Landnahme

Mit Landnahme wird in der Bibelwissenschaft die im Buch → Numeri, im Buch → Josua und am Anfang des → Richterbuches beschriebene Einnahme des Landes durch die Israeliten (→ Israel) bezeichnet. Die Bezeichnung „Landnahme“ ist neutral gegenüber „Eroberung“ oder „Einwanderung“ etc., weil der Vorgang sowohl in der Bibel als auch in der Forschung unterschiedlich beschrieben und interpretiert wird.

1. Quellen

1.1. Die biblischen Berichte

Nach der Erzählung im → Pentateuch ziehen die Israeliten nach dem Aufenthalt am → Sinai unter Führung des → Mose in Richtung auf das verheißene Land. Gemäß der Kundschaftergeschichte von Num 13-14 versuchten sie zunächst, von Süden her in das Land einzudringen. Die ausgesandten Kundschafter berichten von der → Fruchtbarkeit des Landes, aber auch von der Größe der riesenhaften Bewohner. Die Israeliten verfallen in Angst, versuchen dann aber doch die Eroberung. Auf Grund des zuerst fehlenden Gottvertrauens gewährt Gott keinen Erfolg. Die Israeliten ziehen daher nach längerem Wüstenaufenthalt in das Ostjordanland, von wo aus dann die Landnahme erfolgt. Nach Umgehung des Gebietes von → Edom und nach Konflikten mit den → Moabitern wird das Ostjordanland erobert. Nach Num 21 werden die Könige → Sihon von Heschbon und → Og von Baschan besiegt. Sihon steht für den Süden und Og für den Norden des Ostjordanlandes. Diese Siege werden im Geschichtsrückblick von Dtn 1-3 betont. Am Ende des Buches → Deuteronomium und damit des Pentateuchs stirbt Mose, nachdem er vom Berg Nebo aus das ganze verheißene Land überblickt hatte. Mit dieser Schau des Landes wird noch einmal die Landverheißung und damit die bevorstehende Landnahme betont.

Im Buch Josua werden im Wesentlichen die gemeinsame Eroberung des Landes unter der Führung Josuas (Jos 2-11) und die anschließende Verteilung des Landes an die einzelnen Stämme durch ein Losverfahren (Jos 13-21) beschrieben. Die verheißenden und ermahnenden Texte in Jos 1, Jos 13 und Jos 23-24 betonen das Wirken Gottes und die daraus resultierende Verpflichtung der Israeliten. Jos 22 thematisiert die Zusammengehörigkeit der Stämme diesseits und jenseits des Jordans.

Der eigentliche Eroberungsbericht stellt das Geschehen als eine große und gemeinsame Aktion aller zwölf Stämme dar. Dabei bezieht sich Jos 2-9 im Wesentlichen auf das Gebiet des Stammes Benjamin, während in Jos 10 die Eroberung des Südens und in Jos 11 die Eroberung des Nordens sehr summarisch als Sieg über die einheimischen Könige dargestellt wird. Eine gewisse Sonderstellung nimmt dabei die Eroberung der Stadt → Hazor ein.

Die summarischen Erfolgsberichte haben einige Besonderheiten: Die Einnahme → Jerichos in Jos 6 ist eigentlich keine Eroberung, sondern nachdem die Israeliten sieben Tage lang je ein Mal und am siebten Tag sieben Mal um die Stadt gezogen waren, stürzen die Stadtmauern beim Schall der Posaunen ein, so dass die Stadt eingenommen werden kann. Der Umzug verläuft wie eine Prozession, die um Soldaten ergänzt ist. Zu dieser Erzählung in Spannung steht die Aussendung von Kundschaftern in Jos 2, die den Zugang zur Stadt ausspionieren sollen, was im Blick auf die Erzählung von Jos 6 eigentlich unnötig ist. Eine weitere Besonderheit ist, dass die Israeliten den Kampf um die Stadt → Ai zunächst verlieren. Erst nachdem ein Diebstahl am Eigentum Gottes aufgedeckt und gesühnt ist (Jos 7, → Achan), wird die Stadt erobert, wobei eine Kriegslist eine wesentliche Rolle spielt.

