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Lexikon

Schunem

Andere Schreibweise: Shunem (engl.), Sunem (frz./ital.)

Mathias Winkler

(erstellt: Nov. 2017)

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1. Name

Die Etymologie des Ortsnamens ist unklar. Mit Albert Socin (Socin, 47) kommt eventuell eine Ableitung vom arabischen šūne „Getreidespeicher“ bzw. „Bastion“ in Betracht. Eine solche Ableitung ist aufgrund der Lage des Orts in der fruchtbaren Jesreel-Ebene durchaus sinnvoll.

2. Belege

2.1. Biblische Belege

Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Schunem.

Schunem (hebr. שׁוּנֵם šûnem, griech. Σουναν sounan Jos 19,18, Σωμαν sōman 1Sam 28,4, Σουμαν souman 2Kön 4,8, Σουνήμ sounēm [Klostermann, 158:11, Eusebs Onomastikon; Timm, 210 Nr. 858], Σωνάμ sōnam [Klostermann, 160:13; Timm, 214 Nr. 878]) wird im Alten Testament dreimal als Ortsname gebraucht: Jos 19,18 erwähnt Schunem als eine Ortschaft im Stammesgebiet Issachars. Nach 1Sam 28,4 versammelt sich in Schunem ein Heer der → Philister, um gegen → Saul zu kämpfen. 2Kön 4,8 nennt Schunem als Ort, an dem der Prophet → Elisa bei einer begüterten Frau zunächst nur einkehrt und dann gelegentlich oder öfter Quartier bezieht. Als der Sohn dieser Frau stirbt, erweckt Elisa ihn wieder zum Leben (2Kön 4,8-37).

Der Ort Schunem findet auch Verwendung als Herkunftsbezeichnung. → Abischag wird in 1Kön 1,3.15; 1Kön 2,17.21-22 als „Schunemiterin“ (hebr. שׁוּנַמִּית šûnammît) bezeichnet, ebenso die Frau in 2Kön 4, die den Propheten Elisa beherbergt (2Kön 4,12.25.36).

Dass die Schulammit des Hohelieds (Hhld 7,1) mit „Schunamit“, d.h. mit einer Schunemiterin oder gar mit der Schunemiterin Abischag, zu verbinden ist, ist unwahrscheinlich.

2.2. Außerbiblische Belege

In außerbiblischen Quellen ist Schunem als Ort schon sehr früh belegt. Die sogenannte „Palästinaliste“ Thutmosis’ III. (ca. 1486-1425 v. Chr.; Regierungszeit 1479-1425 v. Chr.; 18. Dynastie) erwähnt den Ort Schunem als Šanama (Müller, 16; Simons, 116, 214; ANET, 243).

Als Šunama begegnet der Ort Schunem in den → Amarnabriefen aus dem 14. Jh. v. Chr. Im Brief EA 250,43 (Moran, 303f.; TUAT.NF III, 197-199) unterrichtet der Stadtfürst von Gitti-Padalla, dem heutigen Ǧett in der östlichen Scharonebene (Weippert, 235 Anm. 43), den Pharao über das Treiben der beiden Söhne des Labaju, des verstorbenen Stadtfürsten von → Sichem. Der Brief erwähnt eine Attacke des Labaju auf die Stadt Šunama. Im Brief EA 365 (Moran, 363) beschwert sich Biridija, der Stadtfürst von → Megiddo, beim Pharao, nur er allein würde Fronarbeiter für die Kultivierung von Šunama zur Verfügung stellen, andere Fürsten jedoch nicht. Diese Information legt nahe, dass Schunem von Megiddo aus verwaltet wurde (so auch Finkelstein, 237).

Auch die Liste der Städte und Ortschaften, die Pharao → Scheschonq I. (Regierungszeit 945/944-923 v. Chr.; 22. Dynastie) während seines Palästinafeldzuges um 926/925 v. Chr. nach eigenem Bekunden einnahm, nennt Schunem (Weippert, 234; TUAT.NF II, 264; Wilson, 106), auch wenn die biblische Darstellung dieses Feldzuges (1Kön 14,25-26; 2Chr 12,2-9) nichts über eine Invasion so weit nach Norden berichtet.

3. Lage

Schunem wird mit dem kleinen Siedlungshügel Tel Schunem / Sūlam (Koordinaten: 1819.2235; N 32° 36' 25'', E 35° 20' 05'') identifiziert. Der Siedlungshügel des biblischen Schunem liegt am östlichen Rand der Jesreelebene (→ Jesreel) südlich der Hügel Givat-haMoreh, gegenüber dem → Gilboa-Gebirge. Er liegt inmitten des modernen Ortes Sūlam, welcher den alten Ortsnamen offenbar bewahrt hat. Die Veränderung des Ortsnamens ist durch einen Wechsel vom Konsonanten n zu l erklärbar (Keel, 212). Auf dem Tel liegt heute auch der muslimische Friedhof des modernen Ortes.

