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Lexikon

Weinen (Tränen)

Andere Schreibweise: weep; cry; tears (engl.)

Susanne Luther

(erstellt: Juni 2019)

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Von „Weinen“ und „Tränen“ wird im Neuen Testament im Kontext von Tod und Trauer (z.B. Mk 5,38f; Lk 7,13; Joh 11,31.33.35; Joh 20,11.13.15), von Abschied (z.B. Apg 21,13), Verzweiflung (z.B. Mt 26,75) und Trübsal (z.B. 2Kor 2,4) gesprochen. Tränen unterstützen die Ermahnung (z.B. Apg 20,31), sind Zeichen der Buße (z.B. Hebr 12,17) und Begleiten das Bitten und Flehen (z.B. Hebr 5,7). Neben diesen Aspekten anthropologischer Grundbefindlichkeiten, die sich durch Weinen bzw. Tränen ausdrücken, zeigen die neutestamentlichen Schriften weitere Verwendungskontexte auf: Im Rahmen ethischer Unterweisung wird die Bedeutung der Empathie mit den Weinenden hervorgehoben (z.B. Röm 12,15). Unter eschatologischer Perspektive hingegen gilt: „Die Zeit ist kurz. Daher sollen die, […] die weinen, sein, als weinten sie nicht“ (1Kor 7,29f); zudem wird aber auf die Zeit verwiesen, in der keine Tränen und kein Leid mehr sein werden (z.B. Apk 7,17; Apk 21,4).

1. Begrifflichkeiten

Im Neuen Testament wird Weinen primär durch das Verb κλαίω / klaiō ausgedrückt (vgl. z.B. Mk 5,38f; Mk 16,10; Lk 6,21.25; Lk 7,13; Joh 11,31.33; Joh 20,11.13.15; Röm 12,15; 1Kor 7,29; Jak 4,9; Apk 18,9.11.15.19). Das im griechisch-hellenistischen Kontext ebenfalls gebräuchliche Verb δακρύω / dakryō hingegen findet sich im Neuen Testament ausschließlich für das Weinen Jesu über den Tod des Lazarus (Joh 11,35). Hinsichtlich des Unterschieds in der Wortbedeutung wurde darauf hingewiesen, dass κλαίω / klaiō („weinen, beweinen“ als Ausdruck von freudloser Stimmung, Kummer, Sorge oder Angst) starke innere Emotionen von Trauer und Leid zu erkennen gebe, während δακρύω / dakryō („weinen“) ein stilles Weinen bezeichne (vgl. Voorwinde). Δακρύω / dakryō kommt aufgrund der singulären Verwendung eine besondere Stellung zu; das Nomen δάκρυον / dakryon („Träne“) wird im Neuen Testament häufiger verwendet (vgl. z.B. Lk 7,38.44; Apg 20,19.31; 2Kor 2,4; 2Tim 1,4; Hebr 5,7; Hebr 12,17; Apk 7,17; Apk 21,4). Weitere Verben, die oft auch in Verbindung mit κλαίω / klaiō für „Weinen“ vorkommen, sind

πενθέω / pentheō („klagen, trauern, traurig sein“, „beklagen“; vgl. z.B. Mt 5,4; Mt 9,15; Mk 16,10; Lk 6,25; 1Kor 5,2; Jak 4,9),

θρηνέω / thrēneō („klagen, jammern“, „(be)weinen, (be)klagen“; vgl. z.B. Joh 16,20; Mt 11,17; Lk 7,32),

κόπτομαι / koptomai („heftig trauern“, „sich an die Brust schlagen“; vgl. z.B. Lk 8,52; Lk 23,27; Mt 11,17; Mt 24,30; Apk 1,7; Apk 18,9),

ἀλαλάζω / alalazō („laut schreien, klagen“; vgl. z.B. Mk 5,38) und

ὀλολύζω / ololyzō („laut schreien, heulen“; vgl. z.B. Jak 5,1).

Zudem findet wiederholt, insbesondere im Kontext der eschatologischen Paränese, das Nomen κλαυθμός / klauthmos Verwendung („Weinen“, „lautes Weinen“, vgl. z.B. Mt 2,18; Mt 8,12; Lk 13,28; Apg 20,37).