Am Anfang des Richterbuches findet sich in Ri 1,1-2,5 ein ganz anderer Landnahmebericht: Hier erobern nicht die 12 Stämme in einer großen gemeinsamen Aktion das ganze Land, sondern die einzelnen Stämme gehen je für sich (bzw. bei Juda und Simeon zu zweit) vor. Dabei wird im Wesentlichen nur von einer Einwanderung gesprochen und vor allem wird erwähnt, was die einzelnen Stämme nicht einnehmen konnten (vor allem die Gebiete in der Küstenebene und die großen Städte der Kanaanäer). Dieser Bericht wird daher auch als negativer Landnahmebericht (negatives Besitzverzeichnis) bezeichnet. Auffallend ist hier, dass das ideale Ausmaß des Landes (d.h. die Erstreckung bis zum Mittelmeer) vorausgesetzt ist, das eben nur sehr unvollständig eingenommen wurde, und dass von einer Eroberung → Jerusalems die Rede ist (Jos 1,8), die sonst erst in 2Sam 5,6-10 berichtet und David zugeschrieben wird. Dass Ri 1 in Spannung zum Buch Josua steht, zeigt sich auch in der Textgeschichte, indem in Ri 1,1 in einer Reihe von Textzeugen nicht auf den Tod des Josua, sondern auf den Tod des Mose Bezug genommen wird, womit Ri 1 parallel zum Josuabuch eingeordnet wird.

Nicht nur im negativen Landnahmeverzeichnis von Ri 1, sondern ansatzweise auch im Buch Josua zeigen sich Hinweise darauf, dass doch nicht das ganze Land in einem Zug erobert und alle Vorbewohner ausgerottet wurden. Insbesondere in der Erzählung von der List der Gibeoniten (Jos 9,3-27; → Gibeon), durch die der Ort Gibeon mit seinen Bewohnern und dem bis in die Königszeit bedeutenden Heiligtum (1Kön 3,4-15) erhalten blieb, zeigt, dass die Realität anders verlief. Jos 15,63 erwähnt, dass Jerusalem nicht eingenommen wurde.

Die Landnahmeerzählungen sind literarisch sehr unterschiedlich: Sehr summarischen Berichten stehen detaillierte Erzählungen von kriegerischen Ereignissen und/oder taktischen Vorgehensweisen gegenüber; neben einfachen Beschreibungen stehen kultisch geprägte Vorgänge und theologische Erklärungen und Bewertungen. Außer Ri 1 stehen alle Berichte im Detail oder im Gesamtbild in einer bestimmten theologischen Perspektive: Die Einnahme des Landes von übermächtigen Gegnern war nur möglich durch den Beistand Gottes. Das → Land ist daher eigentlich Eigentum Gottes, das – durch das Losverfahren – den einzelnen Stämmen als Erbbesitz zugeteilt wurde.

Zu erwähnen ist auch, dass hinter den → Erzelternerzählungen und Dtn 26,5 die Erinnerung an Gruppen, die aus dem Norden, d.h. aus dem syrisch-aramäischen Bereich zugewandert waren, stecken könnte.

1.2.Weitere Texte

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 21.10.2019

Abb. 1 Die in Ägypten auf Tell el-Amarna gefundene, aber in der Sprache Mesopotamiens geschriebene Briefkorrespondenz zwischen dem Pharao und lokalen Herrschern der Levante beleuchtet die Verhältnisse in Palästina im 14. Jh. v. Chr.

Für die Frage der Landnahme sind vor allem Texte aus Ägypten wichtig. Ab 1887 wurden die → Amarnatexte aus dem 14. Jh. v. Chr. bekannt, unter denen es auch Briefe aus Palästina an den Pharao gibt. Darin wird von Konflikten der Stadtkönigtümer berichtet und von Angriffen, bei denen die ‘Apiru bzw. Ḫapiru mit eine Rolle spielen. Ḫapiru ist keine ethnische Bezeichnung, sondern die Bezeichnung für Menschen, die am Rande der geordneten Gesellschaft der Stadtstaaten stehen, aber als Söldner oder Arbeiter in Dienst genommen werden. Der Begriff ist dem Wort Hebräer ähnlich, der vor allem für die Israeliten bei ihrem Frondienst in Ägypten verwendet wird (→ Hebräer / Hapiru).

Aus: H. Greßmann, Altorientalische Bilder zum Alten Testament, Berlin / Leipzig 2. Aufl. 1927, Abb. 109

Abb. 2 Die Stele des Merenptah enthält die älteste Erwähnung „Israels“.

