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Lexikon

Zukunft

Uta Schmidt

(erstellt: Juli 2018)

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Eschatologie; → Zeit / Zeitverständnis

Im biblischen Hebräisch gibt es kein eigenes Wort für „Zukunft“, doch ist der Begriff in der theologischen Reflexion des Alten Testaments zentral, da viele Texte des Alten Testaments sich mit damit befassen, was kommen wird. Verheißungen (→ Verheißung / Erfüllung) spielen in erzählenden Texten und prophetischer Rede eine wichtige Rolle. Auch Bitten und Vertrauensaussagen in den → Psalmen sind auf zukünftiges Geschehen ausgerichtet. In unterschiedlicher Form hat → Prophetie die von Gott angekündigte, angedrohte oder zugesicherte Zukunft zum Thema (→ Prophetische Redeformen). Unter dem Begriff der Heilszeit wird in der alttestamentlichen Exegese und Theologie die von Gott versprochene gute Zukunft behandelt (→ Eschatologie; → Apokalyptik). In jüngerer Zeit wird jedoch betont, dass nicht jede Rede von zukünftigen Dingen im Alten Testament zwangsläufig eschatologisch zu verstehen ist.

1. Zukunft im Rahmen alttestamentlicher Zeitvorstellungen

1.1. Zukünftige Zeiten statt einer abstrakten Zukunft

Zukunft ist ein Sonderfall von Zeit (→ Zeit / Zeitvorstellungen), die wiederum ein kulturhistorisches und damit ein sich veränderndes Phänomen ist (Hölscher; Maurer, 147-164). Zeit wird heute in der Regel als eine aus leeren, aufeinander folgenden und immer gleichen, messbaren Einheiten bestehende Größe verstanden. Zukünftige Zeit wird somit als plan- und gestaltbar gedacht, oft auch räumlich als ‚offener Raum‘. Dahinter steht ein von Isaac Newton herrührender abstrakt-mathematischer Zeitbegriff (vgl. Gloy, 162f: „Unendlichkeit, Homogenität, Mathematizität [Quantifizierbarkeit], Formalität“), was nicht bedeutet, dass es gegenwärtig nicht auch andere Zeitvorstellungen gäbe. Diese dominante Vorstellung von Zeit und Zukunft ist ein Phänomen der Neuzeit (Hölscher, 19), während im Alten Testament ein abstrakter Zeit- und Zukunftsbegriff kaum zu finden ist. Dennoch ist in den Texten des Alten Testaments in vielfältiger Weise von Zukunft die Rede, jedoch in der Regel konkret und im Plural, in Form von zukünftigen Dingen und Entwicklungen.

Gerhard von Rad hatte betont, dass im Alten Testament nicht von abstrakter, sondern von „gefüllter Zeit“ auszugehen sei (v. Rad, 113: „Hat Israel die Vorstellung der absoluten und sich einlinig erstreckenden Zeit nicht gekannt, so scheint weiter festzustehen, daß es außerstande war, die Zeit von dem jeweiligen Geschehen zu abstrahieren. Es konnte sich eine Zeit ohne ein bestimmtes Geschehen gar nicht denken; es kannte nur ‚gefüllte Zeit‘.“). Dies entspricht der Vorstellung der „Handlungszeit“ oder „Ereigniszeit“, wie sie gegenwärtig in verschiedenen Disziplinen beschrieben wird (Sozialpsychologie, Ethnologie, Philosophie, Geschichtswissenschaften, Soziologie). Damit wird ein Verständnis von Zeit im Plural als unterschiedliche Zeiten bezeichnet, welche durch entsprechende Handlungen und Ereignisse ihre jeweils eigene Qualität haben. Zeit und Zukunft im Alten Testament lassen sich mit diesem Modell gut beschreiben (vgl. Gen 1; Pred 3,1-9). Häufig werden solche Zeiten mit den Begriffen עֵת ʻet „Zeit / Zeitspanne“ und יוֹם jôm „Tag“ ausgedrückt (→ Tag / Tageszeiten).

