Spiegel

(erstellt: Dez. 2020)
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Abb. 1 Obsidian als Rohgestein.

Ein Spiegel ist eine Fläche, die glatt genug ist, → Licht zu reflektieren und dadurch ein Abbild zu erzeugen. Dies konnten einerseits → Wasser, aber auch künstlich gefertigte Oberflächen aus → Stein oder Metall sein.

Die antiken Zeugnisse von Spiegeln sind begrenzt und erlauben nur geringe weiterführende Aussagen. Die frühesten Hinterlassenschaften finden sich in Mesopotamien und Ägypten. Bei ihnen handelt es sich mehrheitlich um Handspiegel. Andere Spiegeltypen wie Stand- oder Klappspiegel sind für den antiken Vorderen Orient und Ägypten nur schwer nachzuweisen. Die Absenz dieser Spiegeltypen im archäologischen Befund bis zur Ausbreitung des Hellenismus muss nicht besagen, dass es sie nicht gegeben hat.

Ein grundsätzliches Problem der Archäologie wird indes ersichtlich: Viele der antiken Objekte sind nicht mehr eindeutig zu identifizieren, einige möglicherweise falsch interpretiert, nicht als solche erkannt oder schlichtweg nicht mehr erhalten. Aus diesen Gründen kann sich der vorliegende Lexikonartikel ausschließlich mit der Gattung der antiken Handspiegel in Vorderasien und Ägypten beschäftigen.

1. Herstellung

 Harvard Semitic Museum, Inv. 1995.10.1105. Aus: Wikimedia Commons; © Daderot, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Creative Commons 1.0 Universal; Zugriff: 28.12.2020

Abb. 2 Kupferspiegel aus Zypern (Eisenzeit).

Die frühen Spiegel waren einfache auf Hochglanz polierte Platten aus Obsidian, der trotz seiner dunklen Farbe die Umgebung reflektieren konnte. Die Rückseite dieser Platten war nur grob bearbeitet, die Vorderseite stark poliert und leicht konvex. Sie wurde zunächst nur grob behauen und dann mittels Stein, Sand, Lehm und Wasser zunehmend geglättet bzw. poliert.

Griffe waren noch nicht vorhanden und kamen erst mit dem Aufkommen der Metallverarbeitung hinzu. Diese ermöglichte zudem, dass die Spiegelplatten aus Kupfer, Bronze oder entsprechenden Metallgemischen bestanden. Auch bei ihnen wurde die Oberfläche solange poliert, bis ein Spiegelbild entstand.

Grundsätzlich setzt sich ein Handspiegel aus einer Spiegelplatte und einem Griff zusammen, die miteinander verzapft sind. Die frühen Handspiegel konnten jedoch aus einem Stück gefertigt sein, der Griff war dann jedoch kurz und eher mit einer Handreiche zu vergleichen. Mit der Zeit wurde die Herstellung von Spiegeln komplexer, sodass Handspiegel schließlich aus mehreren Teilen bestehen konnten, wie der Spiegelplatte, dem Sockel als Übergang zwischen Spiegelplatte und Griff, dem Griff selbst sowie weiteren Applikationen oder die Spiegelplatte bekrönenden Attributen. Größere Stücke wurden miteinander verzapft, kleinere schmückende Teile eher verklebt, manchmal wurden auch beide Verbindungstechniken angewendet. Griff, Applikationen oder Einlagen bestanden zuweilen aus anderen Materialien als die Spiegelplatte, wie → Elfenbein, → Ebenholz oder → Holz, das mit → Gold oder weiteren Metallen ummantelt sein konnte.

Im 1. Jh. n. Chr. nahm die Produktion von Silberspiegeln im römischen Reich zu. Zudem ermöglichte die Kenntnis um die Herstellung von farblosem → Glas einen revolutionären Fortschritt in der Fertigung von Spiegeln. Glas wurde hierfür zusammen mit Metallpartikeln geschmolzen, sodass eine glatte spiegelnde Fläche entstand. Plinius der Ältere erwähnt in seiner Naturgeschichte, dass das an der Levanteküste gelegene → Sidon im heutigen Libanon ein Zentrum der Glasproduktion gewesen sei (Naturalis historia 36, 193). Glasspiegel waren bis in das 3./4. Jh. n. Chr. in Gebrauch. Im Zuge des allmählichen Zerfalls des römischen Imperiums ging das Wissen um die Herstellung von farblosem Glas verloren und wurde erst etwa im 11. Jh. n. Chr. wiederentdeckt.

