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Lexikon

Naaman

Aaron Torner

(erstellt: Juli 2018)

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1. Name

Der Name Naaman (hebräisch: נַעֲמָן na‘ǎmān) leitet sich von der Wurzel נעם n‘m „lieblich / angenehm / anmutig / freundlich sein“ ab (vgl. Noomi; → Rutbuch). Die Bibel kennt mehrere Personen mit diesem Namen: verschiedene Nachkommen Benjamins, von denen nur der Name erwähnt wird (Gen 46,21, Num 26,40, 1Chr 8,4 und 1Chr 8,7), und einen Feldherrn aus → Aram (2Kön 5,1-27).

2. Naaman, der aussätzige Feldherr aus Aram

2.1. Vorstellung

Abb. 1 Die Heilung Naamans im Jordan (Emailleschild; 12. Jh.).

Abb. 1 Die Heilung Naamans im Jordan (Emailleschild; 12. Jh.).

In 2Kön 5 wird Naaman als erfolgreicher aramäischer Feldherr vorgestellt, der hohes Ansehen genießt, aber an einer Hautkrankheit leidet (→ Krankheit / Heilung). Auch wenn diese für ihn keine soziale Ausgrenzung oder Isolation bedeutet, scheint er schwer unter der Krankheit zu leiden und sich nach Heilung zu sehnen. Die große Menge wertvoller Geschenke (2Kön 5,5) sowie die Annahme des Vorschlags einer israelitischen Dienerin (2Kön 5,3-4), ins verfeindete Israel zu ziehen, lassen keinen anderen Schluss zu. Die Art der Krankheit erfordert aber offenbar keine Quarantäne, gilt also nicht als ansteckend. Damit scheidet die vom mycobacterium leprae ausgelöste Lepra aus. Vielleicht ist an eine Schuppenflechte (Psoriasis) zu denken.

2.2. Erwartungen

Zunächst deutet der aramäische König den Hinweis der israelitischen Dienerin um und schickt Naaman nicht zum Propheten → Elisa, sondern mit einem entsprechenden Brief zum König von Israel: Er solle für Heilung sorgen (2Kön 5,6). Diese Erwartung wird durch den israelitischen König klar in die Schranken gewiesen (2Kön 5,7).

Der Prophet Elisa, der von der Angelegenheit hört, ergreift selbst die Initiative und lässt Naaman zu sich kommen und dann über einen Boten ausrichten, dass er sich sieben Mal im → Jordan waschen solle, um rein zu werden (2Kön 5,10). In doppeltem Zorn (2Kön 5,11-12) und getäuscht in seiner Erwartung wendet sich Naaman ab: Er hatte eine persönliche Begegnung mit dem Propheten und eine rituelle Handbewegung unter Anrufung der Gottheit erhofft, die zu einer Heilung führen sollten. Stattdessen muss er nun selbst initiativ werden. Das kostet ihn Überwindung.

Abb. 2 Elisa lehnt Naamans Geschenke ab (Pieter de Grebber, 1637).

Abb. 2 Elisa lehnt Naamans Geschenke ab (Pieter de Grebber, 1637).

Erst nach der Überredung durch seine Diener lässt er sich – wohl mit einer gewissen Skepsis: „untertauchen“ (וַיִּטְבֹּל wajjiṭbol) in 2Kön 5,14 statt „waschen“ (רָחַצְתָּ rāḥaṣtā) in 2Kön 5,10 – auf den Vorschlag Elisas ein und wird geheilt. Elisas bewusst einfach gehaltener Vorschlag hat zur Heilung geführt: Auf diese Weise musste Naaman seinen nationalen Stolz überwinden (Bad im Jordan und nicht in einem Fluss Arams) und seine magischen Vorstellungen überdenken. Mit seiner eigenen Initiative musste Naaman seiner Hoffnung und seinem Vertrauen allein auf Elisa und dessen Gott JHWH aktiv Ausdruck verleihen. JHWH allein soll als derjenige erkannt werden, der Naaman geheilt hat. Nicht zuletzt deswegen kommt es auch erst nach der Heilung zum persönlichen Kontakt zwischen Naaman und Elisa. Letzterer lehnt konsequent Geschenke für die Heilung ab. Als sich sein Diener → Gehasi durch Lügen diese Geschenke aneignen will, bestraft ihn Elisa mit der gleichen Hautkrankheit, von der Naaman geheilt wurde.

