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Lexikon

Reisen

Georg Röwekamp

(erstellt: März 2018)

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1. Allgemeines

Die Reise als Unterwegssein zu einem bestimmten Ziel, meist verbunden mit Aufenthalt dort und Rückkehr, wird hier unterschieden von anderen in der Bibel erwähnten Formen des Unterwegsseins wie Kriegszügen (→ Krieg), Spionage (z.B. Num 13, Jos 2, 2Sam 10,3; → Kundschafter), Deportation (z.B. 2Kön 24,15f; → Exil), → Flucht (z.B. des → Lot [Gen 19], des → Jakob nach → Haran [Gen 27,43], des → Mose aus Ägypten [Ex 2,15], des → Elia in die Wüste [1Kön 19,3], des → Jerobeam [1Kön 11,40], des Propheten → Uria [Jer 26,21] und der Familie Jesu [Mt 2,13f] nach Ägypten), Auswanderung und Rückkehr (z.B. der Brüder Josefs [Gen 42,1-3; Gen 46,1-7] sowie von Noomi [Rut 1,1.22]), freiwilligem Rückzug in die Wüste (Mt 4,1f) oder Umzug (Mt 4,13).

Reisen erfolgten zu verschiedenen Zwecken. Bildung war dabei nicht direktes Ziel, sie wurde „nebenbei“ erworben (Sir 34,9.11: „Wer viel gereist ist, hat reiches Wissen, … der Vielgereiste nimmt zu an Klugheit“).

2. Reiseformen und -zwecke

2.1. Wallfahrt

In Erzählungen, die in vorstaatlicher Zeit spielen, sind lokale Heiligtümer Ziel von → Wallfahrten. Dazu zählten → Silo (1Sam 1,3) und → Bethel (1Sam 10,3; auch 1Kön 12,26-33). Zu den drei Wallfahrtsfesten (→ Fest) → Passa, Schavuot und → Laubhüttenfest soll Israel „vor dem Antlitz des Herrn erscheinen“ (Ex 23,14-17 ist das älteste Zeugnis, dann auch Ex 34,23 und Dtn 16,16), was im Zuge der Kultzentralisation (→ Josia) nur auf → Jerusalem bezogen wurde. In der Endzeit werden auch die Völker nach Jerusalem reisen (Jes 2,2f, Mi 4,1f [→ Eschatologie]; auch noch Mt 8,1). Der Sinai war in biblischer Zeit vermutlich kein Pilgerziel (Diebner, anders Noth). Von den Wallfahrtspsalmen Ps 120-134 beschreibt zumindest Ps 122 die Gefühle der Reisenden im Vorfeld und bei der Ankunft.

Eine Sonderform der Wallfahrt stellen Reisen zu weisen / heiligen Männern dar (Reise der Königin von → Saba zu → Salomo [1Kön 10,1-13], des Syrers → Naaman zu → Elisa [2Kön 5], der Weisen zum neugeborenen König der Juden [Mt 2]).

Spätestens ab → Herodes waren die Pilgerreisen nach Jerusalem ein wichtiger ökonomischer Faktor für die Stadt. Auch Jesus und seine Familie werden in den Evangelien als Wallfahrer gezeichnet (Lk 2,22f.41; Joh 2,13, Joh 5,1; Joh 7,2.14.37; Joh 10,22; Joh 11,55); die → Apostelgeschichte erzählt von Pilgern aus aller Welt beim Pfingstfest (Apg 2) und von der Reise des äthiopischen Kämmerers (Apg 8,27).

Der römische Tourismus verband Wallfahrtselemente (Besuch von Heiligtümern) mit „Besichtigungen“; ein Reflex davon findet sich in der Schilderung des Paulus als an Religion interessiertem Reisenden in Apg 17,23 (Betrachtung der Heiligtümer Athens). Apg 19,24 (silberne Artemistempel in Ephesus) ist Hinweis auf eine blühende Andenken-Industrie.

