Als erste

sind die beiden Bände mit dem Titel „Dess Alten Testaments Mittler“ und „Dess Neuen Testaments Mittler“ zu nennen
(Adomeit, 1980, 363). Bei dieser Veröffentlichung fehlen Ortsangabe und Erscheinungsjahr. Die Experten rechnen mit
dem Druckort Augsburg um 1690. Die Veröffentlichung enthält insgesamt 132 Kupferstiche zum Alten und 131
Kupferstiche zum Neuen Testament. Die Bilder wurden von den Kupferstecherinnen Johanna Christina und Maria Magdalena
Küslin aus Augsburg in Anlehnung an die „Icones biblicae“ (1625-1627) von Matthäus Merian, ihrem Großvater,
angefertigt.  
© Foto: Gottfried Adam

Abb. 4 Küslin, Christina/Küslin, Magdalena, Deß Alten Testaments Mittler, um 1690

Die Miniaturbilder selbst sind 3,3 x 3,5 cm groß. Bei

allen Bildern ist oberhalb des Bildes die Bibelstelle und unterhalb das Bildthema angegeben. Die Abb. 4 zeigt das
Titelblatt des alttestamentlichen Teiles. Darauf ist auf der linken Seite Mose und auf der rechten Seite Aaron zu
sehen. Oben in der Mitte ist das Dreieck als Symbol für die Trinität und unten in der Mitte die Erschaffung Adams
dargestellt. Beim Neuen Testament stellt der erste Kupferstich Christus als Retter der Welt im Typus des „Salvator
Mundi“ dar: Die rechte Hand hält Christus zum Segnen erhoben und in der linken Hand hält er die mit einem Kreuz
bekrönte Weltkugel. Die Kupferstiche ermöglichen eine viel genauere Darstellung der Themen, als dies mit
Holzschnitten möglich wäre. Selbst einzelne Gesichtsausdrücke wie Wut und Freude sind deutlich erkennbar. In
theologischer Hinsicht spiegeln die Bilder Martin Luthers Theologie von Sünde und Rechtfertigung wider.  

2.2

Die Miniaturbibeln von Christoph Weigel, dem Älteren  {#h5}  

Bei Christoph Weigel, dem Älteren, (1654 bis 1725) ist

die Herstellung von Kupferstichen ebenfalls zu einer Höchstform gekommen. Der Künstler hat drei Daumen-Bibeln
veröffentlicht, die im Format allerdings etwas außerhalb des englisch-amerikanischen, aber innerhalb des deutschen
Maßes für Miniaturbücher liegen.  
  • „Biblische Augen- und Seelen-Lust. Das ist, Die Heilige Geschichte alten [bzw. neuen] Testaments in Kupffer

    abgebildet und gestochen“, Augspurg 1696. Das Format ist 9,0 x 5,5 cm. Es sind 162 Kupfertafeln enthalten. Im
    Untertitel wird als Zweck ausdrücklich genannt, dass die Büchlein „Der Christlichen Jugend zu erbaulischer
    Ergezung herausgegeben“ worden sind.
  • „Biblia Ectypa Minora Veteris Testamenti Historias“/„Novum divini Nostri Iesu Christi Testamentum“, Augstae

    1696. Das Format ist 8,6 x 5,4 cm. Es sind 151 Kupferstiche enthalten, die 6,66 cm hoch sind. Die Themenangaben
    sind in lateinischer Sprache verfasst. Auch diese Ausgabe wurde „zum Vorteil der christlichen Jugend“
    herausgebracht. Diese Veröffentlichung ist ein Auszug aus der großformatigen „Biblia Ectypa. Bildnussen auß
    Heiliger Schrifft deß Alt- und Neuen Testaments“ (1695) von Ch. Weigel.
  • „Die Heilige Schrifft Alt und Neuen Testaments“, Nürnberg um 1700. Das Format ist 9,3 x 5,5 cm. Beide Teile

    haben je 80 Illustrationen. Auch in diesem Falle wird im Untertitel auf die Zweckbestimmung hingewiesen:
    „abgebildet der Christlichen Jugend zu nutzlicher Erbauung“.