1896 wurde die Merenptah-Stele entdeckt (→ Merenptah). Es handelt sich um eine 3,18 m hohe Steintafel, die um 1210 v. Chr. neu beschriftet wurde und in der von erfolgreichen Kriegszügen durch den Pharao Merenptah (ältere Lesung: Merneptah) gegen Lybien, aber auch gegen Kanaan berichtet wird. Dort heißt es in Verszeile 26f: „Kanaan ist mit allem Schlechten erbeutet. Aschkelon wird weggebracht. Gezer ist gepackt. Jenoam ist zunichte gemacht. Israel ist verwüstet; es hat kein Saatgut“. Während die Ortsnamen mit dem Ortsdeterminativ verbunden sind, ist der Name Israel mit dem Menschendeterminativ (sitzender Mann und sitzende Frau) verbunden.

Das bedeutet, dass die Ägypter spätestens um 1215 den Namen Israel kannten und mit einer Bevölkerungsgruppe in Palästina verbanden. Diese war zumindest zum Teil sesshaft, weil vom Saatgut die Rede ist, und kann nicht ganz klein gewesen sein, weil neben den drei Städten Israel einer der vier Namen ist, mit denen dieses Gebiet beschrieben wird. → „Kanaan“ könnte, wie auch sonst manchmal, nicht das Land, sondern die Stadt → Gaza, die das ägyptische Verwaltungszentrum für Kanaan war, bezeichnen (so z.B. Weippert, 2010, 160f.; dagegen spricht unter anderem, dass auch im Kontext Landesbezeichnungen vorkommen), das ändert aber nichts daran, dass Israel in der Inschrift im Unterschied zu den Städten als für die Ägypter deutlich erkennbare Menschengruppe in diesem Gebiet bezeichnet ist.

Aus: Manfred Görg, Israel in Hieroglyphen, BN 106 (2001), 21-27, 24

Abb. 3 Drei Kartuschen einer ägyptischen Inschrift aus der Mitte des 13. Jh.s. In der beschädigten rechten Kartusche steht möglicherweise „Israel“.

Es gibt zumindest eine weitere Erwähnung Israels, die allerdings umstritten ist. Auf einem Fragment, das einer Liste besiegter Örtlichkeiten entstammt, bezeichnet eine der drei Angaben vielleicht ebenfalls Israel. Das Fragment wurde bereits 1913 ins Ägyptische Museum Berlin gebracht, wurde aber erst 2001 von Manfred Görg und 2014 von Peter G. van der Veen und Wolfgang Zwickel untersucht. Diese Inschrift stammt aus der Zeit von Ramses II., womit die älteste Erwähnung Israels noch einige Jahrzehnte früher, etwa in die Mitte des 13. Jh.s zu datieren wäre. Der Stein zeigt drei Ovale, sog. Kartuschen, mit Namen besiegter Feinde. Im linken Oval steht i-ś-q-l-n (Aschkelon), im mittleren k-y-n-‘3-nw (Kanaan), und im rechten Oval (mit leider beschädigtem zweiten Buchstaben) steht i-[?]-š3-i-r, was trotz der – gegenüber der Merenptah-Stele bestehenden – orthographischen Variante ś/š sehr wahrscheinlich Israel bezeichnet. Die Namen sind hier ohne Determinative geschrieben.

Von Bedeutung sind auch die ägyptischen Texte (vor allem Inschriften am Tempel von Soleb in Nubien) über Nomaden (Š3św, sprich: → Schasu) im Gebiet um den Golf von Akaba (Edomitergebiet). Unter diesen werden auch Š3św-jahu-Nomaden genannt (siehe dazu die Diskussion bei Siegfried Herrmann, 1983). Diese Bezeichnung ist sehr wahrscheinlich nicht vom Namen des israelitischen Gottes Jhwh zu trennen, der in dieser frühen Zeit vielleicht nicht nur von protoisraelitischen Gruppen, sondern auch von anderen Gruppierungen (z.B. edomitischen oder midianitischen Gruppen) am Gottesberg verehrt wurde. Jedenfalls bestätigen diese Texte, dass die Jhwh-Verehrung aus dem Süden, von außerhalb des Landes, kommt. Das wurde zwar in jüngerer Zeit bestritten, allerdings sind die dafür genannten Argumente nicht nur angesichts der biblischen Traditionen, sondern auch angesichts der ägyptischen Texte kaum haltbar (siehe dazu die Diskussion in dem von Jürgen van Oorschot / Markus Witte herausgegebenen Sammelband und darin insbesondere den Beitrag von Martin Leuenberger).

