Pflock

(erstellt: Febr. 2020)

Bei einem Pflock (hebräisch יָתֵד jāted) handelt es sich um einen stabilen, meist angespitzten, zylinderförmigen Stock, der fest in der Erde oder einer Wand steckt. Solche Pflöcke wurden sicher für viele Zwecke verwendet, z.B. um Jagdnetze zu spannen (→ Jagd), doch sind sie archäologisch kaum nachweisbar, da sie in aller Regel aus Holz bestanden.

1. Zeltpflöcke

Beim Zeltbau wurden angespitzte hölzerne Pflöcke mit einem → Hammer fest in die Erde geschlagen, um an ihnen – wie heutzutage an Heringen – die Seile zu befestigen, mit denen die Zeltplanen gespannt wurden. Auch das Zelt der Begegnung, die → Stiftshütte, sowie die Teppichwände und Pfosten, die ihren Bezirk absteckten, waren mit → Seilen an Zeltpflöcken befestigt. Nach der erst nachexilisch anzusetzenden, fiktiven Beschreibung der → Priesterschrift sollen diese Pflöcke keine Holzpflöcke gewesen sein, sondern – wohl angesichts der Heiligkeit des Ortes – aus Bronze bestanden haben (Ex 27,19; Ex 38,20; vgl. Ex 35,18; Ex 39,40). Beim Transport dieses Heiligtums waren für die Pfosten die Söhne → Meraris vom Stamm der Leviten zuständig (Num 3,37; Num 4,32).

Abb. 1 Jaël schlägt Sisera einen Zeltpflock in den Kopf (Jacopo Palma der Jüngere; 1548-1628).

Abb. 1 Jaël schlägt Sisera einen Zeltpflock in den Kopf (Jacopo Palma der Jüngere; 1548-1628).

In der → Debora-Erzählung dient ein Zeltpflock als Waffe. Nach Ri 4,21f tötete → JaelSisera, den Feldherrn von Hazor, während er in ihrem Zelt schlief, indem sie ihm mit einem Hammer einen Zeltpflock durch den Kopf schlug (vgl. Ri 5,26). Auch wenn dies mit einem Holzpflock im Bereich der relativ dünnen Schläfenschuppe möglich sein mag und der Erzähler auch einen Metallpflock im Sinn gehabt haben mag, kann es doch sein, dass er gar nicht so realistisch dachte. Vielleicht gehört es zur Karikatur vom großen Feldherrn, der sich von einer Frau ermorden lässt, dass dies auf absurde Weise geschah.

Als Bild kann ein Zeltpflock Sicherheit veranschaulichen und zur Metapher für festen Halt werden (Esr 9,8). In Jes 33,20 wird Jerusalem im Rahmen einer → eschatologischen Heilsschilderung als ein Zelt gesehen, dessen Pflöcke nie mehr herausgerissen werden. Dem entspricht die an Jerusalem gerichtete Aufforderung zum Wiederaufbau in Jes 54,2: „Mach deine Pflöcke fest!“. In Sach 10,4 sind „Eckstein“, „Pflock“ und „Bogen“ wohl als Metaphern für die von Gott eingesetzten Anführer des Volkes zu verstehen, die Halt und Sicherheit bieten (vgl. die „Säulen“ der Gemeinde in Gal 2,9; vgl. Reventlow, 103; Willi-Plein, 147f.158).

Sir 14,24 (Lutherbibel: Sir 14,25) bietet eine → Seligpreisung des Menschen, der sich – bildlich gesprochen – beim Haus der Weisheit niederlässt und bei ihren Mauern seine Zeltpflöcke einschlägt (mit der → Septuaginta [πάσσαλος passalos] ist im hebräischen Text nicht יתר jtr „Sehne“, sondern יתד jtd „Zeltpflock“ zu lesen).