2.2. Verwandtschaftsbesuch

Aufgrund der Bedeutung der Großfamilie, die mitunter weit verstreut lebte, gab es nicht selten Reisen zu Verwandten. Sie konnten unter anderem dazu dienen, um eine Braut zu werben (Eliezer in Haran [Gen 24,4], → Jakob in Haran [Gen 28,2.10]) oder – zusätzlich – Geld einzutreiben (Tob 4,20-5,3; Tob 6-8). Auch das Neue Testament berichtet vom Besuch Marias bei ihrer Verwandten Elisabet (Lk 1,36.39).

2.3. Botenreise

Kommunikation über weitere Entfernung geschah in der Regel durch reisende Boten, die Briefe mit sich führen konnten; entsprechen häufig sind die Erwähnungen (→ Bote / Gesandter; → Brief). Politische Verhandlungen wurden häufig durch Gesandtschaften geführt. Zeugnis dafür sind unter anderem Berichte über eine Gesandtschafts-Reise von Judäern nach Ägypten (Jes 30,2), eine des → Zedekia zu → Nebukadnezar (Jer 29,3) oder des → Judas Makkabäus nach Rom (1Makk 8,17ff; 1Makk 12,1). Auch die Reise des → Nehemia nach Juda zur Reorganisation der Provinz (Neh 2ff) kann als diplomatische Mission gelten. Das Bild einer Gesandtschaft mit Auftrag steht auch im Hintergrund der Aussage, dass das Wort Gottes nicht leer zu ihm zurückkehrt (Jes 55,11).

→ Philo von Alexandria gehörte einer Gesandtschaft an, die beim Kaiser jüdische Interessen vertreten sollte (Josephus, Antiquitates 18, 259; Text gr. und lat. Autoren).

Im Gleichnis erwähnt Jesus die Reise eines Thronprätendenten in ein fernes Land zur Erlangung der Königswürde (Lk 19,12). Ähnliches hatte – gezwungenermaßen – Herodes I. im Jahr 40 v. Chr. unternommen, als er in Rom zum König eingesetzt wurde. Umgekehrt diente die Reise des Agrippa (Freund und Schwiegersohn des Augustus) durch Judäa, bei der ihm die bedeutendsten Orte präsentiert wurden, der Festigung der Beziehung des Herodes nach Rom (Josephus, Antiquitates 14,370-393; 16,12-15).

2.4. Handelsreise

Sehr früh dienten Handelsreisen zum Warenaustausch (→ Handel; → Karawane). Dabei bedienten sich die Produzenten nicht selten professioneller Händler bzw. Zwischenhändler. Zu ihnen gehörten unter anderen „ismaelitische“ → Midianiter (Gen 37,28), später – aus der gleichen Region stammend – die Nabatäer, sowie die → Phönizier, die vor allem den Seehandel betrieben (Ez 27 [wo → Tyrus selbst mit einem Handelsschiff verglichen wird]; Ps 107,23). In Notzeiten konnte es auch für Direktverbraucher notwendig sein, Reisen in Länder zu unternehmen, wo man Nahrungsmittel einkaufen konnte (Gen 42,2; Gen 43,2). → Tobit wird geschildert als Hoflieferant und Handelsreisender von Salmanassar (Tob 1,13f); allerdings war Handel in biblischer Zeit kein typisch jüdisches Gewerbe. Bei Josephus heißt es: „Wir Juden bewohnen weder ein Küstenland noch haben wir Freude am Handel“ (Contra Apionem 1,60). Am Rande ihrer Tätigkeit scheinen einige Händler auch missionarisch tätig gewesen zu sein (z.B. ein Ananias in der Adiabene [Josephus, Anitquitates 20,34, ähnlich 20,43 über einen Galiläer namens Eleazar]).

2.5. Missionsreise

Reisen mit dem Ziel der → Bekehrung von Menschen oder der Durchsetzung einer religiösen Reform sind eine „Erfindung“ des antiken Judentums und des frühen Christentums. Adaptiert wurde die Idee unter anderem von → Mani.

