Spott / Spötter

1. Begriffe

„Spott“ kann allgemein definiert werden als eine sprachliche Äußerung oder Verhaltensweise, mit der sich jemand über einen anderen oder dessen Verhalten lustig macht und ihn somit entehrt. Der entsprechende Gegenbegriff ist folglich „Ehrung“ (→ Ehre / Herrlichkeit). Zum Wortfeld „Spott“ treten im Deutschen weitere Begriffe wie etwa „Hohn“ als dezidiert verletzend-verachtender Spott hinzu. Berührungen ergeben sich auch zu anderen Begriffen der Denunzierung eines anderen wie etwa „Lästerung“ oder „Boshaftigkeit“, wobei dort das humorvolle Moment fehlt. Ähnlich verhält es sich auch mit der hebräischen Sprache, die verschiedene Begriffe für das Konzept „Spott“ bereitstellt.

1.1. לעג l‘g / לעב l‘b. An erster Stelle ist das Verb לעג l‘g „verspotten“ (Qal und Hif.; 2Kön 19,21 par. Jes 37,22; 2Chr 30,10; Neh 2,19; Neh 3,33; Ps 2,4; Ps 22,8; Ps 59,9; Ps 80,7; Spr 1,26; Spr 17,5; Spr 30,17; Hi 9,23; Hi 11,3; Hi 21,3; Hi 22,19; Jer 20,7) und das davon abgeleitete Nomen לַעַג la‘ag mit der Bedeutung „Spott / Hohn / Gespött“ (Ps 44,14; Ps 79,4; Ps 123,4; Hi 34,7; Ez 23,32; Ez 36,4) zu nennen. Das Lexem begegnet zumeist in poetischen Büchern und Gattungen des Alten Testaments. In späten Texten wird לעג l‘g durch das aus dem Aramäischen entlehnte לעב l‘b verdrängt (2Chr 36,16; SirB 30,13).

Die → Septuaginta übersetzt לעג l‘g mit μυκτηρίζειν (6-mal) oder ἐκμυκτηρίζειν (2-mal; beides „die Nase rümpfen / sich lustig machen“), das Nomen entsprechend mit μυκτηρισμός (3-mal). Daneben stehen καταγελᾶν (4-mal) „verlachen“, ἐκγελᾶν (2-mal) „laut auflachen“ und jeweils einmal καταχαίρειν „Schadenfreude / übermäßige Freude äußern“, ἐξουθενοῦν „verschmähen“ sowie καταμωκᾶσθαι „verspotten“.

1.2. תעע t‘‘ / תעתע t‘t‘. Zu nennen ist das Nomen תַּעְתֻּעִים ta‘tu’îm „Gespött“, das in Jer 10,15 par. Jer 51,18 in der Verbindung מַעֲשֵׂה תַעְתֻּעִים ma‘ǎśeh ta‘tu‘îm „Werk zum Gespött“ begegnet und von einem Verb תעע t‘‘ oder תעתע t‘t‘ abzuleiten ist. Die Verbalform begegnet in Gen 27,12 als Partizip im Pilpel „einer, der Spott treibt“ und in 2Chr 36,16 im Hitpalpel „jemanden verspotten“ neben לעב l‘b und בזה bzh „verachten“. In 1QpHab 4,3 steht תעע t‘‘ neben dem Verb קלס qls („Und Fürsten verspotten und verhöhnen viel Volk“).