Fraglich bleibt, ob Hi 4,21 als Todesbild vom Ausreißen eines Zeltpflocks spricht. Nach dem hebräischen Text ist hier nämlich das Lösen einer Sehne (יֶתֶר jætær) ein Bild für das Ende der Lebenskraft und den Tod. Das Bild müsste einen Bogen im Blick haben. Da von einem solchen jedoch keine Rede ist, ändert man יֶתֶר jætær „Sehne“ zuweilen zu יָתֵד jāted „Zeltpflock“, so dass der Text vom Ausreißen eines Zeltpflocks spricht. Davon dürften deutsche Übersetzungen beeinflusst sein, die den masoretischen Text nicht auf das Lösen einer Sehne, sondern auf das Abreißen eines „Zeltseils“ beziehen (vgl. Fohrer, 131). Da die Lesart יֶתֶר jætær „Bogensehne“ jedoch nicht unmöglich erscheint, sollte es bei ihr bleiben.

Spr 22,18 besagt nach dem hebräischen Text: Die Worte der Weisen „mögen miteinander (יַחְדָּו jaḥdāw) auf deinen Lippen stehen.“ Der Text ist jedoch unsicher. Ab Spr 22,17 übernimmt das → Sprüchebuch nämlich einen längeren Abschnitt, der auch in der ägyptischen Weisheitslehre des → Amenemope überliefert ist (s. die Synopse in → Amenemope), und dort heißt es an der Parallelstelle 3,16: Die Worte der Weisen „werden als Bootspflock an deiner Zunge dienen“. Wie ein Pflock auf einem Bootsdeck einem Schiff bei der Vertäuung Halt gibt, so geben der Zunge weise Worte Halt. Spr 22,18 wird oft nach dieser Quelle geändert: Die Worte der Weisen „mögen als ein Zeltpflock (יָתֵד jāted) auf deinen Lippen stehen“, den Lippen also Halt geben (so Gemser, 82-83; Römheld, 20-21; Schipper, 58-60; anders: Plöger, 262; Meinhold, 379).

2. Webrahmenpflöcke

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 2 Liegender Webrahmen von oben gesehen (Wandmalerei im Grab des Chnumhotep II, Beni Hassan, Ägypten; 12. Dynastie, ca. 1990 v. Chr.).

Zu einem liegenden Webrahmen gehören zwei Webbäume, um die die Kettfäden gelegt wurden (→ weben / Weberei). Diese beiden Webbäume wurden von je zwei in die Erde geschlagenen Pflöcken auf Abstand gehalten, damit die Kettfäden gespannt blieben. Ein derartiger Webrahmen wird in Ri 16,13-14 vorausgesetzt. Der Text erzählt, dass → Delila die sieben Haarsträhnen → Simsons, als er schlafend neben einem Webstuhl lag, mit den Kettfäden verwoben hat. Danach hat sie einen Pflock durch dieses Webstück in die Erde geschlagen, um Simson am Boden zu halten. Doch Simson reißt, als er aufwacht, den Pflock aus der Erde und die Kettfäden aus dem Rahmen (vgl. Groß, 718-721). Nach einer Ergänzung der Septuaginta hat Delila Simsons Haare auch an einem Nagel in der Wand fest gemacht.

3. Wandpflöcke

Mauern waren, sofern sie nicht aus Lehmziegel bestanden, in der Regel aus Bruchsteinen aufgeschichtet. Zwischen die Steine konnte man einen in den Raum ragenden Pflock stecken (Sir 27,2), um an ihm etwas aufzuhängen. Dafür konnte man allerdings nicht irgendein krummes Gehölz nehmen (Ez 15,3). Bildlich kann ein fest in die Wand geschlagener Pflock Festigkeit veranschaulichen. Jes 22,20-23 kündigt Eljakim, wohl Mitglied einer aristokratischen Familie Jerusalems, – vielleicht um dessen Nachkommen zu legitimieren (vgl. Wildberger, 842-851) – ein hohes Amt am königlichen Hof an. Bildlich verheißt Gott ihm, ihn als Pflock an einem festen Ort einzuschlagen. Als solcher wird er Jerusalem Sicherheit geben. Bei dem Pflock kann man an einen Zeltpflock denken (so Wildberger, 23). Da die Fortsetzung jedoch eindeutig einen Wandpflock im Blick hat, dürfte auch in V. 23 ein solcher gemeint sein. In Jes 22,24-25 nimmt eine Fortschreibung das Bild vom Pflock nämlich auf, um den Nachkommen Eljakims Unheil anzukündigen: Der Pflock wird abbrechen und alles, was an ihm hing, wird zerschlagen.