Frühestes Beispiel ist → Esra, der in Juda eine religiöse Reform durchführt – entsprechend der Form religiöser Praxis, die sich im Exil herausgebildet hat. (Die erste Missions-Reise erfolgt demnach aus der Diaspora in Richtung Jerusalem). 2Chr 17,7-9 spricht von Beamten, die der König zur Belehrung des Volkes aussendet – auch wenn fraglich ist, ob dies bereits in der Königszeit so verwirklicht wurde, könnte z.B. die Judaisierung der von den Hasmonäern eroberten Gebiete wie Galiläa in ähnlicher Form erfolgt sein.

Mt 23,15 spricht von Schriftgelehrten und Pharisäern, die über Land und Meer ziehen, um Menschen für den Glauben zu gewinnen. → Paulus versuchte zunächst mit Hilfe von Reisen, z.B. nach Damaskus, in jüdischen Gemeinden die Rechtgläubigkeit zu bewahren, dann – ebenfalls auf Reisen – den Christusglauben zu verkünden. Spätere Besuche bei den neu gegründeten Gemeinden dienten dazu, Streitfragen zu klären, die Strukturen zu festigen und Kollekten zu organisieren.

Eine Sonderform stellen die „Missionsreisen“ von Wanderpredigern dar, die das (baldige) Handeln Gottes ankündigen und das Reisen quasi zur Existenzform gemacht haben (G. Theißen spricht von „Wanderradikalismus“; vgl. auch die Lebensbeschreibung des Apollonios von Tyana durch Philostratos). Zu diesen Predigern gehörten – zumindest zeitweise – Jesus, der keinen festen Wohnsitz (mehr) hatte (Lk 9,58), die von ihm beauftragten Jünger (Mt 10,5f, Lk 10,3f) sowie die frühchristlichen Missionare, von denen die → Didache (noch) berichtet (Did 11-13), und die – anders als der sich selbst versorgende „Organisator“ Paulus (2Kor 11,9) – auf Gastfreundschaft und Unterstützung angewiesen waren (Lk 7,36; Lk 8,3). Noch im 3. Jh. berichtet → Origenes:

„Die Christen … sind eifrig darauf bedacht, ihre Lehre über die ganze Erde zu verbreiten. Daher machen es sich einige förmlich zu ihrer Lebensaufgabe, nicht nur von Stadt zu Stadt, sondern auch von Dorf zu Dorf und von Gehöft zu Gehöft zu wandern, um auch andere für den Glauben an Gott zu gewinnen.“ Das ist möglich, weil „einige reiche und hochgestellte Männer und zartfühlende und edle Frauen den Glaubensboten gastliche Aufnahme gewähren“ (Contra Celsum 3,9).

3. Reiseberichte

3.1. Altes Testament und seine Umwelt

Explizite Reise-Berichte sind zwar aus der Umwelt des Alten Testaments bekannt (→ Gilgamesch, → Sinuhe, Wenamun; Herodot), das Alte Testament selbst besitzt mit → Tobit und → Jona aber lediglich zwei Reise-Novellen, in denen die Erlebnisse einer Hauptperson geschildert werden.

Der → Aristeasbrief (2. Jh. v. Chr.) enthält einen Bericht über eine Reise nach Jerusalem und Umgebung, bei der der Autor vom Hohenpriester vor allem im Tempel herumgeführt und über die Zeremonien informiert wird. Der Bericht diente sozusagen als „Reiseführer“ für Juden, die die reale Reise nicht unternehmen konnten.

