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Lexikon

Petrusbriefe

Andere Schreibweise: Epistles of Peter / Letters of Peter (engl.)

Karl Matthias Schmidt

(erstellt: Mai 2017)

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1. Der Bestand

Unter der Sammelbezeichnung „Petrusbriefe“ versteht man gemeinhin die beiden kanonischen Briefe im Neuen Testament, die dem Korpus der → Katholischen Briefe zugeordnet sind und unter dem Namen des Apostels → Petrus verfasst wurden. Darüber hinaus sind innerhalb des apokryphen Schrifttums zwei angeblich von Petrus stammende Briefe überliefert, die jedoch jeweils als Briefeinlage in einen größeren Erzählzusammenhang eingebettet sind.

Nach weit überwiegender Forschungsmeinung ist keine Schrift der historischen Person Simon Petrus auf uns gekommen. Bei allen Texten, die sich als vom Apostel verfasste Dokumente ausgeben, handelt es sich folglich um pseudepigraphische Werke, die von einem anderen Autor als dem angegebenen Verfasser verantwortet wurden (zum Facettenreichtum des Phänomens der → Pseudepigraphie vgl. Frey u.a. [Hgg.], 2009; Forschungsüberblick bei Janßen, 2003).

Da für die kanonischen Petrusbriefe, den → 1. Petrusbrief (1Petr) und den → 2. Petrusbrief (2Petr), auf gesonderte Artikel verwiesen werden kann, ist es an dieser Stelle hinreichend, die beiden Schreiben kurz zu skizzieren und die jeweilige Verfasserschaft zu thematisieren. Daran anschließend kann nach einem Seitenblick auf die erwähnten Briefeinlagen in apokryphen Texten die Frage aufgenommen werden, ob einzelne der Petrusbriefe oder die Petrusbriefe insgesamt sinnvoll als Gruppe von „Petrusbriefen“ angesprochen werden können.

2. Die kanonischen Briefe

2.1. Der Erste Petrusbrief

Der erste Petrusbrief ist ein pseudepigraphisches Schreiben, das unter dem Namen des Apostels vermutlich zu Beginn des 2. Jh.s n. Chr. verfasst wurde, um Gläubige zu ermutigen, die wegen ihrer Zuwendung zum Christentum unter Repressalien zu leiden hatten. Indem die im Text angesprochenen Adressaten diese Leiden auf sich nehmen, orientieren sie sich am Beispiel Jesu, der selbst litt, bevor er die Doxa (→ Herrlichkeit, Glanz etc.) erlangte, die auch die Gläubigen erwartet. Die Ausgrenzungserfahrungen werden so zur anderen Seite der → Erwählung und gewinnen damit zwar nicht in sich selbst einen positiven Wert, wohl aber in Relation zur ersehnten Doxa. Auf Basis der Jesus-Mimesis entwickelt der Erste Petrusbrief daher eine ganz eigenständige Gnadentheologie, die Leiden in der Nachfolge Jesu als Manifestation der Erwählung und damit indirekt als → Gnade versteht.

2.2. Der Zweite Petrusbrief

Obwohl der Erste Petrusbrief in 2Petr 3,1 ausdrücklich vorausgesetzt wird, ist der Text von einem anderen Autor verfasst worden. Das Schreiben dürfte gegen Ende des ersten Drittels des 2. Jh.s n. Chr. entstanden sein. Auch dieser Text stammt folglich schon wegen der zeitlichen Einordnung nicht vom historischen Petrus. Eine orthonyme Verfasserschaft ist aber auch mit Blick auf die Theologie des Briefes kaum zu begründen. Denn während sich zur Zeit des Apostels eine → Naherwartung, die eine baldige Rückkehr Jesu voraussetzte, noch weitgehend unhinterfragt vertreten ließ, wie etwa 1Thess 4,15-17 und 1Kor 15,51-52 dokumentieren, setzt sich der pseudepigraphische Brief mit Anwürfen gegen das Christentum auseinander, die durch die ausbleibende → Parusie genährt wurden. In dieser Situation verwies der Text nicht nur auf die von der menschlichen Erwartung divergierende Zeitordnung Gottes (2Petr 3,8), sondern brachte auch Petrus als Zeugen der Verklärung ins Spiel, die Jesus als verlässlichen Empfänger der Offenbarung Gottes auswies (2Petr 1,16-18).

