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Lexikon

Lehre / Lehrer

Jutta Krispenz

(erstellt: Nov. 2007)

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1. Lehrer

1.1. Lehrer im antiken Israel

Ein Lehrer bzw. eine Lehrerin ist eine Person, die es einer anderen Person ermöglicht, bestimmte Kenntnisse, Verhaltensformen oder Fertigkeiten zu → lernen. Der Lehrer / die Lehrerin beteiligt sich damit an der → Erziehung der lernenden Person. Der Beruf des Lehrers wird häufig an einer → Schule ausgeübt.

Während das Stichwort „Lehrer“ einerseits sich im Deutschen problemlos mit einer klar umrissenen Funktion in der Gesellschaft verbinden lässt, sollte doch andererseits nicht übersehen werden, dass es neben den Schullehrern der unterschiedlichen Schulstufen und -arten selbst im modernen Sprachgebrauch eine große Zahl an Lehrern gibt, die zum Bild eines verbeamteten, an ein bestimmtes Curriculum und an strikte Regeln gebundenen Lehrers nicht passen wollen. Die Klavierlehrerin ist aber genauso wie der Tangolehrer oder der Zen-Lehrer mit der eingangs gebotenen Definition beschrieben. Die Vorstellung, die man mit der sozialen Rolle eines Lehrers verbindet, sollte, wenn man sich über die Wahrnehmung dieser Rolle in den Texten des Alten Testaments orientieren möchte, nicht zu eng sein.

Auch wenn man im alten Israel mit einer Schule im weitesten Sinne rechnen muss, weil eine derartige Einrichtung in allen funktionierenden Gesellschaften existiert, so ist damit noch wenig über den Status der Lehrer bzw. die Existenz eines eigenständigen Lehrerberufes gesagt. Blickt man auf die Nachbarkulturen, so hat es zumindest im pharaonischen Ägypten keine professionellen Lehrer gegeben in dem Sinne, dass diese ausschließlich Lehrer gewesen wären. Vielmehr haben die Schreiber, unter denen man sich vorwiegend Verwaltungsbeamte des ägyptischen Staates und Priester vorstellen kann, ihre Kenntnisse an Schüler weitergegeben, etwa so, wie bei uns heute im Handwerk ein Meister seine Fertigkeiten weitergibt.

Andererseits lässt sich die Existenz von Lehrern im antiken Israel nicht nur indirekt aus soziologischen Erwägungen oder der Parallele in den Nachbarkulturen erschließen, sondern das Alte Testament liefert uns auch ein eigenes Wort, das sich mit „Lehrer“ übersetzen lässt, nämlich מורה (môræh), abgeleitet von dem hebräischen Verb jrh „unterweisen“, von dem auch das Wort → Tora „Weisung / Lehre“ abgeleitet ist. Dieses Wort môræh ist in der Bedeutung „Lehrer“ im Text des Alten Testaments allerdings nur an 4 Stellen belegt (Jes 30,20; Jo 2,23; Hi 36,22; Spr 5,13). Andere Wörter sind nicht so eindeutig mit dem deutschen Wort „Lehrer“ zu übersetzen, wenngleich der Kontext nahe legt, dass diese Rolle angesprochen wird. So wird z.B. in Jer 8 offenbar eine Instanz angeklagt, die sich im Besitz der Tradition wähnt und diese nicht korrekt weitergibt. Die Vertreter dieser Instanz werden als „Weise“ bezeichnet und als „Schreiber“. Die „Weisen“ treten im Alten Testament sonst vor allem als Träger der mit dem Buch der → Sprüche Salomos verbundenen Tradition auf. Sie sind Lehrer und die Gruppe, die die Tradition der Weisheit in Israel trug. Sie vermitteln Wissen (da‛at) und Tradition (læqach).

Geläufig ist auch die Stilisierung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses als Vater-Sohn-Beziehung (Spr 22,17). Seltener ist die Mutter als Lehrende dargestellt (Spr 1,8; Spr 31,1). Im Deuteronomium wird deutlich die Elterngeneration verpflichtet, das Wissen um die Geschichtstaten Gottes an Israel und um die Gesetze an die folgende Generation weiterzugeben (Dtn 4,9; Dtn 31,13).

1.2. Gott, Mose und Propheten als Lehrer

Neben den als Lehrer fungierenden Gruppen werden Gott, Mose und einige Propheten als Lehrer dargestellt.

