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Lexikon

Nil

Friedhelm Hoffmann

(erstellt: April 2009)

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1. Hydrografie

1.1. Nilquellen

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte: Der Nil.

Der Nil, mit gut 6800 km der längste Fluss der Erde, verdankt seine Entstehung den Regenfällen des tropischen Ostafrika im heutigen Uganda und Äthiopien. Lange bevor der Nil die Südgrenze Ägyptens erreicht, haben sich in ihm zwei Quellflusssysteme vereinigt. Das eine, das den Weißen Nil speist, liegt im äquatorialen ostafrikanischen Hochland und weist dank der Pufferwirkung mehrerer Seen, zu denen auch der bekannte Viktoria-See gehört, einen ganzjährig ziemlich gleichmäßigen Wasserabfluss auf. Das andere Einzugsgebiet des Nils (Blauer Nil und Atbara) liegt im Äthiopischen Hochland, ist monsunabhängig und führt dem Nil das meiste Wasser in den Monaten Juli bis Oktober zu.

Auch die Wasserqualitäten sind unterschiedlich. Das Wasser des Weißen Nils ist sedimentarm, während das des Blauen Nils sediment- und nährstoffreich ist.

1.2. Der Nil in Ägypten

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2004)

Abb. 2 Der Nil bei Assuan.

In der Kombination führten beide Abflusssysteme dazu, dass der Nil bis zum Bau des Assuan-Hochdammes (Einweihung 1971) auf seinem Weg durch Ägypten bis zur Mittelmeerküste einerseits nie versiegt, andererseits aber besonders in den Monaten August und September über die Ufer trat, weite Teile des Landes überschwemmte und dabei Nilschlamm ablagerte. Bei Assuan betrug die Differenz zwischen höchstem und niedrigstem Wasserstand bis zu 10 m, bei Kairo bis zu 8 m.

Bei → Memphis beginnt das Mündungsdelta des Nils. Die sich ablagernden Sedimente schieben es immer weiter ins Meer vor. Lage und Anzahl der Mündungsarme haben sich immer wieder verändert. In pharaonischer Zeit hat es bis zu sieben Mündungen gegeben; heute sind es noch zwei.

Das Gefälle des Nils in Ägypten ist erstaunlich gering. Von Assuan bis zur Mündung sind es nur 85 m. Entsprechend langsam ist die Fließgeschwindigkeit.

2. Der Nil im pharaonischen Ägypten

2.1. Verkehrsweg

Weil der Nil langsam fließt und weil die allermeisten Siedlungen ohnehin am Nilufer lagen, war der Nil einer der wichtigsten Verkehrswege. Das gilt für kurze Strecken genauso wie für lange für die Beförderung von Personen, Vieh, Nahrungsmitteln, verschiedensten Waren und Schwerlasten.

2.2. Grundlage der Fruchtbarkeit

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 15.3.2009

Abb. 3 Schaduf: Über einen Hebel mit Gegengewicht wird Wasser geschöpft, z.B. in kleine, höher gelegene Kanäle.

Im Altertum bildete der Nil die entscheidende Lebensgrundlage des Niltals. Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf den einst enormen Fischreichtum des Nils, sondern natürlich vor allem auch auf die jährliche Nilflut. Im Laufe der Zeit entwickelten die Ägypter verschiedene Techniken, ihr Land möglichst effektiv durch den Nil zu bewässern (Bassins, Deiche, Kanäle, Schleusen, Schaduf). Der abgelagerte Nilschlamm bildete außerdem den erforderlichen Dünger. Im Getreideanbau war eine Ernte pro Jahr normal.

© public domain (Foto: Klaus Koenen)

Abb. 4 Nilometer auf Elephantine.

Höhe und Dauer der Überschwemmung unterlagen aber kurzzeitigen und langfristigen Schwankungen, so dass es immer wieder zu Missernten, Hungersnöten und bei zu hoher Nilflut auch zu Zerstörungen kommen konnte. Ob länger anhaltende Probleme sogar zu Anarchie und politischen Umwälzungen geführt haben können, ist in der Forschung umstritten.