2. Literarische Überlieferung

In den literarischen Zeugnissen finden sich viele Termini von Spiegeln und Hinweise auf diese. Es fällt auf, dass grundlegend zwischen dem Spiegel als Objekt und als Kultgegenstand zu unterscheiden ist.

Als Objekte werden Spiegel seit altassyrischer (ca. 2000-1800 v. Chr.) und altbabylonischer (ca. 2000-1600 v. Chr.) Zeit als wertvolle Brautmitgift oder im Zusammenhang eines Erbes genannt sowie in Wirtschaftstexten und Inventarlisten aufgeführt. Die akkadischen Wörter mašālum / mušālum, log.ŠU.NÍG.ZABAR und nāmarum stehen für Spiegel aus Kupfer, Bronze oder Gold (CAD M/2,257 mit 1a; CAD N/1,219f; Archives Royales de Mari 7,245). Das akkadische Wort nāmarum wird vor allem in Texten aus dem syrischen → Mari und in den → Amarnabriefen (14. Jh. v. Chr.) verwendet. So schreibt beispielsweise Tuschratta, ein König von Mitanni (ca. 1380 v. Chr.), dass er dem Pharao zwei silberne Spiegel mit Holzgriffen in der Form von Frauen als Geschenk geschickt habe (El-Amarna-Tafel 25). Besonders wertvolle Spiegel mit Griffen aus Elfenbein und Ebenholz wurden gern als königliche Geschenke gegeben. Auch ein an den neuassyrischen Herrscher → Sargon II. (721-705 v. Chr.) adressierter Brief rühmt die außerordentliche Qualität zweier Bronzespiegel (Pfeiffer 1935, Nr. 146).

Im Alten Testament ist nur selten von Spiegeln die Rede. In Ex 38,8 muss מַרְאָה mar’āh „Vision / Gesicht / Erscheinung“ ein Konkretum bezeichnen, das aus Bronze besteht und zum Besitz von Frauen gehört. Vermutlich sind Spiegel gemeint. Nach der fiktiven Beschreibung der → Stiftshütte in der → Priesterschrift soll das bronzene Becken, das zu diesem Heiligtum gehörte, nämlich aus den מַרְאֹת mar’ot, also wohl den Spiegeln der Frauen gemacht worden sein, die am Eingang der Stiftshütte Dienst taten. Ob damit auf eine wie auch immer geartete Verwendung von Spiegeln im vor- oder nachexilischen Jerusalemer Kult angespielt wird, lässt sich kaum sagen. In Hi 37,18 dürfte das ebenfalls von ראה r’h „sehen“ stammende Hapaxlegomenon רְאִי rə’î im Sinne von „Spiegel“ zu verstehen sein. Die Wolkendecke wird von Gott so fest gespannt wie ein Spiegel. Das Himmelsfirmament wird also mit der dünnen, aber festen Metallplatte eines Handspiegels verglichen.

Ob auch גִּלָּיוֹן gillājôn „Spiegel“ bedeutet, ist unsicher. Der Begriff ist wohl von der in verschiedenen semitischen Sprachen belegten Wurzel GLJ „glänzen / entblößen / enthüllen“ abzuleiten. In Jes 8,1 bezeichnet das Nomen eine glatte Schreibtafel. In Jes 3,23 ist in einer Liste von Luxusgütern von גִּלְיֹנִים giljônîm die Rede. → Targum (מַחְזְיָתָא maḥzəjātā’) und → Vulgata (specula) übersetzen mit „Spiegel“. Weil davor und danach jedoch luxuriöse Kleidungsstücke aufgelistet werden, ist mit der → Septuaginta (wohl τὰ διαφανῆ Λακωνικά ta diaphanē Lakōnika „die durchsichtigen [Gewänder] aus Lakedämonien“ in V. 22) vermutlich auch bei גִּלְיֹנִים giljônîm an Kleidungsstücke zu denken, nach der Bedeutung der Wurzel etwa an ein glattes, schimmerndes oder durchsichtiges Gewand (vgl. Gesenius, 18. Aufl.; → Kleidung 2.2.5.).

ἔσοπτρον esoptron ist der Begriff, den die griechischen Teile der Bibel für einen Spiegel verwenden. Weish 7,26 preist die Weisheit als „ungetrübten Spiegel der Kraft Gottes“. Sir 12,11 warnt vor einem falschen Freund. Mit ihm ist es wie mit einem Spiegel, den man poliert, bei dem der Rost aber bleibt.