2. Kontexte und Verwendungsweisen

2.1. Tod und Trauer

Trauer drückt sich in Weinen und Klagen aus. In diesem Sinn wird vom Weinen der Trauernden im Haus des Synagogenvorstehers Jaïrus erzählt (vgl. Mk 5,38f; Lk 8,52), die Mutter des toten jungen Mannes in Naïn weint, wie Jesu an sie gerichtete Aufforderung „Weine nicht!“ (Lk 7,13) impliziert, die Schwestern des verstorbenen Lazarus weinen um ihn (Joh 11,31.33) und Tabitas Tod wird durch befreundete Witwen beweint. Es ist daher auffällig, dass sich in den Erzählungen über den Tod Jesu erstaunlich wenig Hinweise auf Trauer und Tränen finden: In den Synoptikern wird nur im sekundären Markusschluss von der Trauer der Jünger nach Jesu Tod berichtet (Mk 16,10). Das Lukasevangelium erzählt – einer vorgezogenen Totenklage gleich – von Frauen, die Jesus auf dem Weg zum Kreuz folgen und seinen Tod beklagen und beweinen (Lk 23,27), während Jesus ihre Trauer um seine Person auf die Klage über die kommende Zeit zu lenken sucht (Lk 23,28-31). Im Johannesevangelium hingegen wird der Trauer und dem Weinen größerer Raum zugestanden: In den Abschiedsreden verweist Jesus auf das Weinen und Klagen der Jünger nach seinem Tod (Joh 16,20), und in der Erzählung von Maria Magdalena am Grab wird mehrfach auf ihr Weinen referiert (Joh 20,11.13.15). Trauer um Verstorbene wird im Neuen Testament folglich – trotz der Hoffnung auf die Auferstehung – nicht unterbunden. Vielmehr wird selbst Jesu Trauer in der Lazaruserzählung explizit hervorgehoben: Jesus weinte (Joh 11,35).

Der Gebrauch von κλαίω / klaiō bzw. (oder in Verbindung mit) θρηνέω / thrēneō, πενθέω / pentheō und ὀλολύζω / ololyzō in Bezug auf Tod und Trauer schließt sowohl die individuelle Trauer als auch die rituelle Totenklage im Kontext der Totenpflege ein, die häufig durch professionelle Klagefrauen ausgeführt wurde (vgl. Volp / Zangenberg; → Trauer [NT]). In diesem Sinn wurden z.B. die Jesus auf dem Weg nach → Golgota begleitenden Frauen gedeutet (Lk 23,27); auch das Weinen der Versammelten im Haus des Jaïrus (Mk 5,38 par.) oder im Haus der Schwestern des Lazarus (Joh 11,17-30) ist im Zusammenhang mit der rituellen Totenklage zu verstehen. In Apg 8,2 hingegen sind es „gottesfürchtige Männer“, die die Totenklage um den gesteinigten Stephanus durchführen. Auf Weinen und Wehklagen als ritualisierte Trauer verweist zudem explizit Lk 7,32, wo die Verweigerung des Weinens als irreguläre Reaktion auf das Singen von Klageliedern erwähnt wird (vgl. auch Apk 18,11.15.19).

2.2. Krieg und Verwüstung (am Ende der Zeit)

Anders als im Alten Testament (→ Weinen [AT]) wird im Neuen Testament Weinen bzw. Klage nur selten in Bezug auf Krieg oder Verwüstung gebraucht. In der Erzählung vom Kindermord in Betlehem (Mt 2,16-18) wird Jer 31,15 zitiert, wo vom Weinen und Wehklagen in Rama gesprochen wird. Zudem kommt Weinen und Klagen im Kontext der Zeichen der Endzeit in den Blick: In Mt 24,30 wird z.B. als Reaktion auf die Zeichen der Endzeit und auf das Kommen des Menschensohns prophezeit: „Dann werden wehklagen (κόψονται / kopsontai) alle Völker der Erde“. In Lk 19,41-44 wird nach dem Einzug in Jerusalem von Jesu Weinen (κλαίω / klaiō) über die Stadt berichtet, die zerstört werden wird. Ein ähnliches Bild findet sich in Apk 18,11.15.19, wo die Menschen über die Verwüstung der großen Stadt Babylon trauern und wehklagen.

