Schihor

Andere Schreibweise: Schihur, Shihor, Shihur, Sihor, Sihur, Sior

(erstellt: Jan. 2021)

Bei Schihor handelt es sich um ein an der Grenze zwischen Ägypten und Israel gelegenes Gewässer, das bisher nicht genauer identifiziert werden konnte.

1. Name

Bei dem hebräischen Namen Schihor, der im Alten Testament vier Mal belegt ist (Jos 13,3; 1Chr 13,5; Jes 23,3; Jer 2,18), handelt es sich um die Wiedergabe der ägyptischen Bezeichnung šj Ḥr „See / Teich des Horus“ (so bereits Alan H. Gardiner 1918, 252; vgl. demgegenüber Hastings [1889, 498] Ableitung von der hebräischen Wurzel שׁחר šḥr „schwarz sein“). Für die Ableitung aus dem Ägyptischen führt Ludwig Köhler (1936, 289) an, dass der Name im Hebräischen in unterschiedlichen Schreibweisen vorliegt: הַשִּׁיחוֹר haššîḥôr (mit Artikel) in Jos 13,3; שִׁחוֹר šiḥôr in Jer 2,18 und שִׁחֹר šiḥor in 1Chr 13,5; Jes 23,3.

In der → Septuaginta wie in der Vulgata wird das Toponym mit einer Ausnahme nicht mit Namen, sondern in Übersetzung wiedergegeben. Jos 13,3 deutet Schihor als ἡ ἀοίκητος hē aoikētos „das unbewohnte (Land)“. In 1Chr 13,5 wird es mit τό ὄριον to orion „das Gebiet“ übersetzt. In Jer 2,18 wird der Begriff merkwürdigerweise als Γηων „Gihon“ (s. speziell Olofsson 1988) wiedergegeben.

In der → Vulgata wird in Jer 2,18 Schihor mit aqua turbida „trübes Wasser“ und in Jos 13,3 mit a fluvio turbido qui inrigat Aegyptum „von dem trüben Fluss, der Ägypten bewässer“ näherungsweise übersetzt. Einmal verwendet die Vulgata in 1Chr 13,5 die direkte Wiedergabe Sior, wie sie auch bei Hieronymus, Epistula CVIII ad Eustochium (s. Migne 1854, 890) vorliegt.

In Jos 19,26 handelt es sich bei dem teilweise identisch geschriebenen Toponym שִׁיחוֹר לִבְנָת šîḥôr-livnāt um eine andere Lokalität, die an der Südgrenze von Asser vermutet wird (vgl. Gesenius 1987-2010, 1347).

2. Schihor in der Bibel

Als Schihor wird in der Bibel in allen Stellen ein Gewässer bezeichnet. Nach Jos 13,3 handelt es sich bei Schihor um den Grenzfluss von Ägypten zu den Gebieten der → Philister. In 1Chr 13,5 wird der „Schihor Ägyptens“ als Südgrenze von → Davids Herrschaftsgebiet genannt. Insofern könnte das Gewässer mit dem z.B. in Num 34,5, 1Kön 8,65 und 2Chr 7,8 erwähnten Grenzbach Ägyptens identisch sein (vgl. Bietak 1984, 625, Anm. 3; Hastings 1889, 498; Simons 1959, 27). In Jes 23,3 wird neben dem Schihor der → Nil (יְאֺר jə’or) erwähnt, wobei Früchte des Schihor und Getreide vom Nil als Erträge genannt werden. Jer 2,18 setzt voraus, dass man das Wasser des Schihor trinken kann, er also Süßwasser bietet. Auffallend ist, dass parallel zum Schihor in Ägypten vom „Strom“ in Assur die Rede ist. Dessen Identifizierung mit dem → Euphrat legt es nahe, bei dem Schihor an den Hauptfluss Ägyptens, also den Nil, zu denken (so z.B. auch Betz 1992, 1212; Jericke 2019; Na’aman 1980, 96).

Dementsprechend können die Belege in der Bibel so gedeutet werden, dass es sich beim Schihor in Jos 13,3 und 1Chr 13,5 um ein Gewässer im Osten Ägyptens handelt, das das Land nach Israel hin abgrenzte. Jes 23,3 und Jer 2,18 setzen dagegen ohne genauere Lokalisierung eine Lage in Ägypten voraus; es wird nur auf das Charakteristikum des Früchteertrags und des Wasserführens hingewiesen. Durch die parallele Nennung von Schihor und dem Nil in Jes 23,3 werden offenbar zwei unterschiedliche Gewässer bezeichnet; mit Jer 2,18 ließe sich aber eine Gleichsetzung der beiden postulieren. Insgesamt ist durch die biblischen Belege außerhalb der Prophetenbücher deutlich, dass es sich um ein im Osten des Deltas liegendes Gewässer handelt.