2.3. Heilung

Die Heilung wird in mehrfacher Hinsicht zum Wendepunkt für Naaman. Zunächst ist sein Anliegen erfüllt und er kann in seine Heimat zurückkehren. Außerdem hat er erkannt, dass JHWH seine Heilung bewirkt hat. Naaman legt ein persönliches monotheistisches Bekenntnis zu ihm ab (2Kön 5,15). Statt über den Jordan zu spotten (2Kön 5,12), erkennt er die besondere theologische Bedeutung des Landes an, indem er den Wunsch formuliert, Erde aus dem Land mitzunehmen (2Kön 5,17). Zu guter Letzt ändern sich durch die Heilung auch die Charakterzüge Naamans. Anstelle von Überheblichkeit, Arroganz und Zorn bestimmen jetzt Freundlichkeit, Höflichkeit und Respekt das Verhalten Naamans (s. Baumgart 1994, 198): Statt auf seine soziale Stellung zu pochen, macht er sich vor dem eigenen Gefolge gegenüber Elisa klein und bezeichnet sich selbst fünfmal als Diener (2Kön 5,15-18) und erweist sich als großzügiger Geber (2Kön 5,23).

Die Vergebungsbitte Naamans in Bezug auf den Besuch des aramäischen Tempels wie auch die Antwort Elisas (2Kön 5,18-19) werden in der Forschung unterschiedlich ausgelegt. Einige Exegetinnen und Exegeten sehen in Naamans Worten eine Einschränkung des monotheistischen Bekenntnisses und in der Antwort Elisas womöglich ein Abwimmeln. Mit guten Gründen gehen andere Exegetinnen und Exegeten jedoch davon aus, dass Naaman aus den praktischen Zwängen, die sich aus seiner politischen Stellung in Aram ergeben, einen eigenständigen Plan entwickelt, um mit Israels Gott JHWH in der aramäischen Heimat zu leben. Unter dieser Prämisse sei die Antwort Elisas wohlwollend zu deuten (s. Baumgart 2016, 78-79; Groß 1996, 306).

2.4. Narrative Einbettung und Historizität

Die Geschichte von der Heilung des Aramäers Naaman spielt im Kontext der Aramäerkriege des 9. Jh.s v. Chr., von denen u.a. in 1Kön 20 und 1Kön 22 sowie 2Kön 6,8-7,20 die Rede ist. Aus historischer Perspektive ist das geschilderte Ereignis mindestens sehr ungewöhnlich bzw. sogar unwahrscheinlich. Das monotheistische Bekenntnis Naamans in 2Kön 5,15 ist so erst in exilisch-nachexilischer Zeit denkbar (s. Sauerwein 2014, 231-232). Daher ist anzunehmen, dass es sich bei der Endgestalt um eine fiktionale Erzählung aus späterer Zeit handelt (vermutlich nachexilisch, s. Haarmann 2008, 159). Die literarische Gestaltung ist äußerst kunstvoll: Eine Vielzahl von Haupt- und Nebendarstellern tritt auf und ab, der Plot vom Problem bis zur Lösung ist ungewöhnlich verschlungen. Streckenweise weist die Geschichte durchaus Elemente der Komik oder Ironie auf. Im Kontext des Elisa-Zyklus ist die Erzählung ein weiterer Erweis der Wundermacht des Propheten, zugleich aber auch ein monotheistisches Bekenntnis eines Vertreters der „Völker“ zum einzigen Gott JHWH, der der Gott Israels ist (ebd., 163-167).

3. Zur Rezeption

3.1. Neues Testament

In der einzigen expliziten neutestamentlichen Erwähnung Naamans in Lk 4,24-27 stellt sich Jesus in die Nachfolge der Propheten Elia und Elisa. Mit dem Verweis auf Naaman will der lukanische Jesus erklären, warum er in seiner Heimat keine Wunder tut und dass seine Botschaft nicht exklusiv auf Israel beschränkt ist. Die Passage will deutlich machen, dass die Verkündigung Jesu auch für Nicht-Israeliten Gültigkeit hat (s. Schöpflin 2009, 47-48).