2. Die kritische Diskussion

Die kritische Diskussion ist einerseits durch das Nebeneinander unterschiedlicher Beschreibungen und deren unterschiedlichen Gattungen veranlasst, andererseits durch archäologische Befunde.

2.1. Die kritischen Beobachtungen an den Texten sowie allgemeine Überlegungen führten in der Forschung des 19. Jh.s zu einem differenzierten Bild der Landnahme, und zwar vor allem dahingehend, dass man keine große kriegerische Aktion annahm, wie in Jos 2-11 geschildert, sondern eher ein sukzessives und regional differenziertes Geschehen, ähnlich dem Bericht in Ri 1, wobei durchaus auch einzelne kleinere Eroberungen vorgekommen sein mögen (vgl. die Erzählung von der Eroberung von → Bethel nach Ri 1, oder der Stadt → Ai in Jos 8, bei der List und Taktik eine Rolle spielten; wobei allerdings Jos 8 fiktiv ist, weil Ai zu dieser Zeit bereits eine Trümmerstätte war, wie auch ihr Name Ai = „Ruinenstätte“ sagt). Teilweise wurden auch zwei Hauptphasen für die Einwanderung bzw. Landnahme angenommen (z.B. bereits bei Heinrich Ewald).

2.2. Zum Bild einer differenzierten Entwicklung trägt auch der Blick auf die Stammesnamen bei. Zumindest einige der Stammesnamen sind offensichtlich erst im Land entstanden: Der Name Issachar wird als ’îš-śākhār, Mann des Lohnes, erklärt, was darauf hinweist, dass Männer dieses Stammes als Lohnarbeiter an der Mittelmeerküste arbeiteten und der Name erst in dieser Situation entstand. Der Name Benjamin bedeutet Sohn der Rechten (Seite), d.h. des Südens (In der Antike orientierte man sich an der aufgehenden Sonne [Orient = Aufgang] nach Osten, sodass rechts Süden war). Die Benjaminiter waren die Südleute, d.h. die südlichen Nachbarn des großen Stammes Ephraim. Schließlich ist die Frage, ob Juda nicht ursprünglich die Bezeichnung des Gebietes war, und erst dann zum „Stammes“namen der dort wohnenden Menschen wurde (vgl. Niemann). Auch diese Beobachtungen zeigen, dass Israel nicht als geschlossene Größe einwanderte, sondern sich erst im Land dazu entwickelte.

© public domain; Foto: Klaus Koenen, 2015

Abb. 4 Tell es-Sulṭān, das antike Jericho.

2.3. Die Frage nach dem historischen Sachverhalt war eine wichtige Motivation für Ausgrabungen an zentralen Orten der Landnahme, insbesondere in → Jericho (Tell es-Sulṭān; Koordinaten: 1921.1420; N 31° 52' 15'', E 35° 26' 39''). Nach früheren Sondagen wurden in Jericho ab 1907 Ausgrabungen durchgeführt. Die Grabungsbefunde wechselten. Der erste Ausgräber war → Ernst Sellin, zusammen mit Carl Watzinger. Er identifizierte auf dem großen und markanten Tell diverse Siedlungsschichten, darunter eine altkanaanäische und solche, die an die israelitische Zeit heranreichten. In der Zwischenkriegszeit, als Palästina Britisches Mandatsgebiet war, führte John Garstang eine neue Grabung in Jericho durch. Er identifizierte eine Stadtmauer der spätkanaanäischen Zeit, die er als die von Josua zerstörte Mauer betrachtete. Die Eroberung Jerichos und damit die Eroberung des Landes durch die Israeliten schien damit bestätigt. In den 1950er-Jahren kam es zu einer weiteren Ausgrabung unter der Leitung von Kathleen Kenyon. Dabei wurde zwar deutlich, dass Jericho bereits im 7. Jt. v. Chr. als Stadt existierte, die in den folgenden Jahrtausenden wiederholt eine Blütezeit hatte. Allerdings gehört die große, von Garstang identifizierte Mauer bereits in die frühe Bronzezeit und auch die mittelbronzezeitliche Mauer bzw. die mb-Stadt wurde um 1550 zerstört. Zur Zeit der Einwanderung der Israeliten um 1200 v. Chr. war Jericho lediglich ein kleiner Ort und keine große befestigte Stadt. Diese Neubewertung verursachte viel Kritik, sie ist aber heute im Wesentlichen anerkannt. Auch der Versuch, in der ostjordanischen Stadt → Heschbon einen Beweis für eine kriegerische Eroberung durch die Israeliten (vgl. die Erzählung in Num 21,25-35) zu finden, ist letztlich gescheitert, denn auch Heschbon war zur fraglichen Zeit nur eine kleine Siedlung.

