Pella

Andere Schreibweise: Ṭabaqāt Faḥl, Ṭabaqāt Faḥil, Tall al-Husn, Tell el-Huṣn, Tell el-Ḥöṣn

(erstellt: Juni 2021)

1. Lage

© K. Soennecken

Abb. 1 Karte zur Lage von Pella.

Im Jordantal, am östlichen Rand des modernen Dorfes Ṭabaqāt Faḥil, liegt das antike Pella (Koordinaten: 2078.2064; N 35° 36' 41'', E 32° 27' 02''). Der archäologisch relevante Bereich wird durch die beiden Erhebungen Chirbet Faḥil (30 m) und Tell el-Ḥuṣn (65 m Höhe) dominiert. Zwischen beiden liegt das Wādi Ǧirm el-Mōz sowie eine Quelle. Der Ort besaß viele Vorteile für eine Besiedlung: Er lag an zwei Handelsrouten, nämlich der Nord-Süd-Verbindung, die entlang des Ostufers des → Jordan verläuft, sowie der Ost-West-Verbindung, die von der auf dem transjordanischen Plateau gelegenen Königsstraße hinab in das Jordantal und weiter über Bet-Schean und die → Jesreel-Ebene zur Mittelmeerküste verläuft. Das Pella umgebende Land war hervorragend für Landwirtschaft geeignet. In alttestamentlicher Zeit gehörte der Bereich zu → Gilead.

2. Name und Identifizierung

© Pella excavations, mit freundlicher Genehmigung von Stephen Bourke

Abb. 2 Überblick über den Haupthügel (Chirbet Faḥil) mit dem Tempelkomplex im Vordergrund. Rechts oberhalb des Grabungsareals liegt die mamlukische Moschee. Im Hintergrund das Grabungshaus sowie Teile des modernen Dorfes.

Die Stätte wurde schon 1842 von H. Kiepert mit dem Pella der Dekapolis identifiziert. Diese Erkenntnis wurde später von E. Robinson sowie G. Schumacher bestätigt und von W.F. Albright in Verbindung mit der Stadt P-ʼ-ḫꜢ-w-m (Piḥil, Piḫilum bzw. Pḥr) aus ägyptischen Ächtungstexten (E08; ca. 1800 v. Chr.) gebracht. Diese Stadt wird noch in weiteren ägyptischen Texten aus der Späten Bronzezeit genannt (z.B. in den Feldzugslisten der Pharaonen Thutmosis III., Amenophis III. und Sethos I. sowie in den → Amarnabriefen (EA 256,8). Eine Stele Sethos’ I. aus → Bet-Schean berichtet über ein Bündnis des Herrschers von Pella mit Ḥammat-Gādēr gegen Bet-Schean. Der Papyrus Anastasi (IV,16-17) aus dem 13. Jh. v. Chr. nennt die Städte Pella und → Rehob als Zentren der Herstellung von bestimmten Streitwagen-Teilen für die Ägypter.

Im Alten Testament wird Pella nie genannt – möglicherweise da der Ort zur Abfassungszeit der biblischen Texte nicht besiedelt war.

In der hellenistischen und römischen Epoche wird Pella wiederum in historischen Quellen erwähnt. Neben Stephanos von Byzanz und Appian, seien vor allem Polybius, Plinius, Flavius Josephus und Eusebius genannt. Polybius zählt die Stadt zu den von Antiochus d. Gr. 218 v. Chr. eroberten Städten (Historien V 70; Text gr. und lat. Autoren). Plinius erwähnt, dass sie wegen ihrer Quellen berühmt war (Nat. Hist. V 16, 74; Text gr. und lat. Autoren). Die Werke von Flavius Josephus enthalten verschiedene Informationen: Zur Zeit von Alexander Jannäus war Pella ein Zentrum hellenistischer Kultur – doch als dieser sie 83/82 v. Chr. eroberte, flohen die Bewohner, um nicht den jüdischen Glauben annehmen zu müssen (Antiquitates XIII 397; Bellum Judaicum I 104; Text gr. und lat. Autoren). Pompeius „befreite“ die Stadt im Jahr 64/63 v. Chr. (Antiquitates XIV 49; Bellum Judaicum I 134; Text gr. und lat. Autoren) und gliederte sie in die Dekapolis ein (Antiquitates XIV 74-76; Bellum Judaicum I 155-157; Text gr. und lat. Autoren). Die Stadt scheint 66 n. Chr. von jüdischen Rebellen aus Rache für den Mord an Juden in Cäsarea maritima zerstört worden zu sei (Bellum Judaicum II 457-458; Text gr. und lat. Autoren). Eusebius berichtet, dass die Christen aus Jerusalem nach Pella ins Ostjordanland flohen, als die religiösen und politischen Spannungen zunahmen und Vespasian seinen Angriff vorbereitete (Historia Ecclesiastica, III 5, 3-4; Text gr. und lat. Autoren).

