Weinberg / Weinstock / Weinproduktion

(erstellt: Aug. 2022)

1. Einleitung

Abb. 1 Kundschafter Israels bringen Trauben mit, die die Fruchtbarkeit des gelobten Lands veranschaulichen (Num 13). Allegorische Auslegung hat die Trauben als Verweis auf das Abendmahl verstanden und die Szene im Altarraum dargestellt (Bodenmosaik; St. Maria im Capitol, Köln; 20. Jh.); © public domain; Foto: Klaus Koenen, 2017.

Abb. 1 Kundschafter Israels bringen Trauben mit, die die Fruchtbarkeit des gelobten Lands veranschaulichen (Num 13). Allegorische Auslegung hat die Trauben als Verweis auf das Abendmahl verstanden und die Szene im Altarraum dargestellt (Bodenmosaik; St. Maria im Capitol, Köln; 20. Jh.); © public domain; Foto: Klaus Koenen, 2017.

Da Palästina für den Weinanbau sowohl ideale Böden als auch ein ideales → Klima bietet, hat man hier schon früh Wein angebaut. Schon die um 1900 v. Chr. anzusetzende Geschichte des Ägypters → Sinuhe rühmt das Land mit den Worten: „[…] es hatte mehr Wein als Wasser. Groß waren seine Honigmengen, zahlreich seine Ölbäume, und allerlei Obst war auf seinen Bäumen. Gerste gab es dort und Emmer, und unbegrenzt war die Zahl von allerlei Vieh“ (§ 15, TUAT III, 894).

Und auch in der Kundschaftergeschichte dokumentieren die ausgesandten Männer die Qualität des Landes damit, dass sie eine Rebe mit Weintrauben aus dem Traubental Äschkol von ihrer Mission zurückbringen (Num 13,21-24). Nicht umsonst charakterisiert auch das assyrische Relief, das die Eroberung der judäischen Stadt → Lachisch durch → Sanherib 701 v. Chr. zeigt, die palästinische Kulturlandschaft durch ihre typischen Kulturpflanzen, neben → Oliven und → Feigenbäumen eben vor allem Weinstöcken (vgl. auch Ri 9,7-13; Dtn 6,11; Dtn 8,8). Vor allem in Juda (um Hebron) und im → Libanon (Hos 14,8) war der Weinanbau führend. Aber auch für → Edom (Ob 5), → Aram (Ez 27,18) und → Moab (Jes 16,7ff; Jer 48,32ff) gibt es entsprechende Hinweise.

Aus: A.H. Layard, A Second Series of Monuments of Nineveh, London 1853, Pl. 23

Abb. 2 Die Darstellung der Eroberung Lachischs zeigt im Hintergrund Weinreben (Reliefdetail, Palast Sanheribs in Ninive, nach 700 v. Chr.).

Entsprechend seiner Bedeutung ist es nicht verwunderlich, dass der Weinstock zu den in der Bibel am meisten erwähnten Kulturpflanzen gehört. Er wird mehr als zweihundert Mal genannt, und von Weinbergen ist über hundert Mal die Rede. Zudem werden viele Orte erwähnt, deren Namen in Zusammenhang mit Weinanbau stehen (vgl. Keel u.a. 1984, 196; Hepper 1992, 100; → Pflanzennamen), so z.B. Anab (Jos 11,21) und Bet-Kerem (Neh 3,14; Jer 6,1), oder die in sonstigen Zusammenhängen in Verbindung mit Wein erwähnt werden, so → En-Gedi (Hhld 1,14), → Timna (Ri 14,5), → Samaria (Jer 31,5) und → Sichem (Ri 9,27).

Bezeichnenderweise wird im Alten Testament → Noah als erster Weinberganleger benannt (Gen 9,20).