2.3. Eschatologie

Unter eschatologischer Perspektive lassen sich zwei Aspekte differenzieren. Einerseits wird Weinen bzw. Klagen in Hinsicht auf das Gericht in Aussicht gestellt. So wird in den Seligpreisungen etwa die eschatologische Umkehr der Verhältnisse vor Augen gestellt: Lk 6,25 bietet einen Weheruf über die nun Lachenden, die weinen und klagen werden (vgl. Mt 5,4). Jak 4,9f fordert daher dazu auf, jetzt zu trauern, um dieser Umkehr zu entgehen. Matthäus verweist wiederholt auf das „Heulen und Zähneklappern“, das im Rahmen der matthäischen Ethik als rhetorisches Mittel der Warnung vor dem eschatologischen Gericht dient (vgl. z.B. Mt 8,12; vgl. auch Mt 13,42.50; Mt 22,13; Mt 24,51; Mt 25,30; Lk 13,28; Apg 20,37; vgl. Rölver, 532-535). Andererseits wird auf die Zeit verwiesen, in der Tod und Tränen überwunden sein werden. In der Offenbarung des Johannes wird die Zeit in den Blick genommen, in der Gott alle Tränen von den Augen abwischen wird (Apk 7,17) und in der weder Tod noch Leid noch Schmerz sein werden (Apk 21,4).

2.4. Ethik und Paränese

Vor allem in der paulinischen Literatur wird wiederholt auf Weinen bzw. Tränen im Kontext der → Paränese verwiesen: Paulus spricht unter Tränen bzw. ist traurig, wenn sich die Adressaten seiner Briefe vom Glauben oder vom rechten Verhalten abkehren (vgl. z.B. 1Kor 5,2; 2Kor 12,21), wenn Menschen „Feinde des Kreuzes Christi“ sind (z.B. Phil 3,18). Es handelt sich hier also nicht um eine Bußklage, sondern vielmehr um eine Klage über die Sünde des bzw. der Anderen, d.h. eine Klage des Schmerzes wegen Fehlverhaltens.

In der Abschiedsrede des Paulus in Milet werden ebenfalls Tränen mit dem rechten Lebenswandel und der apostolischen Paränese in Verbindung gebracht: In Apg 20,19 spricht Paulus davon, dass er dem Herrn „in aller Demut“ gedient habe, „unter Tränen und mit vielen Anfechtungen“, in Apg 20,31 werden Tränen als eine Unterstützung seiner Ermahnung angeführt.

Die Adressaten des Jakobusbriefs werden explizit dazu aufgefordert, über ihr Fehlverhalten zu weinen und zu klagen (Jak 4,9; Jak 5,1). Weinen bzw. Tränen stehen auch in anderen Kontexten in engem Zusammenhang mit der Verzweiflung über falsches Handeln, so z.B. die Tränen des Petrus nach dem Verrat (vgl. Mk 14,72; Mt 26,75), oder mit Reue oder Buße, so z.B. die Tränen der Frau in der Erzählung der Salbung (vgl. Lk 7,38.44; vgl. auch Hebr 12,17).

2.5. Abschied, Verlust und Angst, aber nicht Freude

Tränen werden aber auch im Kontext alltäglicher trauriger Anlässe erwähnt, so etwa beim Abschied des Paulus in Apg 21,13 oder im sogenannten „Tränenbrief“ des Paulus in der konfliktreichen Beziehung mit der Gemeinde in Korinth (vgl. 2Kor 2,1-4, bes. 2Kor 2,4). In Joh 16,20 wird auf Angst als Hintergrund für die Tränen verwiesen, in 1Kor 7,29 auf das Leid der Welt. Jedoch fallen diese Hinweise in der neutestamentlichen Literatur sehr spärlich aus.

Freudentränen hingegen werden im Neuen Testament nicht erwähnt (→ Weinen [AT]).

3. Allgemeine Beobachtungen

3.1. Theologische Wertung

Das Weinen bzw. das Vergießen von Tränen wird in den neutestamentlichen Schriften in unterschiedlichen Kontexten erwähnt. Wenngleich ein Ende von Leid, Kummer und Tränen am Ende der Zeiten in Aussicht gestellt wird, so bleibt Weinen doch ein elementarer Ausdruck menschlicher Befindlichkeit und wird weder verurteilt noch unterbunden. Vielmehr spielt es im Rahmen der individuellen Trauer wie auch der Trauerriten eine ebenso wichtige Rolle wie in der ethischen Unterweisung und Paränese, insbesondere in der Funktion der Warnung vor dem Kommenden – dem Gericht wie auch dem Ende der Zeit, mit Zerstörung, Unheil und Verfolgung. D.h., wenngleich Totenauferweckungen bzw. die Auferstehung Jesu dem Leid und Schmerz der Trauer um die Verstorbenen gegenüberstehen, „so ist auch die Trauer und ihr Ausdruck, die Klage, in dieser Welt, in welcher der Tod als der ‚letzte Feind‘ noch mächtig ist, nicht sich selber überlassen, sondern wird bei allem Schmerz aufgefangen und gehalten durch die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten“ (Haarbeck / Frey, 535).