3. Identifikation

Es bleibt unsicher, welches ägyptische Gewässer Schihor bzw. šj Ḥr genau bezeichnet, da keine altägyptische Quelle eine genaue Spezifizierung ermöglicht, sondern nur Indizien für die antike Lage genannt werden. Die verschiedenen Vorschläge liegen bei Alt (1939, 147f.), Köhler (1936, 290f.), Na’aman (1980, 96-99), Gesenius (1987-2010, 1347) und Jericke (2019) gesammelt vor. Während der 19. Dynastie wird in Pap. Anastasi III, 2, 8f. p3 šj Ḥr erwähnt (Gardiner 1937, 22), allerdings wird hier nur → Salz als Ertrag genannt, ohne Hinweise auf eine Lokalisierung zu ermöglichen. Da hier auch von Schiffen die Rede ist, die bis nach → Pi-Ramesse fahren können, muss eine Verbindung zum dortigen Nilarm bestanden haben. Unsicher bleibt ein Beleg aus Memphis, nach dem šj Ḥr eine Verbindung zum Meer (w3ḏ wr) gehabt habe (Bietak 1975, 130; 1984, 623). In Edfou I, 334 wird davon berichtet, dass šj Ḥr ein Fluss (jtrw) sei, auf dem auch Barken fahren konnten. Nach verschiedenen ägyptischen Gaulisten lag ein šj Ḥr im 14. unterägyptischen Gau, dessen Hauptstadt → Tanis war, und damit im äußersten Osten des Deltas, wobei šj Ḥr auch als Kanal angesprochen werden kann (Leitz 2012, 408f.; 2014, 309).

Ein Widerspruch erscheint, wenn man das in Pap. Anastasi III, 2, 8f. genannte Gut Salz mit einbezieht, das auf ein versalzenes und möglicherweise stehendes Gewässer hindeuten, die Nilarme aber Süßwasser beinhalten. Auch in Jer 2,18a wird das Wasser des Schihor als trinkbar angesprochen. Um diesem Widerspruch zu begegnen, hat Manfred Bietak (1984, 623f.) vorgeschlagen, eine sekundäre Namensübertragung von einem See auf den östlichen Nilarm anzunehmen, nachdem dieser seine Lage verändert und sich mit dem See verbunden hatte.

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Abb. 1 Karte zum Nildelta mit dem Pelusischen Nilarm im Osten.

Aufgrund der in Jos 13,3 und 1Chr 13,5 genannten Lage wie der in Pap. Anastasi III vorliegenden Verbindung nach Pi-Ramesse wurde in der Forschung eine Identifizierung mit dem Pelusischen Nilarm im Osten des Deltas erwogen (z.B. Gardiner 1918, 251f.; Hoffmeier 1997, 166; Montet 1930, 23f.; 1957, 200; Sæbø 1974, 30f.; Wüst 1975, 33-40; vgl. auch Bar-Deroma 1960). James Hastings (1889, 498) nannte als mögliche Identifizierung das Wādī l-‘Arīš, gelegen nahe der Mittelmeerküste auf der Sinaihalbinsel, wogegen sich Nadav Na’aman (1979, 78) wandte. Ricardo A. Caminos (1954, 78) schlug eine Gleichsetzung mit dem Manzala-See im nord-östlichen Delta vor, der aber für eine Identifizierung mit Schihor als eine Grenze des philistischen und israelitischen Machtbereichs, wie sie in der Bibel genannt wird, zu weit westlich in Ägypten liegt. Im Jahr 1975 schlugen Amihai Sneh, Tuvia Weissbrod und Itamar Perath vor, einen künstlichen Kanal nahe Qanṭara mit dem šj Ḥr zu identifizieren. Diese Gleichsetzung wäre zwar möglich, es können aber auch Gründe gegen sie angeführt werden (vgl. Bietak 1984, 624; Jericke 2019). Nadav Na’aman (1979, 77f.) schlug eine Gleichsetzung mit dem Naḥal Besōr vor, der im Süden von Gaza nahe der heutigen Grenze zwischen Ägypten und Israel verläuft. Bietak (1984, 623f.) nahm eine Gleichsetzung mit einem See an der Nord-Ost-Grenze Ägyptens vor, der sich unmittelbar nördlich des Isthmus von Qanṭara befindet.

Aufgrund der altägyptischen Beleglage wird klar, dass der šj Ḥr einst an der Ostseite des ägyptischen Deltas situiert war. Dies ist mit den Quellen Jos 13,3 und 1Chr 13,5 zu verbinden, nach denen der Schihor die Grenze von Ägypten zum Land der Philister oder nach Israel darstellte. Eine genauere Bestimmung der Lage oder eine Identifizierung mit einem heute bekannten Gewässer im fraglichen Gebiet ist allerdings nicht möglich.

4. Das Toponym Šûr

Möglicherweise erscheint der Schihor auch noch in weiteren Stellen in der Bibel, wobei der Name hier aber sehr verkürzt erscheint. In Gen 16,7; Gen 20,1; Gen 25,18; Ex 15,22 und 1Sam 15,7 erscheint ein Toponym שׁוּר šûr (s. speziell Na’aman 1980, 100-105), das nach Gen 25,18 und 1Sam 15,7 am östlichen Rand von Ägypten gelegen hat. In Gen 16,7 und Gen 20,1 wird lediglich erwähnt, dass es sich um ein Gebiet im Süden handelt und dass dorthin ein Weg führen würde. In Ex 15,22 wird שׁוּר šûr allerdings einmal auch als → Wüste oder Wildnis (מִדבָּר midbār) bezeichnet, was gegen eine Gleichsetzung mit einem Gewässer spricht.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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