Stephanos von Byzanz, ein Autor aus dem 6. Jh. n. Chr., bezeichnet Pella nachträglich als eine Gründung von Alexander d. Gr. (Ethnica 232:9) – wohingegen Appian, ein Geschichtsschreiber aus dem 2. Jh. n. Chr., Seleukos I. als Gründer nennt (Syr. 57; Text gr. und lat. Autoren). Wahrscheinlich wurde die Stadt jedoch gar nicht (neu)gegründet, sondern lediglich hellenisiert und der alte semitische Name gräzisiert.

3. Besiedlungsphasen

© K. Soennecken, nach Bourke 2012, 160

Abb. 3 Plan mit Ausgrabungsarealen.

Zwar gab es schon in den Jahren 1958, 1964 und 1967 kleinere Testgrabungen, doch eine ausführliche Grabungsarbeit begann erst 1978/79 durch die Universität Sydney in Kooperation mit dem College of Wooster / Ohio.

3.1. Umgebung

Die Landschaft rund um das antike Pella ist reich an archäologischen Überresten, die bis in das Altpaläolithikum (Areal XII, ca. 250.000 v. Chr.) zurückreichen. Auf einer Terrasse ca. 1,5 km nördlich der Stadt im Wādi Ḥamme wurden Spuren der Kebaran-Kultur entdeckt, sowie ein Lagerplatz aus dem Natufien erforscht. Der berühmte epipaläolithische Siedlungsplatz Wādi Ḥamme 27 (12.000 Jahre v. Chr.) markiert die erste dauerhafte Siedlung. Danach beginnt sich die Landschaft allmählich mit Siedlungsstätten zu füllen.

3.2. Neolithikum und Chalkolithikum

In Pella selbst beginnt die menschliche Aktivität im Epipaläolithikum. Erste architektonische Spuren einer permanenten Besiedlung werden durch Wohnhäuser aus dem Neolithikum (ca. 6500 v. Chr.) belegt. Das Vorhandensein aller wichtigen domestizierten Tiere (Schaf, Ziege, Rind, Schwein) und Pflanzen (Weizen, Gerste, Hülsenfrüchte) sowie das Fehlen importierter Waren deuten darauf hin, dass das neolithische Pella als kleine (vielleicht 100-300 Menschen umfassende), wohlhabende, aber relativ isolierte Agrargemeinschaft existierte.

Vom Beginn des Chalkolithikums (→ Kupfersteinzeit) an wurden im Grundriss elliptische, halbunterirdische Häuser errichtet. Diese bestanden aus einem einzigen Raum und besaßen zum Teil große, mit Kalk verputzte, Vorratssilos. Auch fragmentarisch erhaltene Kinderbestattungen wurden ausgegraben (Areal XXXII; ca. 5000-4500 v. Chr.). Später wurden größere Wohnhäuser und Vorratssilos errichtet (ca. 4200 v. Chr.). Diese Silos hatten ein Fassungsvermögen, welches weit über den Eigenbedarf einer einzelnen Kernfamilie hinausging. Dies lässt auf eine veränderte gesellschaftliche Struktur schließen, die über die Kernfamilie hinaus organisiert war und dadurch auch z.B. größere Dürrezeiten überstehen konnte. In Areal XIV sowie auf dem ca. 2 km östlich gelegenen Ǧebel eṣ-Ṣarṭabe wurden ebenfalls Reste eines chalkolitischen Dorfes entdeckt.