2. Termini

Die hebräische Bezeichnung für den Weinberg ist כֶּרֶם kæræm. Der Weinstock heißt hebr. גֶּפֶן gæfæn; griech. ἄμπελος ampelos. Die süße, reife, einzelne Weinbeere wird עֵנָב ‘enāv genannt, saure Beeren dagegen בֹּסֶר bosær. Der Terminus für die Traube, also mehrere Beeren am Stiel, ist אֶשְׁכֹל ’æškhol. Die Bezeichnung für Wein ist יַיִן jajin (griech. οἶνος oinos), der Begriff für Most lautet תִּירוֹשׁ tîrôš.

3. Weinberg

3.1. Anlage

Ein Weinberg wurde zumeist auf Terrassen an günstigen Hängen von Bergen und Hügeln angelegt (Hos 14,8; Am 9,13; Jes 5,1) und in der Regel durch eine Umfassungsmauer umgeben. Dabei kann es sich um eine Steinmauer (גַּדֵר gader) oder eine Hecke (מְסֻכָּה mәsukāh) handeln (Num 22,24; Spr 24,31). Beides bot Schutz vor wilden Tieren, insbesondere Füchsen (Hhld 2,15) oder Wildschweinen (Ps 80,14), die ebenso wie Vögel oder Diebe gerne die Trauben des Weinbergs plünderten. Zwischen den Umfassungsmauern von aneinandergrenzenden Weinbergen konnte ein Hohlweg entstehen, wie er z.B. Num 22,24 vorausgesetzt ist.

Abb. 3 Kelteranlage; © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Abb. 3 Kelteranlage; © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Die Anlage eines Weinbergs war mit erheblichen physischen und psychischen Mühen verbunden, wie besonders das Weinberglied Jes 5,1-5 zeigt: Das Gelände musste vor der Bepflanzung entsteint und gepflügt werden (Jes 5,2). Ein Turm zur Bewachung oder als Arbeits- und Schutzraum kam oftmals hinzu; manchmal begnügte man sich mit einer einfachen Hütte (Jes 1,8) für die Hüter des Weinbergs (vgl. Hhld 1,6). Auch die Pflege des Weinbergs war sehr aufwendig und mit großen emotionalen Schwankungen verbunden, war es doch nie sicher, ob sich der Aufwand und die Mühe am Ende gelohnt hatten, wenn es galt, die Ernte einzubringen. Wo ein Weinberg dagegen nicht gepflegt wurde und eine ausreichende Bewässerung fehlte, kam es zur Verwilderung durch → Dornen und → Disteln (Jes 27,4; Spr 24,31). Nicht nur wilde Tiere bedrohten die Weinanlagen. Auch → Heuschrecken (Am 4,9; Joel 1,7), Hagelschlag (Ps 78,47; Ps 105,33, → Hagel) oder andere Extremwetterlagen konnten zu großen Schäden und zu Ernteausfällen oder Ernteverlusten führen.

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 4 Wachttürme im Weinberg.

Aus Praktikabilitätsgründen grub man oft in der Nähe des Weinbergs eine Kelter zum Zertreten der Trauben aus (Ri 9,27; Jes 5,2). Dabei handelte es sich um eine Bodenvertiefung, die den Traubensatz zunächst aufnahm, dann aber auch Abfluss- und Auffangmöglichkeiten besaß, die die Weiterverarbeitung des Traubensaftes erst ermöglichten (s.u. 5.).

3.2. Bedeutung

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 10.3.2022

Abb. 5 Keltertreter (Grab des Nacht; Theben, Ägypten; 15. Jh. v. Chr.).

Weinberge hatten wegen des mit Anlage und Pflege verbundenen Aufwandes und ihres Ertrags einen hohen Wert (1Sam 8,14; vgl. 1Kön 21,1ff). Ihre Anlage war zumeist Privileg der Herrschaftsschicht (Pred 2,4, vgl. Hi 24,18). Als Ausdruck der Wertschätzung konnten Gefolgsleute neben Äckern auch mit Weinbergen ausgestattet werden (1Sam 22,7). Wer einen Weinberg angelegt hatte und dessen Erstlingsfrüchte noch nicht ernten konnte, sollte nach Dtn 20,6 vom Kriegsdienst befreit werden. Entsprechend galt es als Strafe, nicht von den Früchten des eigenen Weinbergs essen zu können (Am 5,11; Zef 1,13; Dtn 28,30 u.ö.).