© public domain; Foto: Klaus Koenen, 2018

Abb. 5 Das Areal des spätbronzezeitlichen Palastes von Hazor.

Etwas anders verlief die Erforschung von → Hazor (Koordinaten: 2035.2693; N 33° 01' 05.65'', E 35° 34' 08.59'') im Norden Israels, wo seit den 1960er-Jahren unter Yigal Yadin größere Ausgrabungen durchgeführt wurden (in den 1990er-Jahren wieder aufgenommen unter Amnon Ben-Tor). Diese zeitweise ebenfalls sehr große und bedeutende Stadt hatte zwar in der Bronzezeit ihre größte Ausdehnung und Befestigungsanlage, sie war aber auch in der Zeit der Landnahme von Bedeutung, und sie wurde in etwa zu dieser Zeit offensichtlich erobert und zerstört. Vor allem von Seiten der ersten israelischen Ausgräber wurde diese Zerstörung auf die frühen Israeliten zurückgeführt (vgl. Jos 11,1-14). Während eine gewaltsame Eroberung und Zerstörung der Stadt um 1200 v. Chr. heute weitgehend anerkannt ist, bleibt die Frage, durch wen diese erfolgte. Neben den Israeliten kommen auch die Seevölker oder landesinterne Konflikte in Frage. Da archäologische Indizien spärlich sind, kommt es vor allem darauf an, wie man die Israeliten für diese Zeit einschätzt und ob man ihnen das Potential für eine solche Eroberung und Zerstörung zutraut. Auf Grund des für die Spätbronzezeit erkennbaren Niedergangs von Hazor und angesichts des mehrdeutigen archäologischen Befundes wäre es aber auch möglich, dass die Stadt von den Bewohnern sukzessive aufgegeben wurde und gar keine militärische Eroberung stattfand (vgl. dazu Kamlah, 2000, 173). Die Frage muss aber einstweilen offen bleiben.

2.4. In den 1920er-Jahren wurde in der Landnahmediskussion ein neues Stichwort eingeführt, nämlich Transhumanz. Dieses spanische Wort bezeichnet den jahreszeitlichen Weidewechsel, wie er im ganzen Mittelmeerraum zu beobachten ist. Während in manchen Gebieten ein Wechsel von höher gelegenen Sommerweiden in tiefer gelegene Gebiete für die Winterweide (und zurück) erfolgt, erfolgt der Weidewechsel in Palästina zwischen der Steppe und dem sog. Kulturland. Das Stichwort Transhumanz wurde von Max Weber in die alttestamentliche Forschung eingeführt. Für → Albrecht Alt und ihm folgend → Martin Noth war die israelitische Landnahme vor allem das Ergebnis der Transhumanz, bei der die Kleinvieh züchtenden → Nomaden bzw. Halbnomaden im Zuge des Weidewechsels immer länger im Kulturland blieben und dort sesshaft wurden. Die Landnahme wäre somit ein sukzessiver, im Wesentlichen friedlicher Vorgang gewesen (auch wenn es zu Spannungen und einzelnen Konflikten gekommen sein mag). Die Israeliten hätten sich im Wesentlichen im Bergland niedergelassen (vgl. Ri 1) und dort zunehmend Ackerbau betrieben. Auf dieser Basis hätten sich dann in weiterer Folge die → Stämme konsolidiert und zusammengeschlossen und wäre dann nach ca. 200 Jahren am Ende der Richterzeit das Königtum in Israel entstanden. Noth griff auch die Idee einer mehrphasigen Landnahme auf, nämlich die ältere Gruppe der Lea-Stämme und die jüngere Gruppe der Rahel-Stämme. Damit ließ sich auch die frühe Erwähnung Israels in der Merenptah-Stele erklären: Die ältere Gruppe war der Stämmebund Isra-el, in dem der Gott El verehrt wurde, die jüngere Stämmegruppe brachte die Jhwh-Verehrung mit, die dann von allen übernommen wurde.

