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Lexikon

Ölbaum

Peter Riede

(erstellt: Jan. 2018)

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1. Botanisch

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 1 Ölbaum in Israel.

Der Ölbaum (Olea europaea L.), auch Olivenbaum genannt, ist die einzige mediterrane Art der etwa 35 Arten Olea, die vor allem in den Tropen und in den wärmeren Klimazonen beheimatet sind. In seiner wilden und kultivierten Form kommt er bis heute in Palästina vor. Älteste gesicherte Hinweise auf Ölbaumvorkommen gibt es aus Jericho (um 4000 v. Chr.).

Mit Dank an © Gudrun Liedtke, 2017

Abb. 2 Ölbaum bei Arraba (Galiläa), der zu den ältesten lebendigen Bäumen zählt.

Der Ölbaum ist ein immergrüner (vgl. Ps 52,10), langsam wachsender Baum. Er hat ledrige, lanzettförmige Blätter mit einer Länge von etwa 4 cm. Die Oberseite der schmalen und spitzen Blätter ist dunkelgrün, die Unterseite dagegen grüngrau-silbrig. Der Baum bringt kleine, gelblich-weiße Blüten hervor, die eine oder zwei Früchte bilden. Die eiförmige, 2-3 cm große Frucht, die Olive, ist fleischig und hat einen Steinkern. Die Farbe der Frucht ist zunächst grün; vollreif nimmt sie eine schwarzblaue Färbung an.

Aus: Wikimedia Commons; © מרוה עסאקלה, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 2.5 generisch; Zugriff 20.2.2018

Abb. 3 Blüten eines Ölbaums

Der Ölbaum gedeiht überall in Israel. Da er wenig Wasser braucht, ist er besonders gut für diese Klimaregion geeignet. Er wird 5-10 m hoch, hat einen unregelmäßigen, löcherigen, knorrigen Stamm, der bis zu 1 m, manchmal auch 2 m dick werden kann. Die nur langsam wachsenden Bäume können ein Alter von mehreren hundert (bis zu 1000) Jahren erreichen. Vermehrt wird der Baum durch Wurzelschösslinge (vgl. Ps 128,3).

2. Altes Testament

2.1. Bezeichnung

Die hebräische Bezeichnung des Ölbaums ist זַיִת zajit. Das Wort bezeichnet auch die Frucht, die Olive. זַיִת zajit ist zudem Bestandteil von Personennamen, wie Zetan, und von Ortsnamen, am bekanntesten sicherlich der → Ölberg (הַר הַזֵּתִים har hazzetim, nur Sach 14,4, vgl. 2Sam 15,30).

2.2. Bedeutung

Der Ölbaum war in Israel weit verbreitet (Dtn 28,40). Er wird häufig zusammen mit dem → Weinstock genannt (Ex 23,11; Ri 15,5). Er kam – häufig in größeren Olivenhainen – an der Küste vor, z.B. in der Gegend von → Akko (Gen 49,20; Dtn 33,24), in der → Schefela (1Chr 27,28), im Bergland von → Samaria (Jes 28,1; Am 6,6), aber auch in → Jerusalem (→ Gethsemane bedeutet „Ölpresse“; der → Ölberg verdankt seinen Namen Olivenbäumen).

Der Ölbaum kommt in sehr vielen alttestamentlichen Überlieferungen vor, was seine Bedeutung in der Alltagswelt unterstreicht. Er gehört zu den sieben Pflanzenarten des Landes Israel (Dtn 8,8), die seine besondere Güte ausmachen (vgl. Dtn 28,40; 2Kön 18,32).

2.3. Verwendung

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 4 Bei der Ölivenernte werden die Zweige des Ölbaums geschlagen, sodass die Oliven herabfallen. Danach werden sie eingesammelt und zur Ölpresse gebracht.

Wichtigstes Produkt des Ölbaums waren seine Früchte. Die Blüte des Baumes war etwa Mitte Mai. Die Reife der Früchte setzt etwa im Juni ein, im September bildet sich der Ölgehalt und im Oktober werden die Oliven geerntet. Nur jedes zweite Jahr tragen die Bäume Früchte. Die bereits abgefallenen Früchte sammelte man ein, die noch am Baum befindlichen schüttelte oder klopfte man herunter (Jes 17,6; Jes 24,13), um sie dann zu Öl weiterzuverarbeiten (Mi 6,15; → Öl / Ölbereitung). Eine Verwendung von Oliven als Nahrungsmittel ist biblisch nicht zu belegen. Ein Ölbaum erbrachte etwa einen Ertrag von 110-120 kg Oliven; dies ergibt etwa 25 l Öl. Was bei der Ente vergessen wurde, sollte den sozial Benachteiligten zukommen (Dtn 24,20).

