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Lexikon

Tätowierung

Klaus Koenen

(erstellt: Febr. 2017; letzte Änderung: Sept. 2018)

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In allen Kulturen nutzen Menschen ihren Körper, um mit dem Zeichensystem ihrer je eigenen Kultur Signale zu setzen und Botschaften auszudrücken. Dies geschieht nicht zuletzt durch Tätowierungen, mögen sie öffentlich sichtbar oder normalerweise von Kleidung verdeckt getragen werden.

Bei Tätowierungen handelt es sich um Bemalungen oder Beschriftungen der → Haut, bei denen Farbstoff durch Einstechungen mit einer Nadel so unter die oberste Hautschicht gebracht wird, dass er sich nicht abwaschen lässt. Tätowierungen sind schon seit der Steinzeit belegt, und zwar in Fülle an der Gletschermumie „Ötzi“ (zu Mumien in Ägypten vgl. Lohwasser, 535-537; Ditchey, 17-19).

Als schmerzhafte Eingriffe können Tätowierungen helfen, Erfahrungen und Emotionen am eigenen Leib zu vergegenständlichen und damit beispielsweise einen Teil von Trauerarbeit zu leisten (vgl. Cann, 49ff). Wie → Kleidung können Tätowierungen aber auch der Konstruktion der individuellen wie der kollektiven Identität in Familie, Gruppe und Gesellschaft dienen und damit eine soziale Funktion haben. Mit Stolz oder auch mit Scham getragen können sie vielerlei ausdrücken, z.B. die Zugehörigkeit zu, aber auch den Ausschluss aus einer Gruppe, den Rang innerhalb einer Gruppe, die Beziehung zu einem geliebten Menschen, das Andenken an ein einschneidendes Ereignis, aber auch Wünsche und Ideale aller Art sowie religiöse Bekenntnisse. Sie können sogar eine magische, z.B. eine → apotropäische Funktion haben. Von der Frage nach Intention und Funktion ist die nach der Wirkung zu unterscheiden, die je nach Betrachter und dessen kultureller Prägung eine sehr andere sein kann.

1. Das Verbot von Tätowierung

Das → Heiligkeitsgesetz schreibt in Lev 19,28b vor: „Ihr sollt an euch keine Schrift / Zeichnung von Tätowiertem machen“ (וּכְתֹבֶת קַעֲקַע לֹא תִתְּנוּ בָּכֶם). Die Etymologie und Bedeutung des Hapaxlegomenon קַעֲקַע qa‘ǎqa‘ sind zwar unklar (vgl. Reider, 113; Huehnergard / Liebowitz, 69f Anm. 40), doch muss es dem Kontext nach eine Tätowierung bezeichnen, weil mit der Schrift oder Zeichnung an einer Person im Grunde nur eine solche gemeint sein kann.

Angesichts des Verbots von Einritzungen in Lev 19,28a kann man vermuten, auch in der zweiten Vershälfte müsse ein ähnlich gravierender Eingriff verboten werden, und קַעֲקַע qa‘ǎqa‘ auf Brandzeichen beziehen. Dagegen und für eine Tätowierung spricht jedoch die Übersetzung der → Septuaginta mit γράμματα στικτά grammata stikta „gestochene Buchstaben“. Auch die jüdische Tradition denkt weithin an eine Tätowierung (Belege s. Gevaryahu, 13-19).

Da das Tätowierungsverbot nicht begründet wird, bleibt unklar, welche Absicht hinter ihm steckt. Mehrere Vermutungen bieten sich an:

a) V. 28a verbietet Einritzungen (vgl. Lev 21,5) als Trauerritus (→ Trauer; Dtn 14,1), wie sie z.B. in → Ugarit belegt sind (CAT 1.5 VI 17f; 1.6 I 2; 1.19 IV 9-11). Deswegen kann man überlegen, ob es sich auch bei der Tätowierung um einen Trauerritus handelt (Gerstenberger, 252f; Olyan, 115f; Cann, 53), der nach Elliger (1966, 262; vgl. Noth, 123) vielleicht auf die Abwehr von Totengeistern zielte. Für einen derartigen Ritus lassen sich jedoch keine Parallelen als Belege anführen (vgl. Huehnergard / Liebowitz, 62-69).