3. Landnahmemodelle

3.1. In der zweiten Hälfte des 20. Jh.s war die Forschung lange Zeit durch eine bestimmte Typisierung des Landnahmevorganges bestimmt. Diese basiert auf einer Studie von Manfred Weippert, der 1967 die damals gängigen Vorstellungen als „Landnahmemodelle“ dargestellt hatte. Er unterschied das Eroberungsmodell, das Einwanderungsmodell und das Revolutionsmodell. Das Eroberungsmodell wurde vor allem mit Willam F. Albright verbunden, der zusammen mit anderen, vor allem angloamerikanischen Forschern, die Landnahme als eine (vorwiegend) kriegerische Eroberung (im Sinn von Jos 2-11) betrachtete, die man auch von Ausgrabungsergebnissen bestätigt sah.

Das Einwanderungs- oder Infiltrationsmodell war im Wesentlichen das von Alt und Noth vertretene Bild einer sukzessiven und im Wesentlichen friedlichen Einwanderung und Einnahme des Landes auf der Basis der Transhumanz.

3.2. Dazu kam neu das 1962 von George Mendenhall vorgeschlagene Revolutionsmodell. Dieses Modell findet sich eigentlich schon bei Max Weber. Weber hatte 1917/19 in seinem Werk „Das Antike Judentum“ (vor allem auf Basis der um 1890 entdeckten und publizierten Amarnabriefe) die Gegebenheiten in Kanaan untersucht. In soziologischer Perspektive unterschied er dabei vier Bevölkerungsgruppen: die Stadtbewohner mit ihren Stadtkönigen, die von der Stadt abhängigen Bauern in der Umgebung der Stadt, die freien Bauern im Bergland und die Kleinvieh, d.h. Schafe und Ziegen, züchtenden Nomaden, die (wie überall in der Mittelmeerwelt) auf Grund des Wechsels der Jahreszeit zwischen Steppe und Kulturland wechselten (Transhumanz) bzw. zum Teil neben den sesshaften Bauern lebten. Diese Gruppen standen in Beziehung zueinander, wobei es auch zu Spannungen und Konflikten, und insbesondere zu Bauernaufständen gegen die Belastungen durch die Stadt kam. In dieses Beziehungsgefüge kam die vergleichsweise kleine Gruppe der frühen Israeliten, die allerdings als wesentliches Element den Bundesgedanken mitbrachte (→ Bund). Dieser religiös geprägte Bundesgedanke ermöglichte einen Zusammenschluss der kleinen Einheiten zu einer machtvollen Einheit. Mendenhall hat dieses bei Max Weber enthaltene Bild aufgenommen (Webers Werk erschien 1952 unter dem Titel „Ancient Judaism“ in den USA; Mendenhall hat es nachweislich gekannt). Als Übersetzung von „Bauernkrieg“ spricht Mendenhall von „paesents revolt“, was dann in der deutschen Wiedergabe bei Weippert zum „Revolutionsmodell“ wurde.

Der Grundzug des Bauernkriegs- bzw. Revolutionsmodells von Mendenhall ist, dass die Landnahme nicht von außen erfolgte, sondern dass ein Teil der sesshaften Bevölkerung sich einerseits aus dem Kontrollbereich der kanaanäischen Städte ins Bergland zurückzog (was die Siedlung der Israeliten im Bergland [vgl. Ri 1] erklärt) und dass es anderseits eben zu Konflikten mit den Städten kam, woraus sich die kriegerischen Berichte des Buches Josua und die archäologisch festgestellten Zerstörungen (Mendenhall folgt hier der Sicht von Albright) ergaben. Der entscheidende Impuls zu diesen Veränderungen kam durch die Mosegruppe, die den Bundesgedanken mitbrachte. Durch diesen kam es zu neuen Zusammenschlüssen, zunächst der Bauern im Ostjordanland und dann im Westjordanland. Aus diesen Zusammenschlüssen von Bundesgenossen entstand Israel. Das heißt: Israel entstand im Wesentlichen aus der bereits vorhandenen kanaanäischen Bevölkerung. Eingewandert ist dabei nur eine kleine Gruppe bzw. das, was eigentlich eingewandert ist und sich verbreitet hat, war die mit dem Jhwh-Glauben verbundene Bundesidee. Der im Alten Testament zu findende Gegensatz zwischen Israel und Kanaan erklärt sich in diesem Modell nicht als Gegensatz zwischen den Landesbewohnern und den einwandernden Israeliten, sondern aus einem innerkanaanäischen Konflikt zwischen der sich befreienden und neu organisierenden bäuerlichen Bevölkerung und der kanaanäischen Stadtkultur.

