Universalismus / Partikularismus (AT)

(erstellt: Sept. 2020)

1. Universalismus und Partikularismus als prägende Größen alttestamentlicher Theologie

Als universalistisch wird eine Sichtweise bezeichnet, in der das Ganze und Allgemeine gegenüber dem Besonderen und Einzelnen betont wird, während sich eine Orientierung an einem Teil, dem vom anderen geschiedenen Besonderen, als partikularistisch auszeichnet. Das Alte Testament insgesamt ist ein Buch, dessen → Theologie und Anthropologie durch das spannungsvolle Verhältnis von Partikularismus und Universalismus geprägt ist. Sogar in den besonders universal ausgerichteten Texten bleibt der partikulare Bezug zu Israel perspektivgebend, indem sie sich bleibend an Israel (als Teil der Völkerwelt) richten.

Die Verknüpfung des Weltgottes Jhwh mit seinem eigenen Volk zeigt besonders prägnant ein außerbiblisches Beispiel aus der israelitischen Religionsgeschichte. Die Inschrift 1 aus Chirbet Bēt Lajj (Koordinaten: 1430.1080; N 31° 33' 50'', E 34° 55' 42'') aus dem Ende des 8. Jh.s, die im judäischen Hügelland etwa 8km von → Lachisch entfernt gefunden wurde (Leuenberger 2014, 251-259), trifft folgende Aussage zur eigenen Gottheit und ihrem Kompetenzbereich:

Jhwh (ist) der Gott der ganzen Erde (יהוה אלהי כל הארץ)

Die Berge Judas (sind) dem Gott Jerusalems (הרי יהודה לאלהי ירשׁלם)

Partikularismus und Universalismus greifen in dieser Inschrift eng ineinander. Der Gott der ganzen Welt ist der Gott Jerusalems und herrscht somit im judäischen Bergland, also gerade dort, wo die Verfasser der Inschrift sich befinden. Der persönliche Bezug steht hier zwischen der traditionellen Orientierung an Jerusalem (→ Zion / Zionstheologie) und der Betonung der übergreifenden Macht.

Das Nebeneinander von universalen und partikularen Perspektiven zeigt sich im Alten Testament – kanonisch gelesen – von Anfang an. So wird im ersten Schöpfungsbericht (Gen 1,1-2,4a) sogleich Jhwh als Schöpfer in einem universalen und damit auf die Gesamtheit ausgerichteten Bild gezeichnet (→ Schöpfung). Die Erde als ganze wird erschaffen und der Mensch – männlich und weiblich – ohne weitere Spezifizierung auf diese gesetzt und mit dem Herrschaftsauftrag ausgestattet. Die weitere Lektüre bringt, spätestens mit der auf Israel fokussierten → Erzelterngeschichte, jedoch prägende Spuren eines Partikularismus, der Ausrichtung auf einen Teil, gerade in den Aspekten der Berufung und → Erwählung und des → Bundes hervor, die sich mit → Jhwh als (National-)Gott Israels verbinden. Auch die folgende → Exoduserzählung basiert auf der Trennung Israels von Ägypten und der partikularen Geschichte der Befreiung dieses Volkes durch Jhwh.

Nicht nur innerhalb des Alten Testaments wird dieses Wechselverhältnis in verschiedenen Zeiten und theologischen Strömungen unterschiedlich bestimmt, auch die Forschungsgeschichte offenbart Schwankungen in der Einordnung. Rudolph Smend konnte etwa den „ständigen Bedeutungszuwachs“ des Partikularismus in der alttestamentlichen Exegese des 19. Jh.s aufzeigen: „Am Anfang zu eliminierende Nebensache (Gabler), dann Symbol der universalistischen Hauptsache (de Wette), dann in der Dialektik der Geschichte zusammen mit dem Universalismus entwickelt und eigentlich dessen Rückhalt (Vatke), und schließlich Prinzip und Inbegriff der israelitischen Religion und Geschichte, vom Universalismus nie außer Kraft gesetzt.“ (Smend, 125). Entscheidend für diese wechselvolle Geschichte war nicht zuletzt die verwendete Methodik (kanonische oder entstehungsgeschichtlich orientierte Lektüre) und Rekonstruktion der Geschichte Israels und der Literaturgeschichte. Bis in die Gegenwart wurde der Partikularismus – verbunden mit den Stichworten Bund und Erwählung – immer wieder als Hauptmerkmal des Judentums betrachtet und – oft abwertend – einem christlichen Universalismus gegenübergestellt (→ Antijudaismus in der alttestamentlichen Wissenschaft). Diese beiden Pole sollten jedoch nicht als Gegenbegriffe enggeführt werden. Partikularismus und Universalismus gehören konzeptionell zusammen und sind wechselseitig aufeinander bezogen, wie der folgende Blick auf einige alttestamentliche Grundkonstellationen und theologische Spitzenaussagen zeigt.