Die Qualität der jeweiligen zukünftigen Zeiten hängt von angekündigten, angedrohten oder verheißenen Handlungen und Ereignissen ab (s. z.B. Ankündigungen künftigen Unheils oder Heils, das Jhwh anbrechen lässt, wie Mi 3,4 „… und er wird in jener Zeit sein Angesicht vor ihnen verbergen…“; Jes 49,8 „zur Zeit [עֵת ʻet] des Wohlgefallens“, „am Tag [יוֹם jôm] der Rettung“). Die Vorstellung einer heilvollen Zukunftszeit, die qualitativ anders als alle bisherigen Zeiten ist (vgl. Jes 43,19; Jes 65,17), kann im Kontext von → Eschatologie als Ziel aller Zeiten beschrieben werden. Doch handelt es sich auch dabei um eine Zeit mit eigener Qualität, die sich durch Beständigkeit und Dauerhaftigkeit auszeichnet (s.u. 2.2. zu עוֹלָם ʻôlām). Eine neuzeitlichen Vorstellung von „Ewigkeit“ im Sinne mathematischer Unendlichkeit, d.h. einer nie endenden Abfolge gleicher Zeiteinheiten, ist davon zu unterscheiden.

1.2. Zukunft im Kontext der These von „zyklischer“ und „linearer“ Zeit

Die Unterscheidung von zyklischer und linearer Zeit, die in der alttestamentlichen Wissenschaft eine wichtige Rolle gespielt hat, dient bis heute der Beschreibung unterschiedlicher Typen von Zeitstrukturierung (→ Zeit). Als zyklisch werden dabei Zeitvorstellungen bezeichnet, die von regelmäßig wiederkehrenden Zeiten ausgehen, wie im agrarischen Jahreslauf, aber auch generell einem Kreislauf von Werden und Vergehen. Als lineare Zeitvorstellung bezeichnet man hingegen eine, die eine einmalige Entwicklung beschreibt und auf ein Ziel im weitesten Sinne zuläuft, wie die individuelle Biographie oder im Kontext der Theologie die Heilsgeschichte. Widerlegt ist inzwischen die Vorstellung, dass eine lineare, auf die zukünftige Heilszeit ausgerichtete Zeitwahrnehmung in Israel im Gegensatz zu einer zyklischen Zeitvorstellung im Alten Orient gestanden habe (vgl. v. Rad, 112-125). Zyklische, besser rhythmische, und lineare, zielgerichtete Zeitabläufe sind im Alten Testament durchaus zu beobachten, allerdings nebeneinander und aufeinander bezogen, nicht alternativ (vgl. Müllner; Schwienhorst-Schönberger). Diese führen zu jeweils unterschiedlichen Zukunftsvorstellungen. Rhythmisch bzw. zyklisch wiederkehrende Abläufe vermitteln den Eindruck einer beständigen, überschaubaren, da aus der Vergangenheit und Gegenwart ableitbaren Zukunft. Dies kann beruhigend (Gen 8,22; Ex 13,10) oder aber entmutigend (1Sam 1,3-8; 2Sam 11,1) sein. Auch Festkalender (→ Fest [AT]; Ex 23,14-19; Ex 34,18-26; Lev 23; Dtn 16,1-17) sind ein Mittel, um zukünftige Zeiten mit den gleichen Rhythmen wie die vergangenen Zeiten theologisch zu strukturieren. Mit linearen und zielgerichteten Zeitabfolgen verbindet sich hingegen die Entwicklung unerwarteter, evtl. auch unabsehbarer zukünftiger Zeiten, was wiederum beängstigend sein oder Hoffnung wecken kann (z.B. Ex 3,7-22; Am 8; s.o. prophetische Unheils- und Heilsankündigung).

2. Zukunft im biblischen Hebräisch

2.1. Verben

Für das Verständnis alttestamentlicher Zukunftsaussagen sind einige Unterschiede zwischen hebräischer und deutscher Sprache wichtig, die dazu führen, dass die gleichen hebräischen Verbformen präsentisch und futurisch ins Deutsche übersetzt werden können. Während im Deutschen mit jeder finiten Verbform eine zeitliche Einordnung verbunden ist, ist für das Hebräische umstritten, inwiefern Verbformen überhaupt temporal festgelegt sind. Denn für das Althebräische ist die Kategorie des „Aspekts“ relevant.