3.2. Neues Testament und frühes Christentum

Der Bericht über eine angebliche (einmalige) Reise Jesu von Galiläa nach Jerusalem (Lk 9,51-19,27 [oder Lk 19,44]) strukturiert das → Lukasevangelium in drei Blöcke: Predigt in Galiläa – Weg nach Jerusalem – Wirken und Ende in Jerusalem. Der Bericht enthält Überlieferungen, die in Samaria und bei Jericho lokalisiert sind, dient aber auch als Rahmen für ortlose Traditionsstücke. Gleichzeitig deutet er Jesus als neuen Mose, der wie dieser im → Deuteronomium während der → Wüstenwanderung auf Widerstand stößt (Mayer). Vielleicht dient der Bericht auch als Anleitung der Jünger zur missionarischen Reise, zumal das Reise-Motiv auch in der Apostelgeschichte eine wichtige Rolle spielt.

Paulus selbst berichtet über seine zahlreichen Reisen und die damit verbundenen Gefahren nur kurz (2Kor 2,12f; 2Kor 7,5; 2Kor 11,26f). In Apg 13-28 wird sein gesamtes Wirken jedoch in Form eines Reise-Berichtes dargestellt (zu seiner Reise nach Damaskus s.o.). In diesem Komplex sind die sog. „Wir-Berichte“ (Apg 16,10-17; Apg 20,5-21.17; Apg 27-28) enthalten, die als direkte Reise-Berichte erscheinen. Teile davon gehen eventuell auf ein vor-lukanisches Itinerar zurück (Apg 27,1-8; Apg 28,11-15). Vorbild sind vielleicht Berichte über antike Schiffsreisen (s. dazu Backhaus).

Das Motiv der Reise wird in den zahlreichen apokryphen Apostelakten aufgegriffen; besonders wichtiges Gestaltungsmittel ist es im sog. Klemensroman (3. Jh.), dessen Ich-Erzähler auf der Reise mit Petrus Antworten auf Sinnfragen und seine Familie findet bzw. wiederfindet.

4. Praktisches

Die Vorbereitung auf eine Reise bestand aus → Fasten und → Beten (Esr 8,21, Tob 5,17 [Lutherbibel: Tob 5,23]), zuweilen wurden die Abreisenden zusätzlich durch Handauflegung gesegnet (z.B. Apg 13,3). Seit frühjüdischer Zeit ist am siebten Tag der Woche nur ein „Sabbatweg“ von 2.000 Ellen erlaubt; Ausgangspunkt ist Ex 16,29 und die festgelegte Entfernung der Israeliten von der Bundeslade (Jos 3,4).

Während der Regenzeit versuchte man, das Reisen zu vermeiden (1Kor 16,6; Apg 22,9), vor allem per Schiff (Apg 27,14ff); gegebenenfalls war die Besorgung eines Winterquartiers nötig.

4.1. Fortbewegung

Die Fortbewegung konnte zu Fuß oder auf dem Rücken eines → Esels erfolgen (wobei auch Männer im „Damensitz“ ritten; → reiten); Gepäck wurde auf Eseln oder – bei den Nachbarvölkern – → Kamelen transportiert (Gen 37,25). Wagen, die eine gewisse Straßenqualität voraussetzen, wurden nur selten zum Transport benutzt (2Sam 6,3 [Bundeslade]) und standen in der Regel nur hohen Persönlichkeiten zur Verfügung (Josef in Ägypten und – von Letzterem geschickt – seinem Vater Jakob [Gen 45,19ff], dem Feldherrn Naaman [2Kön 5], dem königlichen Kämmerer [Apg 8,28]).

Wegen der Gefahren auf dem Weg (Lk 10,30ff) reiste man nicht gern allein. Oft war man zu zweit unterwegs (Tobias und sein bezahlter „Reiseführer“ → Rafael [Tob 5], die Jünger Jesu [Mk 6,7], Paulus und → Barnabas [Apg 13f], Barnabas und → Markus [Apg 15,39), Paulus und → Silas [Apg 15,40]). Hohe Herren oder Damen reisten mit mindestens zwei Begleitern (z.B. Abraham [Gen 22,3], Saul [Sam 28,8], Gott [Gen 18,2]), mit großem Gefolge (z.B. die Königin von Saba [1Kön 10,2]) oder sogar mit Schutztruppe (Esr 8,22).