Implizit greifen auch andere neutestamentliche Perikopen auf die Naaman-Erzählung zurück, beispielsweise die Aussatzheilung in Mk 1,40-45. Anders als in der Naaman-Erzählung ist Jesus mehr als ein prophetischer Mittler. Jesus ist selbst Heilender und erweist sich genau dadurch als göttlicher Prophet und als Gott selbst (ebd., 44-45).

Anspielungen auf die Person Naamans finden sich im Neuen Testament im dankbaren Samariter in Lk 17,11-19 als dem „Fremden“ und im äthiopischen Kämmerer in Apg 8,26-40, der von Philippus bekehrt und getauft wird (ebd., 48-50).

3.2. Kunst (Klaus Koenen)

Abb. 3 Der Taufe Jesu, rechts, entspricht links die heilende Waschung Naamans (Kölner Dom, Jüngeres Biblfenster, 1280).

Abb. 3 Der Taufe Jesu, rechts, entspricht links die heilende Waschung Naamans (Kölner Dom, Jüngeres Biblfenster, 1280).

Typologische Auslegung konnte Naamans Bad als Hinweis auf die Taufe Jesu verstehen. Zusammengestellt sind die beiden Szenen z.B. in der unbebilderten anonymen Schrift „Pictor in carmine“, die um 1200 in England verfasst worden ist (XXVII,4; Edition Wirth, 162). Bildlich findet sich ihre Parallelisierung in Köln im Deckenfresko von St. Maria Lyskirchen (um 1250) sowie in der Glasmalerei in mehreren Bibelfenstern. Diese Fenster zeichnen sich dadurch aus, dass in zwei von unten nach oben zu lesenden Bahnen rechts Szenen aus dem Neuen Testament in chronologischer Abfolge erscheinen und diesen Szenen links jeweils Szenen aus dem Alten Testament zugeordnet sind, die als Vorabschattungen der neutestamentlichen verstanden wurden. Neben Naamans Bad findet sich die Taufe Jesu in den Bibelfenstern von St. Vitus in Mönchengladbach (um 1275) und St. Dionys in Esslingen (um 1300) sowie im jüngeren Bibelfenster des Kölner Doms (um 1280), das ursprünglich das Achsfenster der Dominikanerkirche Heilig Kreuz bildete.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The Anchor Bible Dictionary, 1992
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich 1994-2001
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Baumgart, Norbert Clemens, 1994, Gott, Prophet und Israel. Eine synchrone und diachrone Auslegung der Naamanerzählung und ihrer Gehasiepisode (2 Kön 5) (EThSt 68), Leipzig
  • Baumgart, Norbert Clemens, 2016, Der Syrer Naaman und Israels Gott, BiKi 71, 74-79
  • Fritz, Volkmar, 1998, Das zweite Buch der Könige (ZBK 10,2), Zürich
  • Groß, Walter, 1999, YHWH und die Religionen der Nicht-Israeliten, in: ders., Studien zur Priesterschrift und zu alttestamentlichen Gottesbildern (SBAB 30), Stuttgart, 295-307
  • Haarmann, Volker, 2008, JHWH-Verehrer der Völker. Die Hinwendung von Nichtisraeliten zum Gott Israels in alttestamentlichen Überlieferungen (AThANT 91), Zürich
  • Hentschel, Georg, 1985, 2 Könige (NEB 11), Würzburg
  • Sauerwein, Ruth, 2014, Elischa. Eine redaktions- und religionsgeschichtliche Studie (BZAW 465), Berlin / New York
  • Schöpflin, Karin, 2009, Naaman. Seine Heilung und Bekehrung im Alten und Neuen Testament, BN NF 141, 35-56
  • Wirth, K.-A. (Hg.), Pictor in carmine. Ein Handbuch der Typologie aus der Zeit um 1200 nach MS 300 des Corpus Christi College in Cambridge (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte 17), Berlin 2006

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Die Heilung Naamans im Jordan (Emailleschild; 12. Jh.).
  • Abb. 2 Elisa lehnt Naamans Geschenke ab (Pieter de Grebber, 1637).
  • Abb. 3 Der Taufe Jesu, rechts, entspricht links die heilende Waschung Naamans (Kölner Dom, Jüngeres Biblfenster, 1280).

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