Im Aspektsystem wird die Bezeichnung einer Handlung dahingehend unterschieden, ob sie insgesamt und abgeschlossen dargestellt und damit von außen wahrgenommen wird, – dies bezeichnet man als ‚perfektiv‘ – oder unabgeschlossen und aus der Innensicht, folglich im Hinblick auf Anfang und / oder Schluss nicht überschaubar – dann spricht man von ‚imperfektiv‘. Diese Unterscheidung kann sich zwar mit Tempuskategorien überschneiden, ist aber grundsätzlich nicht temporal festgelegt (perfektiv, d.h. abgeschlossen, kann eine Handlung in der Vergangenheit sein, vgl. dt. Perfekt, aber auch in der Zukunft, vgl. Futur II). Auch zukünftige Sachverhalte können, wenn es sich um solche handelt, die noch ausstehen, als perfektiv eingeordnet werden, oder, wenn sie bisher noch unabgeschlossen sind, als imperfektiv. Die Einschätzungen, in welchem Maße die hebräischen Verbformen allein über den Aspekt Auskunft geben oder im Zusammenhang damit auch etwas über das Tempus aussagen, sind sehr unterschiedlich. Exemplarisch seien hier Diethelm Michel genannt, der davon ausgeht, dass die Verbformen vor allem über den Aspekt Auskunft geben, und Rüdiger Bartelmus, der für das Hebräische ein Tempussystem annimmt, dem die Aspektkategorie untergeordnet ist. Er verbindet darin in der Regel Perfekt / qatal, Partizip / qotel, Imperfekt / jiqtol mit den Zeitstufen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bzw. Vor-, Gleich- und Nachzeitigkeit.

Nur wenn man davon ausgeht, dass die Verbformen vor allem oder auch temporal bestimmt sind, kann man mit diesen begründen, ob ein Text über Zukunft spricht oder nicht. Wenn man die Verbformen vor allem aspektual versteht, geben nur Tempusmarker im Text (s.u.) eindeutige Hinweise über die temporale Einordnung einer Aussage. Weitgehende Einigkeit besteht darüber, dass in der Regel Vergangenheit von Nicht-Vergangenheit gut unterschieden werden kann, während der Unterschied zwischen Gegenwart und Zukunft sprachlich oft nicht markiert ist (Tropper, 160f). (Vgl. z.B. Ps 55,17 Lutherbibel 2017 „Ich aber will zu Gott rufen und der Herr wird mir helfen [ ישׁעHifil jiqtol].“ Elberfelder Übers. 2006 „… hilft mir.“).

Ebenso sind oft unterschiedliche Übersetzungen der gleichen hebräischen Verbform in modale bzw. volitive und indikativisch-futurische Formen im Deutschen möglich („sie soll / will / möge“ vs. „sie wird“). Damit ist eine Abstufung in Zuverlässigkeit, Bestimmtheit und Modus von Zukunftsaussagen verbunden, wo im Hebräischen nicht differenziert wird (vgl. Gen 3,16 Lutherbibel 2017 „Ich will dir viel Mühsal schaffen [ רבהrbh Hifil jiqtol], wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären [ ילדjld Qal jiqtol].“; Zürcher Übersetzung 2007 „Ich mache dir viel Beschwerden und lasse deine Schwangerschaften zahlreich sein, mit Schmerzen wirst du Kinder gebären.“). Die Entscheidung, ob eine Aussage zukünftig zu übersetzen ist oder nicht, steht folglich häufig in engem Zusammenhang mit der theologische Deutung.

2.2. Tempusmarker

Eindeutiger ist die Einordnung von Zukunftsaussagen, wenn dies im Hebräischen durch Tempusmarker angezeigt wird („temporale Deixis“, Hardmeier, 94-96). Durch die Wendungen mit dem Begriff „Generation“ (דּוֹר dôr; z.B. דּוֹר דּוֹרִים dôr dôrȋm Generation um Generation, s. Ps 72,5; לְדֹר וָדֹר lədor wādor „Generation zu Generation“, vgl. Ps 89,2) werden beständige, aus der Gegenwart ableitbare zukünftige Zeiten (s. rhythmische Zeit) markiert (Gerlemann, 444: „Die Vergangenheit wie die Zukunft wird als eine Abfolge vieler, aneinandergereihter Generationen beschrieben.“).

Ausdrücklich auf die Zukunft verweist אַחֲרִיתaḥărȋt mit der Grundbedeutung „was nachher kommt“ (Jenni 2004, 115), wodurch unterschiedliche Entfernung zur Gegenwart ausgedrückt werden kann: eine spätere, folgende Zeit im Sinne von Zukunft oder die letzte Zeit, das Ende (z.B. Jer 29,11; Ps 37,37; Spr 19,20). Dies gilt auch für die Wendung בְּאַחֲרִית הַיָּמִים bə’aḥărît hajjāmîm, die entsprechend „in den Tagen, die nachher kommen“ übersetzt werden kann (Dtn 4,30; Jer 23,20; Mi 4,1).