Die Nilhöhe wurde mithilfe von Nilometern überwacht. Das hatte auch fiskalische Gründe, da bei einer optimalen Nilfluthöhe eine gute Ernte zu erwarten war und mithin höhere Abgaben verlangt werden konnten.

2.3. Theologische Deutung

2.3.1. Ursprung des Nils

Auch wenn die Ägypter wussten, dass der Nil, den sie einfach den „Fluss“ (itrw > yr > koptisch jo’or) oder den „großen Fluss“ nannten, südlich von Ägypten beginnt, so dachte man sich in der ägyptischen theologischen Geographie die Nilquellen doch in zwei Quelllöchern an der traditionellen Südgrenze Ägyptens, am Ersten Katarakt bei Assuan. In der Spätzeit konnte am zweiten natürlichen Einschnitt des Nillaufes in Ägypten, nämlich an der Südspitze des Deltas, der Ursprung des unterägyptischen Nils lokalisiert werden.

2.3.2. Nilgott Hapi

Die aus den vermeintlichen Nilquellen jährlich wiederkehrende Nilflut verstand man als Äußerung des Nilgottes Hapi. Er ist die ganze pharaonische Zeit hindurch zu belegen, auch wenn er nicht viele Kultstätten besessen zu haben scheint.

© Friedhelm Hoffmann

Abb. 5 Nilgott (Tempel Ramses’ II. in Abydos; 1279-1213 v. Chr.).

Dargestellt wird Hapi in der Regel als Mann von blauer Hautfarbe mit fettem Leib und weiblich herabhängender Brust. Der Gott trägt außerdem einen Gürtel mit daran befestigten Stoffstreifen, manchmal eine Phallustasche oder einen kurzen Schurz sowie meist einen Götterbart und eine Götterperücke. Auf dem Kopf befindet sich oft eine Papyruspflanze, in den Händen gerne eine Opfertafel mit Pflanzen und Wassergefäßen.

Hapi bringt nach ägyptischer Vorstellung die Überschwemmung und sorgt damit für die Fruchtbarkeit Ägyptens. Den Ägyptern war völlig bewusst, dass sie vom Nil und der von ihm gespendeten Fruchtbarkeit abhingen. „Der die Beiden Länder (= Ägypten) mit Lebenswasser überflutet“, „Amme des ganzen Landes“, „der die Kräuter gedeihen lässt“ oder „der Korn bringt“ sind nur einige der ägyptischen Aussagen über Hapi. Für fremde Länder, deren Fruchtbarkeit von ausreichenden Niederschlägen abhängt, hat der Schöpfergott nach ägyptischer Vorstellung einen Hapi an den Himmel gesetzt.

Als Gott des Wassers und der Nahrungsmittel stellt Hapi auch im Jenseits die Versorgung sicher. Überdies reinigt Hapi mit seinem Wasser z.B. den Toten oder die Prozessionswege der Götter.

Aufgrund der großen Rolle, die das Auftauchen aus dem Wasser in den ägyptischen Schöpfungsvorstellungen spielen konnte, wurde der Nilgott auch mit dem Gott des Urozeans, Nun, anderen Urgottheiten oder mit dem Gott des Getreides, Neper, ferner auch mit → Osiris, dem Gott des Todes und der Wiederauferstehung verbunden.

Der Nilgott konnte auch in zwei (z.B. ober- und unterägyptischer Hapi) oder viele Nilgötter aufgespalten werden. Manchmal ist nicht zu entscheiden, ob in den Nilgötterprozessionen der Tempel der Fruchtbarkeitsgott als Personifikation eines Gaues, der seine Produkte darbringt, zu verstehen ist oder als Verkörperung des entsprechenden Nilabschnittes als Abspaltung des Hapi.