3.3. Metaphorik

Im sog. Weinberglied in Jes 5,1-7 (vgl. Jes 27,2f) ist der Weinberg, der von Gott gehegt und gepflegt wurde und mit allem Nötigen ausgestattet, ein Bild für Israel, das nicht in angemessener Weise auf die Liebe Gottes reagierte. Es brachte, bildlich gesprochen, nur schlechte (verkümmerte, hebr. בְּאֻשִׁים bә’ušîm) Trauben. Andererseits kann der Weinberg Israel auch aufgrund eines Versagens der Führung des Volkes zum Ort von Verwüstung und Untergang werden (Jer 12,10). In der Liebessprache steht der Weinberg für die Geliebte (Hhld 1,6; Hhld 2,15) bzw. für den Harem des Königs (Hhld 8,11f; vgl. Keel u.a. 1984, 254), ja, er wird zum Ort des Liebesgenusses (Hhld 1,14; Hhld 7,13). → Segen und → Fluch werden mit Weinberg (und Weinstock) und deren Produkten verbunden (Dtn 7,13; Dtn 28,30; Spr 3,10; Hos 2,10 u.ö.). Die Wiederanlage von Weinbergen nach einer Zeit der Not und Entbehrung ist Zeichen für einen Neuanfang und die Wiederkehr von Normalität (Jes 37,30; Jes 65,21; Jer 31,5).

4. Weinstock

4.1. Botanisch

Der Weinstock ist eine Kletterpflanze, die häufig an Feigenbäumen hochgezogen wurde, wie die Redewendung vom Sitzen unter Weinstock und Feigenbaum (1Kön 5,5 u.ö., s.u. 4.3.) zeigt. Er konnte aber auch ohne Stützhilfen, am Boden sich ausbreitend, wachsen (Ps 80,10.12; Jes 16,8; Jer 48,32). Vor allem in regenarmen, heißen Regionen war das Wachstum der Trauben in Bodennähe angeraten. Ursprünglich stammt der Weinstock aus dem zwischen Kleinasien und Mesopotamien gelegenen Bergland. Dort hatte die Wildform Vitis vinifera ssp. Sylvestris orientalis mit ihren kleinen schwarzen Trauben ihren Ursprung. Gerade im judäischen Bergland hatte der Weinstock ideale Voraussetzungen, wurzelt er doch 0,6 bis 2 m, manchmal auch bis 4 m tief und erhält so auch in der Trockenheit des Sommers noch genügend Feuchtigkeit.

4.2. Bedeutung

Vielfach wird in biblischen Zusammenhängen auf die jahreszeitlichen Entwicklungen des Weinstocks Bezug genommen. Im November welken seine Blätter und werden abgeworfen (Jes 34,4; Jer 8,13). Nach ihrem erneuten Austreiben im Frühjahr (Hhld 7,13; Jes 18,5) und der Beseitigung überschüssiger Triebe (vor und nach der Blüte) mit dem Winzermesser (Lev 25,3f; Jes 5,6; Jes 18,5; Hhld 2,12) beginnt im Juli die Traubenreife (Gen 40,10; Num 13,23f), die abhängig von klimatischen Faktoren bis in den November gehen kann. Die Hauptlese der Trauben erfolgte im September / Oktober. Die Trauben wurden dabei von Hand gepflückt und in Körben (→ Korb / Flechtwerk) gesammelt (Jer 6,9).

4.3. Metaphorisch

Der Weinstock kann Bild für den → Weltenbaum sein (Ez 19,10f; Ps 80,9-12). Das Sitzen unter Weinstock und Feigenbaum (1Kön 5,5; Mi 4,4; Sach 3,10) oder das Essen vom eigenen Weinstock (2Kön 18,31) signalisiert eine friedvolle Heilszeit, der Weinstock selbst Wohlstand und Wohlergehen (Gen 49,11f; vgl. Jes 16,8f). Der Weinstock ist aber auch Bild für Israel, das nach → Kanaan verpflanzt seine Ranken ausbreitet (Ps 80,9-12; vgl. Hos 10,1; Jer 2,21) bzw. Bild für den König → Zedekia bzw. das davidische Königshaus (Ez 17,6.8; Ez 19,10ff).