Im Neuen Testament hebt Paulus in 1Kor 13,12 gegenüber Enthusiasten hervor, dass wir vollkommene Gottesschau erst in der eschatologischen Endzeit haben werden. Alle jetzige Erkenntnis ist nur Stückwerk. Bildlich gesprochen sehen wir jetzt nur verschwommen wie in einem Spiegel (vgl. 2Kor 3,18). Paulus setzt hier die – verglichen mit heutigen Spiegeln – schlechte Qualität damaliger Spiegel voraus. Jak 1,23 fordert auf, das Wort nicht nur zu hören, sondern auch zu tun. Wer es nur hört und schnell wieder vergisst, ist wie jemand, der mal kurz in den Spiegel schaut und schnell wieder vergisst, was er gesehen hat.

3. Archäologische Funde

Die ältesten archäologischen Funde stammen aus neolithischen Gräbern (→ Grab) (Straten VI-IV; 6000-5900 v. Chr.) aus Çatal Hüyük in der heutigen Türkei. Es handelt sich dabei um polierten Obsidian, der zusammen mit anderen Schmuck- und Schminkobjekten in Frauengräbern gefunden wurde. Die polierten Obsidianspiegelplatten waren rund, manche leicht kegelförmig und hatten einen Durchmesser von etwa 9 cm. Die Oberfläche der Platten war leicht konkav und hoch poliert, sodass sich die Umgebung deutlich spiegeln konnte.

Für das ausgehende 4. Jt. v. Chr. sind Funde von Spiegeln vor allem für den Süden des antiken Mesopotamiens im heutigen Irak und Iran belegt. Es handelt sich um einfache Kupferspiegel, die wie die in den Wohnhäusern von Ḫafağa keine Griffe aufweisen oder wie die in den Gräbern in Girsu (Tello), Kisch und Ur mit kurzen Griffen versehen waren. Im iranischen Tepe Sialk hingegen kamen beide Spiegeltypen vor, bei denen mit Griff war dieser jedoch deutlich länger. In den Gräbern fanden sich neben Spiegeln auch Schmuckgegenstände als Beigaben, weshalb die Nekropolen als Frauengräber interpretiert werden. Die runden oder ovalen polierten Spiegeloberflächen hatten einen Durchmesser von 10-16 cm.

 Metropolitan Museum of Art, Inv. 26.8.97. Aus: Wikimedia Commons; © Met Museum, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Creative Commons 1.0 Universal; Zugriff: 28.12.2020

Abb. 3 Ägyptischer Spiegel mit Griff in Form des Emblems der Göttin Hathor (Thutmoses III., 18. Dynastie, etwa 1479-1425 v. Chr.).

Ab dem 3. Jt. v. Chr. lassen sich auch für das pharaonische Ägypten Spiegel unter den archäologischen Zeugnissen nachweisen. Im Vergleich zum Funerärbefund in Mesopotamien, wo Spiegel als Beigaben scheinbar überwiegend in Frauengräbern vorkommen, wurden in den Gräbern vom Alten Reich (ca. 2707-2216 v. Chr., 3.-6. Dynastie) bis zum → Neuen Reich (ca. 1550-1070 v. Chr., 18.-20. Dynastie) Spiegel gleichermaßen in Frauen- und Männergräbern gefunden. Eine Erklärung hierfür ist indes schwierig. Möglicherweise hängt es mit dem Aussehen der Spiegelplatte als runder Sonnenscheibe und deren kultischem Hintergrund zusammen (s.u.). Ikonographisch hingegen erscheinen Spiegel jedoch überwiegend im Zusammenhang mit Darstellungen von Frauen bzw. in einem kultischen Bezug seit der 1. Zwischenzeit (ca. 2216-2137 v. Chr., 7.-11. Dynastie).

 Louvre AO Inv. 19081. Aus: Wikimedia Commons; © Jastrow 2007, Wikimedia Commons, lizenziert unter Public Domain - Wikipedia; Zugriff: 28.12.2020

Abb. 4 Bronzespiegel aus Mari (Grab 236; 13.-12. Jh. v. Chr.).