Gott wird nicht nur im Zusammenhang mit den Gesetzen als derjenige dargestellt, der Mose diese Gesetze zur Weitergabe an das Volk übergibt (Ex 24,12; Dtn 1,3), vielmehr sind öfter Aussagen zu finden, in denen Gott Subjekt der Verben lmd Pi. „lehren“ (Jer 32,33; Ps 25,5; Ps 71,17; Ps 94,10), bjn Hif. „verstehen lassen“ (Ps 119,27) und jrh Hif. „unterweisen“ (Ex 4,12; Ps 25,8.12; Jes 2,3) ist.

Mose dagegen ist Lehrer nur als Vermittler der Tora (tôrāh „Weisung / Lehre“).

Die Propheten sind – jedenfalls nach ihrem Selbstzeugnis – nicht für das Lehren zuständig, das ist Aufgabe der Priester. Zu den Vorwürfen, die von frühester Zeit an durch die Schriftpropheten erhoben werden, gehört aber jener, das Volk und seine Repräsentanten hätten die Weisung vergessen (Hos 4,6).

Die Propheten → Jesaja, → Jeremia, → Ezechiel, → Hosea, → Micha und → Habakuk verwenden die Wörter „lehren“ (lmd Pi.) und „weisen“ (jrh Hif.), doch gibt es bei der Verwendung – neben der schon in sich interessanten Tatsache, dass das Thema in manchen Prophetenschriften offenbar nicht vorkommt – Unterschiede: lmd Pi. wird nur bei Jesaja und Jeremia verwendet, jrh Hif. bei Jesaja, Ezechiel (einmal), Hosea, Micha und Habakuk, nicht jedoch bei Jeremia. Der Prophet Jeremia, der durch die im Buch Jeremia berichtete Verschriftlichung der von ihm verkündeten Worte so nahe an das „Berufsbild“ des Lehrers heranrückt, wird nicht als Lehrender im Wortsinn dargestellt; es wird von ihm nicht explizit gesagt, dass er lehre.

1.3. Der Lehrer der Gerechtigkeit in Qumran

Einen Sonderfall bildet der „Lehrer der Gerechtigkeit“, der in einigen Texten aus Qumran erwähnt wird. Diese Gestalt hat einige Diskussionen hervorgerufen, weil man meinte, im Lehrer der Gerechtigkeit eine eschatologische Figur sehen zu sollen. Darüber hinaus gab es Mutmaßungen über mögliche Beziehungen der Gemeinschaft, die in → Qumran ansässig war, zu der frühen christlichen Gemeinde, in deren Zusammenhang über das Verhältnis der Gestalt des Lehrers der Gerechtigkeit zu Jesus nachgedacht wurde.

Nach J. Maier handelt es sich bei dem Lehrer der Gerechtigkeit jedoch um eine konkrete historische Figur, den Inhaber eines Amtes mit dem Titel môræh zædæq „Lehrer der Gerechtigkeit“ („Tora-Anweiser“ nach Maier). Dieser habe in Auseinandersetzungen unterschiedlicher jüdischer Gruppen des 2. und 1. Jh. v. Chr. als Vertreter zadokidischer Priester eine eigene und unbedingte Kompetenz der Auslegung der Schrift und des Offenbarungsempfangs beansprucht. Dieser Anspruch wurde von anderen Gruppen nicht anerkannt und konnte sich auch nicht durchsetzen. „Das alles hat auch für die Christologie eine gewisse Tragweite, wenngleich nicht in erster Linie im Sinne eines Vergleichs der beiden historischen Persönlichkeiten, als vielmehr im Blick auf Funktion und Anspruch. Wenn die frühe Kirche den Propheten wie Mose von Dtn 18,18 in einem recht auffälligen Umfang noch christologisch zu nutzen wusste, dann vielleicht doch, weil man noch etwas von dem unüberbietbaren Anspruch wusste, der damit verbunden war.“ (Maier, 30).

