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Lexikon

Zeder

Peter Riede

(erstellt: Dez. 2017)

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1. Botanisch

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2004)

Abb. 1 Zeder (Cedrus libani) in den Bergen des Libanon.

Die Zeder (Cedrus libani Loud.) ist ein bis zu 40 m hoher, langsam wachsender, immergrüner Nadelbaum aus der Familie der Koniferen, der einen Stammdurchmesser von bis zu 2 m erreichen kann. Sie gedeiht vor allem in Höhen von 1500-1900 m und kann bis zu 2000 Jahre alt werden. Die kurzen nadelartigen Blätter werden ca. 3 cm lang und wachsen büschelförmig an den Zweigen. Charakteristisch sind zudem die dicken, männlichen und weiblichen Zapfen, die 8-10 cm lang und 4-6 cm breit sein können. Zedernholz ist rötlich-bräunlich, sein Duft ist angenehm aromatisch. Produkte der Zedern sind neben dem Holz, dessen Widerstandskraft gegenüber Fäulnis und Insektenfraß hervorzuheben ist, das Zedernöl und ein wohlriechendes Harz.

2. Altes Testament

2.1. Bezeichnung und Vorkommen

Der hebräische Name der Zeder ist אֶרֶז ’æræz. In biblischer Zeit war sie besonders in den Bergwäldern des Libanon und des Antilibanon und im kilikischen Taurus verbreitet (1Kön 5,20; 2Kön 19,23; Sach 11,1f), nicht aber in Israel. Sie galt geradezu als die „Herrlichkeit des Libanon“ (Jes 35,2)

Da Zedern nicht immer gerade Stämme liefern, wie sie für Bauten notwendig waren, wird vermutet, dass an Stellen, an denen Zedernholz als Bauholz vorausgesetzt wird, auch andere hohe Baumarten, die im Libanon vorkommen, gemeint sein können, wie z.B. die Kilikische → Tanne (Abies cilicica). In Ps 148,9 wird der Begriff אֶרֶז ’æræz auch für Bäume ohne genießbare Früchte (im Gegensatz zu Fruchtbäumen) verwendet.

Im Alten Testament wird die Zeder etwa 70-mal erwähnt.

2.2. Verwendung als Baumaterial

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 2 Die Fürsten des Libanon beim Fällen von Zedern (Karnak; Zeit Sethos’ I., 13. Jh.).

Das wegen seiner Qualität und seines Duftes äußerst begehrte und kostbare (1Kön 10,27; Jes 9,9) Holz der Libanonzedern wurde aus dem Libanon nach Israel wie in den gesamten Alten Orient exportiert. → Hiram von → Tyros soll es nach der Überlieferung der → Königsbücher an → Salomo geliefert haben (1Kön 5,22.24; 1Kön 9,11). Das Holz wurde in Flößen zusammengebunden (1Kön 5,23) nach Jafo verschifft. Eingesetzt wurde es vor allem für Großbauten wie den Libanonwaldpalast Salomos (→ Libanonwaldhaus), der nach den für seinen Bau verwendeten Zedernstämmen aus dem Libanon benannt ist (1Kön 7,2ff; 2Chr 2,7), und den vorexilischen Tempel in Jerusalem (1Kön 6,9ff; Jer 22,7.14; vgl. 2Sam 7,7; für den zweiten Tempel s. Esr 3,7). Solche Bauholzlieferungen sind schon aus dem Reisebericht des ägyptischen Beamten Wenamun (um 1076 v. Chr.) bekannt, der den Auftrag erhielt, Holz aus dem Libanon zu beschaffen (TUAT III, 912-921). Auch für die Anfertigung von → Möbeln, → Thronen und → Altären sowie im → Schiffsbau (Ez 27,5) fand Zedernholz Verwendung. Es hatte in jedem Fall eine höhere Wertigkeit als das Holz des → Maulbeerfeigenbaumes (Jes 9,9).

2.3. Verwendung im Kult

Zedernholz und Zedernholzspäne waren in Heilungs- u. Reinigungsriten wichtig (Lev 14,4ff.49ff; Num 19,6); unter anderem wurden sie zur Herstellung des Reinigungswassers verwendet. Auch → Götterbilder waren zum Teil aus Zedernholz gefertigt (Jes 44,14).

2.4. Metaphorik

Zedern galten als die Gottesbäume schlechthin: So spricht Ps 80,11 von den „Zedern Gottes“ und Ps 104,16 von den „Zedern JHWHs“. An andern Stellen gilt die Zeder – wie der → Löwe im Tierreich – als Königin der Bäume.