Schunem liegt im Stammesgebiet Issachars (Jos 19,18). Zum Stammesgebiet gehören nach Jos 19,17-23 die Orte Jesreel, Kesullot, Schunem, Hafarajim, Schion, Anaharat, Rabbit, Kischjon, Ebez, Remet, En-Gannim, En-Hadda, Bet-Pazzez. Die Grenzen Issachars bilden der → Tabor, Schahazajim, → Bet-Schemesch und der → Jordan. Die relative Nähe des Tel Schunem zu den identifizierten Ortslagen von Jesreel, Hafarajim, Schion, Kesullot, Anaharat und Kischjon sprechen ebenfalls für eine Identifikation mit dem biblischen Schunem. Nach 1Sam 28,4 lagert ein Heer der Philister in Schunem, während → Saul mit seinem Heer sein Lager in → Gilboa aufschlägt. Auch dies legt eine relative Nachbarschaft beider Orte nahe.

Für die Identifikation der Ortslage spricht auch das Onomastikon des → Eusebius (Eusebs Onomastikon): An dem Ort des biblischen Schunem liege zu seiner Zeit das Dorf Σουλὴμ soulēm (Klostermann, 158:11-12; Timm, 201 Nr. 858), und zwar fünf römische Meilen (ca. 7,4km) südlich des Berges Tabor (Klostermann, 158:11-12, Timm, 210 Nr. 858). Diese Distanz ist in der Luftlinie durchaus stimmig.

Der jüdische Forscher und Topograf Estori ha-Parchi (ca. 1282-1357) erwähnt Schunem in seinem Werk Kaftor wa-Perach „Knauf und Blume“: Der Ort Schunem liege ungefähr eine halbe Stunde nördlich von Jesreel entfernt. Eine halbe Stunde östlich von Schunem liege der Ort Tabun. An der Nordseite Schunems entspringe eine Quelle. Estori ha-Parchi erwähnt zudem, er habe dort ein Haus gesehen, das er für das Haus halte, in dem die Schunemiterin den Propheten Elisa beherbergt habe; jenes Haus sei nach allen vier Seiten hin offen. Nach Estori ha-Parchi wird der Ort aber nicht mehr Schunem, sondern Solem genannt. Sein Bericht ist damit wie das Onomastikon des Eusebius eine wichtige Quelle für die Identifikation des Ortes Schunem mit Solem.

4. Grabungsbefund des Ortes

Überreste der alten Siedlung auf Tel Schunem sind aufgrund moderner Bebauung und des auf dem Tel liegenden Friedhofs nur sehr schwer zugänglich. Umfangreiche Ausgrabungen waren und sind daher nicht möglich. Die archäologischen Daten stammen aus Oberflächensurveys und Rettungsgrabungen, was eine Rekonstruktion der Geschichte des Ortes deutlich erschwert.

Tel Schunem ist rund 2,5 Hektar groß und beherbergte das antike Schunem. Die Analyse der gefundenen Keramik weist eine Besiedlung von der Frühbronzezeit bis in die Zeit der Ottomanen nach, wobei Keramik aus der hellenistischen Epoche nur in sehr geringem Umfang gefunden wurde (Alexandre 2007, 23*; Dalali-Amos 2009a).

© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 2 In Schunem gefundener Skarabäus aus der 18. Dynastie (1539-1292 v. Chr.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

Der Ort Schunem ist schon sehr früh besiedelt. Bei Ausgrabungen im Nordosten wurden Mauerreste entdeckt, die in die sehr frühe Frühbronzezeit IA zu datieren sind. Ein Vergleich der architektonischen Strukturen aus der frühen Frühbronzezeit IA mit denen aus der Mittelbronzezeit II lässt vermuten, dass die Siedlung der Mittelbronzezeit II kleiner war als die Siedlung der Frühbronzezeit IA; dies gilt vielleicht aber nur für den Nordosten der Siedlung, doch bleibt diese These vorläufig, da umfangreichere Ausgrabungen fehlen (Covello-Paran 2006; Covello-Paran 2010). Auch nordöstlich der ehemaligen Quelle in der Mitte der modernen Siedlung wurden Mauerreste aus der Frühbronzezeit gefunden (Dalali-Amos 2011).

Reste einer Stützmauer, die vielleicht eine Terrasse stützte, sind in die Zeit der ausgehenden Mittelbronzezeit, aber nicht später als in die Spätbronzezeit zu datieren (Cinamon 2010b). Aus der Zeit zwischen der Mittelbronzezeit und der Spätbronzezeit stammt wohl auch ein Erdwall, dessen Datierung allerdings unsicher ist (Dalali-Amos 2011). Der Wall diente wahrscheinlich Verteidigungszwecken.

© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 3 In Schunem gefundene rechteckige Platte (BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

Eine der Rettungsgrabungen deutet auf drei Siedlungsphasen während der Spätbronzezeit hin (Gal 2002). Zwei Funde bezeugen den ägyptischen Einfluss im Gebiet von Schunem während der Spätbronzezeit. Ein Skarabäus ist wohl in die Zeit der 18. Dynastie (1539-1292 v. Chr.) zu datieren (Abb. 2). Zudem wurde eine rechteckige Platte gefunden, die nicht genau datiert werden kann. Die Platte zeigt in der Mitte einen Falkenköpfigen, der auf seinen Unterschenkeln sitzt und links und rechts von ihm zugewandten Uräusschlangen flankiert wird (Abb. 3). Das Motiv der Platte ähnelt sehr stark dem eines Skarabäus aus Tel Ḥarasim, der in die Zeit von 1650-1500 v. Chr. datiert wird (Abb. 4).

© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 4 Skarabäus aus Tel Ḥarasim (1650-1500 v.Chr.), dessen Motiv große Ähnlichkeit zur rechteckigen Platte aus Schunem hat (BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

Aus der Zeit der 20. Dynastie stammen Keramikfunde, die unter den Trümmern eines durch Feuer zerstörten Hauses gefunden wurden (Covello-Paran / Arie). Die verfügbaren archäologischen Daten aus der Bronzezeit weisen Schunem als einen Ort aus, der früh und kontinuierlich besiedelt war. Mauerreste und der Erdwall weisen vielleicht auf Verteidigungsanlagen hin, was darauf schließen lässt, Schunem sei ein lokal durchaus wichtiger Ort gewesen. Dies stützen die Erwähnungen Schunems in der Liste Thutmosis’ III. und in den Amarna-Briefen. Schunem war in der Spätbronzezeit – vielleicht auch schon früher – wohl mehr als nur ein unbedeutendes Dorf.

Eine kreisförmige Steinkonstruktion stammt wahrscheinlich aus der → Eisenzeit I und wurde als Silo genutzt. Mauerreste lassen sich der → Eisenzeit IIA zuordnen (Alexandre 2007). Die Keramik dieser Epoche ist auf weit verbreitete Haushaltskeramik beschränkt. In der Eisenzeit wuchs Schunem im Verhältnis zur Ausdehnung in der Mittelbronzezeit offenbar wieder an, zumindest was die Nordausdehnung betrifft (Covello-Paran 2011).

Aus römischer Zeit datieren kleinere Münzfunde, Tierknochen, Marmorfragmente und Mühlsteine (Covello Paran 2006; Covello-Paran 2010). Aus derselben Epoche stammen Abfallprodukte, die auf eine Glaswerkstatt hinweisen, die bis an das Ende der byzantinischen bzw. den Anfang der umajjadischen Zeit bestand (Mitler; Gosker). In byzantinischer Zeit gab es auch eine Weinkelter, die mit Mosaiksteinchen ausgelegt war (Cinamon 2010b).

In abbasidische Zeit ist ein Haus zu datieren, das im südlichen Bereich ausgegraben wurde (Hanna). Aus der Zeit der Mamluken stammt eine Mauer, die unmittelbar südlich der ehemaligen Quelle verläuft (Alexandre 2008). Andere Ausgrabungen lassen vermuten, dass es eine Unterbrechung der Besiedlung zwischen der frühen Mamluken-Zeit und der späten Ottomanen-Zeit gab (Dalali-Amos 2009b). Ob es tatsächlich eine solche Unterbrechung für den gesamten Ort gab oder nur für den Bereich einzelner Ausgrabungen, ist aufgrund der starken modernen Bebauung und der damit den Archäologen gesetzten Grenzen offen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Eerdmans Dictionary of the Bible, Grand Rapids 2000
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2. Weitere Literatur

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  • Cinamon, G., 2010a, Sulam. Final Report (15/07/2010), Hadashot Arkheologiyot 122
  • Cinamon, G., 2010b, Sulam. Final Report (16/12/2010), Hadashot Arkheologiyot 122
  • Covello-Paran, K., 2006, Sulam, Hadashot Arkheologiyot 118
  • Covello-Paran, K., 2010, Sulam. Final Report, Hadashot Arkheologiyot 122
  • Covello-Paran, K. / Arie, E., 2010, Sulam, Tel Shunem. Preliminary Report, Hadashot Arkheologiyot 122
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  • Dalali-Amos, E., 2009a, Sulam. Final Report (14/02/2009), Hadashot Arkheologiyot 121
  • Dalali-Amos, E., 2009b, Sulam. Final Report (02/12/2009), Hadashot Arkheologiyot 121
  • Dalali-Amos, E., 2009c, Sulam. Final Report (05/12/2009), Hadashot Arkheologiyot 121
  • Dalali-Amos, E., 2011, Sulam. Final Report, Hadashot Arkheologiyot 123
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  • Gal, Z., 2002, Sulam, Hadashot Arkheologiyot 114, 26*-27*
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  • Moran, W.L. (Hg.), 1992, The Amarna Letters, Baltimore / London
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  • Weippert, M. (Hg.), 2010, Historisches Textbuch zum Alten Testament (Grundrisse zum Alten Testament 10), Göttingen
  • Wilson, K.A., 2005, The Campaign of Pharaoh Shoshenq I into Palestine (FAT II 9), Tübingen
  • Zori, N., 1977, Nachalat Issakar (The Land of Issachar. Archaeological Survey), Jerusalem
  • Zunz, L., 1841, On the Geography of Palestine from Jewish Sources, in: A. Asher (Hg.), The Itinerary of Benjamin of Tudela. II Notes and Essays, London / Berlin

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