Weinstock und Stecklinge stehen metaphorisch für die Frau des Gerechten und ihre Nachkommen (Ps 128,3), der Frevler dagegen gleicht einem Weinstock, der seine Früchte nicht reifen lässt (Hi 15,33). Die Vernichtung des Weinstocks ist Symbol für das → Gericht Gottes (Hos 2,14; Jes 7,23; Jes 24,7; Jer 5,17 u.ö.). In der Liebeslyrik ist der Weinstock Bild für die Geliebte (Hhld 6,11). Ihr Brüste gleichen den Trauben am Weinstock (Hhld 7,9). Und sein Sprossen steht für das Erwachen der Liebe (Hhld 2,13).

5. Weintrauben

Wein wird auch „Blut der Trauben“ genannt (Gen 49,11; Dtn 32,14; Sir 39,26 [nicht in Lutherbibel 1984]; Sir 50,15 [Lutherbibel 1984: Sir 50,17]; vgl. Jes 63,1f), was darauf schließen lässt, dass es sich bei den Trauben um solche mit dunkler Farbe handelte (vgl. Spr 23,31), wobei dieser Rotwein kaum mit heutigen Arten und Geschmacksrichtungen vergleichbar ist. Weißwein ist dagegen biblisch nicht belegt. Unterschiedliche Traubenarten werden nicht eigens genannt. Für eine genauere Differenzierung dienten Gebiets- und Herkunftsangaben wie z.B. Heschbon / Sibma (Jes 16,8), Helbon (Ez 27,18), Eschkol bei Hebron, der Libanon (Hos 14,8) oder En-Gedi (Hhld 1,14).

5.1. Verwendung

Trauben waren ein wichtiges Nahrungsmittel. Man verzehrte sie wegen des frischen Geschmacks z.T. noch unreif (בֹּסֶר bosær; Jer 31,29; Ez 18,2) oder halbreif (Num 6,4), wenngleich vor der schädlichen Wirkung solch unreifer Trauben für die Zähne gewarnt wurde (Jer 31,29f). Auch in getrockneter Form (אֲשִׁישָׁה ’ǎšîšāh), als Trauben- oder Rosinenkuchen (→ Kuchen) waren die Früchte eine Delikatesse (1Sam 25,18; 1Sam 30,12; 2Sam 16,1; Jes 16,7; Hhld 2,5 u.ö.; vgl. Hos 3,1). Der Traubensaft war die Grundlage für die Erzeugung von Wein. Aufgrund der Wichtigkeit der Trauben im Alltag wird die Bitte beim Ernten verständlich: „Verdirb sie nicht, denn Segen ist darin“ (Jes 65,8). Die Traubenlese war ein Anlass für → Freude und Jubel (Ri 9,27; Jes 16,10f; Jes 24,7-11; Jer 48,33).

5.2. Bedeutung

Die Traubenernte war Zeichen für den Segen oder die Strafe Gottes (Am 9,13). Auf das rot gefärbte Gewand des Keltertreters, der die Trauben zertritt, wird im Rahmen des göttlichen Strafgerichts Bezug genommen (Jes 63,2).