Das Modell von Mendenhall wurde von Norman K. Gottwald, The Tribes of Israel, 1979, materialistisch interpretiert und weitergeführt. Die Revolution wurde im Wesentlichen an Hand der materiell-ökonomischen Faktoren dargestellt und interpretiert. Es ging dabei nicht nur um die neu gewonnene und organisierte Freiheit (woraus sich dann der spätere Widerstand gegen das Königtum erklärt), sondern z.B. auch um den → Totenkult: Durch die Grabbeigaben und die Totenopfer wird ein erheblicher Teil der gemeinschaftlichen Produktion der Nutzung durch die Gemeinschaft entzogen. Der für die Lebenden schädliche Totenkult wird daher in diesem revolutionär entstandenen Israel abgelehnt. Gottwald bleibt aber nicht nur bei der materialistischen Ebene, sondern Jhwh, der Gott Israels, ist gewissermaßen der Geist dieses revolutionären Geschehens, der seinerseits dann auch die Errungenschaften dieses Geschehens in der weiteren Entwicklung Israels (z.B. durch die prophetische Kritik an sozialen und religiösen Missständen) bewahren will.

3.3. Die Stärke der Landnahme-Modelle war, dass sie ein Gesamtbild entwarfen, in das verschiedene Faktoren integriert waren bzw. werden konnten und das an Hand soziologischer Modelle reflektiert wurde. Diese soziologischen Modelle hatten dann meistens auch die weitere Entwicklung Israels in der Richterzeit im Blick, so etwa die sog. → Amphiktyonie (Martin Noth), den frühisraelitischen Stämmebund (Rudolf Smend) oder die egalitäre, akephale Gesellschaft (im Anschluss an die Ethnosoziologen Edward E. Evans-Pritchard und Christian Sigrist).

Der Nachteil der Landnahmemodelle war, dass sie zu pauschal gedacht waren und wenig Spielraum für unterschiedliche regionale Entwicklungen ließen. Mit der stärkeren Berücksichtigung früher Siedlungsformen (z.B. Volkmar Fritz bezüglich Chirbet el-Mšāš / Tel Masos [Koordinaten: 1467.0691; N 31° 12' 47'', E 34° 58' 00''] im Negev) und regionaler Entwicklungen (z.B. Dieter Vieweger bezüglich Galiläa) sowie den Surveys, bei denen nicht nur die Städte, sondern auch die kleineren Siedlungen eines bestimmten Gebietes erfasst wurden, zeigte sich ein differenzierteres Bild, das nicht einfach durch ein „Modell“ zu beschreiben war.

3.4. Niels Peter Lemche (1989) führte das Revolutionsmodell zum Evolutionsmodell weiter, bei dem es nicht um einen raschen Umbruch, sondern um eine längere und geographisch differenzierte Entwicklung ging. Ähnliches vertrat Israel Finkelstein (1988) auf der Basis der archäologischen Surveys: Für die → Eisenzeit I zeigt sich eine neue Siedlungstätigkeit zunächst im östlichen Bereich des mittelpalästinischen Berglandes, die sich dann nach Westen ausdehnte. Aus dieser neuen Dorfkultur im Bergland entwickelte sich in weiterer Folge das Israel der Richter- und der frühen Königszeit. Finkelstein ließ dabei auch Raum für das Sesshaftwerden von (inner-kanaanäischen) Nomaden, weil es mangels Güteraustausches für die Nomaden notwendig geworden sei, selbst Getreide anzubauen und damit (zum Teil) sesshaft zu werden (vgl. Frevel, 2018, 77). – Auch wenn man dieser Öffnung zu verschiedenen Faktoren und längeren Zeiträumen zustimmt, so bleibt doch die Bezeichnung als Evolutionsmodell wenig aussagekräftig, weil die Evolution = Entwicklung sehr Verschiedenes umfassen kann und weil die zu Recht differenzierten Vorstellungen eben gerade kein „Modell“ im engeren Sinn sind.