Zu Fuß oder per Esel und je nach Landschafts- und Wegbeschaffenheit konnten etwa 30-40 km pro Tag zurückgelegt werden; von Galiläa nach Jerusalem war man demzufolge zur Zeit Jesu etwa drei Tage unterwegs (Josephus, Vita 269). Tagesstrecken dienten auch als Maßeinheit (Gen 30,36; Lk 2,44).

Größere Reisen Richtung Osten oder Westen konnten auch per Schiff durchgeführt werden (1Kön 9,26-28 [Expedition nach Ofir, historisch wohl nicht vor dem 8. Jh. v. Chr. anzusetzen], Jona 1,3 [nach Tarschisch]). Apg 27,2; Apg 28,11 belegt, dass man in der Regel Frachtschiffe benutzte, die auch Personen mitnahmen.

Gottheiten und gottähnliche Gestalten bewegen sich und reisen mit Hilfe von Flügeln (Ps 139,9) oder auf den Wolken des Himmels (Dan 7,13; Mk 13,26; Apk 1,7).

4.2. Unterkunft

Unterkunft suchte man in erster Linie bei Verwandten und Freunden (z.B. Joh 12,1ff [Jesus in Betanien]) oder zumindest Volksgenossen (Ri 19,12). Wenn diese Möglichkeiten nicht zur Verfügung standen, musste man auf öffentlichen Plätzen übernachten (Gen 19,2; Ri 19,15). Im Laufe der Zeit entstanden jedoch an wichtigen Orten auch Herbergen (Jer 41,17; Lk 10,34f; Lk 2; Apg 28,15 [Ortsname Tres Tabernae an der Via Appia]) oder es werden z.B. Nebenräume von Synagogen genutzt (laut Theodotos-Inschrift hat der Stifter auch ein „Fremdenhaus“ [xenona] errichten lassen; vgl. Küchler, 78-80). Der Gastwirt versorgte die Reisenden gegebenenfalls mit Proviant und Empfehlungsschreiben für die Weiterreise (Gen 45,21; Apg 18,10.27; Did 1,1-3). Bei längerem Aufenthalt empfahl sich die Anmietung einer Wohnung (Apg 28,30). Die oft schlechte Qualität der Herbergen (u.a. Wanzen) spiegelt sich auch in einer Anekdote der Johannesakten (60,1).

4.3. Straßen

 © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Straßen in Palästina.

Die bei Reisen in Palästina benutzten Straßen (→ Karawane) waren zu einem großen Teil uralt. Die wichtigste verlief, von Ägypten kommend, zunächst entlang der Mittelmeerküste, überquerte den Karmel, durchlief die Jesreelebene, querte Untergaliläa und führte dann entlang des See Gennesaret und des Jordan Richtung Syrien. Sie wird meist als „Meeresstraße“, via maris, bezeichnet (Jes 8,23; Mt 4,15, dort „Straße am Meer“; vgl. auch Ex 13,17 [die „Philisterland Straße“ wird nach dem Exodus vermieden]), auch wenn dieser Ausdruck ursprünglich die Verbindung von Syrien zum Mittelmeer bezeichnete (die Benennung von Straßen erfolgte meist nicht nach ihrem Verlauf, sondern nach ihrem Ziel). Im Ostjordanland verlief die „Königsstraße“ (Num 20,17; Num 21,22) von der aramäischen Hauptstadt Damaskus über das ammonitische Rabbat-Ammon (kurz: Rabba) und das moabitische → Dibon nach → Edom. Die übrigen Straßen, die in der Bibel indirekt bezeugt sind, die z.B. über das Bergland von Samaria und Judäa (Sichem – Bethel – Jerusalem – Hebron) oder durch den Jordangraben führten, sowie die Ost-West-Verbindungen hatten eher lokale Bedeutung. Dieses Straßennetz wurde von den Römern ausgebaut – insgesamt ist ein Netz von ca. 1.500 km an neuen Straßen belegt. Sie verbanden zunächst vor allem die neue Hauptstadt → Caesarea mit dem Landesinneren. Die ältesten auch archäologisch nachgewiesenen römischen Straßen stammen allerdings erst aus der Zeit des Jüdischen Krieges (66-70); weitere Baumaßnahmen fanden vor allem im 2. Jh. unter Hadrian statt.