    Der Kupferstecher, der diese Daumenbibeln erarbeitet hat, möchte nach eigener Aussage insbesondere Kinder und Jugendliche erreichen. Seine Konzeption sieht vor, dass die Daumen-Bibeln keine biblischen Texte in paraphrasierter Form enthalten. Bei ihm werden den Kupferstichen die biblischen Textstellen und das Thema des Bildes zugeordnet. Ein solcher Typ von Daumen-Bibeln findet sich nicht im englisch-amerikanischen Bereich. Er stellt ein deutsches Spezifikum dar.

2.3 Die „Altdorffer Biblia“ von G. C. Ganshorn

Am Ende von 2.1 war schon auf die

„Biblia, oder Inhalt und Kern gantzer H. Schrifft“, Verfertiget und vermehrt, Altdorff 1705 hingewiesen worden.
Diese Daumen-Bibel entspricht sowohl hinsichtlich der Größe als auch der Verteilung von Text und Bildern dem Genre
„Daumen-Bibel“ in seiner klassischen Form im englisch-amerikanischen Bereich. Der Autor der „Biblia“ war Georg
Christoph Ganshorn (1641-1711). Er war in Altdorff als Lehrer tätig und als Verfasser von populärer religiöser
Literatur bekannt..  

Die erste Auflage dieser Daumen-Bibel erschien 1705 in Nürnberg. Im gleichen Jahr folgte

eine zweite bearbeitete Auflage in der Universitätsstadt Altdorff, die nahe bei Nürnberg gelegen ist. Diese zweite
Auflage bildete die Basis für alle weiteren Drucke und die Übersetzung ins Englische. Letztmalig wurde das Büchlein
im Jahre 1945 in Münsingen gedruckt. Im Laufe der Zeit erschienen insgesamt 26 Auflagen in deutscher Sprache und
zwei Ausgaben in Niederländisch. Was die Verbreitung der „Biblia“ betrifft, so kann man durchaus von einer
erfolgreichen Veröffentlichung sprechen.  

Die zweite Auflage der „Biblia“ enthält in ihrem Hauptteil (S. 1-110)

ausgewählte biblische Inhalte. Sie reichen von der Schöpfung bis zur Wiederkunft Christi. Daran schließt sich ein
Anhang an, in dem systematisch-theologische Fragen zur Trinität und zur Gegenwart Christi im Abendmahl (S. 111-141)
behandelt werden.   

Die ausgewählten biblischen Texte folgen in der Anordnung der biblischen Reihenfolge. Ihnen

wird mit Buch I, das der Gottesfrage gilt, ein Einstieg vorgeschaltet, der eine systematisch-theologische Darlegung
zum Thema Gott bietet. Gott wird hier u.a. bezeichnet „als das allervollkommenste und allerseeligste Seyn oder Ding.
Im Wesen geistlich und ewig, in der Persönlichkeit dreieinig“. Beim näheren Hinschauen zeigt sich: G. Ch. Ganshorn
hat den Text seines Gotteskapitels wörtlich aus dem „Orbis Sensualium pictus“, dem ersten bebilderten Jugendbuch
übernommen. Johann Amos Comenius hatte es im Jahre 1658 herausgebracht. Auch bei dem zugeordneten Symbolbild zur
Trinität ist eine Nähe zum entsprechenden Bild bei Comenius zu erkennen.   
© Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Abb. 5 „Heilig-Heilig-Heilig. Symbolbild zur Trinität, in: Ganshorn, Biblia von 1705, 4/5

Der alttestamentliche Teil ist untergliedert in ein Buch

II, das der Schöpfungsthematik gilt, und ein Buch III, das sowohl auf die Erzväter, als auch auf die Propheten und
ihre Weissagungen des Messias eingeht. Dem Text sind ein Symbolbild zur Schöpfung durchs Wort und ein Bild von Aaron
als Vertreter der Priesterschaft beigegeben.   

Der neutestamentliche Teil der „Biblia“ ist untergliedert in

zwei Teile. Buch IV enthält Texte zur Person und zur Botschaft Jesu. Im Buch V werden Texte zum Jüngsten Gericht und
Weltende dargeboten. Inhaltliche Schwerpunkte sind dabei einerseits die Kindheitsgeschichten, die Passion, die
Auferstehung und die Himmelfahrt, andererseits das Ende der Welt und das Jüngste Gericht. Im Vergleich zu den
anderen Büchern ist dieser Teil ziemlich umfangreich gehalten. Die Gerechten und Auserwählten gehen ein „ins ewige
Leben“, die Gottlosen und Verdammten werden „in das höllische Feuer verstoßen, allda … ohne einziges Aufhören
gemartert, gepeinigt und gequälet zuwerden ewiglich“. Mit diesen Worten endet die Daumen-Bibel.  
© Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Abb. 6 „Entdeckt“. Bild zur Geburtsgeschichte, in: Ganshorn, Biblia von 1705, 50/51

© Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Abb. 7 „Das Ende“. Bild zum Jüngsten Tag, in: Ganshorn, Biblia von 1705, 98/99

Die theologische

Leitlinie der „Biblia“ ist die Gottesfrage und das Interesse an Jesus als dem wahren Menschen und wahren Gott. Der
Umgang mit der Bibel ist von einem Verständnis der Bibel als Gottes Offenbarung gekennzeichnet. Mit der
typologischen Methode wird die Verknüpfung von Altem und Neuem Testament hergestellt. Im Alten Testament sind die
„Typen“ oder „Vorabschattungen“ enthalten. Im Neuen Testament findet die Geschichte des Heils in den „Antitypen“
ihre Erfüllung. Dieses theologische Konzept wird bereits im Titelbild erkennbar: Auf der linken Bildseite ist hier
Mose erkennbar und auf der rechten Seite Christus zu sehen. Mose wird mit den beiden Tafeln des Gesetzes
dargestellt. Christus ist von einem Glorienschein umgeben und hält in seiner rechten Hand eine Lampe.  
© Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Abb. 8 Frontispiz, in: Ganshorn, Biblia von 1705

Dieser zweifache Bezug auf das Licht weist auf Joh. 8,12 „Ich bin das Licht der Welt“ hin.

Die Zuordnung von Altem Testament/Mose und Neuem Testament/Christus unterstreicht den typologischen Zusammenhang der
beiden Testamente (vgl. <a rel="bibelstellenPopup" class="bibelstelle" href="https://www.bibelwissenschaft.de/de/bibeltext/Joh%201%2C17//bibel/text/lesen/ch/8f25c1d7123125a9ba482f5ffcdb681d/">Joh 1,17</a>). Das
Bildmotiv wurde auch in das Frontispiz der „Biblia“ von 1727 übernommen (siehe Abb. 3).  

Das Bild- und

Textprogramm der „Biblia“ von 1705 sind gut aufeinander abgestimmt. Die Verwendung der typologischen Methode beim
Bibelgebrauch und der Verzicht auf eine anthropomorphe Darstellung Gottes sind wichtige Merkmale der Altdorffer
„Biblia“. Diese theologischen Positionen ermöglichten es dem Verfasser der „Biblia“ von 1727, an die deutsche
Miniaturbibel anzuknüpfen und sie im Rahmen einer reformiert-puritanisch ausgerichteten Theologie aufzunehmen und
weiter zu entwickeln. Dabei wurde die Typologie weiter ausgebaut und die Periodisierung der Heilsgeschichte in die
drei großen Zeitalter (vor dem Gesetz – unter dem Gesetz – unter der Gnade) weiter entfaltet.  

3.

Religionspädagogische Anregungen {#h7}  

Nach einem Einblick in die Daumen-Bibel-Thematik stellt sich die Frage:

Welches religionspädagogische Anregungspotential ergeben sich daraus für die Gegenwart? Dazu soll zunächst auf das
Vorwort der „Biblia, or Practical Summary“ von 1727 Bezug genommen werden. Dort wird die folgende Analyse
vorgelegt:  

„Es ist eine betrübliche Beobachtung, dass in einem Land, wo jedermann eine Bibel zur Hand hat, so viele Menschen unwissend sind im Blick auf die grundlegenden Prinzipien der Heilsworte Gottes.

[Nämlich] wie die unendliche Weisheit von Beginn an auf unterschiedliche Weise ihren Willen den Menschen mitgeteilt hat und wie alle früheren Phasen des Heilsplans der göttlichen Fürsorge und Liebe ihre Erfüllung in Jesus Christus gefunden haben.“

Als Schlussfolgerung und Intention der

Veröffentlichung wird herausgestellt, dass es darum geht, zu einer regelmäßigen und aufmerksamen Lektüre der Schrift
hinzuführen. Damit wird formuliert, dass die Daumen-Bibeln einen wichtigen Anteil an der religiösen Bildung
beanspruchen und leisten wollen. Eine Anleitung zur regelmäßigen und aufmerksamen Lektüre der Schrift wird in
Vorworten von Daumen-Bibeln deutlich formuliert:  
  • Es wird auf die kindgemäße Auswahl der Texte und der Sprache verwiesen.
  • Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Lektüre der Daumen-Bibel zum Lesen der Vollbibel hinführen soll.