2. Schöpfung

Als Schöpfer des Menschen (Jer 1,5; Ps 139,13; Hi 10,8) und der ganzen Welt (Gen 1,1-2,4; Ps 104) wird Jhwh sowohl mit dem partikularen Geschick des Einzelnen als auch in universaler Perspektive der Welt verbunden (→ Schöpfung). Betont die Menschenschöpfung die Bindung des Menschen an seinen Schöpfer und die daraus abzuleitende und zu fordernde Bewahrung durch diesen, liegt die Betonung bei der Weltschöpfung in der Anerkennung und – besonders in den Psalmen – des Lobes der göttlichen Macht (Albertz). Diese universale Macht zeigt sich in der anfänglichen Ordnung der Welt, der Beherrschung der Elemente und der Lenkung der Geschichte. Aus diesem Grund wurde die universale Schöpfermacht gerade in Zeiten der Krise und der Krisenbewältigung betont, in denen Jhwhs Macht fraglich geworden war, wie es sich besonders bei den die Katastrophen der → Exilszeit verarbeitenden priesterschriftlichen Texten und bei → Deuterojesaja (Jes 40-55) zeigt.

Anders als die nichtpriesterliche Urgeschichte in Gen 2,4b-25, die stärker auf allgemeine Grundkonstellationen zwischen Gott und Mensch und den Menschen untereinander ausgerichtet ist, beginnt die in der späten Exils- oder frühen nachexilischen Zeit verfasste priesterschriftliche → Urgeschichte beim Ganzen der Schöpfung, legt mit den so genannten noachitischen Geboten (→ Noah) eine Grundlage mit weitreichender Geltung für die Menschen (Gen 9,1-17, vgl. Apg 15,18-20), läuft dann jedoch in der Fortsetzung auf die auf Israel ausgerichtete und damit partikulare Erzeltern- und dabei zugleich Volksgeschichte zu. Doch auch in dieser werden die Erzeltern und damit Israel als Teil einer größeren Völkerwelt dargestellt und zu diesen in Relation gesetzt, indem etwa Themen der Landverteilung erzählerisch umgesetzt werden.

Auf den priesterschriftlichen Schöpfungsbericht in Gen 1 bereits reagierend, verbindet der in nachexilischer Zeit verfasste Text Dtn 4,16-20 die von Jhwh erschaffene universale Weltordnung mit der partikularen Aufforderung zur Alleinverehrung Jhwhs durch Israel (→ Monotheismus). So werden die durch die Völker verehrten Götter und Götterbilder in die Schöpfungsordnung integriert, indem sie als Abbilder der von Gott erschaffenen astralen Körper und Tiere klassifiziert, somit aber zugleich dem israelitischen Kult subordiniert werden (Ebach 2014a, 275f.). Die Betonung der weltumfassenden göttlichen Macht geht somit mit weitreichenden Veränderungen in den allgemeinen Gottesbildern einher.

Auch für → Deuterojesaja (Jes 40ff.) ist der Bezug auf die Erzväter und die Schöpfermacht Jhwhs prägend (Köckert, 281f.). Dabei ist, wie Jes 54,5 betont, Jhwh zugleich der „Gott der ganzen Erde“ (אֱלֹהֵי כָל־הָאָרֶץ) und unmittelbar als Schöpfer partikular an Israel gebunden. Als Erwählte dieses Gottes, auf dessen Wirken die ganze Welt zurückgeht, ist Israel vollständig von diesem abhängig (Köckert, 281).