3.3. Bronzezeit

3.3.1. Frühe Bronzezeit

Von der städtischen Siedlung der Frühen Bronzezeit sind Verteidigungsanlagen erhalten (ca. 3200 v. Chr.). Die Siedlung scheint sich über beide Hügel erstreckt zu haben, wobei das administrative Zentrum auf dem Tell el-Ḥuṣn lag. Im Südosten gab es einen gepflasterten Zugang mit einem Tor und zwei vorspringenden Türmen. Die Funde sprechen für einen regen Handelsaustausch mit dem Umland, der aber auch bis Zypern, Anatolien und den Sinai reichte. Ca. 2900/2800 v. Chr. wurde die Stadt – vermutlich durch ein Erdbeben – zerstört und blieb für fast ein Jahrtausend unbewohnt. Gräber aus der Frühen Bronzezeit IV sind nur im Wādi Ḥamme gefunden worden. Auf Chirbet Faḥil gab es vereinzelte Bestattungen aus der Frühen Bronzezeit I.

3.3.2. Mittlere und Späte Bronzezeit

Gegen Ende der Mittleren Bronzezeit IIA (ca. 1800 v. Chr.) sicherte man die – sich ebenfalls auf beide Hügel erstreckende – Stadt erneut durch eine massive, bis zu 4 m dicke Stadtmauer aus Lehmziegeln, gegründet auf einem Steinfundament. Aus der Mittleren Bronzezeit sowie aus der Späten Bronzezeit sind bedeutende Tempel und Palastanlagen erhalten (ca. 1800-1200 v. Chr.).

In Ṭabaqāt Faḥil gab es – im Gegensatz zu einigen anderen Stätten in Transjordanien – keinen Bruch zwischen der Mittleren und der Späten Bronzezeit. In beiden Zeiten muss es sich um eine reiche und blühende Stadt mit weitreichenden Handelsbeziehungen bis nach Ägypten und Mesopotamien sowie zum Mittelmeer gehandelt haben, wie die außergewöhnlich gute Bauweise der Häuser sowie zahlreiche Funde nahelegen.

© K. Soennecken

Abb. 4 Rekonstruiertes Kästchen mit Elfenbeinintarsien aus der Mittleren Bronzezeit (heute im Jordan Museum, J 15530).

Zu ihnen gehört ein Kästchen, welches in Stil und Dekoration typisch ägyptischen Einfluss aufweist. Es misst in der Rekonstruktion 13,6 x 15,6 cm und ähnelt den Kosmetikdosen aus dem Grab des → Tutanchamun. Es war aus Holz gefertigt und mit Intarsien aus Elfenbein verziert.

Auf der Oberseite stehen sich zwei Katzenfiguren (Panther oder Löwen?) gegenüber. Zwischen ihnen befinden sich zwei Uräen (→ Uräus) mit ineinander verschlungenen Schwänzen. Ebenfalls auf der Oberseite ist eine geflügelte Sonnenscheibe eingelegt. Die Dekoration einiger der seitlichen Paneele stellt eine Djed-Säule, ein Symbol des Osiris, dar. Ein anderes Motiv ist ein Papyrusbündel, das Symbol für Unterägypten. Eine sich windende Kobra, ebenfalls aus Elfenbein, bildet den Griff zum Schließen des Kastens. Inwieweit aufgrund von einigen ägyptischen oder ägyptisierenden Funden auf eine größere ägyptische Einflussnahme zu schließen ist, ist jedoch fraglich.

3.3.2.1. Migdol-Tempel

Am Übergang von der Mittleren Bronzezeit III zur Späten Bronzezeit I wurde in Areal XXXII ein monumentaler Festungs-Tempel, ein sog. Migdol-Tempel, gebaut (Stratum XI.1). Damit werden in der südlichen Levante → Tempel mit massiven Mauern und flankierenden Türmen auf der Eingangsseite bezeichnet. Neben der primär kultischen Funktion haben diese Gebäude sicherlich auch den notwendigen Schutz in kriegerischen Zeiten geboten. Herausragende Beispiele dafür finden sich z.B. in → Megiddo und → Sichem. Der Migdol-Tempel wurde anstelle eines kleineren mittelbronzezeitlichen Anten-Tempels errichtet. Er hatte massive Steinfundamente und besaß zwei den Eingang im Osten flankierende Türme.

© K. Soennecken, nach Bourke 2013, 4

Abb. 5 Tempelgrundrisse.