Die Vorstellung, dass das Essen unreifer, saurer Trauben die Zähne angreift, wird in einem Sprichwort aufgenommen, das in Jer 31,29 und Ez 18,2 zitiert wird: „Die Väter haben Trauben gegessen und den Söhnen werden die Zähne stumpf.“ Hier wird dem Gedanken Ausdruck gegeben, dass man selbst unschuldig ist und allein die Väter für das eigene Leid verantwortlich sind. Allerdings zielt der Spruch darauf, diesen Gedanken ad absurdum zu führen, da das Beschriebene bekanntlich nicht zutrifft. Jer 31,30 (vgl. Ez 18,4) hält dann auch gegenüber der Vorstellung von einem Generationen übergreifenden → Tun-Ergehen-Zusammenhang fest, dass jeder Einzelne für seine Vergehen verantwortlich ist: „Jeder Mensch, der die sauren Trauben ist, dessen Zähne werden stumpf werden.“

6. Weinproduktion

Weintrauben wurden im August und September von Hand geerntet (Jer 6,9). Der Geserkalender (→ Geser; Text → Fest, 2.3.) spricht von zwei Monaten des Schneidens (zmr; im Zeitraum zwischen Juni und August), wobei sich dieses Schneiden entweder auf die Triebe des Weinstocks oder die Traubenlese bezieht.

Nach der Lese wurden die Trauben oft noch im Weinberg verarbeitet, um den aufwendigen Transport zu vermeiden. Dazu waren Keltern angelegt, vertiefte Anlagen im steinigen Boden, die aus zwei Teilen bestanden. Ein flacheres, höher gelegenes Becken (etwa 20-30 cm tief) nahm die Trauben auf. Dort wurden sie mit den nackten Füßen zertreten, um den Saft zu gewinnen (Am 9,13; Jes 63,2; Klgl 1,15). Zum besseren Halt der Arbeiter auf dem glitschigen Boden schuf man Stütz- und Haltekonstruktionen, wie ägyptische Darstellungen nahelegen (vgl. Abb. 5). Der Saft floss dann durch eine Rinne in ein zweites, tiefer gelegenes Becken. Dort konnten sich die Hefe und weitere Fremdstoffe absetzen. Nach einer Ruhepause wurde der Wein gefiltert (Jes 25,6) und in Krüge (1Sam 1,24; Jer 13,12-14) oder Schläuche aus Ziegenhäuten (Jos 9,4.12f; 1Sam 16,20 u.ö.) zum Transport abgefüllt, wo die Nachgärung erfolgte. Wichtig war, dass der durch die Gärung in den Gefäßen entstehende Druck nicht zu groß wurde, sonst konnten die Schläuche platzen. Die die Krüge verschließenden Pfropfen wiesen daher kleine Löcher auf. Allerdings war es nicht möglich, Wein über längere Zeit zu lagern. Ein ein Jahr gelagerter Wein galt deshalb schon als alt. Tretkeltern sind in Palästina seit dem 3. Jt. v. Chr. bezeugt (vgl. Hepper 1992, 100). Weinpressen mit Pressbalken finden sich seit der hellenistischen Zeit.

7. Wein

7.1. Lebenswelt

Wein und Most gehörten neben → Brot zu den Grundnahrungsmitteln (Gen 14,18; Gen 27,28.37; Ri 19,19; Sir 39,26 [nicht in Lutherbibel 1984]), egal ob bei alltäglichen Mahlzeiten oder bei Festen (Hi 1,13; 1Sam 25,36; Jes 5,12), und waren auch Reiseproviant (Ri 19,19). Er galt als gesundes Getränk angesichts der Tatsache, dass das Wasser häufig mit Krankheitskeimen behaftet war. Um den Geschmack zu verbessern, wurden dem Wein auch Gewürze, wie z.B. → Myrrhe, aber auch Honig und Rosinen, → Wermut und → Weihrauch beigegeben. So erhielt man Mischwein, wie er in Spr 9,2.5 oder in Hhld 8,2 vorausgesetzt ist. Weinschorle, also mit Wasser vermischter Wein, ist erst spät belegt (vgl. 2Makk 15,40). Jes 1,22 jedenfalls verwirft die Verwässerung von Wein. Wein, der essigsauer geworden war (→ Essig), war mit Wasser vermischt ein beliebter Durststiller (Rut 2,14).

Königshöfe waren mit Weinlagern versehen (1Chr 27,27; 2Chr 11,11), die eigene Verwalter hatten. Nicht umsonst wird Wein daher als Wirtschaftsgröße in den Ostraka (→ Schreibmaterial) von → Arad und → Samaria genannt, die Wein- und Öllieferungen an den Hof von Samaria dokumentieren. Auch als Exportartikel ist Wein belegt (2Chr 2,9).

