Säge

(erstellt: Febr. 2020)

1. Archäologische Belege

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Holzhandwerker zersägen einen Stamm in Längsrichtung. Um dem Stamm Halt zu geben, konnte er fest an einen Pfosten gebunden werden (Grab des Ti, Sakkara, Ägypten; 5. Dynastie, 2500-2350 v. Chr.).

Sägen verfügen über eine gezackte Kante, die dazu dient, etwas zu zerteilen, in der Antike insbesondere Holz, Knochen und Steine. Der Übergang zu einem Messer mit Sägeklinge ist fließend. Belegt sind Sägen schon seit der Steinzeit (Herles, 497). Wandmalereien in Gräbern dokumentieren den Gebrauch von Sägen in Ägypten für das 3. Jahrtausend. In Palästina bezeugen Spuren an Steinen aus eben dieser Zeit, dass sie mit einer Säge bearbeitet worden sind, so z.B. die Sockelsteine des Tempels in → Ai (Areal D, Str. VI; Frühe Bronzezeit IIIA, 2775-2550). Zudem wurden Sägen auf Grabungen gefunden, allerdings nur selten. Sie bestanden in der Eisenzeit aus Bronze oder Eisen, verbreitet waren jedoch auch zu dieser Zeit noch kurze Sägen aus einem Feuerstein mit Zacken.

Aus: R.A.S. Macalister, The Excavation of Gezer 1902-1905 and 1907-1909, Bd. 3, London 1912, Pl. CXXXVIII, 18-19 und CXXXIX,17 (vgl. Bd. 2, 124)

Abb. 2 Kleine Sägen aus Feuerstein (Eisenzeit).

Verschiedene Formen von Sägen sind belegt. Neben dem Fuchsschwanz (Abb. 4) gab es kurze Astsägen (vgl. Abb. 3), aber auch große Blattsägen, die an beiden Enden Griffe hatten und von zwei Arbeitern hin und her gezogen wurden (vgl. Abb. 6 und 7). Zumindest in Hattuscha fanden, wie konkave Sägeschnitte in Felsen zeigen, auch Rückensägen Verwendung, die von oben in den Felsen schneiden konnten. Bei ihnen ist die gerade Oberkante einer halbkreisförmigen Scheibe in der Mitte eines langen Balkens befestigt. Der mit Sägezacken versehene runde Teil der Scheibe ragt nach unten und schneidet von oben in den Felsen, wenn der Balken wie eine Wippe bewegt wird (Seeher 2008, 58).

© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 3 Der Sonnengott, aus dem Strahlen emporsteigen, hält eine Säge als sein Attribut (Rollsiegel; Mesopotamien; Akkad-Zeit, 2350-2150 v. Chr.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

In Mesopotamien ist die Säge ein Attribut des Sonnengottes (Herles, 497f). Als solches findet sie sich auf Siegeln von der Akkad-Zeit (2350-2150 v. Chr.) bis in die Mitanni-Zeit (15. Jh.). Der Sonnengott steigt allmorgendlich mit einer Säge in der Hand triumphierend zwischen Bergen empor. Die Säge soll ihm wohl helfen, sich den Weg durch die Berge zu bahnen.

2. Altes Testament

Das Alte Testament kennt zwei Begriffe für „Säge“, doch bleibt unklar, ob mit diesen Begriffen terminologisch z.B. zwischen verschiedenen Materialien, Größen oder Verwendungen unterschieden werden soll.

Aus: R.A.S. Macalister, The Excavation of Gezer 1902-1905 and 1907-1909, Bd. 3, London 1912, Pl. CXCIII, 11 (vgl. Bd. 2, 244)

Abb. 4 Säge aus Bronze (Länge ca. 35 cm; Eisenzeit).

1. Das Nomen מַשּׂוֹר maśśôr „Säge“ findet sich in dieser Bedeutung auch in anderen semitischen Sprachen, z.B. akkadisch: massāru (erscheint nur in dem Beinamen eines Gottes: Herr der Säge; Lämmerhirt, 496), aramäisch: massārā und arabisch: minšār. Es kommt von dem alttestamentlich allerdings nicht belegten Verbum נשׂר nśr „sägen“ mit der Nebenform שׂור śwr2 „sägen“, deren einziger Beleg, 1Chr 20,3, jedoch unsicher ist (s.u.). Das Nomen מַשּׂוֹר maśśôr „Säge“ fällt im Alten Testament nur in Jes 10,15. In einer rhetorischen Frage führt das Bildwort „Kann sich eine Säge gegenüber dem brüsten, der sie schwingt?“ das stolze Machtgehabe des assyrischen Königs durch den impliziten Verweis auf die Abhängigkeit von Gott ad absurdum.