Das Motiv der, die die universale Wirkungsmacht Jhwhs zeigt, wird auch im → Psalter betont (Ps 104). Als Schöpfer ist Jhwh dabei zugleich König der ganzen Erde (→ Königtum Gottes; Janowski). So zeigt gerade der Jhwh-Königpsalm Ps 93 (vgl. auch Ps 145), dass das königliche Wirken mit der Bewahrung der Stabilität der ganzen Erde eng verknüpft ist. Diese Vorstellung teilt Israel mit seinen altorientalischen Nachbarn (Leuenberger 2004, 221-241 zur Entwicklung der Vorstellung des Königtums Gottes im altorientalischen Kontext). Die universale Prägung zeigt Ps 93 in geographischer, aber auch in chronologischer Hinsicht, indem das Königtum mit dem Anbeginn der Erde (Stichwort עולם) verknüpft wird (→ Ewigkeit).

3. Erwählung

3.1. Erwählung aus der Gesamtheit (für die Gesamtheit)

Auf den ersten Blick scheint → Erwählung dem Universalismus gegenüber zu stehen, doch ist dieser für die Vorstellung der Erwählung sogar (zwingend) nötig (so schon in der grundlegenden Studie zu Universalismus und Erwählung von Altmann; aber auch Köckert, 277). So geht es im Konzept der Erwählung nicht nur generell um die im Alten Orient übliche Betonung der Verbindung eines Volkes mit seiner Nationalgottheit oder seinen Nationalgottheiten, sondern um das Auswählen einer Gruppe oder eines Einzelnen aus einem größeren Kontext, über den die Gottheit ebenfalls Macht hat. „Von Erwählung Israels wäre also da zu reden, wo Israel im Bewußtsein seiner Existenz unter den Völkern sein besonderes Verhältnis zu Jahwe, dem Gott aller Völker, durch einen besonderen Akt Jahwes in der Vergangenheit begründet sieht.“ (Hermisson, 260). Deutlich formuliert ist dies in Ex 19,4-6:

4Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. 5Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. 6Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

Verbunden mit der Erwählung ist hier mit der Forderung des Bundesgehorsams (→ Bund), wie stets, eine Beauftragung oder Verpflichtung. Die Zuweisung dieser Rolle hat zumeist wiederum Auswirkungen auf die Gesamtheit, aus der ausgewählt wurde. Deutlich wird dieser Aspekt etwa an der Auswahl des Königs, der dann wieder über das Volk herrscht, aus dem er ausgewählt wurde (Dtn 17,14-20). Erwählt werden Völker (meist Israel: Dtn 7,6-8), institutionelle Personen oder Personengruppen (König: Dtn 17,15; 1Sam 10,17-27; Ps 2,7; Saul: 1Sam 10,24; David statt Saul: 2Sam 6,21; Priester: Dtn 18,1-8; 1Sam 2,28) und Einzelpersonen (Abraham: mit der Verwendung des Verbs בחר in Neh 9,7f.), aber auch Orte (Dtn 12; Ps 132,13-18). Entscheidend für das Verständnis der Nicht-Erwählten ist dabei, dies nicht mit einer Verwerfung und damit einer Abwertung gleichzusetzen (Kessler). Wird im Alten Testament das Werturteil der Verwerfung getroffen, so wird es auch deutlich formuliert (hebr. מאס, vgl. 1Sam 15,23-26; Ps 89,39f.).

Wie die Schöpfung betont auch die Erwählung des Volkes das souveräne Handeln Gottes, da dieser keine Leistung vorausgeht. So fasst Matthias Köckert zu → Deuterojesaja zusammen: „Erwählung ist Schöpfungsakt. Die Erwählten gehören nicht sich selbst, sondern stehen ab ovo und totaliter unter der Verfügung ihres Gottes.“ (Köckert, 281, Hervorhebung i.O.). Im Deuteronomium wird die → Liebe Gottes zu Israel als Auslöser der Zuwendung angegeben (Dtn 4,37; Dtn 7,6-8). Dass sich – gerade bei Deuterojesaja und im Deuteronomium – die theologischen Grundsätze des Universalismus und des Monotheismus analog und miteinander verschränkt entwickelt haben, wird durch die jeweils vorausgesetzte Souveränität Gottes über die gesamte Schöpfung deutlich. Dieser universalgeschichtliche Aspekt bildet sich in der babylonischen Zeit als Reaktion auf die nationale Katastrophe der → Eroberung Jerusalems und des Endes einer israelitischen / judäischen Monarchie (Schmid 2019, 205-208).