4. Weitere Pflöcke

Ein Kriegslager muss angesichts der Gegenwart Gottes nach Dtn 23,10-15 rein sein. Deswegen darf man seine Notdurft nur außerhalb des Lagers verrichten und soll, wenn man aus dem Lager geht, einen Pflock (יָתֵד jāted) bzw. Stock mitnehmen, um die Notdurft zu bedecken bzw. zu verscharren (Dtn 23,14). Die deutschen Übersetzungen geben den hebräischen Begriff hier vielfach mit → „Schaufel“ wieder.

Sir 26,12 (Lutherbibel: Sir 26,15) spricht in einem sexuellen Sinne von einem Pfahl. Vor einer lüsternen Frau wird gewarnt: „Wie ein durstiger Wanderer den Mund öffnet, so trinkt sie von allen Wassern in der Nähe. Sie lässt sich vor jedem Pfahl nieder und öffnet den Köcher vor dem Pfeil.“

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928-2018
  • The Interpreter’s Dictionary of the Bible, Nashville / New York 1962 (peg, pin)
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977 (weben)

2. Weitere Literatur

  • Dalman, G., Arbeit und Sitte in Palästina VI: Zeltleben, Vieh- und Milchwirtschaft, Gütersloh 1939 (Nachdruck 1987)
  • Dalman, G., Arbeit und Sitte in Palästina V: Webstoff, Spinnen, Weben, Kleidung, Gütersloh 1937 (Nachdruck 1987)
  • Fohrer, G., Das Buch Hiob (KAT 16), Gütersloh 1963
  • Gemser, B., Sprüche Salomos (HAT 16), Tübingen 2. Aufl. 1963
  • Groß, W., Richter (HThKAT), Freiburg 2009
  • Meinhold, A., Die Sprüche. Teil 2: Sprüche Kapitel 16-31 (ZBK.AT 16,2), Zürich 1991
  • Plöger, O., Sprüche Salomos (Proverbia), (BK XVII), Neukirchen-Vluyn 1984
  • Reventlow, H. Graf, Die Propheten Haggai, Sacharja und Maleachi (ATD 25/2), Göttingen 1993
  • Römheld, D., Wege der Weisheit: die Lehren Amenemopes und Proverbien 22,17-24,22 (BZAW 184), Berlin / New York 1989
  • Schipper, B.U., Die Lehre des Amenemope und Prov 22,17-24,22 – eine Neubestimmung des literarischen Verhältnisses (Teil 1 und Teil 2), ZAW 117 (2005), 53-72.232-248
  • Wildberger, H., Jesaja, 2. Teilband, Jesaja 13-27 (BK X/2), Neukirchen-Vluyn 1978
  • Willi-Plein, I., Deuterosacharja (BKAT XIV,7.2), Lieferung 2, Neukirchen-Vluyn 2016, Lieferung 3, Göttingen 2020

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Jaël schlägt Sisera einen Zeltpflock in den Kopf (Jacopo Palma der Jüngere; 1548-1628).
  • Abb. 2 Liegender Webrahmen von oben gesehen (Wandmalerei im Grab des Chnumhotep II, Beni Hassan, Ägypten; 12. Dynastie, ca. 1990 v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

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