1.3. ליץ ljṣ. Innerhalb der weisheitlichen Literatur des Alten Testaments (→ Weisheit) sticht das Lexem ליץ ljṣ besonders hervor, wobei die Verbalform von den deutschen Bibelübersetzungen mit „spotten / verspotten“ wiedergegeben wird (Ps 119,51; Spr 3,34; Spr 9,12; Spr 14,9; Spr 19,28; Jes 28,22; Hos 7,3). Der davon abgeleitete Menschentyp לֵץ leṣ „Spötter“ begegnet 14-mal im Sprüchebuch (sonst nur Ps 1,1; Jes 29,20). Ein weiteres Derivat לָצוֹן lāṣôn „Spott“ belegen Spr 1,22; Spr 29,8; Jes 28,14. Schwierigkeiten bereitet allerdings das Rückführen von מֵלִיץ melîṣ „Dolmetscher / Mittler“ (Gen 43,23; 2Chr 32,31; Hi 33,23; Jes 43,27) auf dieselbe Wurzel ליץ ljṣ, sodass deren Grundbedeutung wohl eher allgemein im Drehen und Wenden von Rede zu suchen ist, was sowohl positiv im Sinne des Vermittelns als auch weit häufiger negativ im Sinne des Ver-drehens von Worten gebraucht werden kann (Macintosh, 491 unter Rückgriff auf das arabische lāṣa und ibn Janāḥs Überlegungen aus dem 10./11. Jh.).

Die Verlegenheit in der Bestimmung der exakten Bedeutung des Lexems zeigt sich bereits auf der Ebene der LXX, die für jeden Beleg des Verbs eine andere Übersetzung bietet und dabei keine direkte Verbindung zur menschlichen Rede erkennen lässt (schon Joüon, 440-443). Erst in jüngeren griechischen, syrischen und aramäischen Übersetzungen begegnet vereinzelt die Bedeutung „spotten“, die sich schließlich mit der lateinischen Übersetzung vollends durchsetzt (inludere, deludere, deridere).Ausgehend von den Übersetzungen der LXX (besonders bei Sirach) und Spr 21,24 hat Buhl vorgeschlagen, die Grundbedeutung des Lexems in „übermütig, zügellos, frech u. ähnl.“ (Buhl, 83) zu sehen, ohne dabei allerdings eine etymologische Erklärung zu bieten.Einen weiteren wirkmächtigen Vorschlag hat Richardson unterbreitet, der nach einem Gang durch die verschiedenen Belege des Lexems für das Verb die Grundbedeutung „talk freely or big“ und für das Nomen „babbler“ vorschlägt (Richardson, 179), dabei allerdings auch keine etymologische Erklärung liefert.

1.4. התל htl. Die Wurzel התל htl ist eine Variante der Wurzel תלל tll mit unterschiedlicher Bedeutungsnuance. Während תלל tll „täuschen / hintergehen“ bezeichnet, bedeutet התל htl im Piel „verspotten“ (1Kön 18,27; Sir 11,4A [neben קלס qls]; Sir 13,7 [Lutherbibel: Sir 13,8]). Von der Wurzel התל htl leitet sich auch das Verbalnomen הֲתֻלִים hǎtulîm „Spöttereien“ ab, das in Hiobs Antwort auf Elifas zweite Rede belegt ist (Hi 17,2).

1.5. קלס qls. Auch das Verb קלס qls gehört mit seiner Bedeutung im Piel „verschmähen / verhöhnen“ (Sir 11,4A), vor allem aber im Hitpael „sich lustig machen / verspotten“ (Ez 22,5; Hab 1,10) zum Wortfeld „Spott“. Dass es sich bei der durch קלס qls Hitp. ausgedrückten Art der Denunzierung explizit um einen Sprechakt handeln kann, verdeutlicht 2Kön 2,23, wo der Prophet Elisa von kleinen Jungen als Kahlkopf (קֵרֵחַ qereaḥ) verspottet wird. Die von der Wurzel abgeleiteten Nomina קֶלֶס qælæs und קַלָּסָה qallāsāh begegnen ausschließlich in Verbindung mit חֶרְפָּה ḥærpāh in der Bedeutung „Hohn und Spott“ (Ps 44,14; Ps 79,4; Jer 20,8; Ez 22,4).