Mit Zedern können positiv Dauer, Lebenskraft und Vitalität, Schönheit, Größe, Stolz und Mächtigkeit (Num 24,6) konnotiert werden, negativ dagegen Überheblichkeit und Arroganz, die im göttlichen Gericht aber nicht bestehen (Jes 2,13; Am 2,9). So gleicht der Gerechte einer Zeder auf dem Libanon, die stolz emporwächst und üppig und grün bleibt (Ps 92,13). Dabei fällt auf, dass die Pflanzung mit dem Tempel JHWHs verbunden wird, was symbolisiert, dass dem Gerechten → Segen und Lebensfülle zuteil wird. Aber auch der Gottlose, der sich brüstet und überheblich daherkommt, kann mit einer Zeder verglichen werden, die aufgrund ihres Wachstums andere Bäume überragt (Ps 37,35). Anders als beim Gerechten und auch anders als bei der Zeder in der Natur ist ihm aber keine lange Dauer beschieden, auch wenn das schier unvorstellbar und unglaublich scheint.

In der Bildsprache verkörpern Zedern unter anderem das → Königtum (2Kön 14,9; Ez 17; Ez 31). Wo das Königtum aber versucht, aus Hochmut mit seinem Luxus und Reichtum mit der Zeder zu konkurrieren statt sich um das Gemeinwohl, um Recht und Gerechtigkeit zu kümmern, verfehlt es seinen Sinn und kommt zu Fall (Jer 22,23).

Die Zeder kann auch Bild sein für den → Weltenbaum und seinen umfassenden Schutz, unter anderem für die wilden Tiere (Ez 31,6). Dieser Baum hat besondere, kosmische Qualitäten, die ihn gegenüber jedem anderen Baum hervorheben. Er gründet in den Tiefen des Grundwasserozeans (→ Weltbild) und erstreckt sich bis in den Himmel. Zugleich wird er lokalisiert im Gottesgarten (→ Garten) auf dem Libanon. In Ez 31 ist er Bild für den Pharao, dem wegen seiner Verfehlungen das Gericht angesagt wird.

Etwas anders ist der Bildgebrauch in der in Ez 17,3ff vorliegenden → Fabel: Der als → Adler gezeichnete babylonische König bricht die Spitze einer Zeder ab und bringt sie in die Händlerstadt Babylon. Das ist – so die Deutung der Fabel in Ez 17,11-21 – ein Bild für den Sturz → Jojachins, des Königs von Jerusalem, und seine Verbannung nach Babylon (vgl. Ez 17,11). Dieses Bildmotiv nimmt die spätere Heilsweissagung Ez 17,22ff auf: Das Tun des babylonischen Königs wird durch ein gegensätzliches Tun JHWHs abgelöst: JHWH pflanzt ein Reis vom Wipfel dieser Zeder auf dem Gottesberg ein, wo es zu einem mächtigen Baum heranwächst. Diesem Baum, eigentlich einem aus Zeder und Weinstock bestehenden Kompositbaum, eignet die schützende Funktion des Weltenbaumes, in dessen Schatten alle Vögel des Himmels wohnen können.

Zedern waren die größten, im antiken Israel bekannten Pflanzen (1Kön 5,13). Der Gegensatz von Zeder und → Ysop versinnbildlicht somit den Kontrast von Hohem und Kleinem (1Kön 5,13). Darauf spielt auch die Joas-Fabel an (2Kön 14,9; → Joasch), die auf eine Anfrage des Königs → Amazja antwortet, der versuchte, sich mit Joas im Kampf zu messen. Die Zeder als Bild für Stärke und der → Dornbusch als Bild für Schwäche stehen hier in deutlichem Gegensatz zueinander. Am Ende wird der Dornbusch für seine Vermessenheit bestraft: Die wilden Tiere zertreten ihn. Der Fall von Zedern dagegen steht für die Vernichtung des Dauerhaftesten in der Natur (Ps 29,5). Zum Bild einer Heilszeit dagegen gehört, dass JHWH die Wüste in ein waldreiches, mit Zedern, Zypressen und anderen Bäumen und somit durch schützende Schattenspender ausgestattetes Gebiet verwandelt, das die Exilierten bei der Rückkehr nach Israel ohne Schwierigkeiten durchziehen können (Jes 41,19; → Deuterojesaja).

Das „Haus der Liebenden“ in der freien Natur sollen Zedern und → Wachholderbäume bilden (Hhld 1,17). Auch der Geliebte gleicht in seiner Erscheinung und in seiner Einzigartigkeit Zedern (Hhld 5,15).

2.5. Der Zedernwaldgarten im Libanon

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 3 Beim Holztransport wurden die Balken an die Boote gebunden (Relief aus Chorsabad aus der Zeit Sargons II., 721-705 v. Chr.).