3. Die apokryphen Briefe

Der Brief des Petrus an Philippus lief vermutlich nicht als eigenständiges Schreiben um, sondern als Teil eines größeren Erzählwerkes. Denn er bildet im überlieferten Zusammenhang die Einleitung zu einer Schrift, der er den Namen gab (NHC VIII, 2, Text: Meyer, 1991; Übersetzung: Bethge, 2003, 663-676; Codex Tchacos, Text / Übersetzung: Brankaer / Bethge [Hgg.], 2007, 5-80). Der Brief des Petrus an Philippus beschreibt unter anderem eine nachösterliche Zusammenkunft Jesu mit den Aposteln, die Himmelfahrt Jesu, die Rückkehr der Apostel nach Jerusalem und ihr Erfülltwerden mit dem Geist. Das Werk lehnt sich eng an die → Apostelgeschichte an und ist der Acta-Literatur zuzuordnen. Der eigentliche Brief an Philippus stellt eine Briefeinlage in einem Erzählwerk dar, wenngleich er diesem vorangestellt ist. Mit dem Brief beorderte Petrus angeblich → Philippus nach Jerusalem, weil dieser zugegen sein sollte, sobald Jesus die Missionsgebiete unter den Jüngern aufteilen würde.

Der Brief des Petrus an Jakobus will nach Ausweis des Textes als Begleitschreiben zu Büchern mit Predigten des Apostels Petrus verstanden werden. Mit dem Schreiben beschwört Petrus → Jakobus, seine Predigten in Anlehnung an Num 11,16-17.24-25 nur einer besonderen Gruppe von Gläubigen auszuhändigen, um so die Lehre von der Gesetzesobservanz zu wahren. Im Zuge der Überlieferung wurden die Texte mit dem Klemensroman verbunden; im literarischen Kontext, in dem das Schreiben auf uns gekommen ist, bildet es somit eine Briefeinlage innerhalb der Acta-Literatur (Text: Rehm / Strecker [Hgg.], 1992 / 1994; Übersetzung: Wehnert, 2010; Wehnert, 2015; der Brief des Petrus findet sich auch bei Irmscher / Strecker, 1997).

4. Gab es eine Petrusschule?

Weder die beiden kanonischen Petrusbriefe noch die beiden Briefeinlagen aus der apokryphen Literatur oder die Petrusbriefe insgesamt bildeten ursprünglich gemeinsam eine Gruppe von Petrusbriefen. Die Rede von „den Petrusbriefen“ bedient sprachlich eine sekundäre Ordnungseinheit, mit der in der Regel die beiden kanonischen Petrusbriefe zusammengefasst werden, obschon diese nicht viel miteinander gemein haben. Damit wird nicht in Abrede gestellt, dass sich der Zweite Petrusbrief in 2Petr 3,1 ausdrücklich auf den Ersten Petrusbrief bezieht, diese Bezugnahme ist jedoch Teil der Brieffiktion und begründet keine enge Bindung an den Ersten Petrusbrief.

Der Zweite Petrusbrief unterscheidet sich vielmehr inhaltlich wie formal und stilistisch von seinem Vorläufer. Das gibt der Text schon im Briefeingang zu erkennen. Denn obwohl dessen Autor an das Präskript des Ersten Petrusbriefes anknüpfte, variierte er dieses auch, wobei er zugleich die Kenntnis des → Judasbriefs andeutete. Nachdem sich der angebliche Verfasser des Ersten Petrusbriefes als Πέτρος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ / Petros apostolos Iēsou Christou („Petrus, Apostel Jesu Christi“; 1Petr 1,1) vorgestellt hatte und der → Judas des Judasbriefs als Ιούδας Ἰησοῦ Χριστοῦ δοῦλος / Ioudas Iēsou Christou doulos („Judas, Jesu Christi Sklave“; Jud 1), führte sich der angebliche Verfasser des Zweiten Petrusbriefes als Συμεὼν Πέτρος δοῦλος καὶ ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ / Symeōn Petros doulos kai apostolos Iēsou Christou („Symeon Petrus, Sklave und Apostel Jesu Christi“; 2Petr 1,1) ein.

Die Adressatenangaben unterscheiden sich zwar deutlicher, der Eingangsgruß lehnt sich aber wieder an den jeweiligen Vorläufer an. Jud 2 nimmt mit ἔλεος ὑμῖν καὶ εἰρήνη καὶ ἀγάπη πληθυνθείη / eleoshymin kai eirēnē kai agapē plēthyntheiē („Erbarmen euch und Frieden und Liebe möge vermehrt werden“; Jud 2) die Form der salutatio in 1Petr 1,2 auf: χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη πληθυνθείη / charis hyminkai eirēnē plēthyntheiē („Gnade euch und Friede möge vermehrt werden“). 2Petr 1,2 lehnt sich sodann wieder an 1Petr 1,2 an, erweitert den Wunsch aber: χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη πληθυνθείη ἐν ἐπιγνώσει τοῦ θεοῦ καὶ Ἰησοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν / charis hymin kai eirēnē plēthyntheiē en epignōsei tou theou kai Iēsou tou kyriou hēmōn („Gnade euch und Friede möge euch vermehrt werden in der Erkenntnis Gottes und Jesu Christi unseres Herrn“).