2.3.3. Verehrung des Nilgottes; Nilhymnus

Nahte die Überschwemmung, so feierte man Feste, brachte dem Nilgott reiche Opfer dar (Nahrungsmittel, Blumen und Nilgottfigürchen).

Überliefert sind auch Hymnen auf den Nilgott, in denen sein für Ägypten segensreiches aber zuweilen auch verhängnisvolles Wirken thematisiert wird.

Der bekannteste und umfangreichste dieser Texte ist aus zahlreichen (Teil)-Abschriften des Neuen Reiches bekannt, da er zu den Schultexten der Ramessidenzeit gehörte. Die Qualität des überlieferten Textes, den bisher vier Papyri, zwei Schreibtafeln und weit mehr als 60 Ostraka bieten, ist oft ausgesprochen schlecht, handelt es sich doch in der Regel um Schülerübungen. Umstritten ist, ob der Text eine Komposition des Mittleren Reiches oder des frühen Neuen Reiches ist.

In den ersten zehn Strophen wird das Wesen des Gottes dargestellt. Die Aussage, dass alles von ihm lebt, wird immer wieder variiert. Dabei spielen drei Themenkomplexe die Hauptrolle: 1. der Nil als Spender der Fülle, 2. die Verborgenheit des Gottes, 3. Leben und Tod gehen vom Nil aus. Zugleich scheint sich der Text am Lauf des Nils von der bei Elephantine gedachten Nilquelle bis zur Mündung anzulehnen. Die nächsten drei Strophen schildern, wie die Menschen den Gott durch Musik, Fest und Opfer empfangen. In der vierzehnten Strophe schließlich findet sich die Aufforderung, sich der Macht des Sohnes des Nils, des Königs, zu unterwerfen.

Unter den anderen ägyptischen Nilhymnen ist der von Fischer-Elfert, 31ff. bearbeitete aus der Ramessidenzeit besonders erwähnenswert. Aus der Zeit um 300 n. Chr. ist auf einer Wachstafel als Schülerübung ein griechischer Nilhymnus erhalten.

2.4. Entsorgung im Nil

Nicht nur Opfergaben wurden im Nil versenkt, sondern auch Ritualgegenstände oder Osirisfigurinen (vgl. hiermit vielleicht die „Nilbraut“ im islamischen Ägypten), ferner zuweilen getötete Feinde. Außerhalb von Ritualen sind gelegentlich Nachrichten vom verbrecherischen Verschwindenlassen unliebsamer Personen oder ihrer Statuen im Nil erhalten.

3. Der Nil im Alten Testament

Den Verfassern des Alten Testaments war bekannt, dass der Nil (hebr. je’or < äg. yr „Fluss“) immer wieder anstieg und fiel (Jer 46,7f; Am 8,8) und die Fruchtbarkeit Ägyptens vom Nil abhing. Verderben oder Versiegen des Nilwassers wurde als Strafe oder Bedrohung verstanden (Ex 7,17ff, Ps 78,44, Jes 19,5f., Ez 30,12). Verfügungsgewalt über den Nil wird parallel zur Macht über Ägypten gesehen (Ez 29,2-6; Sach 10,11).

4. Der Nil in der Klassischen Antike

4.1. Wissenschaft

Griechische und lateinische Autoren haben sich ausführlich mit dem für sie unlösbaren Rätsel der Nilquellen und dem damit zusammenhängenden Ansteigen und Fallen des Nilstandes beschäftigt. Wenigstens sechs verschiedene Erklärungsmodelle wurden erdacht.

4.2. Religion

Die Popularität des mit dem Nil verbundenen Osiriskultes im Hellenismus hat natürlich auch eine entsprechende Bedeutung des Nils zur Folge gehabt. Dargestellt wurde der griechisch-römische Nilgott Neilos / Nilus in der Regel als bärtiger Mann mit Füllhorn.