Mit einer universalen Perspektivausweitung werden bisweilen Aspekte einer Demokratisierung verbunden. Nicht allein der König, sondern jeder Mensch ist das Bild Gottes (→ Ebenbildlichkeit), so zeigt es die Menschenschöpfung in Gen 1,28, und Deuterojesaja nennt zwar Könige der anderen Länder, betont aber gerade nicht die Erwählung eines israelitischen Königs, sondern Israels als Kollektiv. Somit ist auch ohne eigenen König die Erwählung des Volkes nicht in Frage gestellt. Verbunden mit diesem Gedanken ist eine spezifische Sicht auf die eigene Geschichte: Nicht weil der eigene Staatsgott den anderen Göttern unterlegen war, kam es zum nationalen Niedergang, sondern durch sein weltsteuerndes Wirken hat er den neubabylonischen König → Nebukadnezar als Werkzeug zur Strafe für Israel genutzt und wird nun auch den Perserkönig → Kyros (Jes 45,1-7) zu Israels Heil schicken (Schmid 2019, 298). Wiederum wird also die göttliche universale Macht betont, sein Handeln selbst reagiert aber partikular auf das Verhalten seines eigenen Volkes Israel und ist an dessen Volksgeschichte zu erkennen. Im Gegenzug hat in einem solchen Modell auch Israels Handeln selbst Einfluss auf die ganze Welt. So folgen aus der Erwählung positive Aspekte für die Völker (Jes 42,6, der → Gottesknecht als Licht für die Völker; vgl. auch Gen 12,1-3), aber auch deutlich negative Konsequenzen, wie die Preisgabe von Völkern zu Israels Gunsten (Jes 43,1-7).

3.2. Partikulare Erwählung als Beauftragung

Im Gegensatz zum Grund der Erwählung, der keine Leistung voraussetzt, resultiert aus dieser aber unmittelbar eine Verhaltensforderung. Das Partikulare der Erwählung besteht somit nicht in einer durch Leistungen eines Teils verdienten Auszeichnung, die die Erwählten von den anderen abhebt. Die Verhältnisbestimmung verpflichtet vielmehr den ausgewählten Teil zu Taten, sodass eine besondere Verantwortung entsteht, für die auch Rechenschaft abzulegen ist. Hier zeigen sich Analogien zum Motiv der Berufung, deren Folgen sich ebenfalls in der Rolle, die die Berufenen für das Volk einnehmen, manifestieren (→ Berufung / Berufungsbericht). So formuliert Am 3,2, dass gerade aus dem Erkennen Israels durch Gott folgt, dass er ihre Sünden heimsuchen wird (vgl. auch Dtn 7,6-10; Ez 20,5-7 und die Herausführung aus Ägypten als Grundlage des Dekalogs Ex 20,2f.; Dtn 5,6f.).

4. Heilsgeschichte

Die israelitische → Heilsgeschichte ist eng durch das jeweils gegenwärtige und für die Zukunft skizzierte Verhältnis zu den Völkern bestimmt. Die Verbindung der partikularen Rolle Israels mit der Völkerwelt reicht dabei von einer harten Abgrenzung über ein Neben- und Miteinander bis hin zur Integration der Völker, bzw. einzelner Fremder. Die deutliche Mehrheit der Texte, die das Verhältnis zu den anderen Völkern in den Mittelpunkt stellen, bewusst reflektieren und es dabei mit der eigenen Identität und Rolle verbinden, entstammt der exilischen und nachexilischen Zeit, in der sich das Verhältnis zu den Völkern und die Frage nach dem eigenen Heil zu einem der Kernprobleme der Identitätsbildung und Identitätswahrung entwickelten. Universale Vorstellungen und die Wahrnehmung der Völkerwelt sind dabei kein absolutes Novum in der israelitischen Religionsgeschichte, doch verstärkt sich der Grad der theologischen Reflexion etwa im Kontext des sich ausprägenden Monotheismus.