Hier zeigt sich die Tendenz der späten kanonischen Pseudepigraphen, sich über Signale im Briefeingang in eine Linie mit vorausliegenden Entwürfen zu stellen. – Dabei unterscheiden sich die Paulus-Pseudepigraphen im Präskript jeweils auch geringfügig von der für → Paulus typischen Form. – 1Petr 1,1 berührt sich nämlich seinerseits insofern schon im Präskript, wenn auch sehr lose, mit Jak 1,1, als er das Augenmerk auf die Gläubigen in der → Diaspora lenkt. Da der Beginn des Prologs (1Petr 1,6-7) eine Parallele mit Jak 1,2-3 aufweist, kann man den Eindruck gewinnen, dass auch der Erste Petrusbrief seinen Vorläufer zu Beginn des Briefes aufruft und sich formal in dessen Linie stellt.

Die kanonischen Pseudepigraphen verdanken sich daher weniger einer Paulusschule oder gar einer Petrusschule, wenngleich aufgrund der Brieffiktion engere Berührungen mit Texten zu finden sind, die dem gleichen Autor zugewiesen werden, als vielmehr den jeweiligen pseudepigraphischen Vorbildern. Die ersten Pseudepigraphen boten demnach ein Beispiel, das Schule machte. Auch unter Hinzuziehung der petrinischen Schriften, die nicht der Briefgattung zugehören, ergibt sich nicht das Bild einer Petrusschule (zur gebotenen Zurückhaltung hinsichtlich möglicher frühchristlicher Schulen in neutestamentlicher Zeit vgl. Schmeller, 2001). Petrus wurde schlicht aufgrund seiner Stellung im Jüngerkreis zu einer zentralen Figur im frühchristlichen Schrifttum. Dabei wurde er nicht nur als Erzählfigur, sondern auch als angeblicher Urheber der Überlieferung bzw. frühchristlicher Literatur angesprochen.

1. Petrusbrief; → 2. Petrusbrief

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Verwendete Literatur

Bethge, H.-G., 2003, Der Brief des Petrus an Philippus (NHC VIII,2), in: H.-M. Schenke / H.-G. Bethge / U.U. Kaiser (Hgg.), Nag Hammadi Deutsch. Eingeleitet und übersetzt von Mitgliedern des Berliner Arbeitskreises für Koptisch-Gnostische Schriften. 2. Band: NHC V,2 – XIII,1, BG 1 und 4 (GCS 12), Berlin, 663-676

Brankaer, J. / Bethge, H.-G. (Hgg.), 2007, Codex Tchacos. Texte und Analysen (TU 161), Berlin

Frey, J. u.a. (Hgg.), 2009, Pseudepigraphie und Verfasserfiktion in frühchristlichen Briefen – Pseudepigraphy and Author Fiction in Early Christian Letters (WUNT 246), Tübingen

Irmscher, J. / Strecker, G., 61997, Die Pseudoklementinen, in: W. Schneemelcher (Hg.), Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. II. Band: Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, Tübingen, 439-488

Janßen, M., 2003, Unter falschem Namen. Eine kritische Forschungsbilanz frühchristlicher Pseudepigraphie (ARGU 14), Frankfurt a. M.

Meyer, M.W., 1991, NHC VIII, 2: The Letter of Peter to Philip, in: J.H. Sieber (Hg.), Nag Hammadi Codex VIII (CoptGnL; NHS 31), Leiden, 227-251

Rehm, B. / Strecker, G. (Hgg.), 31992, Die Pseudoklementinen. I: Homilien (GCS), Berlin

Rehm, B. / Strecker, G. (Hgg.), 21994, Die Pseudoklementinen. II. Recognitionen in Rufins Übersetzung (GCS), Berlin

Schmeller, T., 2001, Schulen im Neuen Testament? Zur Stellung des Urchristentums in der Bildungswelt seiner Zeit. Mit einem Beitrag von Christian Cebulj zur johanneischen Schule (HBS 30), Freiburg i. Br.

Wehnert, J., 2010, Pseudoklementinische Homilien. Einführung und Übersetzung (Kommentare zur apokryphen Literatur 1 / 1), Göttingen

Wehnert, J., 2015, Der Klemensroman (Kleine Bibliothek der antiken jüdischen und christlichen Literatur), Göttingen

2. Literaturempfehlungen

Frey, J. u.a. (Hgg.), 2009, Pseudepigraphie und Verfasserfiktion in frühchristlichen Briefen – Pseudepigraphy and Author Fiction in Early Christian Letters (WUNT 246), Tübingen

Schmeller, T., 2001, Schulen im Neuen Testament? Zur Stellung des Urchristentums in der Bildungswelt seiner Zeit. Mit einem Beitrag von Christian Cebulj zur johanneischen Schule (HBS 30), Freiburg i. Br.

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