1.6. חרף ḥrp. Das Nomen חֶרְפָּה ḥærpāh geht zurück auf das Verb חרף ḥrp II, das eigentlich „schmähen“, d.h. die willentliche Herabsetzung eines anderen, meint. Dabei wird zumeist das Unvermögen des anderen angesichts der eigenen Stärke betont. So schmäht der assyrische König Sanherib JHWH, indem er ihm die Macht zur Errettung Jerusalems abspricht und zugleich auf das Versagen der Gottheiten verweist, deren Völker die Assyrer bereits unterworfen haben (2Kön 19,4.16.22.23 par. Jes 37,4.17.23f; 2Chr 32,17). Außerhalb der historischen Prosa und dem besonderen Fall der Gegenüberstellung zweier Armeen (auch 1Sam 17,10.25f.36.45) kann חרף ḥrp II auch das negative Sprechen über einen anderen im Allgemeinen bezeichnen (Ps 119,42; Spr 27,11; Sir 31,31 [Lutherbibel: Sir 31,39]; Sir 41,22 [Lutherbibel: Sir 41,28]).

1.7. Weitere Begriffe. Zum Wortfeld „Spott“ treten weitere Begriffe hinzu, deren Grundbedeutung nicht unmittelbar dem semantischen Feld angehört, die aber in bestimmten Fällen, insbesondere aufgrund des Kontextes und der Parallelstellung mit anderen Begriffen, dem Wortfeld zuzurechnen sind.

An erster Stelle sind die synonymen hebräischen Lexeme שׂחק śḥq / צחק ṣḥq zu nennen. Die Grundbedeutung der entsprechenden Verbalformen ist allgemein „lachen“. Wird die Verbalform allerdings mit den Präpositionen לְ oder עַל ‘al konstruiert oder stehen שׂחק śḥq / צחק ṣḥq parallel zu einem anderen Wort aus dem semantischen Feld „Spott“, kann das Verb auch ein Moment der Überheblichkeit einschließen und die Bedeutung „ver-lachen“ annehmen (so in Bezug auf Tiere Hi 39,7.18.22; Hi 41,21; in Bezug auf den Menschen Gen 21,6[?]; 2Chr 30,10; Ps 52,8; Spr 31,25; Hi 5,22; Hi 30,1; Klgl 1,7; Hab 1,10; in Bezug auf Gott Ps 2,4; Ps 37,13; Ps 59,9). Ähnliches gilt für die nominalen Derivate שְׂחֹק śəḥoq / צְחֹק ṣəḥoq, die allgemein das „Lachen“ bezeichnen, aber auch das „(Spott-)Gelächter“ meinen können (Gen 21,6[?]; Hi 21,4; Jer 20,7; Jer 48,26.27.39; Klgl 3,14; Ez 23,32).

Das Verb ענג ‘ng meint im Hitp. allgemein-positiv „sich freuen an etwas oder jemandem“, kann aber in Jes 57,4a auch die negative Freude im Sinne von „sich über jemanden lustig machen“ bezeichnet („Über wen macht ihr euch lustig? Über wen reißt ihr das Maul auf [und] streckt die Zunge heraus?“; vgl. dazu Becker, 13-18).

Das Nomen שְׁנִינָה šənînāh, ein Derivat des Verbs שׁנן šnn „schärfen“, begegnet ausschließlich neben מָשָׁל māšāl und wird so in seiner Bedeutung als „scharfer Spott“ konkretisiert (Dtn 28,37; 1Kön 9,7; 2Chr 7,20; Jer 24,9).

Das Nomen מָשָׁל māšāl selbst trägt die Grundbedeutung „Spruch“ und leitet sich von dem Verb משׁל mšl I ab, dessen ursprüngliche Bedeutung im Qal wohl „gleich sein“ gewesen ist, innerhalb des Alten Testaments aber schon weitgehend von dem Nomen מָשָׁל māšāl beeinflusst und verdrängt wurde („einen Spruch machen“). Außer an den bereits genannten Belegen begegnet מָשָׁל māšāl neben שְׁנִינָה šənînāh „scharfer Spott“ im Sinne von „Spottspruch / Gespött“ noch in Ps 44,15; Ps 69,12; Hi 17,6; Jes 14,4; Ez 14,8; Ez 16,44; Hab 2,6.

Obwohl bei der Mehrzahl der Belege eine apotropäische Funktion im Vordergrund steht, können auch das Verb שׁרק šrq „pfeifen“ und das entsprechende Nomen שְׁרֵקָה šəreqāh „Pfeifen / Gezisch“ mit Spott assoziiert werden (Hi 27,23; Klgl 2,15f; Ez 27,36; Zef 2,15).