Mit den zunehmenden Kenntnissen um die Metallverarbeitung finden sich ab dem 2. Jt. v. Chr. archäologische, ikonographische und literarische Zeugnisse von Spiegeln im gesamten Mittelmeerraum inklusive Vorderasien, Ägypten und der Levante. Während in Vorderasien vor allem Spiegel aus Kupfer und Bronze zu fassen sind, wie beispielsweise ein Bronzespiegel im syrischen Mari, finden sich in Ägypten zusätzlich auch solche aus Elektrum, → Silber und Gold. Ein nur noch fragmentarisch erhaltener Spiegel stammt zusammen mit einer Silberschale aus einem Grab aus dem an der Küste der Levante gelegenen Byblos. Der Dekor der Objekte verweist auf einen mykenischen Hintergrund und ermöglicht eine Datierung in die Zeit um 1500-1450 v. Chr. Die mit der Späten Bronzezeit (um 1550-1300 v. Chr.) aufkommenden, den gesamten Mittelmeerraum umfassenden → Handelsverbindungen werden deutlich. Der ökonomische Austausch von Waren und Luxusartikeln steigerte sich. Wie archäologisch und literarisch belegt, gewannen auch Spiegel diesbezüglich als wertvolle Handelsobjekte an Bedeutung.

Ab dem 1. Jt. v. Chr. nimmt die Vielfalt von Spiegeln im gesamten Mittelmeerraum inklusive Vorderasien, Ägypten und der Levante noch einmal zu. Einfache Kupferspiegel mit einem zierlosen, dünnen und spitz zulaufenden Griff wurden in Gräbern im iranischen Tepe Sialk und in Marlik sowie in der Türkei in Deve Hüyük, aber auch in einem Wohnhaus in Chorsabad / Dur Scharrukin (Koordinaten: N 36° 30' 35'', E 43° 13' 41'') im Irak gefunden. Ein Bronzespiegel desselben Typus stammt aus → Geser / Tell el-Ǧazarī (Koordinaten: 1425.1407; N 31° 51' 34'', E 34° 55' 15'') im heutigen Israel. Ebenfalls dem Typus zugehörig ist ein Spiegel aus einem phönizischen Grab der Perserzeit in Atlith (Koordinaten: N 32° 41' 14'', E 34° 56' 18''), dieser jedoch mit kupferner Spiegelplatte und einem aus Knochen bestehenden Griff. Spiegel dieser Art waren vielleicht erschwinglicher als jene, die aufwendiger gearbeitet waren und aus mehreren Stücken bestanden. Solche Beispiele finden sich in Fragmenten aus Borsippa und Nimrud (→ Kalchu). Die Griffe dieser Spiegel waren aus Elfenbein gefertigt und mit einem krönenden Palmettenmotiv versehen. Es ist indes nicht eindeutig geklärt, ob es sich tatsächlich um Griffe von Spiegeln oder nicht sogar um Fächer handelt, möglicherweise mit kultischem Bezug.

Eine Steigerung findet sich schließlich in Spiegeln, die zwischen Spiegelplatte und Griff einen Sockel als Verbund aufweisen. Ein gut erhaltenes Beispiel bietet ein intakter Spiegelfund aus dem in der heutigen Türkei gelegenen Sardis. Es handelt sich um einen Bronzespiegel, dessen Sockel als reliefierte und vergoldete Pferdeköpfe gestaltet ist. Auch Reliefs zeigen Darstellungen dieses Spiegeltypus, so beispielsweise ein Orthostatenrelief des 8. Jh.s v. Chr. aus dem türkischen → Sendschirli (Koordinaten: N 37° 06' 13'', E 36° 40' 43'').

In persischer Zeit (539-330 v. Chr.) scheinen vor allem Spiegel mit sog. Fächergriffen beliebt zu sein. Ein Vorläufer dieses Typus stellt möglicherweise der fragmentierte Fund eines Spiegels mit vergleichbarem Griff aus dem syrischen Til Barsip dar.

 Pompeji-Ausstellung Europäischer Kulturpark Bliesbruck-Reinheim 2007. Aus: Wikimedia Commons; © Claus Ableiter, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 3.0 Unported; Zugriff: 28.12.2020

Abb. 5 Römischer Silberspiegel aus Pompeji (ca. 1. Jh. n. Chr.).

Mit der zunehmenden Hellenisierung seit dem Feldzug Alexander des Großen im ausgehenden 4. Jh. v. Chr. steigert sich die Feingliedrigkeit der Spiegel. Die Sockel- und Reliefgestaltung wird detaillierter. Neben Handspiegeln finden sich auch Stand- und Klappspiegel, die im griechischen Raum schon seit der klassischen Epoche (500-336 v.Chr.) zu fassen sind. Von diesen wird auch die zuweilen mit figürlichen Szenen eingeritzte oder reliefierte Rückseite übernommen. Das Motivrepertoire umfasst nun mythologische, kultische und vereinzelt sogar gewisse alltägliche Szenen wie solche der Jagd oder des Badens, gleichwohl stehen auch diese, ähnlich wie die hellenistische Funerärmotivik, in einen größeren rituellen Gesamtkontext.