Die formelhafte Wendung בַּיּוֹם הַהוּא bajjôm hahûʼ „an jenem Tag“, kann auf eine vergangene Zeit (v.a. in erzählenden Texten; z.B. Gen 15,18; Jos 24,25; 1Sam 12,18) oder auf eine Zeit in der Zukunft hinweisen (v.a. in prophetischer Rede, z.B. Jes 7,20.21.23; Jes 10,20; ein Zusammenhang mit dem → Tag Jahwes liegt nur vor, wenn dieser auch im Kontext erscheint, z.B. Joel 4,18; Zef 1,9). Der Begriff עוֹלָם ʻôlām markiert eine große zeitliche Entfernung von der Gegenwart in die Vergangenheit (vgl. Am 9,11; Ps 77,6) oder Zukunft (z.B. Ex 3,15; 1Kön 1,31; Ps 10,16; Jes 54,8). עוֹלָם ʻôlām wird traditionell, aber missverständlich mit „ewig“ übersetzt (s.o. zu Ewigkeit im Sinne von Unendlichkeit). Treffender ist die Übersetzung mit „für immer, (in) fernste(r) Zeit“, wobei damit auch Dauerhaftigkeit und Beständigkeit dieser Zeit signalisiert werden (s.o. zur Qualität zukünftiger Zeiten; Jenni 1953).

Die Deutung alttestamentlicher Aussagen als futurisch und umso mehr als eschatologisch hängt häufig von der theologischen Deutung der Stelle und ggf. der jeweiligen Definition von Eschatologie ab.

3. Formen der Rede von Zukunft

Zukunft wird in den Texten des Alten Testaments selbstverständlich an vielen Stellen und in unterschiedlichster Form thematisiert. Durch verschiedene literarische Gattungen und Strategien wird erfassbar, was noch nicht ist. Dazu gehören die Festlegung zukünftigen Geschehens in Erzählungen, die Markierung einer unumkehrbaren Wende, die Bestimmung zukünftigen Verhaltens durch Ordnungen, Gebote und Gesetze, die Entfaltung des noch Unbekannten in verschiedensten Bildern, die Verbindung von gegenwärtiger oder vergangener Tat mit ihren Folgen oder die Berechnung aller kommenden Zeiten in Perioden und Abschnitten. Im Folgenden werden nur ausgewählte, für die jeweiligen Textbereiche typische Formen der Rede von Zukunft aufgeführt.

3.1. Pentateuch

In der → Urgeschichte ist Zukunft im grundsätzlichen Sinne ein Thema (→ Pentateuch). Denn die Erzählungen in Gen 1-11 handeln von Gottes Festlegungen für die Welt für alle Zeiten (z.B. Gen 1,26-28; Gen 8,21-22; Gen 9,11.15). Alles Zukünftige von Anbeginn an wird hier entworfen und noch in der Urgeschichte selbst mit Veränderungen konfrontiert, die aber ebenfalls für alle Zukunft der Welt und der Menschheit bestimmend sind (vgl. z.B. Gen 2 vs. Gen 3-4), sodass diese von Anfang an in der Spannung von ‚ideal‘ und ‚real‘ konzipiert wird.

Im weiteren Pentateuch werden, immer wieder mit der Formulierung „nicht / nie mehr“ (לֹא עוֹד lo’ ‘ôd), Weichenstellungen für die gesamte weitere Zukunft Israels formuliert. In Gen 32,29; Gen 35,10 wird durch die Umbenennung → Jakobs in → Israel eine Veränderung markiert, durch die ab diesem Zeitpunkt eine grundsätzlich neue Zeit beginnt, die in alle Zukunft währen soll.

Zentrale Zukunftsbedeutung haben die Verheißungen der Erzelternerzählungen (→ Verheißung / Erfüllung; → Väterverheißungen), die für die → ErzelternNachkommen, → Land und → Segen verheißen und damit die Zukunft des Volkes Gottes sowie damit verbunden der Völkerwelt als einer großen Familie von Gott her entwerfen (Gen 12,2-3.7; Gen 15,5; Gen 16,10; Gen 17,1-8; Gen 28,1-4; Gen 35,9-12; Gen 46,2-4; Gen 50,24 u.ö.). In den Erzählungen des Pentateuch ist dabei eine Verschränkung der Zeiten zu beobachten: Die Perspektive der Erzählinstanz ist immer rückblickend auf die Vergangenheit gerichtet. In der erzählten Zeit jedoch wird der Ausblick auf die kommenden Zeiten dargestellt, für die das Erzählte für immer gelten soll (vgl. z.B. Gen 2,21-24).