4.1. Die Völker als Forum für die israelitische Heilsgeschichte

Die Völker dienen in unterschiedlicher Weise als universales Forum, vor dem Gottes Handeln an Israel sichtbar wird. Eher nicht mit einer spezifisch reflektierten universalistischen Sicht verbunden ist die in den Psalmen oft belegte Aufforderung zum Preisen Jhwhs unter den Völkern (Ps 18,50; Ps 66,8; Ps 108,4 u.ö.) und die auch in jüngeren Texten belegte Verkündung seiner Taten unter den Völkern (Ps 9,12; Ps 96,3 u.ö.) bleibt trotz des universalen Settings weitgehend im üblichen Rahmen der Verehrung des partikularen Gottes. Im → Deuteronomium und bei → Deuterojesaja wird dieser Zug jedoch weiter ausgebaut und verändert. Nun wird Israel zum Beweis der göttlichen → Herrlichkeit, die von außen erkannt werden kann (Jes 43,7), und die Völker bieten das Forum und damit den kritischen Blick von außen (Ebach 2014b), der die israelitische Unheils- und Heilsgeschichte bezeugen und zugleich evaluieren kann (Dtn 4,6-8; Dtn 29,21-28; Dtn 32,26f.; Jes 52,7-10, für negative Ereignisse auch Ez 5,8f.). Dabei ist das Urteil der Völker über die partikulare israelitische Heilsgeschichte und Jhwhs Handeln für Israel, aber auch für Jhwh selbst relevant. In Dtn 9,28 dienen sogar mögliche Fehldeutungen des göttlichen Handelns an seinem eigenen Volk Mose als gelingendes Argument gegen Jhwh und motivieren diesen, sein eigentlich gerechtfertigtes Handeln zu ändern und Israel trotz der Frevel nicht zu vernichten.

4.2. Heil für die Völker – (k)ein Heilsuniversalismus

Steht Israel in den zuletzt genannten Texten den anderen Völkern in einem universalen Setting gegenüber, wird in einer anderen theologischen Linie die Möglichkeit des Heils für die Völker in Verbindung mit Israel betont.

Auffällig ist die den Texten gemeinsame Orientierung auf die nähere oder weitere Zukunft (→ Eschatologie). Das Motiv der → Völkerwallfahrt (Jes 2,2-4; Mi 2,1-5) drückt im Gegensatz zum Völkersturm (Ps 46-48) die positive Akzeptanz Israels und der durch die Tora geprägten Rechtsordnung durch die Völker aus. Israel steht dabei den Völkern gerade nicht gegenüber, sondern in ihrer Mitte. Im Tempelweihgebet wird die Bitte der Erhörung auch nichtisraelitischer Menschen im Tempel verankert (1Kön 8,41-43).

Das größte Maß an Universalismus wird in dieser Linie erneut durch die jüngeren Konzeptionen des Jesajabuchs gezeigt. So betont Jes 45,6 die Gotteserkenntnis für die ganze Welt, Jes 42,10-12 kündet das Lob Jhwhs durch die ganze Welt an und Jes 45,18-25 verbindet den Gedanken der Schöpfung und des Monotheismus mit dem Aufruf an alle Enden der Erde zu ihm zu kommen (zur Verbindung zu den Völkern in der Entstehungsgeschichte Deuterojesajas siehe Köckert, 285-288). Auch in Ps 86,9 wird angekündigt, dass die Völker, die Jhwh selbst erschaffen hat, kommen und ihn verherrlichen werden. Das den Psalter abschließende → Hallel Ps 146-150 mündet in den Aufruf zum gemeinsamen Lob Jhwhs durch alle Lebewesen (Ps 150,6; vgl. Ps 148, aber im Setting auch Ps 96-98). Doch auch in diesem universal-ausgerichteten Abschluss finden sich Anzeichen der Abgrenzung und Israelzentrierung (Ps 147; Ps 149) und sogar Feindschaft zwischen Israel und den anderen Völkern (zu redaktionsgeschichtlichen Konsequenzen dieses Nebeneinanders siehe Neumann).