7.2. Bedeutung

Wein galt als Segensgabe Gottes (Gen 27,28; Jer 31,12; Joel 2,19), die des Menschen Herz erfreut (Ps 104,15; Pred 9,7; Pred 10,19; Sir 31,27 [Lutherbibel 1984: Sir 31,32]; vgl. Sach 10,7). Aber auch von den Göttern wird gesagt, dass sie Wein schätzten (Ri 9,13; Dtn 32,37f). Im Alltag hilft Wein gegen Traurigkeit (Jer 16,7), lässt Sorgen vergessen (Spr 31,6f), das alles aber „zur rechten Zeit und maßvoll getrunken“ (Sir 31,28 [Lutherbibel 1984: Sir 31,35]). Trauernde wurden durch den „Trostbecher“ gestärkt (Jer 16,7). Klgl 2,12 legt Kleinkindern die Frage: „Wo sind Brot und Wein?“ in den Mund. Sie belegt nicht, dass damals schon Kleinkinder Wein bekamen, vielmehr soll vermutlich veranschaulicht werden, dass die Lage nach der → Zerstörung Jerusalems so katastrophal war, dass sich sogar Kleinkinder am liebsten nur noch volllaufen lassen wollten, wenn denn Wein da gewesen wäre.

Vor übermäßigem Weingenuss warnen weisheitliche Worte (Spr 23,31-35; Sir 18,33). Dessen negative Auswirkungen haben Gen 9,21; Ps 60,5 vor Augen. Übermäßiger Weingenuss wird auch im Rahmen der prophetischen Luxuskritik angeprangert, da so der soziale Friede im Lande untergraben und die Not der wirtschaftlich Benachteiligten vergrößert wird (Am 4,1; vgl. Mi 2,11).

7.3. Metaphorik

Der Liebesgenuss gleicht dem Trinken von Wein (Hhld 5,1; Hhld 7,10; Hhld 8,2). Gärender Wein ist ein Bild für den sich einen Ausweg suchenden Geist → Elihus (Hi 32,19). Ein → Becher mit Wein in der Hand Gottes ist Zeichen für das göttliche Zorn- und Strafgericht (Ps 75,9). Die Wendung „Blut trinken wie Wein“ verdeutlicht militärische Erfolge (Sach 9,15). Die Heilszeit ist mit einem Überfluss an Weinvorräten verbunden (Gen 49,11; Joel 2,24; vgl. Jes 25,6).

8. Rechtliche Bestimmungen

Trauben und Wein sind auch Gegenstand rechtlicher Bestimmungen. Hier spielen z.B. soziale Bestimmungen eine Rolle, wonach die Weinstöcke nicht völlig abgeerntet werden sollten, um den → Armen und → Fremdlingen eine Nachlese und damit das Überleben zu ermöglichen (Dtn 24,21; Lev 19,10). Man durfte Trauben im Weinberg verzehren, aber nicht mitnehmen (Dtn 23,25). Wo ein Weinberg durch freilaufendes Vieh geschädigt wurde, musste der Besitzer der Tiere den entstandenen Schaden ersetzen (Ex 22,4). Zehntbestimmungen (→ Zehnter) bezogen auf den Wein sind in Dtn 12,17; Dtn 14,23 überliefert. Die Ruhezeit des Sabbatjahres (→ Brache / Brachjahr) bezieht sich nach Ex 23,11; Lev 25,3f auch auf Weinberge und Weinstöcke.