Anders ist dies bei Gesetzestexten (→ Recht), die insgesamt auf die Zukunft hin ausgerichtet sind, indem durch Appellative zukünftiges Verhalten gefordert und durch konditionale Formulierungen für bestimmte Situationen eine entsprechende Folge in Zukunft angekündigt wird (vgl. z.B. Ex 22,20-23). In spezieller Weise formulieren die Festkalender Strukturen und Vorgaben für regelmäßig wiederkehrendes zukünftiges Handeln (vgl. 1.2.; Ex 23,14-19; Ex 34,18-26; Lev 23; Dtn 16,1-17; → Fest [AT]).

Auch im Kontext von Ordnungen, Bestimmungen und Gesetzen wird häufig ein Wendepunkt markiert, von dem ab Zukunft beeinflusst werden soll, z.B. über die Reglementierung von zukünftigem Verhalten (vgl. Lev 17,7 „[…] Das soll ihnen eine ewige Ordnung sein von Geschlecht zu Geschlecht“) oder die Einsetzung von Gerichtswesen und Gesetzen, (vgl. Dtn 17,13 „[…] auf dass alles Volk aufhorche und sich fürchte und nicht mehr vermessen sei.“; Dtn 19,20 „[…] auf dass die andern aufhorchen, sich fürchten und hinfort nicht mehr solche bösen Dinge tun in deiner Mitte“).

Alle hier vorgestellten Formen der Zukunftsdarstellung in den Texten dienen der Kontingenzbewältigung, indem sie dem, was bisher nicht erfahrbar und damit ungewiss ist, einen Rahmen geben, der immer von Gott her bestimmt ist.

3.2. Prophetie

Prophetie im alten Israel war immer weit mehr als bloße Vorhersage der Zukunft, vielmehr hat prophetische Rede über zukünftige Dinge meist einen gegenwartskritischen Aspekt (→ Prophetische Redeformen). Auch bei Praktiken oder Fragen, die zukünftiges Geschehen betreffen, liegt der Fokus nicht darauf, die Zukunft vorauszusehen, sondern den Willen oder die Pläne Gottes für eine bestimmte Angelegenheit zu ergründen (z.B. 1Sam 9,6-17; 1Sam 23,2-5; 1Sam 28; 2Kön 20,1-11). Prophetie hat in unterschiedlicher Form die von Gott angekündigte, angedrohte oder zugesicherte Zukunft zum Thema. Unter dem Begriff → „Eschatologie“ wird dabei in der alttestamentlichen Exegese und Theologie die endgültige oder ultimative Zukunft betrachtet, die von Gott durch einen großen Umbruch herbeigeführt und mit nichts zu vergleichen sein wird (→ Apokalyptik). In vielfältigen Bildern und Vorstellungskomplexen wird diese Zukunft in prophetischen Texten, aber auch in den Psalmen entfaltet (z.B. Vorstellung eines zukünftigen idealen Königs, Jes 9,1-6; Mi 5,1-5; Am 9,11-12 [→ Messias]; Gottes endgültige Königsherrschaft, Ps 145; Dan 7,26-27 [→ Königtum Gottes]; → Zion als Ort des idealen → Friedens und der Gegenwart Gottes Jes 52,7-10; die Veränderung der ganzen → Schöpfung Jes 65,17-25; u.a.). In jüngerer Zeit wird jedoch betont, dass nicht alle Rede von zukünftigen Dingen im Alten Testament zwangsläufig eschatologisch zu verstehen ist.

In anderen Zusammenhängen äußert sich in der Prophetie die Gewissheit und damit verbunden die Hoffnung, dass vergangenes und gegenwärtiges Handeln und zukünftiges Geschehen einander entsprechen (vgl. den sogenannten → „Tun-Ergehen-Zusammenhang“). Mit diesem Begriff wird der Zusammenhang von Tat und Folge bezeichnet, der in vielen Texten des Alten Testaments als Beschreibungs- und Erklärungsmuster zu beobachten ist. Auf kollektive Größen bezogen spiegelt sich darin die Erfahrung, dass häufig das Verhalten einiger die Zukunft der ganzen Gruppe bestimmt (vgl. Mi 3,9-12). Dabei ging es nie darum, ein starres Schema oder eine Gesetzmäßigkeit zu behaupten, durch die sich die Zukunft voraussagen oder festlegen ließe. Vielmehr wird durch dieses Denkmuster zukünftiges Geschehen, das de facto oft schon Gegenwart geworden ist, theologisch erklärt und verarbeitet (z.B. Jer 25,8-11). Zugleich werden damit Konsequenzen menschlichen Handelns für zukünftige Zeiten aufgezeigt.