2. Lehre

2.1. Ägypten und Alter Vorderer Orient

Im alten Ägypten gab es ganz klar und eindeutig „Lehren“. Die sb3jt „Lehre / Lehrbuch“ ist eine der Textsorten, für die wir eine aus den ägyptischen Texten stammende Bezeichnung kennen. Diese Texte sind also nicht nur für uns eine formal erkennbare Gruppe mit einem „Sitz im Leben“, sondern waren es auch schon für die alten Ägypter. Wie sehr dieser Umstand eine Besonderheit ist, kann man daran ermessen, dass es nur noch eine weitere Textsorte gibt, für die eine Bezeichnung überliefert ist: das sind die so genannten Verklärungen. Für die ägyptischen Lehren ist charakteristisch, dass sie sich als Lehre eines Mannes an seinen Sohn darstellen. Dass dabei nicht der leibliche Sohn gemeint ist, kann man z.T. den Texten selbst entnehmen. Die Vater-Sohn-Beziehung mag dabei traditioneller Metaphorik entspringen, etwa in der Weise, in der wir von einem „Doktorvater“ sprechen und wissen, dass es dabei nicht um leibliche Vaterschaft geht. Dass nicht nur das Verwandtschaftsverhältnis fiktiv ist, sondern die in den Lehren vorausgesetzte Situation mit ihrer ultimativen Dringlichkeit dem Zweck dient, den Inhalt der Schrift mit dem nötigen Nachdruck zu versehen, ihr die nötige Autorität zu verleihen, hat die ägyptologische Forschung herausgestellt:

„Natürlich sind die Lehren nicht als Handbücher für unterweisende Väter gedacht. Ich möchte hier zwischen Ausgangstyp und Verwendungssituation bzw. zwischen Inszenierungsform und Funktionsrahmen unterscheiden. Die väterliche Unterweisung ist eine Inszenierungsform, aber kein Funktionsrahmen. Sie ist eine literarische Fiktion, mit deren Mitteln der Inhalt in das Licht einer vertrauten lebensweltlichen Situation gestellt wird. Der Autor borgt sich gewissermaßen von dieser Situation her die Autorität des Vaters und die Grundsätzlichkeit eines von der Todesschwelle auf das Leben geworfenen Überblicks, den Ernst der Initiation, die keine Fragen zuläßt, den normativen Anspruch der Worte, die vertikale Achse der Kommunikation, aber natürlich auch die Verbundenheit der Vater-Sohn-Konstellation, die die Belehrung zu einem Akt geistiger Zeugung macht …. Mit dieser Bestimmung der väterlichen Unterweisung als Ausgangstyp und Inszenierungsform ist zweierlei gesagt. Zum einen, daß es diese Unterweisung als lebensweltliche Form mündlicher Kommunikation wirklich gab, und zum anderen, daß die Lebenslehren etwas anderes sind, daß sie in ganz anderen Kommunikationszusammenhängen und Funktionsrahmen stehen und diese lebensweltliche Situation nur zitieren.“ (Assmann, 2000, 189)

Im übrigen Alten Vorderen Orient war die Textsorte der Lehre deutlich weniger dominant. Als Lehrtexte dienten Listen, daneben gab es Sprichwortsammlungen, ansonsten dürften – wie in unseren Schulen ja auch – die Werke der Literatur zum Unterrichtsstoff gehört haben.

2.2. Altes Testament

Für das Verständnis des antiken Israel ist vorrangig zu fragen, was die Texte des Alten Testaments denn als „Lehre“ bezeichnet haben.

Das Wort hat im Deutschen mehrere Bedeutungen. Diejenige, die eine Zeit des Lernens im Handwerk meint, kann hier außer Acht bleiben. Von den beiden Bedeutungen, die noch bleiben, ist diejenige, die den Vorgang des Lehrens bezeichnet, also den Unterricht, unergiebig: Die Quellen lassen darüber keine Aussagen zu.

Allerdings sprechen die Quellen, also die Texte des Alten Testaments von „Lehre“. Dafür gibt es im Hebräischen zwei Wörter, læqach und tôrāh.

Læqach, das Übernommene, die Tradition, ist im Alten Testament 9-mal verwendet (Dtn 32,2; Jes 29,24; Hi 11,4; Spr 1,5; Spr 4,2; Spr 7,21; Spr 9,9; Spr 16,21; Spr 16,23). Die Stellen aus dem Sprüchebuch dominieren deutlich, besonders erstaunlich ist die geringe Belegdichte im Deuteronomium.

Grafik erstellt mit Accordance Bible Software (OakTree Software Inc.)

Abb. 1 Verteilung des Nomens „Tora“ im Alten Testament.

