Riegel

(erstellt: März 2021)

Mit „Riegel“ geben deutsche Bibelübersetzungen meist das Nomen בְּרִיחַ bərîaḥ wieder, das einen Balken zum Verschließen von Stadttoren bezeichnet sowie im Kontext der Stiftshütte ein wichtiges architektonisches Bauteil. מַנְעוּל man‘ûl meint dagegen den Schieberiegel eines → Schlosses.

1. Querbalken in Stadttoren

Das Nomen בְּרִיחַ bərîaḥ, das von der → Septuaginta fast immer mit μοχλός mochlos „Riegel“ wiedergegeben wird, kommt von dem Verb ברח brḥ1 „durchlaufen / durchgehen“ und bezeichnet einen „durchlaufenden (Balken)“ (vgl. Ex 26,28; Ex 36,33). Das Verb ברח brḥ2 „versperren“ ist von dem Nomen abgeleitet (Gesenius, 18. Aufl.). Dieses bezeichnet einen langen, stabilen Balken aus Holz, mit dem ein Stadttor, aber auch ein Tempeltor verschlossen werden konnte. Er wurde an der Innenseite des Tores quer vor die beiden geschlossenen Torflügel gelegt und ruhte dabei fest in eigens für ihn geschaffenen Vertiefungen in der Mauer, zuweilen auch im Boden, wenn er das Tor senkrecht oder schräg versperrte (Josephus, Bellum Judaicum VI 5,3 [293; Text gr. und lat. Autoren]). Derart ausgerüstete Tore konnten großem Druck von außen standhalten.

Da die Querbalken in aller Regel aus Holz bestanden, ist von ihnen nichts erhalten. Archäologisch sind sie allenfalls indirekt durch die Vertiefungen nachweisbar, in denen sie ruhten. 1Kön 4,13; Ps 107,16; Jes 45,2 meinen mit „Riegeln“ aus Bronze und Eisen Metallstangen, die die gleiche Funktion hatten wie die Holzbalken. Tatsächlich gibt es in urartäischen Festungen archäologische Belege für Metallriegel (Hausleiter, 361). Allerdings muss man bei den genannten biblischen Belegen auch damit rechnen, dass es sich um eine bildliche Ausdrucksweise handelt, die die Festigkeit der Verriegelung hervorheben will.

Im Alten Testament werden Querbalken aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für Verteidigungsanlagen immer wieder zusammen mit Mauern und Toren als Charakteristika einer Stadt genannt, zuweilen sogar in fester begrifflicher Zusammenstellung mit ihnen (Dtn 3,5; 2Chr 8,5; 2Chr 14,6; Ez 38,11). Das Fehlen von Toren und Querbalken zeugt demgegenüber von einer nomadischen Lebensweise (Jer 49,31) oder von äußerst friedlichen Verhältnissen (Ez 38,11). Wo ein Querbalken eigens erwähnt ist, soll die Wehrhaftigkeit einer Stadt hervorgehoben werden. Dies gilt zunächst für feindliche Städte (Keila, 1Sam 23,7), auf deren Eroberung schon voll Stolz zurückgeblickt werden kann (Dtn 3,5). Von → Simson erzählt man, dass er die Flügel des Stadttors von → Gaza samt dem Querbalken aus den Angeln gerissen habe (Ri 16,3). In Fremdvölkersprüchen äußert sich der Wunsch, dass feindliche Städte zerstört und ihre Querbalken zerbrochen werden (Damaskus, Am 1,5; Ninive, Nah 3,13; Babel, Jer 51,30). → Deuterojesaja kündigt das Ende des Babylonischen Exils an und verheißt, dass der persische König → Kyros die Tore und Querbalken Babylons zerbrechen wird (Jes 45,2).

Auch Städte Israels werden aufgrund ihrer Querbalken als wehrhaft gerühmt (1Kön 4,13; 2Chr 8,5; 2Chr 14,6). Klgl 2,9 beklagt jedoch, dass die Querbalken Jerusalems bei der Eroberung der Stadt 587 v. Chr. zerbrochen worden sind (→ Zerstörung Jerusalems). In nachexilischer Zeit wurden Jerusalems Stadttore jedoch wiederaufgebaut und mit Türflügeln, Querbalken und Schieberiegeln (s.u.) ausgestattet (Neh 3,3.6.13.14.15; vgl. Sir 49,13 [Lutherbibel: Sir 49,15]). Nach der Darstellung der Makkabäerbücher wurde im Kontext der Kriege des 2. Jh.s v. Chr. (→ Makkabäer) eine ganze Reihe von Städten Palästinas zu Festungen ausgebaut und „mit Mauern, Toren und Querbalken (μοχλός mochlos)“ versehen (1Makk 9,50; vgl. 1Makk 12,38; 1Makk 13,33).