In römischer Zeit nahm die Spiegelproduktion und Spiegelverarbeitung weiter zu. Silber- und Glasspiegel entstehen. Wie das verwendete Material, so werden auch die dargestellten Motive und der Dekor vielgestaltiger. Mythologische, kultische, alltägliche Szenen werden wiedergegeben, aber auch solche des Agon (Wettkampf), mit Gladiatoren oder der Erotik.

4. Zur kulturgeschichtlichen Bedeutung

4.1. Kult

 Cleveland Museum of Art. Aus: Wikimedia Commons; © Daderot, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Creative Commons 1.0 Universal; Zugriff: 28.12.2020

Abb. 6 Ägyptischer Spiegel mit Standfuß und Griff in Form der Göttin Hathor (18. Dynastie, ca. 1540-1296 v. Chr.).

Neben ihrer offensichtlichen Funktion zur Erstellung eines Abbildes ihres Trägers bzw. ihrer Umwelt wurden Spiegel auch noch anderweitig verwendet. So nahm der Spiegel nicht nur aufgrund seiner wertvollen Materialen, sondern insbesondere wegen seiner symbolischen Mehrdeutigkeit eine besondere Rolle im Kultbereich ein.

Er kann negativ ein Zeichen von Eitelkeit bieten, aber auch positiv für Selbsterkenntnis, Klugheit und Wahrheit stehen. Es nimmt daher nicht Wunder, dass Spiegel in Listen und Darstellungen als Opfer an die Götter sowohl in Mesopotamien als auch in Ägypten genannt bzw. dargestellt werden.

Metaphorisch kann der Spiegel als Abbild der Seele des Betrachters gelten. Im Mittelägyptischen wird er mit folgenden Worten bezeichnet: ‘nḫ „Leben“, jtn „Sonnenscheibe / Sonne“, wn.t ḥr „der das Gesicht offenbart“ und m3w-ḥr „Neu-Gesicht“. In Ägypten wurde die runde Form der Spiegelplatte scheinbar mit der Sonne bzw. Sonnenscheibe assoziiert.

 Cairo Museum. Aus: Wikimedia Commons; © Fæ, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff 20.1.2021

Abb. 7 Prinzessin Kawit mit einem Bronzespiegel in der Hand (Relief an ihrem Sarkophag, Theben; 11. Dynastie, 2081-1938 v. Chr.).

Spiegel waren wertvolle Geschenke und Handelsobjekte. Sie wurden vor allem mit Frauen assoziiert. So nennen ägyptische Textzeugnisse eine Frau, die einen Spiegel trägt, entweder m.t nṯr.t Ḥwt-Ḥr „Priesterin der Göttin Hathor“ oder rh.t nswt „Bekannte des Königs“. Während der Hintergrund und die Aufgaben des Titels der Bekannten des Königs nicht näher geklärt werden können, ist der kultische Bezug der Priesterinnen zur Muttergottheit Hathor eindeutig. Der Griff konnte deswegen als Hathor, die Bekrönung als deren Kopf gearbeitet sein.

Im neuhethitischen Reich (→ Hethiter) scheinen Spiegel im kultischen Zusammenhang mit der Göttin Kubaba zu stehen. Kulttexte aus Boghazköy und vor allem die mit Inschriften versehenen Reliefs aus → Karkemisch und Alaça Hüyük nennen die Göttin Kubaba, die sitzend mit einem Spiegel dargestellt wird.

Stelen aus Marasch, die eine Frau mit einem Spiegel zusammen mit ihrer Familie zeigen, werden hingegen als Grabstelen interpretiert. Einen nichtkultischen Bezug haben auch die neuassyrischen Reliefs, die eine einen Spiegel haltende Frau zeigen. Aufgrund der Inschrift ist diese jedoch eindeutig als die Königinmutter Naqī’a-Zakūtu (ca. 730-668 v. Chr.) zu identifizieren. Die Darstellung des Spiegels scheint hier Weiblichkeit und Weisheit, aber auch aufgrund des wertvollen Materials Macht zu symbolisieren.