Auch das Nomen נְגִינָה nəgînāh, das aus dem musikalischen Bereich stammt und grundsätzlich „Saitenspiel / Saiteninstrument / Saitenbegleitung“ meint, kann in Ps 69,13; Hi 30,9; Klgl 3,14 eine negative Konnotation haben und das „Spottlied“ bezeichnen.

1.8. Nonverbales Spotten. Schließlich kann der Spott sich auch in einer Verhaltensweise des Spötters ausdrücken und damit nonverbal erfolgen. Die Spottgebärden im Alten Testament werden dabei durchweg mit dem → Kopf in Verbindung gebracht. Zu ihnen gehören: „den Kopf schütteln“ (נעה n‘h Hif. + רֹאשׁ ro’š; 2Kön 19,21 par. Jes 37,22; Ps 22,8; Ps 44,15; Ps 109,25; Hi 16,4; Jer 18,16; Klgl 2,15; Sir 12,18 [Lutherbibel: Sir 12,19]; Sir 13,7 [Lutherbibel: Sir 13,8]; auch Mk 15,29), „mit den Zähnen knirschen“ (חרק שִׁנַּיִם ḥrq šinnajim; Ps 35,16; Ps 37,12; Ps 112,10 Hi 16,9; Klgl 2,16), „mit den Augen zwinkern“ (קרץ עֵין qrṣ ‘ên; Ps 35,19; Spr 6,13; Spr 10,10) und „die Lippen verziehen“ (פטר pṭr Hif. + בְּשָׂפָה bəśāfāh; Ps 22,8).

2. Spotten von Menschen

2.1. Menschen als Subjekte des Spotts

Bis auf wenige Ausnahmen (s. 3.1.) sind durchweg Menschen Subjekte des Spotts. In der großen Mehrzahl der Belege handelt es sich um menschliche Feinde, sei es von Einzelnen (Psalmist / Prophet) oder von einem Kollektiv (Israel / Juda / Jerusalem). Die didaktisch-weisheitlichen Schriften warnen den Einzelnen davor, etwa den → Armen oder die eigenen → Eltern zu verspotten (Spr 17,5; Spr 30,17; Sir 4,1; SirA 11,4; zum Sonderfall des לֵץ leṣ s. 4.). In den Augen → Zofars und → Elihus erscheint → Hiob als ein Spötter gegen Gott (Hi 11,3; Hi 34,7).

Aber auch Juda kann als Kollektiv Subjekt des Spotts sein. So deutet 2Chr 36,16 das Babylonische → Exil als Konsequenz der Verspottung der Gottesboten (מַלְעִבִים בְּמַלְאֲכֵי הָאֶלֹהִים), der Verachtung der Gottesworte (בּוֹזִים דְּבָרָיו) und der Verhöhnung der Propheten (מִתַּעְתְּעִים בִּנְבִאָיו) durch das Volk (vgl. 1Esdr 1,49). Auch die Läufer Hiskias werden vom Volk verlacht und verspottet, als sie durch das Land ziehen und zum Passafest in Jerusalem aufrufen (2Chr 30,10).

2.2. Menschen als Objekte des Spotts

Insbesondere in den → Psalmen erlebt sich der Beter in der Klage des Einzelnen als von seiner Umwelt und von seinen Feinden verspottet (Ps 22,7f; Ps 35,16; Ps 69,11f; Ps 102,9; Ps 109,25; auch Ps 31,12; Ps 89,42; Ps 119,51; Jer 20,8); selbiges gilt für Hiob (Hi 16,20; Hi 21,3; Hi 30,9). Der öffentliche Ort der sozialen Missachtung war zumeist das Stadttor, das als Versammlungsstelle der rechtsfähigen Bürger diente (Janowski, 202f.334). Der Psalmist erwartet in der Klage des Einzelnen die durch Gott bewirkte Umkehrung der Verhältnisse, wozu auch der zukünftige Spott über die Feinde gehören kann (Ps 35,4.26f; Ps 64,11; Ps 70,3; auch Ps 52,8). Allerdings findet sich das entsprechende Motiv im Danklied des Einzelnen nicht (vgl. aber das Spottlied 2Kön 19,21-28 par. Jes 37,22-29 mit Zion / Jerusalem als Subjekt und Hi 22,19). Auch im Klagelied des Volkes ist der Spott der Umwelt und der Feinde ein bekanntes Motiv (Ps 79,4; Ps 123,3f; auch Ez 36,4), wobei das betende Kollektiv den Spott als von Gott verursachte Strafe erfahren und deuten kann (Ps 44,14-17; Ps 80,7; auch Ez 23,32).