Die 223 Vorkommen des Wortes tôrāh verteilen sich über alle Bereiche des Alten Testaments, wobei einige Bereiche schwacher Belegung auffallen, besonders im Bereich von Josua bis 1. Könige; aber auch das Buch Ezechiel zeigt nur einzelne Vorkommen. Maleachi, Psalmen und Nehemia dagegen scheinen sich besonders intensiv mit der Tora auseinandergesetzt zu haben.

Interessanter ist dabei allerdings die Frage, was denn mit der Tora gemeint sei. Einige Stellen sind darin besonders aussagekräftig, weil sie ausdrücklich von der Tora des Mose sprechen und damit auf die Tradition der Gesetze anspielen, die mit dem Namen des Mose im → Pentateuch verbunden ist.

Die Mosetora wird im Alten Testament 15-mal erwähnt (Jos 8,31.32; Jos 23,6; 1Kön 2,3; 2Kön 14,6; 2Kön 23,25; Mal 3,22; Dan 9,11.13; Esr 3,2; Esr 7,6; Neh 8,1; 2Chr 23,18; 2Chr 30,16; 2Chr 34,14). An diesen Stellen ist besonders interessant, dass außer in 2Kön 23,25; Mal 3,22; Esr 7,6 und 2Chr 30,16 immer eine geschriebene Tora vorausgesetzt wird: Die Texte sprechen von dem, was in der Tora geschrieben (kātûv) steht oder erwähnen sogar ein Buch (sefær) der Tora.

Auch die Schriftpropheten erwähnen die Tora. Das, was dabei inhaltlich angesprochen wird, sind im Wesentlichen die Gesetze, wie sie im Pentateuch überliefert sind. Dennoch wird diese Weisung oder Lehre (tôrāh) außer in Mal 3,22 in den Prophetenschriften nie als Mosetora bezeichnet. Sie ist vielmehr die Tora JHWHs, die im Kontext der Prophetenschriften auch als „meine Tora“ oder „deine Tora“ auftaucht. Inwieweit damit schriftlich fixierte Lehre bezeichnet ist, lässt sich aus den Texten nicht sicher erschließen. Aufschlussreich dürfte jedoch sein, dass Jer 17,1 die Schuld Judas beschreibt und dabei metaphorisch von der Schriftlichkeit der Schuld spricht. Dauerhafte Erinnerung ist für diesen Text offenbar an das Medium der Schrift gebunden und kann nur in diesem Medium plausibel dargestellt werden. Andere Texte dagegen verstehen unter Tora offenbar eher mündliche Überlieferung und verbinden sie nicht mit der Gesetzestradition.

Für die Wirkungsgeschichte ist die Entwicklung des Begriffs in Richtung auf ein schriftliches Dokument (die Tora als das Grunddokument der jüdischen Religion) von immenser Bedeutung gewesen. Die Tradition, die sich im Gefolge der schriftlich fixierten und kanonisch gewordenen Tora bildete, wurde als Lehrstoff, als Lehrergebnis oder auch Lernergebnis aufgefasst: Der → Talmud sammelt die durch lernendes und fragendes Arbeiten an der Überlieferung der Tora gewonnene Tradition. Die Religion wendet sich dem Studium zu, nicht der → Divination.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Assmann, J., 2000, Herrschaft und Heil. Politische Theologie in Ägypten, Israel und Europa, München / Wien
  • Beckmann, H.-K., 1976, Art. Lehrer, in: L. Roth (Hg.), Handlexikon zur Erziehungswissenschaft, München, 264-267
  • Diederich, J., 5. Aufl. 2002, Der Lehrer, in: D. Lenzen (Hg.), Erziehungswissenschaft. Ein Grundkurs, Reinbek, 228-252
  • Finsterbusch, K., 2007, JHWH als Lehrer. Ein Beitrag zur Gottesvorstellung der Hebräischen Bibel (BThSt 90), Neukirchen-Vluyn
  • Garcia-Lopez, F.,1995, Art. תורה, ThWAT VIII, Stuttgart u.a., 598-637
  • Maier, J., 1996, Der Lehrer der Gerechtigkeit. Franz-Delitzsch-Vorlesung 1995, Münster
  • Vishniac, R., 1996, Verschwundene Welt. Mit einem Vorwort von Elie Wiesel, München
  • Wagner, S., 1982, Art. ירה III, ThWAT III, Stuttgart u.a., 920-930

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Verteilung des Nomens „Tora“ im Alten Testament. Grafik erstellt mit Accordance Bible Software (OakTree Software Inc.)

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