In neubabylonischen Texten (ca. 626/612-539 v. Chr.) werden Spiegel als Votivgaben im Kult genannt. Möglicherweise stehen auch die Darstellungen nackter Frauen auf den Griffen in diesem Zusammenhang. Die Abbildungen konnten entweder in den Griff eingraviert sein oder dieser war selbst in Gestalt einer Frau gearbeitet. Besonders im iranischen Luristan lässt sich diese Motivik in mehreren Gattungen belegen. Allgemein wird in der Forschung die Motivik der nackten Frau als Muttergottheit interpretiert.

Möglicherweise wurde mithilfe von Spiegeln durch Reflektion das Licht von → Lampen oder Kandelabern gelenkt oder verstärkt. So konnte einerseits die mystische Atmosphäre im Tempel mittels diffuser Beleuchtung zusätzlich verstärkt werden, andererseits spielten reflektierende Oberflächen in der Akzentbeleuchtung eine Rolle, so zum Beispiel zur Betonung der Kultstatue. Ferner ist der Einsatz von reflektierenden Spiegeln zur Verstärkung von Licht oder zum Erzeugen von Lichteffekten in Kultprozessionen und Schauspielen zu überlegen, wie sie in der griechisch-römischen Antike im Kult des Gottes Dionysos oder auch in dem der griechisch-ägyptischen Götter → Isis, → Osiris und Horus vorkommen konnten. Auch für Mesopotamien und das pharaonische Ägypten mag dies partiell zutreffen.

4.2. Schifffahrt

Im Schiffswrack von Mahdia, das in das 1. Jh. v. Chr. datiert wird, werden Fragmente von Spiegeleinfassungen mit etwa 57 cm Durchmesser als Bronzespiegel interpretiert, die für Lichtsignale verwendet wurden.

Für den legendären Leuchtturm von Alexandria nimmt man an, dass das Licht der Sonne oder eines Feuers mit Spiegeln reflektiert wurde, um den Schiffen den Weg zu weisen. Archäologisch kann dies bisher allerdings nicht bestätigt werden. Alexandria spielte als eines der geistig-philosophischen und wissenschaftlichen Zentren in der hellenistischen Welt jedoch eine bedeutende Rolle, sodass eine solche Technologie nicht auszuschließen ist.

4.3. Kriegswesen

Im Zuge der Belagerung von Syrakus durch das römische Heer im Jahr 214-212 v. Chr. soll Archimedes von Syrakus (um 287-212 v. Chr.) die Schiffe der Römer über eine größere Entfernung mit Hilfe von Spiegeln in Brand gesteckt haben. Inwiefern dies tatsächlich möglich war, wird kontrovers diskutiert.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Obsidian als Rohgestein. Aus: Wikimedia Commons; © Pekachu, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff: 28.12.2020
  • Abb. 2 Kupferspiegel aus Zypern (Eisenzeit). Harvard Semitic Museum, Inv. 1995.10.1105. Aus: Wikimedia Commons; © Daderot, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Creative Commons 1.0 Universal; Zugriff: 28.12.2020
  • Abb. 3 Ägyptischer Spiegel mit Griff in Form des Emblems der Göttin Hathor (Thutmoses III., 18. Dynastie, etwa 1479-1425 v. Chr.). Metropolitan Museum of Art, Inv. 26.8.97. Aus: Wikimedia Commons; © Met Museum, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Creative Commons 1.0 Universal; Zugriff: 28.12.2020
  • Abb. 4 Bronzespiegel aus Mari (Grab 236; 13.-12. Jh. v. Chr.). Louvre AO Inv. 19081. Aus: Wikimedia Commons; © Jastrow 2007, Wikimedia Commons, lizenziert unter Public Domain - Wikipedia; Zugriff: 28.12.2020
  • Abb. 5 Römischer Silberspiegel aus Pompeji (ca. 1. Jh. n. Chr.). Pompeji-Ausstellung Europäischer Kulturpark Bliesbruck-Reinheim 2007. Aus: Wikimedia Commons; © Claus Ableiter, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 3.0 Unported; Zugriff: 28.12.2020
  • Abb. 6 Ägyptischer Spiegel mit Standfuß und Griff in Form der Göttin Hathor (18. Dynastie, ca. 1540-1296 v. Chr.). Cleveland Museum of Art. Aus: Wikimedia Commons; © Daderot, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Creative Commons 1.0 Universal; Zugriff: 28.12.2020
  • Abb. 7 Prinzessin Kawit mit einem Bronzespiegel in der Hand (Relief an ihrem Sarkophag, Theben; 11. Dynastie, 2081-1938 v. Chr.). Cairo Museum. Aus: Wikimedia Commons; © Fæ, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff 20.1.2021

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