Dass Israel als Strafe JHWHs zum Spott der Völker wird, ist auch außerhalb des Psalters ein verbreitetes Motiv (Dtn 28,37; 1Kön 9,7; 2Chr 7,20; Jer 19,8; Jer 24,9; Jer 29,18; Ez 22,4; Ez 36,15; Tob 3,4; Jdt 8,22 [nicht in Lutherbibel 1984]). In Neh 2,19; Neh 3,33 spotten die feindlichen Nachbarn über die Pläne zum Wiederaufbau der Jerusalemer Mauer.

3. Spotten von Gott

3.1. Gott als Objekt des Spotts

Gott als Objekt des Spotts begegnet ausschließlich mit dem Verb חרף ḥrp II (s. 1.6. und 1Sam 17,45; Ps 69,10; Ps 74,10.18; Ps 79,12; Ps 89,52; Jes 65,7). Dabei machen die Erzählungen von der wundersamen Rettung Jerusalems (2Kön 18,13-19,35 par. Jes 36,1-37,29) beispielhaft deutlich, dass eine Verhöhnung JHWHs eine eindeutige Grenze überschreitet und der Spötter schlussendlich selbst durch seinen Spott zum Verspotteten wird (Preuss, 141-149). So antwortet JHWH auf den Spott der Assyrer mit einem Spottlied Zions / Jerusalems (2Kön 19,21-28 par. Jes 37,22-29) und dem geschichtlichen Erweis seiner unbedingten Macht, indem er die → Assyrer in ihr Land zurückführt, ohne einen Fuß nach Jerusalem gesetzt zu haben (2Kön 19,32-34 par. Jes 37,33-35).

Auch das Spotten über die Propheten und Boten JHWHs oder dessen Volk (1Sam 17,10.25f.36.45; 2Kön 2,23; 2Kön 7,2.19f; 2Chr 36,16; Jer 48,26f; Ez 21,33; Ez 25,6f; Ez 36,2-4; Zef 2,8-10) verletzt mittelbar JHWHs Ehre und zieht entsprechende Konsequenzen nach sich. Selbiges gilt nach Spr 17,5 (vgl. Spr 14,31) für denjenigen, der den Armen verspottet (לֹעֵג לָרָשׁ lo‘eg lārāš), da damit zugleich dessen Schöpfer verhöhnt wird (חרף ḥrp).

3.2. Gott als Subjekt des Spotts

Gott als Subjekt des Spotts begegnet vergleichsweise selten. In Ps 2,4 lacht (שׂחק śḥq) der im Himmel Wohnende und spottet (לעג l‘g) über die Nationen und Völker als „Ausdruck seiner Souveränität, Majestät und Hoheit“ (Preuss, 150). In Ps 59,9 vertraut der Beter darauf, dass JHWH seine Feinde verlachen (שׂחק śḥq + לְ ) und über alle Völker spotten wird (לעג l‘g). Der Spottgestus des Zähneknirschens seitens des Frevlers wird in dem weisheitlichen Gedicht Ps 37 durch Gottes Lachen spottend entkräftet (Ps 37,12f). In Gott vergleichbarer Weise lacht (שׂחק śḥq) und spottet (לעג l‘g) auch die personifizierte Weisheit (→ Personifikation der Weisheit) in Spr 1,26 über das Unglück und den Schrecken derer, die ihren Rat und ihre Mahnungen ausgeschlagen haben.