5. Theologie

Die Bibel entwickelt keine „Theologie des Reisens“; auffällig aber ist die Tatsache, dass das Unterwegssein – entgegen der im Orient weit verbreiteten Hochschätzung der Sesshaftigkeit (in Gen 4,12 wird Kain zur Rastlosigkeit verurteilt; in den Mythen muss der Niedere [Gott] zum Höheren reisen) vielfach positiv gewertet wird.

Aus: H. Gressmann, Altorientalische Bilder zum Alten Testament, Berlin / Leipzig 2. Aufl. 1927, Abb. 51

Abb. 2 Wandernde Semiten (Grab des Chnumhotep in Beni Hassan; 19. Jh. v. Chr.).

Im deuteronomischen Glaubensbekenntnis wird der Stammvater als „umherziehende Aramäer“ bezeichnet (Dtn 26,5), der → Exodus ist eine Reise aus der Unterdrückung in die Freiheit und selbst der ursprünglich als Strafe gekennzeichnete Wüstenzug wird später positiv gewertet (Hos 2,17), ebenso wie das Leben der Patriarchen als Fremde ohne festen Wohnsitz (Hebr 11,8f). Als eine Besonderheit der Wanderexistenz Jesu wird benannt, dass er keinen Ort hat, wohin er sein Haupt legen kann (Lk 9,58, s.o.).

In Gleichnissen werden Reisende nicht nur erwähnt (z.B. Lk 10,25-37), die Reise eines Herren ist in Mk 13,34 das Bild schlechthin für die Zeit bis zur Wiederkunft Christi (zu Jesus als Reisendem bzw. Himmels-Reisendem s.u.).

6. Visionäre und Jenseits-Reisen

6.1. Altes Testament und Frühjudentum

Im Alten Orient weit verbreitet ist die mystische Vorstellung von einer visionären Kontaktaufnahme mit dem Jenseits in Form einer Himmels-Reise (→ Entrückung); der Ursprung dieser Vorstellung liegt in Mesopotamien. Das → Deuteronomium lehnt Himmels-Reisen ab (Dtn 30,12f), doch spricht nicht zuletzt dies für entsprechende Vorstellungen und Praktiken. Tatsächlich finden sich im Alten Testament entsprechende Spuren. Die Himmels-Reisen vermitteln dabei in der Regel überirdisches Wissen bzw. Weisheit und / oder verleihen eine neue / überirdische (priesterliche oder königliche) Identität.

Dies betrifft vor allem → Mose (Ex 19,3-6; Ex 24; Ex 34,8-35), dessen Reise am Fuß des Gottesberges beginnt und auf den Gipfel führt, wo es zu einer Gottesbegegnung kommt, und → Jesaja (Jes 6), dessen Reise vom Tempel zu Gottes Thron führt, wobei offen bleibt, ob es sich um eine vorgestellte Reise oder eine Offenbarung im Rahmen des Kultes handelt. Ähnliches gilt für die Reise des Hohenpriesters → Jeschua (Sach 3,1-7). Angedeutet wird eine Himmels-Reise auch im Blick auf → Micha ben Jimla (1Kön 22,19ff) und die Könige von → Babylon und → Tyrus (Jes 14,12-15; Ez 28,12-17), die vom Gottesberg bzw. aus dem himmlischen Paradies verstoßen werden, wobei unklar ist, ob solche königlichen Reisen, die ein besonderes Verhältnis zur Gottheit begründeten, nur behauptet oder kultisch inszeniert wurden (vgl. auch Ps 2,7).