Am Ende der Späten Bronzezeit, wurde der Tempel nach seiner Zerstörung verändert wiederaufgebaut (Stratum X.3). Der Neubau war insgesamt kleiner, hatte weniger massive Außenmauern und ein mit Ablagebänken ausgestattetes Allerheiligstes. Dieses wurde nun deutlich vom Rest der Cella abgetrennt. Auch wurde eine Temenos-Mauer ergänzt und damit zum ersten Mal der Bereich des Heiligen vom Rest der Besiedlung separiert. Vergleichbare Langraum-Tempel derselben Zeit finden sich z.B. auf dem Tell Ziraʻa, in → Lachisch und → Bet-Schean.

Mit Dank an © D. Vieweger

Abb. 6 Spätbronzezeitlicher Tempel.

Aus diesem Tempel stammen sorgsam im Innenraum vergrabene Bauopfer, Votivgaben und weitere Funde. Darunter waren Objekte aus → Fayence, Rohglas und → Glas. Ebenso Perlen verschiedensten Materials, ein Bronze-Arm einer Figurine, eine Schlange aus Kupfer sowie Kultständer, Kelche und Rhyta aus Keramik. Die aufgefundenen Rollsiegel können mehrheitlich dem sog. „Common Style“ der Mitanni-Glyptik zugeordnet werden.

Diese große Umbauphase wird von S. Bourke auch auf eine Veränderung im Kult zurückgeführt, nämlich einen Wechsel der Verehrung von → El zu → Baal, sowie einen größeren Einfluss ägyptischer Religion.

 Mit Dank an © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 7 Kultständer aus Ton (BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

In der letzten Phase (Stratum VIII.1; Eisenzeit I/II) wurde die gesamte Umgebung des Tempels neugestaltet. Das Knickachs-Design des nun errichteten Gebäudes findet eine gute Parallele in Tell Qasīle (Koordinaten: 1307.1676; N 32° 06' 05'', E 34° 47' 37''). Außerdem wurde ein Hof mit einem Steinaltar östlich vor dem Gebäude angelegt. Zerstört wurde der Tempel vermutlich um 800 v. Chr.

3.3.2.2. Sitz des ägyptischen Gouverneurs

Aus der Späten Bronzezeit wurde ca. 50 m südöstlich des Tempelareals (in Areal III sowie Teilen von Areal XXXII) eine repräsentative Bebauung gefunden, bei der es sich vermutlich um einen → Palast bzw. ein administratives Zentrum handelt („Governor’s Residence“). Dieses bestand aus einem zentralen Hof, der von Vorratsräumen umgeben war, und eine hohe Konzentration von Prestige-Objekten enthielt. Darunter befanden sich z.B. zwei Elfenbeinboxen, Keilschrift-Texte, Lapislazuli- und Goldobjekte zusammen mit zypriotischer und mykenischer Keramik. Es scheint, als sei das Gebäude am Ende des 14. Jh.s v. Chr. aufgegeben worden, als sich die Ägypter aus der Region zurückgezogen haben. Vergleichbare Gebäude wurden in → Bet-Schean, → Geser und → Afek freigelegt.

3.3.2.3. Gräber

Gräber (→ Grab [AT]) aus der Späten Bronzezeit wurden schon 1963 durch das Department of Antiquities aufgefunden, doch gingen die meisten Funde bei der Plünderung des Jerasch-Museums im Jahr 1968 verloren. Aus Gräbern der Mittleren und Späten Bronzezeit am nordöstlichen Hang des Tell el-Ḥuṣn stammen Skarabäen, eine Plättchenperle und zwei Rollsiegel. Auch in Areal II fanden sich viele reich ausgestattete Gräber der Mittleren und Späten Bronzezeit, sowie einige eisenzeitliche Gräber. Nur wenige Gräber waren noch unberührt, darunter das aus drei Kammern bestehende Grab 62: In diesem scheinen über einen langen Zeitraum von der Mittleren Bronzezeit IIC bis in die Späte Bronzezeit II insgesamt über 100 Angehörige einer bedeutenden Familie bestattet worden zu sein. Mit etwa 2000 Objekten gehört dieses Grab zu einem der quantitativ reichsten bislang ausgegrabenen in Pella und weit darüber hinaus – auch wenn es verhältnismäßig wenige Luxusgüter enthielt. Nahe des spätbronzezeitlichen Gouverneurs-Palastes wurden auch Gräber aus der Späten Bronzezeit II aufgefunden (ein Einzel-Kammer Grab und ein Mehr-Kammer Grab).

