Ochsenstachel

(erstellt: Febr. 2020)
© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Pflügender Bauer mit Ochsenstachel.

Bei einem Ochsenstachel (auch: Rinderstachel) handelt es sich um einen 2-3 Meter langen Stock, dessen vorderes Ende eine scharfe Spitze hat, die aus Metall bestehen kann. Er diente dazu, größere Tiere, insbesondere Rinder, z.B. beim Pflügen, anzutreiben und zu lenken, indem man sie mit der Spitze von hinten mehr oder weniger kraftvoll stach (vgl. Dalman, 115-120). Da ein Ochsenstachel Menschen ermöglicht, Macht über große und kräftige Tiere auszuüben, kann er zu einer Metapher für „Macht / Herrschaft / Gewalt“ werden.

1. Im Alten Testament

Das Hebräische kennt für den Ochsenstachel zwei Begriffe: דָּרְבָן dārəvān dürfte die Variante mit Metallspitze bezeichnen, מַלְמָד malmād dagegen einen einfachen Viehstock (nur Ri 3,31; Sir 38,25 [Lutherbibel: Sir 38,26]; der Begriff stammt von der Wurzel למד lmd „lernen / lehren“; der Buchstabe Lamed stellt ursprünglich einen Ochsenstachel dar). Übertragen kann sich auch צִנּוֹת ṣinnôt „Dornen“ auf Ochsenstachel beziehen (→ Dornen).

Ri 3,31 erzählt von → Schamgar, einem der → Kleinen Richter, dass er 600 → Philister mit einem einfachen Viehstock getötet habe. Nach 1Sam 13,21 (דָּרְבָן dārəvān) war es in der Zeit, als die Philister über ein Metallmonopol verfügten, überaus teuer, einen Ochsenstachel zu richten. Pred 12,11 vergleicht die Worte der Weisen – möglicherweise ein Sprichwort zitierend – mit Ochsenstacheln. Beide treiben an, weisen den Weg und geben insofern Halt, können aber durchaus einschneiden und schmerzen. Der Vergleich legt sich zudem durch die Ähnlichkeit der Wurzeln der hebräischen Begriffe für „Wort“ und „Ochsenstachel“ nahe: דבר dbr und דרב drb bilden ein Wortspiel, das man im Deutschen nur unzureichend wiedergeben kann: „Der Weisen Sprechen ist wie Stechen …“. Dem entspricht, dass der Parallelbegriff מַשְׂמֵרָה maśmerāh „Nagel“, der in seiner ungewöhnlichen Schreibweise auf שׁמר šmr „beachten“ anspielt und damit auf das Beachten des Wortes verweist (Koenen, 25-26). Sir 38,25 (Lutherbibel: Sir 38,26) stellt die rhetorische Frage, wie jemand Weisheit erlangen kann, der mit Pflug und Ochsenstachel arbeitet.

Am 4,1-3 spricht von den Frauen der Oberschicht → Samarias als „Basankühen“ und kündigt ihnen an, dass sie verschleppt werden. Am 4,2 führt aus, dass sie mit צִנּוֹת ṣinnôt vertrieben werden. Der Begriff צִנּוֹת ṣinnôt wird oft mit „Haken“ übersetzt (z.B. Zürcher Bibel, 2007; Nwaoru, 466-468), dürfte aber eher „Stachel“ bedeuten (vgl. Spr 22,5) und hier, dem Bild von den Basankühen entsprechend, im Sinne von „Ochsenstachel“ zu verstehen sein (vgl. Jeremias, 45; anders Schwantes: Nasenseile; Paul, 188-190: Körbe).

Die → Septuaginta übersetzt דָּרְבָן dārəvān in Pred 12,11 mit βούκεντρον boukentron, wörtlich: „Rinder-Stachel“. In Spr 26,3 gibt sie מֶתֶג „Zaumzeug“ mit κέντρον kentron „Stachel / Ochsenstachel“ wieder: Was der Stachel für den Esel, ist der Stock für ein gesetzwidriges Volk. Auch in Hos 5,12 weicht die Septuaginta vom hebräischen Text ab: Als Unheil kündigt Gott an, für Juda zum Ochsenstachel zu werden. Demgegenüber preist der Beter von PsSal 16,4, dass Gott ihn wie mit einem Pferdestachel wach gestoßen hat.