Zedern hatten als von JHWH gepflanzte Gottesbäume (Ps 80,11; Ps 104,16) göttlich-königliche Bedeutung. Sie hatten in der Vorstellung des Alten Orients ihren Ort zusammen mit Zypressen und Tannen besonders in einem Wald oder Garten im Libanon. Das Erklimmen und Fällen dieses Zedernwaldes galt als Ausdruck von Gottesfrevel und Hochmut, wie beispielsweise in Jes 37,24 // 2Kön 19,23 bezogen auf den assyrischen König → Sanherib. Immer wieder rühmen sich auch andere altorientalische Könige in ihren Annalen, in den Zedernwald vorgedrungen zu sein: So z.B. → Nebukadnezar II. (605-562 v. Chr.), der das Zederngebirge im Libanon in Besitz nahm und daraufhin „mächtige, hohe, starke Zedern, deren Güte überaus kostbar und deren angemessene Schönheit hervorragend war“ (TUAT I, 405), fällen und abtransportieren ließ. Wenn über solche Frevler das Gericht JHWHs kommt, rühmen sogar die mächtigen Zedernbäume deren Fall und brechen in Jubel aus (Jes 14,8). Sach 11,1f spielt metaphorisch auf die Zerstörung des Libanonwaldgartens an: Im Hintergrund dürften historische Umwälzungen in persischer Zeit stehen, die die bisherigen friedvollen Verhältnisse bedrohten (vgl. dazu Willi-Plein 2007, 181f).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Der Kleine Pauly, Stuttgart 1964-1975 (Taschenbuchausgabe, München 1979)
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich 1991-2001
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006

2. Weitere Literatur

  • Anderlind, L., Die Zedern auf dem Libanon, ZDPV 10 (1887), 89-94
  • Dalman, G., Arbeit und Sitte in Palästina VII, Gütersloh 1942, 33-38
  • Hepper, F.N., Pflanzenwelt der Bibel. Eine illustrierte Enzyklopädie, Stuttgart 1992
  • Keel, O., Der Wald als Menschenfresser, Baumgarten und Teil der Schöpfung in der Bibel und im Alten Orient, in: U. Neumann-Gorsolke / P. Riede (Hgg.), Das Kleid der Erde. Pflanzen in der Lebenswelt des Alten Israel, Neukirchen-Vluyn 2002, 86-107
  • Löw, I., Die Flora der Juden III, Nachdruck Hildesheim 1967, 17ff
  • Mayer, H., Das Bauholz des Tempels Salomos, BZ 11 (1967), 53-66
  • Metzger, M., Zeder, Weinstock und Weltenbaum, in: ders., Vorderorientalische Ikonographie und Altes Testament. Gesammelte Aufsätze (Jerusalemer Theologisches Forum 6), Münster 2004, 51-76
  • Metzger, M., Der Weltenbaum in der vorderorientalischen Bildtradition,, in: ders., Vorderorientalische Ikonographie und Altes Testament. Gesammelte Aufsätze (Jerusalemer Theologisches Forum 6), Münster 2004, 77-89
  • Neumann-Gorsolke, U. / Riede, P. (Hgg.), Das Kleid der Erde. Pflanzen in der Lebenswelt des Alten Israel, Neukirchen-Vluyn 2002
  • Riede, P., Von der Zeder bis zum Ysop. Zur Bedeutung der Pflanzen in der Lebenswelt des alten Israel, in: ders., Schöpfung und Lebenswelt. Studien zur Theologie und zur Anthropologie des Alten Testaments (MThSt 106), Leipzig 2009, 3-18
  • Riede, P., „Der Gerechte wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon“ (Psalm 92,11). Pflanzenmetaphorik in den Psalmen, in: ders., Schöpfung und Lebenswelt. Studien zur Theologie und zur Anthropologie des Alten Testaments (MThSt 106), Leipzig 2009, 19-42
  • Stolz; F., Die Bäume des Gottesgartens auf dem Libanon, ZAW 84 (1972), 141-156
  • Willi-Plein, I., Haggai, Sacharja, Maleachi (ZBK.AT 24/4), Zürich 2007
  • Zohary, M., Pflanzen der Bibel. Vollständiges Handbuch, Stuttgart 2. Aufl. 1986, bes. 104f

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Zeder (Cedrus libani) in den Bergen des Libanon. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2004)
  • Abb. 2 Die Fürsten des Libanon beim Fällen von Zedern (Karnak; Zeit Sethos’ I., 13. Jh.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 3 Beim Holztransport wurden die Balken an die Boote gebunden (Relief aus Chorsabad aus der Zeit Sargons II., 721-705 v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

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