3.4. Eisenzeit

Während sich die spätbronzezeitliche Bebauung über beide Hügel erstreckte, finden sich eisenzeitliche Siedlungsspuren nur auf Chirbet Faḥil. Der Übergang zwischen der Späten Bronzezeit und der Eisenzeit ist nicht eindeutig: Gingen die ersten Ausgräber noch von einer klaren Kontinuität aus und konstatierten eine Fortführung nicht nur der Keramiktraditionen, sondern auch der Bauweise und Ausrichtung der Gebäude, so postulieren die späteren Ausgräber um S. Bourke einen deutlichen Bruch, welcher durch einen klaren Zerstörungshorizont dokumentiert werde. Diese letztlich auf ein Erdbeben zurückzuführende großflächige Zerstörung wird anhand der Funde gegen Ende der Späten Bronzezeit (ca. 1200/1150 v. Chr.) datiert, auch wenn ein späterer Zeitpunkt nicht ausgeschlossen wird (ca. 1050 v. Chr.), zumal es zwischen 1200 und 1000 v. Chr. zahlreiche Erdbeben in der Region gab. Anzeichen für eine kriegerische Zerstörung, z.B. ein großflächiger Brandhorizont, sind nicht festzustellen.

Insgesamt scheint nach einer reichen Besiedlung in der Späten Bronzezeit eine ärmere Phase mit dörflichen Strukturen in der → Eisenzeit I (ca. 1050-950 v. Chr.) erfolgt zu sein. Ab der Mitte des 10. Jh.s v. Chr. (→ Eisenzeit II) wurde der Ort aufwendiger neu errichtet. S. Bourke beschreibt zwei Zerstörungsschichten in der Eisenzeit II, wovon die erste in das späte 10. Jh. v. Chr. datiert wird und vermutlich durch eine militärische Aktion geschah (einige Pfeilspitzen wurden gefunden, zwei davon in einer Außenwand). Hierbei handelte es sich eventuell um den Feldzug → Scheschonqs aus dem Jahr 926 v. Chr. (vgl. → Megiddo, allerdings wird Pella auf der Liste nicht genannt). Die zweite Zerstörung ereignete sich um die Mitte des 9. Jh.s v. Chr. und ist vermutlich auf ein regionales Erdbeben zurückzuführen (vergleichbar mit Tell Dēr ‘Allā Phase M [→ Sukkot; Koordinaten: 2088.1782; N 32° 11' 46'', E 35° 37' 15'']) oder aber auf einen Feldzug der Omriden bzw. der Aramäer. Trotz aller genannten Zerstörungen war der Ort in der Eisenzeit IIA und IIB durchgehend besiedelt. In der Eisenzeit IIC wurde die Siedlung offensichtlich verkleinert. In der Perserzeit scheint der Ort verlassen worden zu sein.

3.5. Hellenistische und römische Zeit

3.5.1. Hellenistische Zeit

Während sich die ptolemäischen Überreste auf den Westgipfel des Tell el-Ḥuṣn zu beschränken scheinen, besteht kein Zweifel daran, dass nach der seleukidischen Eroberung der südlichen Levante (198 v. Chr.) das städtische Leben in Pella wieder aufblühte. Die seleukidisch-hellenistische Siedlung auf dem Haupthügel von Chirbet Faḥil und dem Ostgipfel des Tell el-Ḥuṣn begann in der ersten Hälfte des 2. Jh.s v. Chr. und kam um 83/82 v. Chr. mit einer weitreichenden Zerstörung, die allgemein dem hasmonäischen König Alexander Jannai (→ Hasmonäer) zugeschrieben wird, zu einem plötzlichen und katastrophalen Ende. Dieser ließ die Stadt zerstören, da die Bewohner sich weigerten, jüdische Gebräuche anzunehmen.

Arbeiten in Areal XXIII auf dem zentralen Tell haben ein großes und gut ausgestattetes Stadthaus der späthellenistischen Periode mit beträchtlichen Kellerräumen freigelegt. Zu den Funden gehörten rhodische Amphoren, viel Feinkeramik – wie östliche Terra Sigillata-Teller oder Fischteller – und Spindelflaschen ebenso wie eine größere Anzahl von Münzen. Diese Assemblage festigt die Datierung der umfangreichen Zerstörung im frühen 1. Jh. v. Chr. Danach kam es zu einer Unterbrechung der Besiedlung.

© K. Soennecken

Abb. 8 Byzantinische Basilika im Vordergrund, im Hintergrund Tell el-Ḥuṣn mit hellenistischer Stadtmauer.