9. Kultische Bestimmungen

Jegliche Produkte des Weinstocks waren den → Nasiräern (Num 6,1-4; Ri 13; Am 2,11f) und → Rechabitern (Jer 35,1-14) verboten. Auch Priester mussten sich des Weines enthalten, wenn sie bestimmte kultische Aufgaben zu erfüllen hatten (Lev 10,8-11; Ez 44,21). Weinopfer waren nur von geringer Bedeutung; sie wurden als Zugabe zu anderen Opferdarbringungen wie Lämmern oder Widdern erbracht (Ex 29,40f; Num 28,14 u.ö.). Auf den → Schaubrottischen befanden sich neben den Broten auch Kannen mit Wein (Num 4,7). Bestandteil des Jerusalemer Tempelkultes war die Darbringung der Erstlingsfrüchte des Weinstocks (Num 18,12f; Dtn 18,4).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Paulys Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft, Stuttgart 1894-1972
  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928ff
  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Der Kleine Pauly, Stuttgart 1964-1975 (Taschenbuchausgabe, München 1979)
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 6. Aufl., München / Zürich 2004
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006
  • Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt 2006
  • Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009

2. Weitere Literatur

  • Böcher, O., 1989, Der Wein und die Bibel, Gütersloh
  • Borowski, O., 1987, Agriculture in Iron Age Israel, Winona Lake
  • Dalman, G., 1935, Arbeit und Sitte in Palästina, Bd. IV, Gütersloh
  • Hepper, F.N., 1992, Pflanzenwelt der Bibel. Eine illustrierte Enzyklopädie, Stuttgart
  • Keel, O., 1986, Das Hohelied (ZBK.AT 18), Zürich
  • Keel, O. u.a., 1984, Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Bd. 1, Göttingen
  • Löw, I., 1924-1934, Die Flora der Juden, 4 Bde., Wien / Leipzig (Nachdruck Hildesheim 1967)
  • Metzger, M., 2004, Zeder, Weinstock und Weltenbaum, in: ders., Vorderorientalische Ikonographie und Altes Testament. Gesammelte Aufsätze, hg v. M. Pietsch / W. Zwickel, Münster, 51-76
  • Riede, P., 2009a, „Der Gerechte wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon“ (Psalm 92,13), Pflanzenmetaphorik in den Psalmen, in: ders., Schöpfung und Lebenswelt. Studien zur Theologie und Anthropologie des Alten Testaments (MThSt 106), Leipzig, 19-41
  • Riede, P., 2009b, Mensch und Welt in der Sicht des Alten Testaments. Am Beispiel von Psalm 104, in: ders., Schöpfung und Lebenswelt. Studien zur Theologie und Anthropologie des Alten Testaments (MThSt 106), Leipzig, 101-117
  • Riede, P., 2020, Kostbarer Boden – liebliches Land. Beiträge zu einer alttestamentlichen Agrotheologie (fzb 140), Würzburg 2020
  • Steigelmann, W., 1971, Der Wein in der Bibel, 2. Aufl., Neustadt
  • Walker, W., 1959, All the Plants of the Bible, 3. Aufl., London
  • Zohary, M., 1983, Pflanzen der Bibel. Vollständiges Handbuch, Stuttgart
  • Zwickel, W., 1997, Die Welt des Alten und Neuen Testaments. Ein Sach- und Arbeitsbuch, Stuttgart
  • Zwickel, W., 2013, Leben und Arbeit in biblischer Zeit. Eine Kulturgeschichte, Stuttgart

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Kundschafter Israels bringen Trauben mit, die die Fruchtbarkeit des gelobten Lands veranschaulichen (Num 13). Allegorische Auslegung hat die Trauben als Verweis auf das Abendmahl verstanden und die Szene im Altarraum dargestellt (Bodenmosaik; St. Maria im Capitol, Köln; 20. Jh.); © public domain; Foto: Klaus Koenen, 2017.
  • Abb. 2 Die Darstellung der Eroberung Lachischs zeigt im Hintergrund Weinreben (Reliefdetail, Palast Sanheribs in Ninive, nach 700 v. Chr.). Aus: A.H. Layard, A Second Series of Monuments of Nineveh, London 1853, Pl. 23
  • Abb. 3 Kelteranlage; © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
  • Abb. 4 Wachttürme im Weinberg. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 5 Keltertreter (Grab des Nacht; Theben, Ägypten; 15. Jh. v. Chr.). Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 10.3.2022

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