In Hos 13,14 kündigt Gott Israel in einem Satz, der als rhetorische Frage mit negativer Antwort zu verstehen ist, das Ende an: „Sollte ich sie erlösen …? (vgl. Lutherbibel 2017). Dann fordert er → Tod und Totenreich auf (→ Jenseitsvorstellungen), ihre vernichtenden Waffen, Seuchen und Pest (anders Wolff, 297), gegen Israel zu schicken: „Totenreich, wo ist deine Pest?“ Die Septuaginta verkehrt die Aussage des Verses in ihr Gegenteil (vgl. Lutherbibel 1545; 1984). Sie übersetzt den ersten Satz als Heilszusage im Sinne von „Ich will sie erlösen …!“ Die anschließende Frage ersetzt „Pest“ (קֶטֶב qæṭæv) durch „Stachel“ (κέντρον kentron) als Metapher für Macht und impliziert keine Aufforderung, sondern erhält einen höhnischen Ton: „Totenreich, wo ist dein Stachel?“ Das Totenreich hat seine Macht verloren.

2. Im Neuen Testament

Auch im Neuen Testament ist vom Ochsenstachel (κέντρον kentron) die Rede, doch bieten die deutschen Übersetzungen meist nur „Stachel“. In 1Kor 15,55 zitiert Paulus Hos 13,14, freilich im Verständnis der Septuaginta. Durch die Auferstehung Christi ist die Macht des Todes überwunden, und genau das soll die höhnische Frage „Tod, wo ist dein Stachel?“ belegen. 1Kor 15,56 fügt erläuternd hinzu, dass der Stachel, d.h. die Macht des Todes auf der Sünde beruht (vgl. Röm 5,12).

Nach Apg 26,14 hört Paulus bei seiner Berufung die Stimme Jesu mit einer griechischen, z.B. bei Pindar (Zweite Pythische Ode, 94-96) belegten Redewendung: Man kann nicht „wider den Stachel löcken / gegen einen Ochsenstachel aufbocken“. Widerstand ist sinnlos. Damit betont Paulus in seiner Verteidigungsrede gegenüber König Agrippa, dass er nichts anderes machen kann, als Jesus Folge zu leisten.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

Literaturverzeichnis

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979 (κέντρον)
  • The Interpreter’s Dictionary of the Bible, Nashville / New York 1962 (goad)
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979 (Stachel)
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001 (Stachel)
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006 (Stachel)

2. Weitere Literatur

  • Baumgärtel, F., Die Ochsenstachel und die Nägel in Koh 12,11, ZAW 81 (1969), 98
  • Dalman, G., Arbeit und Sitte in Palästina, Band 2, Gütersloh 2. Aufl. 1932
  • Dieckmann, D., „Worte von Weisen sind wie Stacheln“ (Koh 12,11): Eine rezeptionsorientierte Studie zu Koh 1-2 und zum Lexem דבר im Buch Kohelet (AThANT 103), Zürich 2012
  • Hertzberg, H.W., Palästinische Bezüge im Buche Kohelet, ZDPV 73 (1957), 115-124
  • Jeremias, J., Der Prophet Hosea (ATD 24,1), Göttingen 1983
  • Jeremias, J., Der Prophet Amos (ATD 24,2), Göttingen 1995
  • Koenen, K., Zu den Epilogen des Buches Qohelet, BN 72 (1994), 24-27
  • Krüger, Th., Kohelet (Prediger) (BK.AT XIX, Sonderband), Neukirchen-Vluyn 2000
  • Nwaoru, E.O., A Fresh Look at Amos 4:1-3 and its Imagery, VT 59 (2009), 460-474
  • Paul, S.M., Fishing Imagery in Amos 4:2, JBL 97 (1978), 183-190
  • Schwantes, S.J., Note on Amos 4,2b, ZAW 79 (1967), 82f
  • Schwienhorst-Schönberger, L., Kohelet (HThK.AT), Freiburg 2004
  • Williams, A.J., A Further Suggestion about Amos IV 1-3, VT 29 (1979), 206-211
  • Wolff, H.-W., Hosea (BK XIV/1), Neukirchen-Vluyn 3. Aufl. 1976

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Pflügender Bauer mit Ochsenstachel. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

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