Auf dem Ǧebel eṣ-Ṣarṭabe (Areal XIII) stand ein hellenistisches Fort mit einer Ausdehnung von ca. 70 qm und vier großen Türmen an den Ecken sowie kleineren in der ungefähren Mitte der Mauern. Allerdings scheint das Fort niemals fertiggestellt oder in Betrieb genommen worden zu sein.

3.5.2. Römische Zeit

Wie lange die nach der Zerstörung im 1. Jh. v. Chr. beginnende Unterbrechung der Besiedlung dauerte, ist umstritten. Es gibt einige Hinweise auf eine neu gegründete Siedlung auf dem Gipfel des Tell el-Ḥuṣn, und diese leicht zu verteidigende (aber wasserlose) Hügelkuppe scheint ein logischer Ort zu sein, auf den sich die verbliebenen Bewohner nach dem Trauma der o.g. Zerstörung zurückziehen würden.

Aus: Herzfelder 1936, Pl. 6.4

Abb. 9 In Pella geprägte Münze.

Dennoch gibt es durchaus, wenn auch wenige Spuren einer frührömischen Besiedlung auf dem Tell el-Ḥuṣn vor dem späten 1. Jh. n. Chr. Historische und numismatische Belege deuten darauf hin, dass es um 82/83 n. Chr. zu bedeutenden wirtschaftlichen und zivilen Aktivitäten kam, als Pella unter dem römischen Kaiser Domitian seine ersten Stadtmünzen prägte. Es sind Wohnhäuser, Thermen sowie ein Odeon nahe der Quelle aus römischer Zeit (ca. 150 n. Chr.) erhalten. Andere für eine römische Stadt typische Bauwerke, wie ein Nymphäum und Forum, sind nur aufgrund von Münzprägungen zu erahnen. Eine solche, geprägt unter Commodus (vermutlich im Jahr 183/184 n. Chr. in Pella), zeigt einen großen Tempel – vermutlich auf dem Tell el-Ḥuṣn, von dem bislang allerdings keine archäologischen Reste gefunden wurden. Südlich des Tells wurde ein römischer Meilenstein der von Gerasa nach Pella führenden Straße gefunden.

3.6. Das christliche Pella und die byzantinische Zeit

In spätrömischer und byzantinischer Zeit war Pella ein Zentrum des Christentums. Eusebius von Caesarea berichtet, dass die christliche Jerusalemer Gemeinde um die Zeit des jüdischen Krieges die Stadt Richtung Pella verlassen habe (Historia Ecclesiastica III 5,2-3; Text gr. und lat. Autoren). Um ca. 140 n. Chr. legte Aristo von Pella, ein alexandrinischer Apologet, in seinem (verlorenen) „Gespräch zwischen Jason und Papiscus über Christus“ eine erste vollständig allegorische jüdisch-christliche Hermeneutik über die Hebräische Bibel vor (Maximus Confessor, Mystica Theologica I, unter Berufung auf Eusebius, Historia Ecclesiastica IV 6,3-4; Text gr. und lat. Autoren). Im 5. und 6. Jh. n. Chr. war Pella Bischofssitz, und die Namen der Bischöfe Zebennos, Paulos und Zacharias sowie ihre Teilnahme an Synoden sind überliefert.

© K. Soennecken

Abb. 10 Byzantinische Hauptkirche.

Aus der byzantinischen Zeit sind drei große Basiliken erhalten: die Hauptkirche nahe der Quelle in Areal IX (um 400 n. Chr. auf einem römischen Tempel errichtet), die Ost-Kirche in Areal V, sowie die West-Kirche in Areal I, die sich heute innerhalb des modernen Dorfes befindet. Auf dem Tell el-Ḥuṣn wurde eine Festung errichtet. In byzantinischer Zeit erreichte die Stadt ihre größte Ausdehnung.

Der von früheren Ausgräbern als Kloster-Komplex angesehene Bereich in Areal V scheint eher der Bischofssitz bzw. ein Martyrium für einen lokalen Heiligen gewesen zu sein. Das Bauwerk besitzt drei Apsiden und ist aufwändig mit mehrfarbigen Mosaiken für die Wände und eventuell Deckendekoration im zentralen Raum ausgestattet. Rote und weiße Tonfliesen im Schachbrettmuster bedecken die seitlichen Gänge, und ein Mosaik mit geometrischem Design ziert den hinteren Wandelgang. Erbaut wurde es vermutlich im 5. Jh. n. Chr. Im vorgelagerten Atrium befand sich ein hexagonales Becken. Ein Reliquiar aus Marmor wurde unter dem Fußboden des Altarraums der Ost-Kirche gefunden.