Hiob hingegen wirft Gott einen tyrannisch-sadistischen Spott über die Verzweiflung der Unschuldigen angesichts des plötzlichen Todes durch eine Geißel vor (Hi 9,23).

4. Der Spötter als Menschentyp

Der „Spötter“ (לֵץ leṣ) begegnet als Menschentyp gehäuft im → Sprüchebuch und bezeichnet grundsätzlich negativ denjenigen, der Rede für böse oder selbstsüchtige Zwecke verdreht (s.o. 1.3.). So wird der „Spötter“ (לֵץ leṣ) im → Sprüchebuch dem Weisen (חָכָם ḥākhām) oder Einsichtigen (נָבוֹן nāvôn) als Antityp gegenübergestellt (Spr 9,8.12; Spr 13,1; Spr 14,6; Spr 15,12; Spr 19,25; Spr 20,1; Spr 21,11). Parallel zum Spötter werden genannt: כְּסִיל kəsîl „töricht“ (Spr 1,22; Spr 19,29), אֱוִיל ’äwîl „närrisch“ (Konjektur Spr 24,9), פֶּתִי pætî „einfältig“ (Spr 1,22) sowie זֵד zed „übermütig“ und יָהִיר jāhîr „vermessen“ (beide Spr 21,24). Am Beginn der Rede der personifizierten Weisheit in Spr 1,22-33 erscheinen der לֵץ leṣ „Spötter“ und der כְּסִיל kəsîl „Tor“ im Gegenüber zu den פְּתָיִם pətājîm „Unerfahrenen“ als nicht mehr erziehbar, während letztere Personengruppe als noch belehrbar gilt (Schipper, 166f). Auch → Jesaja kann die Herrschenden über Jerusalem als אַנְשֵׁי לָצוֹן ’anšê lāṣôn bezeichnen (Jes 28,14), wobei לָצוֹן lāṣôn hier als „Übermut“ oder „Spott“ (vgl. den Umgang mit den Prophetenworten in Jes 28,10; auch Jes 29,14) verstanden werden kann, die Wendung also „Männer des Spotts / Spötter“ bedeutet.

In der späteren Weisheit bekommt der לֵץ leṣ eine stärker theologisch geprägte Bedeutung. Spr 3,34 stellt die „Spötter“ (לֵצִים leṣîm) der Gruppe der „Elenden / Armen“ (עֲנָוִים ’ǎnāwîm) gegenüber. Während Letztere von Gott Gnade (חֵן) empfangen, wird Gott den Spöttern (לֵצִים leṣîm) ihr Tun entsprechend vergelten (ליץ ljṣ Hif.). Dieselbe Theologisierung des Begriffs zeigt sich an prominenter Stelle auch in Ps 1,1, wo derjenige gepriesen wird, der nicht dem Rat der Gottlosen (עֲצַת רְשָׁעִים) folgt, nicht auf den Weg der Sünder (דֶּרֶךְ חַטָּאִים) tritt und nicht im Kreis der Spötter (לֵצִים leṣîm) sitzt. Der positive Antityp für die Spötter ist in Ps 1,2 derjenige, der seine Lust an JHWHs Tora hat und über sie Tag und Nacht sinnt.

Das traditionelle weisheitliche Motiv ist in den → Qumran-Handschriften minimal vertreten. Allerdings begegnen die לֵצִים leṣîm in 1QH 10,13f im Zusammenhang mit der Spottgebärde des Zähneknirschens. Eine polemische Verwendung des Nomen לָצוֹן lāṣôn „Spott“ im Gegenüber zur eigenen Gruppierung ist verschiedentlich in den Qumranschriften belegt, etwa in der Damaskusschrift, wo der „Mann des Spotts“ (לצון lṣwn) begegnet, der Israel in die Irre geführt hat (CD 1,14 par. 4QDa 2 i 18 b). Eine vergleichbar aufsässige Gruppe der „Männer des Spotts“ (לצון lṣwn) begegnet in CD 20,11f (vgl. auch 4QpJesb 2,6-8).