Ez 8,1-3 beschreibt eine visionäre Reise nach Jerusalem – frühjüdische Schriften schildern dann die Entrückung in ein oberes oder himmlisches Jerusalem bzw. in den Himmel, ausgehend unter anderem von den Hinweisen auf eine (endgültigen) Entrückung des → Henoch (Gen 5,24), des → Mose, dessen Grab niemand kennt (Dtn 34,6) und des → Elia (2Kön 2). In der frühjüdischen Literatur wird insbesondere Henochs Entrückung zu einer ausgedehnten Himmels-Reise ausgestaltet (Sir 44,16; äthiopischer und slavischer Henoch; im hebräischen Henoch ist es „Rabbi Ismael“ [gest. vor 132], der die Himmels-Reise unternimmt). Ähnliches gilt für die Gestalt des Levi und andere.

6.2. Neues Testament

Zeitgenössischer Hintergrund für die Vorstellungen einer Himmels-Reise im Zeitalter des Neuen Testaments sind → Philos Konzept vom Aufstieg der Seele und die Anfänge der jüdischen Hekhalot- bzw. Merkava-Literatur (Schäfer).

Beim paulinischen Bericht über eine Entrückung in den dritten Himmel (2Kor 12,2-9; vgl. auch Apg 22,17f) ist unklar, ob er von sich oder einem anderen spricht; eventuell steht der „Bote Satans“ für die Verhinderung weiterer ähnlicher Erfahrungen bzw. Reisen. Auch der Seher der → Johannesoffenbarung wird in den Himmel entrückt (Apk 4,1); eine These geht davon aus, dass Apk 4-11 die Schilderung einer Himmels-Reise des Täufers → Johannes darstellt (Massyngberde Ford). Apk 21f schildert eine Entrückung auf einen Berg und – anknüpfend unter anderem an Ez 8; Ez 40 – eine „Reise“ ins himmlische Jerusalem.

Möglicherweise führte auch → Simon Magier seine Berufung und göttliche Qualität auf eine Himmels-Reise zurück (Apg 8,9f); in den apokryphen Apostelakten spielen Himmels-Reisen des Simon jedenfalls eine wichtige Rolle. Celsus verweist auf zahlreiche Prediger, die sich als Götter bzw. Göttersöhne präsentieren, die in den Himmel reisen und zurückkehren (werden) (Origenes, Contra Celsum 7,9).

Diskutiert wird, ob auch Jesus ähnliche mystische Erfahrungen gemacht oder sogar theurgische Praktiken vollzogen hat. So wird die mit der Taufe verbundene Vision (Mk 1,10f parr) oder die vom Sturz des Satans (Lk 10,18) gelegentlich als Initiation im Himmel oder die Verklärung als Himmels-Reise Jesu und einzelner Jünger auf einem Gottesberg gedeutet (Smith). Die nachösterliche Belehrung der Jünger über das Reich Gottes (Apg 1,3) wird auch als Erinnerung an eine vorösterliche Verkündigung nach einer Himmels-Reise angesehen (Barker).

Vor allem für das Johannesevangelium ist die These vertreten worden, dass sich dort Anhaltspunkte für die Darstellung Jesu als Himmelsreisendem finden, der nach seinem Berufungserlebnis im Rahmen einer solchen Reise die Jünger auf eine erneute, ihn rettende Reise mitnehmen will (Bühner). Verwiesen wird auf Joh 1,18; Joh 3,11-13; Joh 6,46, wobei die kanonische Fassung des Evangeliums jedoch bereits dahingehend korrigiert hat, dass Jesus zuerst herabgestiegen ist. Joh 3,13 („Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen…“) bedeutet dann, dass andere angebliche Himmels-Reisende nie wirklich in den Himmel gereist bzw. gelangt sind.