Bestattungen aus byzantinischer Zeit stammen vermehrt aus den Arealen VI und VII. Viele der Gräber aus hellenistisch-römischer und byzantinischer Zeit scheinen unter der modernen Bebauung zu liegen, da sie auf Karten des 19. Jh.s (z.B. von Schumacher) verzeichnet, aber heute nicht mehr aufzufinden sind.

3.7. Islamische Zeit

Nach der arabischen Eroberung im Jahr 635 n. Chr. war Pella eine umajjadische Stadt. Ob es bei dieser Eroberung zu einem Kampf kam oder die Bewohner Pellas flohen und die Stadt so der Zerstörung entkam, bleibt unklar, da beide Versionen der Geschichte überliefert wurden (Ṭabarī, Hist. XI 160-172).

Die Ostkirche wurde etwa ab 700 n. Chr. nicht mehr genutzt und die Westkirche zu Ställen umgebaut. Die Hauptkirche am Kopf der Quelle diente möglicherweise weiterhin als Gotteshaus für die verbliebene oder wieder zurückgekehrte, kleine christliche Gemeinde von Pella. Ein Teil auch dieser Kirche wurde in umajjadischer Zeit als Kamelstall genutzt. Vermutlich wurde die Stadt im Jahr 747 oder 749 n. Chr. von einem Erdbeben zerstört.

In abbasidischer Zeit stand in Pella eine Karawanserei (Areal XXIX; ca. 950 n. Chr.). Unter mamlukischer Herrschaft kam der Wohnort aufgrund des im Jordantal angebauten Zuckerrohrs wieder zu einem gewissen Wohlstand. Zeugnisse davon sind neben Wassermühlen im Umfeld auch eine Moschee in Areal XVII, erbaut mit Spolien aus der römisch-byzantinischen Zeit, und ein kleines administratives Zentrum im Stil eines Hofhauses in Areal XXIII (ca. 1350 n. Chr.).

Durch die idealen Lebensbedingungen in und um Pella gehört der Ort zu einem der am längsten besiedelten Orte der Region, der von der Vor- und Frühgeschichte bis in die moderne Zeit reicht.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land, Jerusalem 1993 / Suppl. 2008
  • The Oxford Encyclopedia of Archaeology in the Near East, Oxford / New York 1997
  • Handbook of Patristic Exegesis. The Bible in Ancient Christianity, Leiden / Boston 2004