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 5 Eine Mauer des Palastes von Samaria. Gesägte Steinquader mit Spiegelschlag sind als Läufer und Binder gesetzt (Eisenzeit II).

2. Das zweite Nomen, מְגֵרָה məgerāh, ist von der Wurzel גרר grr „ziehen“ als der für das Sägen typischen Bewegung abzuleiten. Es bezeichnet eine große „Steinsäge“, mit der man Steinblöcke schneiden konnte. Nach 1Kön 7,9 waren die Steine diverser Bauten im Bereich des königlichen → PalastesSalomos an allen Seiten „mit Sägen gezogen / gesägt“ worden, also sorgfältig gearbeitete Quadersteine, wie sie archäologisch im Palast von → Samaria und bei anderen Bauten aus der Zeit von → Omri und → Ahab belegt sind (→ Eisenzeit II).

Ansonsten ist das Nomen nur an den beiden Parallelstellen 2Sam 12,31 // 1Chr 20,3 belegt, in 1Chr 20,3 sogar zweimal. Nach 2Sam 12,31 hat → David das Volk aus der eroberten Hauptstadt der → Ammoniter geführt und zu Zwangsarbeiten in der Bauwirtschaft verpflichtet (→ Frondienst). Er hat es – offensichtlich in einem Steinbruch – „an Sägen, Eisenhauen und Eisenäxte (מַגְזְרֹת magzərot) gestellt (וַיָּשֶׂם wajjāśæm)“, es aber auch in der Ziegelei arbeiten lassen (lies: וְהֶעֱבִיד wəhæ‘ævîd; Stolz, 242).

Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 124823 lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff 26.2.2020

Abb. 6 Ein Arbeiter trägt drei große Sägeblätter (Relief; Südwestpalast Sanheribs in Ninive, um 700 v. Chr.).

Nach 1Chr 20,3 hat David das Volk aus der Stadt geführt und „(es = das Volk / sie = die Stadt) mit Säge, Eisenhacken und Äxten (lies wie in 2Sam 12,31 מַגְזְרֹת magzərot statt מְגֵרוֹת „Sägen“) zersägt (וַיָּשַׂר wajjāśar)“. Er hat also entweder Menschen durch Zersägen hingerichtet (so Septuaginta; Lutherbibel 1545, 1912) oder die Stadtmauern geschleift (vgl. 2Kön 25,10; Willi 1972, 118; Klein, 408). Eine Angleichung an die Aussage von 2Sam 12,31 ergibt sich, wenn man das Verb als Hif. liest: „er lies (es = das Volk) sägen mit Sägen, Eisenhacken und Äxten“. Gegen beide Möglichkeiten spricht jedoch, dass das Verb „ziehen / sägen“ schlecht zu Eisenhacken und Äxten passt. Deswegen ändert man den Text von 1Chr 20,3 häufig und liest statt וַיָּשַׂר wajjāśar „und er zersägte“ wie in 2Sam 12,31 das optisch ähnliche Wort וַיָּשֶׂם wajjāśæm „und er stellte (es = das Volk) an Sägen …“ (z.B. Rudolph, 140; Willi 2015, 157; Willi 2019, 222f). Das Verb שׂור śwr2 „sägen“ wäre dann nur in einer späten, wohl versehentlich entstandenen Textvariante belegt.

McCarter (311-313) ändert umgekehrt den Text von 2Sam 12,31 nach dem von 1Chr 20,3 und führt so „sägen“ und die Zerstörung der Stadt auch in 2Sam 12,31 ein. O’Ceallaigh (179-189) ändert in 2Sam 12,31 בַּמְּגֵרָה bamməgerāh „an die Säge“ zu בְּמַגְּרָהּ bəmagərāh „bei ihrem Niederreißen“.

Die → Septuaginta bietet weitere Belege für Sägen. In Am 1,3 wirft der hebräische Text Damaskus vor, Gilead mit einem Dreschschlitten gedroschen zu haben, der Septuaginta-Text prangert dagegen unter Einfluss von Am 1,13 an, dass sie schwangere Frauen aus Gilead „mit eisernen Sägen zersägt“ (ἔπριζον πρίοσιν σιδηροῖς eprizon priosin sidērois) haben.

In der → Susanna-Erzählung deckt → Daniel den Vorwurf, Susanna habe Ehebruch begangen, als Verleumdung auf. Auf die Frage nach dem Ort der Tat antwortet der zweite der beiden Verleumder im Widerspruch zum ersten, es sei unter einem „Sägebaum“ (πρῖνος prinos) geschehen (ZusDan 1,58). An diesen Begriff knüpft die folgende Strafankündigung in einem Wortspiel an: Der Zeuge soll zersägt werden (πρίζω prizō; ZusDan 1,59).