Im Kontext der Polemik gegen fremde Götter spielt Bar 6,17 (Lutherbibel: Bar 6,18) auf die Tore von Tempeln mit ihren Querbalken an. Der Text macht sich darüber lustig, dass die Tempel von Götzen gesichert werden.

In der Bildsprache stehen Querbalken für eine unüberwindbare Grenze. Bei der Schöpfung hat Gott dem Meer Tor und Querbalken gesetzt, also Grenzen, über die es nicht hinaus kann (Hi 38,10). Spr 18,19 vergleicht Streitigkeiten mit dem Querbalken einer Festung, vermutlich um auszudrücken, dass beide unüberwindliche Grenzen schaffen. Jona blickt in seinem Danklied auf seine Not zurück. Er war in der Unterwelt, die mit Querbalken verschlossen ist, so dass jede Rückkehr eigentlich unmöglich gewesen ist (Jon 2,7; vgl. Oden 6,7 [→ Oden]). Die Querbalken bieten auch ein Bild für Festigkeit und Sicherheit. In Ps 147,13 wird Gottes Heilshandeln darin gesehen, dass er die Querbalken der Tore Jerusalems und damit natürlich die Stadt selbst gefestigt hat. Ps 107 dankt Gott dafür, dass er das leidende Volk aus seinen Nöten gerettet hat, indem er Türen zerbrochen und eiserne Querstangen zerschlagen, die gefestigte Notsituation also durchbrochen hat (Ps 107,16). Sir 28,24 fordert auf, dem Mund Tür und Querbalken zu machen (Lutherbibel 1984: Sir 28,28).

2. Querstangen der Stiftshütte

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Eine der möglichen Rekonstruktionen der Stiftshütte.

Nach der fiktiven Darstellung der → Priesterschrift gehörten zu dem am Sinai errichteten Wüstenheiligtum (→ Stiftshütte) בְּרִיחִם bərîḥim aus Akazienholz (Ex 26,26-29; Ex 35,11; Ex 36,31-34; Ex 39,33; Ex 40,18; Num 3,36; Num 4,31). Auch hier sind nicht Schieberiegel gemeint, sondern waagerechte Bretter, die die senkrechten Bretter der Stiftshütte miteinander verbanden und mit ihnen das stabile Gerüst des Zeltheiligtums bildeten.

3. Schieberiegel eines Schlosses

Aus: Wikimedia Commons; © Willh26, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff 12.3.2021 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Egyptian\_Lock\_Mechanism\_Locked.png und https://en.wikipedia.org/wiki/Pin\_tumbler\_lock\#/media/File:Egyptian\_Lock\_Mechanism\_Unlocked.png); stark bearbeitet von Klaus Koenen

Abb. 2 Schieberiegel eines Schlosses.

Das Nomen מַנְעוּל man‘ûl mit der Variante מִנְעָל min‘āl (nur Dtn 33,25) kommt von der Wurzel n‘l „verschließen / verriegeln“. Nach Neh 3,3.6.13.14.15 erhielten fünf Stadttore Jerusalems beim Wiederaufbau außer einem Querbalken einen מַנְעוּל man’ûl. Gemeint ist vermutlich ein am Torflügel befestigter Schieberiegel, der als Teil eines → Schlosses in eine Vertiefung am Türpfosten geschoben wurde, um das Tor zu verschließen (vgl. Galling / Rösel, 349f; vgl. Schunck, 90).

Auch in bildlichem Kontext ist von derartigen Riegeln die Rede. In Dtn 33,25 bieten Riegel aus Eisen und Bronze in einem Spruch über den Stamm Asser ein Bild für Sicherheit und defensive Stärke. In Hhld 5,5 triefen die Hände der Braut als Zeichen ihrer Liebesbereitschaft vor → Myrrhe; übertreibend heißt es, dass die Myrrhe sogar auf die Griffe des Riegels der Tür tropft, die sie dem Geliebten öffnet (vgl. Stager, 240*-241*; nach Keel, 181, trieft es „von den Griffen des Riegels“).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928-2018
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006

2. Weitere Literatur

  • Dalman, G., Arbeit und Sitte in Palästina, Band 7: Das Haus, Hühnerzucht, Taubenzucht, Bienenzucht (SDPI 10. BFChTh.M 48), Gütersloh 1942
  • Galling, K. / Rösel, H., Art. Tür, in: Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977, 348-349
  • Hausleiter, A., Art. Riegel, in: Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Bd. 11, Berlin 2008, 361-362
  • Keel, O., Das Hohelied (ZBK.AT 18), Zürich 1986
  • Schunck, K.D., Nehemia (BK XXIII), Neukirchen-Vluyn 2009
  • Stager, L.E., Key Passages, Eretz Israel 27 (2003), 240*-245*

Abbildungsverzeichnis

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