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2018)

Abb. 5 Schale aus Olivenholz (modern).

Olivenöl war als Butter- und Fettersatz wichtig bei der Bereitung von Speisen; es war ferner Beleuchtungsmittel (Brennstoff für Öllampen [→ Lampe] und → Fackeln: Ex 25,6) und hatte wegen seiner heilenden Wirkung eine wichtige Funktion in der Medizin (Jes 1,6; → Krankheit / Heilung 5.2.), es diente zur Körperpflege und wurde bei der → Salbung von Gästen und von Königen verwendet (Ex 30,22-30). Im Kult war Öl im Zusammenhang des Speisopfers wichtig. Aufgrund der langen Haltbarkeit war Öl ein ideales Handelsgut (→ Handel) und wurde daher auch ausgeführt (1Kön 5,25). Olivenholz nutzte man zur Anfertigung von Zier- und Haushaltsgegenständen sowie als Material für → Schnitzarbeiten oder für Türen, so z.B. in Zusammenhang mit der Einrichtung des Tempels in Jerusalem (1Kön 6,23.31.33).

2.4. Metaphorik

Die Bedeutung des Ölbaums zeigt sich auch in der Bildsprache: In der Fabel von der Königswahl der Bäume in Ri 9,8ff wird der Ölbaum als erster der für die Königswürde ausersehenen Bäume genannt (→ Jotam; → Fabel). Entsprechend gleichen die beiden Gesalbten von Sach 4,3.11.12 – König und Hoherpriester – Ölbäumen, möglicherweise ein Rückgriff auf die Darstellung des Königs im Bild des → Lebensbaums, wie sie in assyrischen Bildquellen belegt ist.

Das Ölblatt, das eine Taube zu → Noah in die → Arche bringt (Gen 8,11), symbolisiert das neu entstandene Leben auf Erden und damit zugleich das Ende der → Sintflut.

In der Metaphorik gleicht der Gerechte einem immergrünen Ölbaum im Hause Gottes (Ps 52,10; vgl. Sir 50,10 [Lutherbibel: Sir 50,11]) und Israel einem grünen fruchtbaren Ölbaum (Jer 11,16), der Frevler dagegen einem Ölbaum, der ohne Frucht bleiben wird, weil er seine Blüten verlor (Hi 15,33). Kinder werden mit den Schösslingen des Ölbaums verglichen (Ps 128,3). Das Wiederaufleben Israels Hos 14,7 gleicht der „langlebige[n] Kraft des Ölbaums, dessen Schatten zugleich dem Menschen Schutz und Sicherheit bietet“ (Jeremias 1983, 173).

Zeichen des Gerichts ist es, wenn die fruchtbaren Bäume vernichtet werden (Dtn 28,39ff; Am 4,9; Mi 6,15) oder ihren Ertrag verweigern (Hab 3,17). Zeichen von → Segen dagegen ist der Reichtum des Landes an Ölbäumen (Hos 2,23f; Joel 2,19). Folge des Tempelbaus ist nach Hag 2,19 die Ausbreitung des göttlichen Segens im Lande, die sich unter anderem in der → Fruchtbarkeit der Ölbäume zeigt.

2. Neues Testament

2.1. Bezeichnung

Die griechische Bezeichnung für den Ölbaum und seine Frucht ist ἐλαία elaia.

2.2. Der Ölberg

Neunmal wird im Neuen Testament der im Norden Jerusalems gelegene, 800 m hohe Ölberg (τό ὅρος τῶν ἐλαιῶν to horos tōn elaiōn) genannt (Mk 11,1; Mk 13,3; Mk 14,26; Mt 21,1; Mt 24,3; Mt 26,30; Lk 13,37; Lk 22,39; Joh 8,1; Koordinaten: N 31° 46' 40'', E 35° 14' 42''), „der für das alte Jerusalem vor allem wegen seiner Oliven wirtschaftliche Bedeutung hatte“ (Dalman 1924, 278). Nach den Überlieferungen der Evangelien hielt sich Jesus dort immer wieder auf.

2.3. Metaphorik

Röm 11,17ff überträgt das Bild des Ölbaums im Rahmen einer Erörterung über die bleibende Erwählung auf Israel. Dem kultivierten Baum sind die Heiden als Zweige eines wilden Ölbaums aufgepfropft und erlangen so Anteil an dem von Gott gewährten Heil. Im Alltag aber war es genau umgekehrt: Zweige eines edlen Ölbaums wurden einem wilden eingepfropft. Für Paulus kam als Bild für Israel aber nur der kultivierte Ölbaum in Frage, die übrigen Bildelemente werden diesem Ausgangsbild untergeordnet.