  • Im Gefolge der Aufklärung wird geltend gemacht, dass die Daumen-Bibeln auch der Unterhaltung dienen können.
  • Es wird auf die Faszinationskraft von Miniaturbüchern auf Kinder aller Altersstufen hingewiesen. Minibücher sind

    einfach „cool“, würde man heute sagen.

    Daumen-Bibeln haben Anteil daran, was eine Kinderbibel leisten soll und kann. Ihr Spezifikum liegt in ihrer Miniaturform. So löst z.B. das Betrachten einer Daumen-Bibel bei Menschen Interesse aus. Sie sind erstaunt, was in solch einem kleinen Buch alles zu finden ist – als Text und als Bild.

Im Übrigen ist es ganz praktisch, wenn

man seine Bibel in einer Hosen- oder Jackentasche tragen kann. Dieser Gesichtspunkt war bei einer gegenwärtigen
Miniaturbibel, der „Hosentaschenbibel“ von Horst Heinemann, leitend. Für die Darstellung der biblischen Themen
wählte der Autor die Form der Erzählbilder. Er verzichtete darauf, biblische Texte und Bilder zu verbinden, sondern
präsentierte in seiner „Hosentaschenbibel“ 28 biblische Schlüssel-Geschichten. Als ein Beispiel ist das Bild zur
Noah-Geschichte zu sehen. Mit seiner Vorgehensweise schließt H. Heinemann sich in gewisser Weise an die Tradition
von Johanna Christina und Maria Magdalena Küslin und Christoph Weigel an.   
Abb. 9 Heinemann, Horst, Hosentaschenbibel, Fuldatal 4. Aufl. 2011, Abb. 3.

Abb. 9 Heinemann, Horst, Hosentaschenbibel, Fuldatal 4. Aufl. 2011, Abb. 3.

Die folgenden Geschichten der Bibel wurden für die

„Hosentaschenbibel“ ausgewählt:  

ALTES TESTAMENT:

  • Gottes Garten
  • Kain und Abel
  • Noahs Rettung
  • Abrahams Aufbruch
  • Die Himmelsleiter
  • Josef
  • Der kleine Mose
  • Moses Berufung
  • Rettung am Meer
  • Der kleine David
  • David und Goliath
  • Jesajas Traum

NEUES TESTAMENT

  • Weise aus dem Morgenland
  • Jesu Taufe
  • Der Fischzug des Petrus
  • Fünf Brote und zwei Fische
  • Das verlorene Schaf
  • Der verlorene Sohn
  • Jesus und die Kinder
  • Der barmherzige Samariter
  • Zachäus
  • Der Einzug Jesu
  • Das Abendmahl
  • Verleugnung des Petrus
  • Die Kreuzigung Jesu
  • Die Emmausjünger
  • Das Pfingstfest
  • Bekehrung des Paulus

Im Folgenden werden einige Möglichkeiten genannt, das

Konzept der Daumen-Bibel in den Prozess religiöser Bildung einzubeziehen:  

Die „Hosentaschenbibel“ eignet sich gut zur Verwendung in der → Kindertagesstätte.

Man kann Jugendliche an der Erstellung einer Daumenbibel beteiligen: z.B. In der 5./6. Klasse oder im Konfirmandenunterricht (→ Konfirmandenunterricht/Konfirmandinnenarbeit), wenn es um das Thema „Einführung in die Bibel“ geht. Mögliche Impulse:

  • Welche Formen der Präsentation/Ausgaben der Bibel gibt es?
  • Welche 24 biblischen Geschichten würdet ihr für eine Daumen-Bibel auswählen?

    In der Oberstufe Verwendung im Rahmen eines Kurses zur Bibel. Mögliche Impulse:

  • Erarbeitet in Gruppen eine Daumen-Bibel für Kinder. Welche biblischen Geschichten sollen aufgenommen, welche Geschichten bebildert werden? Welcher Satz ist ein Summarium der jeweiligen Geschichte?

Dabei ist es hilfreich, dass die kleine Form einfach fasziniert, Menschen anspricht und ins Nachdenken

führt.  