3.2. „Gendering“

Die neutestamentlichen Schriften sprechen von weinenden und trauernden Frauen und Männern, ein „gendering“ des Weinens bzw. der Tränen lässt sich nicht erkennen. Wie die neuere Forschung für die antike Literatur allgemein bestätigt (Suter), bestimmt die Situation das Verhalten von Männern wie Frauen. Weinen wurde auch in der Antike nicht generell als unmännliches Verhalten eingestuft. In den neutestamentlichen Schriften ist vielmehr zu beobachten, dass Jesu Tränen explizit und mehrfach erwähnt werden und dass auch Paulus den Verweis auf seine Tränen nicht scheut, sondern ihn zur Unterstützung seiner Argumentation, seiner Position und Paränese heranzieht.

3.3. Emotionen

Die Emotionsforschung im Bereich des Neuen Testaments hat in den letzten Jahren den Fokus auf die Ursachen, die Natur und die Rolle der gefühlten Erfahrung, deren Wahrnehmung in ihrem kulturellen Kontext und deren literarische Darstellung gerichtet und auf ihre Bedeutung für die in den Schriften vermittelte Theologie und Ethik befragt. Dabei kamen im Spektrum der dargestellten Emotionen – Liebe, Freude, Hoffnung, Eifersucht, Angst, Trauer, Wut etc. – auch diejenigen in den Blick, deren Ausdrucksform das Weinen ist. In der Johannesforschung wurde dieser Zugang z.B. unter der Perspektive der Christologie betrachtet. Denn das Evangelium porträtiert Jesus auch als verstört, tief bewegt und unter Tränen, d.h. mit der Zuschreibung von Gefühlsausdrücken, die Jesu Menschlichkeit (wie z.B. seine Tränen am Grab des Lazarus) oder auch seine Göttlichkeit (wie z.B. die Emotionen in Verbindung mit dem Kreuz) unterstreichen (vgl. Voorwinde).

Weinen (AT)

→ Tod

→ Trauer

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Fögen, T. (Hg.), Tears in the Graeco-Roman World, Berlin / New York 2009
  • Haarbeck, H. / Frey, J., Art. κόπτω, in: Coenen, L. / Haacker, K. (Hgg.), Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, Witten 2010, 533-535
  • Rölver, O., Christliche Existenz zwischen den Gerichten Gottes. Untersuchungen zur Eschatologie des Matthäusevangeliums (BBB 163), Göttingen 2010
  • Salazar Infante, J., Jesus Shed Tears in Frustration: The Contribution of dakryō and klaiō to the Interpretation of John 11:35, in: Pacifica 27 (2014) 239-252
  • Schwarz, G., „Und er begann zu weinen“? (Markus 14,72), in: BN 78 (1995) 18-20
  • Suter, A., Tragic Tears and Gender, in: Fögen, T. (Hg.), Tears in the Graeco-Roman World, Berlin / New York 2009, 59-83
  • Volp, U. / Zangenberg, J., Begräbnis und Totenpflege, in: Zangenberg, J. (Hg.), Neues Testament und Antike Kultur. Band 3: Weltauffassung – Kult – Ethos, Neukirchen-Vluyn 2005, 122-128
  • Von der Osten-Sacken, P., Jesu Weinen über sein Volk. Predigt über Lukas 19,41-44, in: Blum, E. / Macholz, C. / Stegemann, E.W. (Hgg.), Die Hebräische Bibel und ihre zweifache Nachgeschichte (FS R. Rendtorff), Neukirchen-Vluyn 1990, 555-559
  • Voorwinde, S., Jesus’ Tears – Human or Divine?, in: RTR 56 (1997) 68-81
  • Voorwinde, S., Jesus’ Emotions in the Gospels, London 2011

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