Der Missbrauch beim Einsatz der Zunge, mit der der Mensch zugleich segnet und flucht, gleicht nach Jak 3,12 einem Feigenbaum, der Oliven trägt, bzw. einem Weinstock, der Feigen hervorbringt. Beides ist nicht schöpfungsgemäß.

In Anknüpfung an Sach 4,3 setzt Apk 11,4 die hier genannten prophetischen Zeugen mit einem Ölbaum gleich. Wahrscheinlich dürfte mit diesem Bild auch auf deren Salbung und die damit verbundene Übertragung eines Amtscharismas angespielt sein.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Paulys Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft, Stuttgart 1894-1972
  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928ff
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973-2015
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006

2. Weitere Literatur

  • Cebulj, Chr., Vom edlen Wettstreit der Natur. Zur Pflanzenwelt im Neuen Testament, in: Riede / Neumann-Gorsolke, Das Kleid der Erde, 250-273
  • Dalman, G., Arbeit und Sitte in Palästina IV, Gütersloh 1935, 153-255
  • Dalman, G., Orte und Wege Jesu, Gütersloh 3. Aufl. 1924
  • von Gemünden, P., Vegetationsmetaphorik im Neuen Testament und in seiner Umwelt (NTOA 18), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1993
  • Hepper, F.N., Pflanzenwelt der Bibel. Eine illustrierte Enzyklopädie, Stuttgart 1992, 103-109
  • Jeremias, J., Der Prophet Hosea (ATD 24/1), Göttingen 1983
  • Löw, I., Die Flora der Juden, Bd. II, Nachdruck Hildesheim 1967, 286-295
  • Keel, O. / Küchler, M. / Uehlinger, Chr., Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Bd. 1, Zürich u.a. 1984, 78-80
  • Kruijf, Th.C., Der Ölbaum und seine Frucht in der Kultur und im Kult des Altertums, Bidr. 51 (1990), 246-256
  • Neumann-Gorsolke, U. / Riede, P. (Hgg.), Das Kleid der Erde. Pflanzen in der Lebenswelt des Alten Israel, Neukirchen-Vluyn 2002
  • Riede, P., Von der Zeder bis zum Ysop. Zur Bedeutung der Pflanzen in der Lebenswelt des alten Israel, in: ders., Schöpfung und Lebenswelt. Studien zur Theologie und zur Anthropologie des Alten Testaments (MThSt 106), Leipzig 2009, 3-18
  • Riede, P., „Der Gerechte wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon“ (Psalm 92,11). Pflanzenmetaphorik in den Psalmen, in: ders., Schöpfung und Lebenswelt. Studien zur Theologie und zur Anthropologie des Alten Testaments (MThSt 106), Leipzig 2009, 19-42
  • Riede, P., Und sie brachten Weihrauch und Myrrhe. Heil- und Duftpflanzen in der Bibel, in: ders., Schöpfung und Lebenswelt. Studien zur Theologie und zur Anthropologie des Alten Testaments (MThSt 106), Leipzig 2009, 43-52
  • Staubli, Th., Vom König, der lieber ein Bauer blieb. Archäobotanisches, Kulturgeschichtliches und Politisches zum wichtigsten Fruchtbaum Palästinas / Israels, in: G. Brüske / A. Haendler-Kläsener (Hgg.), Oleum Laetitiae (FS B. Schwank; JThF 5), Münster 2003, 26-38
  • Staubli, Th., Zur Realität und Symbolik der Pflanzenwelt in der südlichen Levante, BiKi 60 (2005), 10-15
  • Weippert, H., „Deine Kinder seien wie die Schößlinge von Ölbäumen rund um deinen Tisch“. Zur Bildsprache in Ps 128,3, in: B. Huwyler / H.-P. Mathys / B. Weber (Hgg.), Prophetie und Psalmen (FS K. Seybold; AOAT 280), Münster 2001, 163-174
  • Zohary, M., Pflanzen der Bibel. Vollständiges Handbuch, Stuttgart 2. Aufl. 1986, 56f

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Ölbaum in Israel. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 2 Ölbaum bei Arraba (Galiläa), der zu den ältesten lebendigen Bäumen zählt. Mit Dank an © Gudrun Liedtke, 2017
  • Abb. 3 Blüten eines Ölbaums Aus: Wikimedia Commons; © מרוה עסאקלה, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 2.5 generisch; Zugriff 20.2.2018
  • Abb. 4 Bei der Ölivenernte werden die Zweige des Ölbaums geschlagen, sodass die Oliven herabfallen. Danach werden sie eingesammelt und zur Ölpresse gebracht. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 5 Schale aus Olivenholz (modern). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2018)

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