Literaturverzeichnis

  • Adam; Gottfried, „Thumb Bible“/„Daumenbibel“. Zu einem übersehenen Genre von Biblische Geschichten-Büchern, in: Schlag, Thomas/Schelander, Robert (Hg.), Moral und Ethik in Kinderbibeln, Arbeiten zur Religionspädagogik 46, Göttingen 2011, 175-204.
  • Adomeit, Ruth E., Three Centuries of Thumb Bibles. A Checklist, Garland Refernce Library of the Humanities 127, New York u.a. 1980.
  • Biblia, or a Practical Summary of ye Old & New Testaments, London 1727.
  • Bondy, Louis, Miniaturbücher von den Anfängen bis heute, München 1988, 32-36.
  • Bottigheimer, Ruth B., [Ausstellungskatalog] Children´s Bibles, Sacred Stories. Eternal Words, and Holy Pictures. Houghton Library. Harvard University. 12. September – 28 October 1994, Stony Brook, NY 1994, 68-82 (“Abridgments and Miniatures”).
  • Bromer, Anne C./Edison, Julian I., Miniature Books. 4.000 Years of Tiny Treasures, New York 2007 (Das beste Buch zu Miniaturbüchern. In Kap. V. werden die Daumen-Bibeln behandelt).
  • Cambridge Advanced Learner´s Dictionary. Online.
  • Die Zeit. Das Lexikon in 20 Bänden, Hamburg u.a. 2005.
  • Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts, www.dwds.de; abgerufen am 26.06.2018.
  • Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, Mannheim 3. Aufl. 1999.
  • Duden. Die deutsche Rechtschreibung, Berlin 27. Aufl. 2017.
  • Ganshorn, Georg Christoph, Biblia oder Innhalt und Kern gantzer H. schrifft. Verfertiget und vermehrt …, Altdorff 1705 (Abk.: Biblia von 1705).
  • Heinemann, Horst (Hg.), Hosentaschenbibel. Mit Bildern von Gabriele Hafermaas, Fuldatal 4. Aufl. 2011.
  • Heinemann, Horst (Hg.), Die Erzählgeschichten zur Hosentaschenbibel, Fuldatal 2012; siehe auch zum Konzept und allen Erzählbildern www.hosentaschenbibel.de; abgerufen am 26.06.2018
  • RMBS (Rare Books and Manuscripts Section der American Library Association) Thesaurus, https://rbms.info/vocabularies/genre/tr780.htm; abgerufen am 27.06.2018.
  • Taylor, John, Verbum Sempiternum/Salvator Mundi, London 1614; ferner Ausgabe London 1849.
  • Webster´s Encyclopedic Unabridged Dictionary of the English Language by Merriam-Webster, USA 2001.
  • Weigel, Christoph, Biblische Augen- und Seelen-Lust, Augspurg 1696.
  • Weigel, Christoph, Biblia Ectypa Minora Veteris Testamenti Historias/Novum divini Nostri Iesu Christi Testamentum, Augustae 1696.
  • Weigel, Christoph, Die Heilige Schrift Alt und Neuen Testaments abgebildet, Nürnberg um 1700.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Titelblatt John Taylor, Verbum Sempiternum, London 1849. Wiedergabe nach Adomeit, 1980, 263.
  • Abb. 2 History of the Bible, Lansingburgh 1824 © Foto: Renate Rogall-Adam
  • Abb. 3 Biblia, or a Practical Summary of ye Old & New Testaments, London 1727 (1728 handschriftlich geändert) © Foto: Gottfried Adam
  • Abb. 4 Küslin, Christina/Küslin, Magdalena, Deß Alten Testaments Mittler, um 1690 © Foto: Gottfried Adam
  • Abb. 5 „Heilig-Heilig-Heilig. Symbolbild zur Trinität, in: Ganshorn, Biblia von 1705, 4/5 © Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
  • Abb. 6 „Entdeckt“. Bild zur Geburtsgeschichte, in: Ganshorn, Biblia von 1705, 50/51 © Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
  • Abb. 7 „Das Ende“. Bild zum Jüngsten Tag, in: Ganshorn, Biblia von 1705, 98/99 © Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
  • Abb. 8 Frontispiz, in: Ganshorn, Biblia von 1705 © Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
  • Abb. 9 Heinemann, Horst, Hosentaschenbibel, Fuldatal 4. Aufl. 2011, Abb. 3.
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