Auch im → Zwölfprophetenbuch wird die Heilsmöglichkeit für die Völker immer wieder betont (vgl. Joel 3,1-5; Mi 4,1-4; Zef 3,9f.; Sach 14,16-19 u.ö.). Dies geschieht gerade an den Stellen, an denen zuvor das Gericht für die Völker angesagt wurde. Diese Heil-für-die-Völker-Schicht (Wöhrle 2008, 335-361) aus dem 3. Jh. betont die kultische Zuwendung von Mitgliedern aus den Völkern zu Jhwh, wie besonders Sach 14,16-19 durch die Verknüpfung mit dem → Laubhüttenfest zeigt. Mit der Ausweitung geht auch ein breiterer Fokus auf die Gruppen der Gemeinschaft einher: Joel 3,15 betont die Partizipation der Freien und Unfreien, der Alten und der Jungen (vgl. auch Ps 148,11f.). Die kultische Ausweitung ist eine der Möglichkeiten der Universalisierung der Jhwh-Religion.

Durch die Betonung der universalen göttlichen Macht kann zugleich vor der zu starken Betonung der partikularen Heilsgeschichte Israels gewarnt werden, um im Kontext der Strafandrohungen gegen eine Heilssicherheit vorzugehen. So betont Am 9,7, dass das → Exodusgeschehen keineswegs singulär sei, sondern Analogien in anderen Volksgeschichten habe, die ebenfalls durch den Gott Israels gelenkt wurden.

Die frühe alttestamentliche Textgeschichte zeigt, als wie heikel eine solche Übertragung der eigenen identitätsstiftenden Traditionen (Exodus, Erwählung) auf andere Völker angesehen wurde. So bezeichnet Ps 47,10 in der Version des Masoretischen Textes die Edlen der Erde als „Volk des Gottes Abrahams“ und in Jes 19,24f. nennt Jhwh Ägypten „mein Volk“ und Assur „das Werk meiner Hände“. Hier findet eine weitreichende Übertragung der klassischen Erwählungsvorstellung auf die Völker statt. An beiden Stellen verändert und entschärft die Septuaginta-Tradition die Aussage. Der Septuaginta-Text bietet in Jes 19,25b „Gesegnet mein Volk, das in Ägypten ist und das bei den Assyrern ist, und mein Erbe Israel“. Und auch im zugehörigen Targumtext wird die Konstellation umgedeutet, indem Ägypten als Ort des Exodus und Assur als Ort des Exils genannt werden.

4.3. Integration von Fremden und Individualisierung von Heil und Unheil

In die zuvor genannte Kategorie der kultischen Ausweitung bis hin zu einem religiösen oder kultischen Universalismus, der auch durch die Einhaltung des Gesetzes geprägt sein kann (Altmann; Schreiner, 114-116), fallen mit unterschiedlicher Stoßrichtung auch Jer 16,19-21; Mal 1,11-14; Zef 2,11; Zef 3,9f. Auch die Integration der Proselyten in Jes 56,1-8 kann der integrativen Linie zugeordnet werden. Im Gegensatz hierzu stehen Texte der Abgrenzung wie Ps 147,20, in denen gerade das Fehlen des göttlichen Gesetzes bei den Völkern betont wird. Die völlige Selbstunterwerfung aller Völker unter Jhwh, die auf Israels problematisches Verhältnis zur Völkerwelt reagiert, dies jedoch nicht kriegerisch löst, künden Ps 22,28-32; Ps 47; Ps 38,4f. an (zum vielschichtigen Bild in den Psalmen schon Dion, 101-107). Diese explizite Aufforderung der Anerkennung Jhwhs ist neben der Auffassung, dass Jhwhs Macht weder auf ein Gebiet noch auf die Menschen beschränkt ist, und der Annahme, dass Jhwh sich um die Menschen kümmert, nach Dion (143-149) der dritte Pfeiler des ausgeprägten und monotheistisch orientierten Universalismus in Israel. Eine stärkere missionarische Ausrichtung, die für das Neue Testament prägend wird, gibt es im Alten Testament in dieser Form nicht. Kommunikativ bleiben die alttestamentlichen Texte auf Israel als Ansprechpartner bezogen, auch dort, wo die (ganze) Welt im Blick ist.