Im Kontext der Polemik gegen die Herstellung von → Götterbildern spricht schließlich Weish 13,11 von Holzhandwerkern, die zur Materialbeschaffung einen Baum absägen (→ Götterpolemik).

3. Neues Testament

Hebr 11,1-40 erzählt von den vielen Zeugen des Glaubens im Alten Testament sowie von dem, was sie erleiden mussten. Sie wurden z.B. gesteinigt oder auch zersägt (Hebr 11,37).

4. Rezeptionsgeschichte

Abb. 7 Der Prophet Jesaja wird zersägt (Historienbibel, Wien um 1470).

Abb. 7 Der Prophet Jesaja wird zersägt (Historienbibel, Wien um 1470).

Die apokryphe Schrift → Martyrium Jesajas (1. Jh. v. Chr.) schildert den Tod des Propheten. Auf grausame Weise soll er bei lebendigem Leibe zersägt worden sein. Deswegen wurde die Säge zu einem Symbol → Jesajas.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928-2018
  • The Interpreter’s Dictionary of the Bible, Nashville / New York 1962
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977 (Holzbearbeitung)
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006

2. Weitere Literatur

  • Herles, M., Art. Säge. B. Archäologisch, in: Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Bd. 11, Berlin 2008, 497-498
  • Klein, R.W., 1 Chronicles (Hermeneia), Minneapolis 2006
  • Lämmerhirt, K., Art. Säge. A. Philologisch, in: Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Bd. 11, Berlin 2008, 496-497
  • Macalister, R.A.S., The Excavation of Gezer 1902-1905 and 1907-1909, Bd. 2, London 1912
  • McCarter, P.K., II Samuel. A New Translation with Introduction and Commentary (AB 9), New York 1984
  • Nicholson, P.T. / Shaw, I. (Hgg.), Ancient Egyptian Materials and Technology, Cambridge 2000
  • O’Ceallaigh, G.C., „And So David Did to All the Cities of Ammon“, VT 12 (1962), 179-189
  • Rudolph, W., Chronikbücher (HAT I,21), Tübingen 1955
  • Seeher, J., Sägen wie die Hethiter: Rekonstruktion einer Steinschneidetechnik im bronzezeitlichen Bauhandwerk, Istanbuler Mitteilungen 57 (2007), 27-43
  • Seeher, J., Bauen wie die Hethiter, Antike Welt 39,5 (2008), 55-62
  • Stolz, F., Das erste und zweite Buch Samuel (ZBK.AT 9), Zürich 1981
  • Willi, T., Die Chronik als Auslegung. Untersuchungen zur literarischen Gestaltung der historischen Überlieferung Israels (FRLANT 106), Göttingen 1972
  • Willi, T., Chronik. 2. Band (BKAT XXIV,2), 2. Lieferung, Neukirchen-Vluyn 2015, 3. Lieferung, Göttingen 2019

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Holzhandwerker zersägen einen Stamm in Längsrichtung. Um dem Stamm Halt zu geben, konnte er fest an einen Pfosten gebunden werden (Grab des Ti, Sakkara, Ägypten; 5. Dynastie, 2500-2350 v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Kleine Sägen aus Feuerstein (Eisenzeit). Aus: R.A.S. Macalister, The Excavation of Gezer 1902-1905 and 1907-1909, Bd. 3, London 1912, Pl. CXXXVIII, 18-19 und CXXXIX,17 (vgl. Bd. 2, 124)
  • Abb. 3 Der Sonnengott, aus dem Strahlen emporsteigen, hält eine Säge als sein Attribut (Rollsiegel; Mesopotamien; Akkad-Zeit, 2350-2150 v. Chr.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online). © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
  • Abb. 4 Säge aus Bronze (Länge ca. 35 cm; Eisenzeit). Aus: R.A.S. Macalister, The Excavation of Gezer 1902-1905 and 1907-1909, Bd. 3, London 1912, Pl. CXCIII, 11 (vgl. Bd. 2, 244)
  • Abb. 5 Eine Mauer des Palastes von Samaria. Gesägte Steinquader mit Spiegelschlag sind als Läufer und Binder gesetzt (Eisenzeit II). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 6 Ein Arbeiter trägt drei große Sägeblätter (Relief; Südwestpalast Sanheribs in Ninive, um 700 v. Chr.). Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 124823 lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff 26.2.2020
  • Abb. 7 Der Prophet Jesaja wird zersägt (Historienbibel, Wien um 1470).

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