4.3. Sonstiges

Hier sei an die bei den Römern während der Kaiserzeit beliebten Darstellungen nilotischer Szenen erinnert.

5. Der Nil im Christentum

Die pagane Verehrung des Nils und die Opfer für ihn wurden abgelehnt, hielten sich jedoch bis zum Verbot durch Theodosius I. 391 n. Chr. Weiterhin wurden jedoch Nilfeste gefeiert. Für die Christen konnte die Nilflut Zeichen von Gottes Weisheit oder Illustration der Schöpfung sein. Andere christliche Autoren erkannten dagegen in der Nilflut das Wirken eines Dämons. Christliche Gebete für eine günstige Nilflut sind erhalten. Vgl. Bonneau, 421ff.

6. Der Nil im Islam

Für die islamischen Eroberer Ägyptens hing die Nilflut nun von der Gnade ihres Gottes ab. Traditionelle Nilfeste wurden weiterhin jährlich bei den niedrigsten und den höchsten Wasserständen des Nils gefeiert. Vgl. Bonneau, 441ff.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Paulys Realencyclopädie, Stuttgart 1893-1978 (s. auch s.v. Nilschwelle)
  • Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte, Berlin 1952
  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Der Kleine Pauly, Stuttgart 1964-1975 (Taschenbuchausgabe, München 1979) (s. auch s.v. Nilschwelle)
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992 (s. auch s.v. Delta, Nilgott, Nilmesser, Nilmündungen, Nilopfer, Überschwemmung)
  • Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae (LIMC), Zürich / München (später Düsseldorf) 1981-1999 (s.v. Neilos)
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Der Neue Pauly, Stuttgart / Weimar 1996-2003
  • The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt, Oxford 2001

2. Weitere Literatur

  • Baines, J., 1985, Fecundity Figures. Egyptian Personification and the Iconology of a Genre Warminster / Chicago
  • Bonneau, D., 1964, La crue du Nil, divinité égyptienne, à travers mille ans d’histoire (332 av.-641 ap. J.-C.) d’après les auteurs grecs et latins, et les documents des époques ptolémaïque, romaine et byzantine (EeC 52), Paris
  • Cribiore, R, 1995, A Hymn to the Nile, ZPE 106, 97-106
  • Fischer-Elfert, H.-W., 1986, Literarische Ostraka der Ramessidenzeit in Übersetzung, Kleine ägyptische Texte, Wiesbaden, 31-62
  • Quack, J. F., 2000/2001, Die rituelle Erneuerung der Osirisfigurinen, WO 31, 5-18
  • Schenkel, W., 1978, Die Bewässerungsrevolution im Alten Ägypten (Sonderschrift des Deutschen Archäologischen Instituts 6), Mainz
  • Seidlmayer, S. J, 2001, Historische und moderne Nilstände. Untersuchungen zu den Pegelablesungen des Nils von der Frühzeit bis zur Gegenwart (Achet A 1), Berlin 2001
  • Stricker, B. H., 1956, De overstroming van de Nijl, Mededelingen en verhandelingen no 11 van het Vooraziatisch-Egyptisch Genootschap „Ex Oriente Lux“, Leiden
  • van der Plas, D., 1986, L’hymne à la crue du Nil (Egyptologische Uitgaven 4), Leiden
  • Versluys, M. J., 2002, Aegyptiaca Romana. Nilotic scenes and the Roman views of Egypt, Religions in the Graeco-Roman World 144, Leiden

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte: Der Nil. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Der Nil bei Assuan. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2004)
  • Abb. 3 Schaduf: Über einen Hebel mit Gegengewicht wird Wasser geschöpft, z.B. in kleine, höher gelegene Kanäle. Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 15.3.2009
  • Abb. 4 Nilometer auf Elephantine. © public domain (Foto: Klaus Koenen)
  • Abb. 5 Nilgott (Tempel Ramses’ II. in Abydos; 1279-1213 v. Chr.). © Friedhelm Hoffmann

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