Einige moralische Grundverpflichtungen sind universaler als die für Israel geltende → Tora. Als generelle Auszeichnung der Menschen (auch aus den Völkern) und allgemeine Sittlichkeit gilt das Attribut der → Gottesfurcht (יִרְאַת אֱלֹהִים), die neben anderen → Hiob auszeichnet (Hi 1,1.8f.) und in der → Weisheit als Grundlage der allgemeinen Erkenntnis dient (Spr 1,7). Das → Qoheletbuch, das zur spätalttestamentlichen Weisheit gehört und deutliche Kontakte mit dem Hellenismus offenbart, zieht generell den allgemeineren Terminus Gottesfurcht der Betonung der spezifisch israelitischen Traditionen vor (Pred 7,18; Pred 8,12f.). Die fehlende Gottesfurcht markiert den vollkommenen sittlichen Mangel der → Amalekiter, wodurch die radikalste Abgrenzung im Alten Testament begründet wird (Dtn 25,17-19).

Die Einordnung als gottesfürchtig sprengt die Grenzen Israels, doch auch Wege der Integration in die israelitische Gemeinschaft werden skizziert. Neben der Verhältnisbestimmung zu den Völkern steht die Integration Einzelner (Haarmann). Besonders greifbar wird dieser Mechanismus an der → Beschneidung, die gerade als spezifisches Bundeszeichen zwischen Israel und seinem Gott gilt (Gen 17,10-16). Der priesterliche Text Ex 12,48 zeigt die Beschneidung als Weg der Integration des Fremdlings (גֵּר), der hier schon fast zum → Proselyten geworden ist. Will dieser am → Passafest teilnehmen, das wie kein anderes Fest für die Vergegenwärtigung der partikularen Geschichte Jhwhs mit seinem Volk steht, weshalb im Gegensatz zu anderen Festen in Dtn 16,1-8 gerade kein Fremdling integriert wird, so kann er dies durch die dann zwingend vorausgesetzte Beschneidung. Der partikulare Aspekt der Beschneidung als Bundeszeichen bleibt dabei erhalten, die Unbeschnittenen bleiben ausgeschlossen.

Gegenüber zum universalen Heil ist auch das universale Gericht, bzw. allgemeiner die Verantwortung vor Gott, Teil der Ausweitung auf die Gesamtheit der Völkerwelt. So kündet etwa Ps 7,9 oder Ps 82 ein universales Gericht auf Grund sozialer Vergehen für alle an, da alle Völker Gottes Eigentum sind und auch Jer 18,7-10 legt den Fokus auf das Verhalten der Völker (Altmann: karitativer Universalismus).

Standen in den vorherigen Ausführungen Israel und die Völker stärker im Mittelpunkt, ist das Wechselverhältnis zwischen Universalismus und Partikularismus doch auch innerhalb und außerhalb Israels in Bezug auf den Einzelnen und das ganze Volk erkennbar. Dies zeigt sich auf eine Weise an den Figuren der Erzelterngeschichten, die als Einzelne Grunderfahrungen machen, die für das auf sie zurückgeführte Volk, bzw. die Völker, entscheidend sind. Als Repräsentanten dienen die Protagonisten damit der Verarbeitung der politischen Geschichte und der Einordnung in die Völkerwelt, wie etwa die Jakob-Esau-Geschichten zeigen, die das Verhältnis zwischen Israel und Edom reflektieren. Die politische Geschichte wird als Familiengeschichte erzählt. Steht in dieser Weise auch im Deuteronomium der als „Du“ angesprochene Einzelne für das ganze Kollektiv, wird in der israelitischen Religionsgeschichte zunehmend der Einzelne als religiöse Größe entscheidend und eine interne Grenze zwischen den Frommen und Frevlern gezogen (Ps 145,20; Ps 147,6). Auch dieser Aspekt der Individualisierung geht mit einer Universalisierung einher, indem das Kriterium der Frömmigkeit das der nationalen Zuordnung relativiert. Er entwickelt sich ab der exilischen Zeit und wird gerade in der hellenistischen Zeit greifbar. Besonders deutlich wird das Zusammenspiel in Jes 65-66. So wird hier eine Trennung innerhalb Israels zwischen den Frevlern und Frommen vorgenommen (Jes 65,1-16; Schmid 2019, 354f.), die aber analog zu einer parallelen Trennung in der ganzen Völkerwelt, über die das Gericht kommt, verläuft. Der Zielpunkt des Geschehens liegt in einer universalen Verkündigung Jhwhs in allen Gebieten der Erde (Jes 66,14-20).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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