b) Nach U. Winter richtet sich das Verbot „gegen die durch eine Tätowierung dokumentierte Leibeigenschaft gegenüber fremden Göttinnen und Göttern“ (230). Schon in rabbinischer Zeit wurde die Tätowierung (insbesondere die mit Emblemen fremder Götter) als heidnischer Brauch betrachtet und das Verbot als konkrete Ausführungsbestimmung des Fremdgötterverbots verstanden (Mischna, Traktat Makkot 3,6; Babylonischer Talmud, Traktat Makkot 21a [Text Talmud]; Tosefta, Traktat Makkot 4(3),15; vgl. Huehnergard / Liebowitz, 74-77; Plaut, 197).

c) Es war in der Antike verbreitete Praxis, → Sklaven als Eigentum ihres Herrn zu kennzeichnen (vgl. z.B. Codex → Hammurabi § 146.226.227), etwa mit einer Tätowierung (Dandamaev, 488f; Wunsch, 573; Ditchey, 1-19). Dies ist beispielsweise in einem Vertrag aus → Elephantine belegt, in dem es um den Besitz zweier vererbter Sklaven geht (410 v. Chr.). Beide haben ein Merkmal (שניתת) auf ihrer rechten Hand, wohl eine Tätowierung (TAD, B 2.11 Z. 4.6; TUAT I, 258-260, Z. 4.6). Das Tätowierungsverbot von Lev 19,28b dürfte sich auf diese Sitte beziehen und damit dem alttestamentlichen Gesetz entsprechen, nach dem Sklaven im siebten Jahr freigelassen werden mussten (Ex 21,2-11; Dtn 15,12-18). Eine dauerhafte Tätowierung hätte der begrenzten Dauer ihres Sklavenstatus nämlich widersprochen (vgl. Huehnergard / Liebowitz, 74; Hieke, 749).

2. Eine positive Sicht von Tätowierung

In Jes 44,5 endet eine Heilsankündigung mit der Verheißung, dass manche sagen werden: „Ich gehöre Jahwe!“ und andere auf ihre Hand schreiben werden: „(Besitz) Jahwes“. Hier wird wohl vorausgesetzt, dass Sklaven – wie z.B. in Babylonien belegt (s.o.), wo freiwillige Tätowierungen nicht bezeugt sind (vgl. Ditchey, 2) – mit dem Namen ihres Herrn tätowiert werden konnten. Dementsprechend sollen Israeliten mit dem Namen Jahwes beschriftet werden, um sie als seinen Besitz und damit ihn als ihren Herrn auszuweisen. Das Bild von einer Tätowierung gibt damit dem Bekenntnis Ausdruck, dass Jahwe der Herr ist. Vermutlich nimmt ein Redaktor hier → Proselyten in den Blick, die zum Wachstum des Volkes beitragen (Elliger 1978, 393; Beuken, 200).

Jes 49,16 spricht von einer Zeichnung auf Gottes Handflächen (vgl. Hermisson, 33-35), und angesichts der in dem Vers angesprochenen Dauerhaftigkeit mag man an Tätowierungen (Höffken, 138; anders Blenkinsopp, 311) denken: „Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände, deine Mauern habe ich immer vor Augen.“ Israel soll deutlich werden, dass Jahwe sein Volk nicht vergessen, sondern immer vor Augen hat (zu Merkzeichen auf der Hand vgl. Ex 13,16; Dtn 6,8; Dtn 11,18). Im Vergleich zu Jes 44,5 erhält hier nicht der Sklave das Zeichen seines Herrn, sondern der Herr das Zeichen Jerusalems.

3. Das Kainszeichen

Nach Gen 4,15 hat Gott den Mörder Kain mit einem Zeichen versehen, dass ihn vor Blutrache schützen soll. B. Stade, der die Erzählung von → Kain und Abel im Rahmen der stammesgeschichtlichen Deutung auf die → Keniter bezieht, hat die These vertreten, mit dem Kainszeichen sei eine Tätowierung gemeint, die alle Keniter als schützendes Stammeszeichen auf ihrer Stirn getragen hätten (299.309-317). Im Kontext der Urgeschichte können wir es vor der → Sintflut jedoch nicht mit der → Ätiologie einer Stammessitte zu tun haben (vgl. Westermann, 427). Das Zeichen soll Kain schützen, doch bleibt unklar, wie das Zeichen aussah, wo es angebracht war und ob es sich um eine Tätowierung oder etwa – so Seebass (159) – um eine Art Feldzeichen handelt.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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