2. Weitere Literatur

  • Bourke, S.J., 1997, Pre-Classical Pella in Jordan. A Conspectus of Ten Years’ Work, PEQ 129, 94-115
  • Bourke S.J., 2003, Preliminary Report on the University of Sydney’s Eighteenth and Nineteenth Season of Excavations at Pella (Ṭabaqāt Faḥl) in 1996/1997, ADAJ 42, 179-211
  • Bourke, S.J., 2004, Cult and Archaeology at Pella in Jordan. Excavating the Bronze and Iron Age Temple Precinct (1994-2001), Journal & Proceedings of the Royal Society of New South Wales 137, 1-31
  • Bourke, S.J., 2007, Pella in Jordan 2007. Early Settlements, Mudbrick Temples and the Iron Age Palatial Residence, NEAF Bulletin 51, 1-3
  • Bourke, S.J., 2010, Pella in Jordan 2009. Urban Origins, a Bronze Age Palatial Residence and Hellenistic Husn, NEAF Bulletin 54, 3-6
  • Bourke, S.J., 2012, The Six Canaanite Temples of Ṭabaqāt Faḥil. Excavating Pella’s “Fortress” Temple (1994-2009), in: J. Kamlah (Hg.), Temple Building and Temple Cult. Architecture and Cultic Paraphernalia of Temples in the Levant (2.-1. Mill. BCE), Wiesbaden, 159-201
  • Bourke, S.J., 2013, Pre-Classical Pella in Jordan: A Conspectus of Recent Work, Newsletter of the American Center of Oriental Research 25.1, 1-5
  • Bourke, S.J., 2014, New Light on Classical and Late Antique Pella, Newsletter of the American Center of Oriental Research 26.1, 1-6
  • Bourke, S.J., 2020, Pella, 2018-2019, AIJ 2, 35-37
  • Edwards, P.C., 2013, Wadi Hammeh 27, an Early Natufian Settlement at Pella in Jordan, Leiden
  • Herzfelder, H., 1936, Contribution à la numismatique de la Décapole, RevNum 39, 285-296 (Pl. 6)
  • Meza, A., 2000, Egyptian Art in Jordan, Journal of the American Research Center in Egypt (ARCE) 37, 199-212
  • McLaren, P.B., 2003, The Military Architecture of Jordan during the Middle Bronze Age. New Evidence from Pella and Rukeis, Oxford
  • McNicoll, A.W. / Smith, R.H. / Hennessy, J.B., 1982, Pella in Jordan 1. An Interim Report on the Joint University of Sydney and The College of Wooster Excavations at Pella 1979-1981, Canberra
  • McNicoll, A.W. / Edwards, P.C. / Hanbury-Tenison, J. / Hennessy, J.B. / Potts, T.F. / Smith, R.H. / Walmsley, A. / Watson, P., 1992, Pella in Jordan 2. The Second Interim Report on the Joint University of Sydney and The College of Wooster Excavations at Pella 1982-1985, Sydney
  • Schumacher, G., 1888, Pella, London
  • Smith, R.H., 1973, Pella of the Decapolis. Volume 1. The 1967 Season of The College of Wooster Expedition to Pella, London
  • Smith, R.H. / Day, L.P., 1989, Pella of the Decapolis. Volume 2. Final Report on The College of Wooster Excavations in Area IX, The Civic Complex, 1979-1985, London
  • Smith, R.H. / Potts, T.F., 1992a, The Middle and Late Bronze Ages, in: A.W. McNicoll / J. Hanbury-Tenison / J.B. Hennessy / T.F. Potts / R.H. Smith / A. Walmsley / P. Watson, Pella in Jordan 2. The Second Interim Report on the Joint University of Sydney and The College of Wooster Excavations at Pella 1982-1985, Sydney, 35-81
  • Smith, R.H. / Potts, T.F., 1992b, The Iron Age, in: A.W. McNicoll / J. Hanbury-Tenison / J.B. Hennessy / T.F. Potts / R.H. Smith / A. Walmsley / P. Watson, Pella in Jordan 2. The Second Interim Report on the Joint University of Sydney and The College of Wooster Excavations at Pella 1982-1985, Sydney, 83-101
  • Weber, T., 1993, Pella Decapolitana. Studien zur Geschichte, Architektur, und bildenden Kunst einer hellenisierten Stadt des nördlichen Ostjordanlandes (ADPV 18), Wiesbaden

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Pella. © K. Soennecken
  • Abb. 2 Überblick über den Haupthügel (Chirbet Faḥil) mit dem Tempelkomplex im Vordergrund. Rechts oberhalb des Grabungsareals liegt die mamlukische Moschee. Im Hintergrund das Grabungshaus sowie Teile des modernen Dorfes. © Pella excavations, mit freundlicher Genehmigung von Stephen Bourke
  • Abb. 3 Plan mit Ausgrabungsarealen. © K. Soennecken, nach Bourke 2012, 160
  • Abb. 4 Rekonstruiertes Kästchen mit Elfenbeinintarsien aus der Mittleren Bronzezeit (heute im Jordan Museum, J 15530). © K. Soennecken
  • Abb. 5 Tempelgrundrisse. © K. Soennecken, nach Bourke 2013, 4
  • Abb. 6 Spätbronzezeitlicher Tempel. Mit Dank an © D. Vieweger
  • Abb. 7 Kultständer aus Ton (BIBEL+ORIENT Datenbank Online). Mit Dank an © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
  • Abb. 8 Byzantinische Basilika im Vordergrund, im Hintergrund Tell el-Ḥuṣn mit hellenistischer Stadtmauer. © K. Soennecken
  • Abb. 9 In Pella geprägte Münze. Aus: Herzfelder 1936, Pl. 6.4
  • Abb. 10 Byzantinische Hauptkirche. © K. Soennecken

PDF-Archiv

Alle Fassungen dieses Artikels ab Oktober 2017 als PDF-Archiv zum Download:

VG Wort Zählmarke