Eine andere Form der Jenseitsreise stellt die Unterwelts- oder Höllenfahrt dar. Im Neuen Testament ist eine entsprechende Vorstellung im Blick auf Jesus in Eph 4,1-11 und 1Petr 3,19f bezeugt; in apokryphen Schriften (vor allem dem → Nikodemusevangelium) wird diese weiter entfaltet und auch von Aposteln berichtet (Colpe).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1950ff.
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001

2. Weitere Literatur

  • Backhaus, K., Religion als Reise, Tübingen 2014
  • Barker, M., The Risen Lord. The Jesus of History as the Christ of Faith, Edinburgh 1998
  • Bovon, F., Art. Herberge, in: NBL 2, Zürich / Düsseldorf 1995, 119-120
  • Bühner, J.A., Der Gesandte und sein Weg im 4. Evangelium (WUNT II/2), Tübingen 1977
  • Casson, L., Reisen in der Alten Welt, München, 2. Aufl., 1978
  • Colpe C. / Dassmann, E. / Engemann J. / Habermehl, P., Art. Jenseitsfahrt I (Himmelfahrt), in RAC 17, Stuttgart 1996, 407-466
  • Colpe, C., Art. Jenseitsfahrt II (Unterwelts- und Höllenfahrt), in: RAC 17, Stuttgart 1996, 466-483
  • Cope, C. / Habermehl, P., Art. Jenseitsreise, in: RAC 17, Stuttgart 1996, 490-543
  • Diebner, B.J., Sinaitische Wallfahrtstraditionen im vorchristlichen Judentum?, in: Akten des XII. internationalen Kongresses für christliche Archäologie. Bonn 22.-28. September 1991, Teil II (JAC.E 20,2), Münster 1995, 690-699
  • Dorsey, D.A., The Roads and Highways of Ancient Israel, Baltimore 1991
  • Hezser, C., Jewish Travel in Antiquity (TSAJ 144), Tübingen 2011
  • Hiltbrunner, O., Art. Herberge, in: RAC 14, Stuttgart 1988, 602-626
  • Küchler, M., Jerusalem (OLB IV,2), Göttingen 2007, 78-80
  • Lanczkowski, G., Die Heilige Reise, Basel 1982
  • Lang, B., Art. Reise ins Jenseits, in: NBL 3, Zürich u.a. 2001, 332-334
  • Köhler, B., Die Reise als Thema der Religionsgeschichte, ZRGG 49 (1997), 1-10
  • Massyngberde Ford, J., Revelation (The Anchor Bible 38), New York 1975, 50-53
  • Mayer, E., Die Reiseerzählung des Lukas (Lk 9,51-19,10) (EHS 23/554), Frankfurt 1996 (mit Forschungsbericht)
  • Noth, M., Der Wallfahrtsweg zum Sinai (Num 33), in: Ders., Aufsätze zur biblischen Landes- und Altertumskunde, Neukirchen-Vluyn 1971, 55-74
  • Safrai, S., Die Wallfahrt im Zeitalter des Zweiten Tempels (FJCD 3), Neukirchen-Vluyn 1981 (1965)
  • Schäfer, P., Die Ursprünge der jüdischen Mystik, Darmstadt 2011
  • Smith, M., Jesus der Magier, München 1981
  • Theißen, G., Studien zur Soziologie des Urchristentums (WUNT 19), Tübingen 1979
  • Thornton, C.-J., Der Zeuge des Zeugen. Lukas als Historiker der Paulusreisen (WUNT 56), Tübingen 1991
  • Wehnert, J., Die Wir-Passagen der Apostelgeschichte (GTA 40), Göttingen 1989 (mit Forschungsbericht)

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Straßen in Palästina. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Wandernde Semiten (Grab des Chnumhotep in Beni Hassan; 19. Jh. v. Chr.). Aus: H. Gressmann, Altorientalische Bilder zum Alten Testament, Berlin / Leipzig 2. Aufl. 1927, Abb. 51

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