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Lexikon

Schilf

Peter Riede

(erstellt: April 2018)

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1. Botanisch

 © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Geschnittenes Schilf kann zu Bündeln zusammengebunden gut auf dem Rücken transportiert werden.

Schilf gehört zu den Wasserpflanzen, die sich an Flüssen, Seen, Tümpeln und Sümpfen finden. In Palästina / Israel kommen, vor allem in der Region des Hule-Sees, vier Schilfarten vor, die sich alle durch einen langen Wurzelstock und schlanke Halme mit langen Blättern auszeichnen. Die häufigste Schilfart ist das Gemeine Schilf (Phragmites australis bzw. communis; → Rohr). Daneben kommt auch das Pfahlrohr (Arundo donax) vor. Das Gemeine Schilf findet sich vor allem in wenig tiefen Gewässern. Der Wurzelstock ist schlank und verbreitet sich in den Sümpfen oft über große Entfernungen. Die blättertragenden Halme werden bis zu 2 m hoch und enden in Blütenständen, die Federbüschen ähnlich sind.

Das Pfahlrohr, das häufig an Ufern von Flüssen wächst, ist ebenfalls ein hohes Gras. Seine Blütenbüschel finden sich an Halmen, die bis zu 5 m hoch werden. Die kräftigen Halme sind zwischen den Knoten hohl.

2. Altes Testament

2.1. Bezeichnungen

Das Alte Testament kennt verschiedene Bezeichnungen für Schilfpflanzen: Dazu gehören קָנֶה qānæh (→ Kanon), das meist mit Rohr übersetzt u.a. ein Schilfgras bezeichnet, ferner סוּף sûf, das Süßwasserschilf am Rande des Nils, אָגְמוֹן ʻāgmôn (z.B. Jes 58,5), גֺּמֶא gomæʻ (z.B. Ex 2,8) und אָחוּ ʻāḥû ein Sumpf- oder Riedgras (Hos 13,15 cj; Hi 8,11; Gen 41,2.18). Z.T. dürften auch andere Wasser- und Sumpfpflanzen wie Binsen (z.B. die Sumpfbinse Scirpus lacustris L.) oder Papyrus mit diesen Begriffen gemeint sein (vgl. Jes 58,5). In Jon 2,6 bezeichnet סוּף sûf eher den Tang bzw. das Seegras, das sich um den Kopf des ins Meer gestürzten Propheten → Jona schlingt.

2.2. Lebensweltliche Bedeutung

Die sieben fetten Kühe des Pharao fraßen am Ufer des Nils das Schilf- oder Riedgras (Gen 41,2.18). Lokalkolorit zeichnet auch die Geburtsgeschichte des Mose aus: Denn der neugeborene Mose wird im Schilf des Nils versteckt (Ex 2,3.5).

2.3. Verwendung

Schilf wurde für verschiedene Alltagsgegenstände verwendet, zum Flechten von Körben, Matten und Seilen (vgl. Hi 40,26), aber auch zur Herstellung von Pfeilen und Schreibfedern. Auch Pfeifen und Flöten (1Kön 1,39f; vgl. Mt 9,23) wurden aus diesem Material gefertigt. Die flachen Dächer der Häuser wurden ebenfalls z.T. mit Schilfmatten gedeckt.

2.4. Metaphorik

Die schwankende Bewegung von Schilf und Rohr ist Zeichen von Unsicherheit und Haltlosigkeit (1Kön 14,15). Wenn Rohr und Schilf am Rande des Nils verwelken, so ist das Ausdruck des Gerichts über Ägypten (Jes 19,6), wo diese Pflanzen normalerweise gut gedeihen. Zu den Zeichen der Heilszeit dagegen gehört, dass die gefährlichen Wildtiere aus Wüste und Steppe verschwinden und dort Gras, Rohr und Schilf wachsen (Jes 35,7).

Auf Selbstminderungsriten spielt dagegen Jes 58,5 in spöttischem Ton an, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie ein Schilf- oder Binsenhalm.

3. Neues Testament

3.1. Bezeichnung

Die griechische Bezeichnung für Schilf ist κάλαμος kalamos.

3.2. Bedeutung

Mit Dank an © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 2 Schilfrohr auf einer Bronzemünze des Herodes Antipas (Tiberias; Datierung rechts: L ΚΔ [= 24] HPΩΔΟΥ ΤΕΤΡΑΡX, also 20/21 n. Chr.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

In der Wüste am → Jordan gab es Schilf in Fülle. Darauf spielt die Frage Jesu in Mt 11,7 an: „Warum seid ihr in die Wüste hinausgezogen? Um ein Schilfrohr zu sehen, das im Winde schwankt?“ Im Hintergrund dürfte eine ironische Anspielung auf Herodes Antipas stehen, der nach der Gründung der Stadt Tiberias Münzen mit dem persönlichen Signum eines Schilfrohrs prägen ließ. Der Vers könnte also versteckt andeuten, dass es beim Kommen der Menschen in die Wüste nicht darum ging, „diesen (bekannten) Windbeutel und Weichling“ (Luz 1990, 174) zu sehen.

Bei der Misshandlung Jesu im Rahmen seiner Passion statten ihn die römischen Soldaten mit „Königsinsignien“ aus, die ihn verspotten sollen (Mt 27,29): Statt dem Szepter eines orientalischen Herrschers erhält er einen Stab aus Schilfrohr in die Hand, mit dem sie ihn am Ende auch schlagen (Mt 27,30).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973-2015
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006

2. Weitere Literatur

  • Darom, D., Die schönsten Pflanzen der Bibel, Herzlia, o.J., 26f
  • Hepper, F.N., Pflanzenwelt der Bibel. Eine illustrierte Enzyklopädie, Stuttgart 1992, 70f
  • Löw, I., Die Flora der Juden, Bd. IV, Nachdruck: Hildesheim 1967, Reg. s.v.
  • Luz, U., Das Evangelium nach Matthäus (Mt 8-17), (EKK I/2), Zürich1990
  • Moldenke, H.N. und A.L., Plants of the Bible, New York 1952
  • Theißen, G., Das „schwankende Rohr” (Mt 11,7) und die Gründungsmünzen von Tiberias, ZDPV 101 (1985), 43-55
  • Walker, W., All the Plants of the Bible, London 1958
  • Zohary, M., Pflanzen der Bibel. Vollständiges Handbuch, Stuttgart 2. Aufl, 1986, 134

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Geschnittenes Schilf kann zu Bündeln zusammengebunden gut auf dem Rücken transportiert werden. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Schilfrohr auf einer Bronzemünze des Herodes Antipas (Tiberias; Datierung rechts: L ΚΔ [= 24] HPΩΔΟΥ ΤΕΤΡΑΡX, also 20/21 n. Chr.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online). Mit Dank an © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

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