5. Spott auf textpragmatischer Ebene

Abseits konkreter Termini kann sich Spott innerhalb des Alten Testaments auch auf einer übergeordneten Ebene bewegen und die intendierte Wirkung bei der Leserschaft sein.

Zu denken ist etwa an die → Turmbauerzählung Gen 11,1-9: Obwohl die Menschen bis an den Himmel bauen, ist das Ergebnis vor JHWH doch so klein, dass dieser erst herabsteigen muss (ירד jrd), um Stadt und Turm zu sehen. „Ironie und Spott verdichten sich hier […] nicht in bestimmten Termini, sondern treten auf in der Art des kontrastierenden Erzählens“ (Preuss, 51f; → Humor). Auch die Namensätiologie (→ Ätiologie) der Stadt Babel (Gen 11,9) hat einen spöttischen Unterton, wenn eine Verbindung zu בלל bll „verwirren“ hergestellt und Babel so zum Synonym für Sprachverwirrung wird (vgl. die alternative Ätiologie Gen 28,17).

Auch die Ätiologie der Völker → Ammon und → Moab innerhalb der Erzählung von den Töchtern → Lots (Gen 19,30-38) könnte ein Spottmoment in sich tragen (vgl. Dtn 23,3-6). Allerdings trägt die Erzählung in gleicher Weise eine positive Würdigung der rebellischen Frauen in sich, die sich gegen bestehende Normen auflehnen mit dem Ziel, das eigene Kind und damit die eigene Zukunft zu bewahren (auch Gen 16; Gen 27; Gen 38).

Ein humoristisch-spottendes Moment trägt der drastische Wechsel in der mentalen wie physischen Verfassung des zuvor ausschweifenden Königs → Belsazar in sich, als dieser die schreibenden Finger an der Wand entdeckt (Dan 5,5f; vgl. auch die Erzählung um den Moabiterkönig → Eglon Ri 3,12-31). Spottende Ironie in direkter Rede begegnet in Hi 12,2 gegenüber den Freunden: „Wirklich, ihr seid Leute, und mit euch wird die Weisheit sterben.“ Der Faule (עָצֵל ‘āṣel) wird im Proverbienbuch verspottet, indem ihm törichte Aussprüche in Mund gelegt werden, die zugleich seinen Charakter verdeutlichen (Spr 6,9-11; Spr 26,13).

Humor

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973-2015
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Theologisches Wörterbuch zu den Qumrantexten, Stuttgart u.a. 2011ff

2. Weitere Literatur

  • Aitken, J.K., 2007, The Semantics of Blessing and Cursing in Ancient Hebrew (ANESSup 27), Louvain
  • Becker, J., 2003, Zur Deutung von Jes 57,4a, BN 118,13-18
  • Brenner, A., 1990, On the Semantic Field of Humor, Laughter and the Comic in the Old Testament, in: Y.T. Radday / A. Brenner (Hgg.), On Humour and the Comic in the Hebrew Bible (JSOTS 92), Sheffield, 39-58
  • Buhl, F., 1914, Die Bedeutung des Stammes לוץ oder ליץ im Hebräischen, in: K. Marti (Hg.), Studien zur semitischen Philologie und Religionsgeschichte (FS J. Wellhausen; BZAW 27), Gießen, 79-86
  • Janowski, B, 2019, Anthropologie des Alten Testaments. Grundfragen – Kontexte – Themenfelder, Tübingen
  • Joüon, P., 1912, Notes de lexicographie hébraïque, MUSJ 5, 415-446
  • Macintosh, A.A., 2011, Light on ליץ, in: J.K. Aitken u.a. (Hgg.), On Stone and Scroll (BZAW 420), Berlin, 479-492
  • Preuss, H.D., 1971, Verspottung fremder Religionen im Alten Testament (BWANT 92), Stuttgart u.a.
  • Schipper, B.U., 2018, Sprüche (Proverbia) 1-15 (BKAT XVII/1), Göttingen u.a.

PDF-Archiv

Alle Fassungen dieses Artikels ab Oktober 2017 als PDF-Archiv zum Download:

VG Wort Zählmarke