3.3. Weisheitsschriften

In den „Schriften“ des Alten Testaments sind sehr unterschiedliche Arten der Bezugnahme auf zukünftige Zeiten zu finden (→ Weisheit). Diese leisten einen Beitrag zur Kontingenzbewältigung für den Einzelnen. Ein zentrales Denkmuster ist das des „Tun-Ergehen-Zusammenhangs“ (s.o.; auch „Tat-Folge-Schema“), das in den Weisheitsschriften in unterschiedlicher Weise entfaltet (ausführlich → Tun-Ergehen-Zusammenhang 3.) und dabei auf den oder die Einzelne und ihr Verhalten bezogen wird. Während jedoch im → Sprüchebuch allgemeingültige Regeln für den Einzelnen formuliert und durchdacht werden (s. eine der bekanntesten in Spr 26,27), steht im → Hiobbuch der Zusammenhang von Tun und Ergehen insgesamt zur Debatte. Hiobs Freunde entwickeln für Hiob auch in seiner katastrophalen Lage eine Zukunftsperspektive, weil sie die Gültigkeit des Zusammenhangs von Tun und Ergehen vertreten und daraus ableiten, dass Hiob begründet auf eine Wendung seines Schicksals und damit auf eine bessere Zukunft hoffen kann (z.B. Hi 8,5-6.20-22). Hiob selbst hingegen entfaltet in seinen Reden keine Perspektive für zukünftige Zeiten. Er verficht stattdessen die Position, dass der Zusammenhang von Tun und Ergehen offensichtlich nicht gilt (Hi 21,7-16), und vertritt vehement, dass er gar nichts mehr erwartet (z.B. Hi 17,11-16).

Typisch für die → Psalmen ist, dass zukünftiges Geschehen in Bitten und Vertrauensaussagen zur Sprache kommt. Es ist ein zentrales Merkmal der Psalmen, dass die Sicht der Beter und Beterinnen auf Zukünftiges vom Vertrauen auf Gottes Hilfe und Eingreifen geprägt ist, dies aber häufig mit der Klage, auch gegen Gott, verbunden wird. Wie in vielen prophetischen Texten werden auch in den Psalmen zukünftige Zeiten in vielfältigen Bildern ausgemalt (vgl.o. 3.2. Prophetie).

Im Buch des → Predigers liegt der Fokus auf der Gegenwart. Was auf den Menschen im Leben zukommt, ist höchst ungewiss (Pred 9,12), als einzig sichere Zukunftsaussicht wird der Tod benannt (Pred 3,19-20; Pred 9,5 u.ö.). Dies ist zwar allgemein-menschlich, aber in Bezug auf den einzelnen Menschen gedacht.

Nur im → Danielbuch als dem einzigen apokalyptischen Buch des Alten Testaments ist die apokalyptische Sicht auf die Geschichte voll ausgeprägt (→ Apokalyptik). Demnach läuft die Geschichte in Perioden ab, die zwangläufig aufeinander folgen und als letztes Ziel und Ende dieser Geschichte die Herrschaftsübernahme durch Gott haben. Dieses deterministische Geschichtsbild impliziert, dass Zukunft bei Gott vorausgeplant ist. Damit wird einerseits Unentrinnbarkeit vermittelt, andererseits aber die Gewissheit, dass die Geschichte nicht chaotisch ist, sondern unter der Kontrolle Gottes, und dass alles, was geschieht, letztlich auf Gottes Herrschaft hinführt. Im Danielbuch werden auf diese Weise eine katastrophal erlebte Gegenwart und die damit verbundenen bedrohlichen Zukunftsaussichten in einen Rahmen gestellt, in dem sie nicht unüberschaubar, sondern streng geordnet und völlig der Macht Gottes unterstellt sind. Die Vermittlung des Wissens über die kommenden Zeiten geschieht im Danielbuch (v.a. Dan 7-12) durch Visionen und durch → Engel, die diese Visionen deuten (angelus interpres) oder selbst Zukünftiges offenbaren. Die Vorstellung einer → Auferstehung von den Toten, die sich in hellenistischer Zeit im Judentum entwickelt, ist im Alten Testament nur in Dan 12,2-3 greifbar. Im Alten Testament ist dies der einzige Beleg für eine Hoffnung auf individuelle Zukunft über den Tod hinaus.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

Lexikonartikel

  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
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Weitere Literatur

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