4. Zur aktuellen Diskussion

4.1. Seit den 1990er-Jahren ist die Diskussion von verschiedenen neuen Faktoren geprägt. Eine wichtige Entwicklung ist die Spätdatierung der alttestamentlichen Texte und deren Abwertung als historische Quellen. Bis in die 1970er-Jahre hatte man nicht nur die Abfassung der Texte als relativ nahe an den Ereignissen betrachtet (im Wesentlichen ab der Königszeit, d.h. ab dem 10. Jh.), sondern man hatte auch das Vertrauen, dass es vor der schriftlichen Abfassung eine Phase verlässlicher mündlicher Überlieferung gab. Beide Aspekte haben sich grundlegend geändert. Eine Ursache war das Auseinandertreten von Archäologie und Exegese. Die archäologischen Ergebnisse widersprachen häufig einer unkritischen Betrachtung der Texte, z.B. der Rede von einem davidisch-salomonischen Großreich, das so nicht nachzuweisen ist. Das führte dazu, dass oft die biblischen Berichte pauschal als bloß fiktiv und nicht historisch relevant betrachtet wurden. Diese Entwicklung führte weiter dazu, dass die biblischen Texte oft gar nicht mehr für die Rekonstruktion der Geschichte Israels berücksichtigt werden, sondern nur archäologische Zeugnisse.

Das führt allerdings auch dazu, dass archäologische Funde und Beobachtungen, die ein traditionelles Bild der älteren Geschichte Israels bestätigen könnten, wie etwa die Existenz eines davidischen Königtums in Jerusalem im 10. Jh., sofort unter Ideologieverdacht gestellt werden oder dass die Revision älterer Erkenntnisse verlangt wird, wo sie nicht neuen Konzepten entsprechen.

Dazu kommt, dass die Entwicklung von Königtum und Schriftkultur oft sehr spät angesetzt werden, oft erst für das 8. Jh. und damit erst kurz vor dem Beginn der assyrischen Eroberungen. Dabei werden manchmal wichtige andere Faktoren kaum mehr berücksichtigt. So wird etwa in den assyrischen Berichten über die Schlacht von Karkar am Orontes im Jahr 853 v. Chr. berichtet, dass der israelitische König die größte Streitwagenmacht aller syrisch-palästinischen Könige hatte. Eine solche Streitwagenmacht lässt sich nicht von heute auf morgen aufbauen und erfordert allein für die Nahrungsversorgung eine Logistik, die schwerlich ohne schriftliche Verwaltung auskam. Die entsprechende Schreiberkompetenz wird wohl nicht nur für administrative Listen, sondern auch zu historischen Aufzeichnungen und literarischen Darstellungen fähig gewesen sein.

Zu beachten ist auch, dass archäologische Funde zwar die Siedlungsgeschichte und gewisse Aspekte der Kulturgeschichte erkennen lassen, dass die Funde aber schwerlich auf die Identität der Bewohner schließen lassen. Zwar lässt sich über technische und chemische Analysen oft etwas über die Herkunft der Objekte sagen und damit auch, ob sie lokal produziert wurden oder auf weite Handelskontakte schließen lassen. Aber selbst sehr spezifische Formen der Keramik sagen kaum etwas über die Identität der Benutzer und Benutzerinnen aus (z.B. können markante Objekte von ihren „Erfindern“ verwendet oder durch Handel verbreitet werden).

4.2. Im Rahmen der praktisch alleinigen Berücksichtigung archäologischer Forschungen wird derzeit für die Landnahme im Wesentlichen das Bild einer regional und zeitlich differenzierten Entwicklung der Besiedlung des (später) israelitischen Gebietes vertreten, wobei im Wesentlichen nur eine innerkanaanäische Entwicklung beschrieben wird. Ausgangspunkt ist der Niedergang der kanaanäischen Stadtkultur in der Spätbronzezeit, d.h. vor allem im 13. Jh., der verschiedene Ursachen haben konnte (Störung des Fernhandels, kriegerische Ereignisse, Krankheitsepidemien, klimatische Veränderungen). Dieser Niedergang führte zu einer Reduktion der Größe und Zahl der Städte und Hand in Hand damit auch des regionalen und überregionalen Handels. Ein Teil der Stadtbewohner wich notgedrungen in die Umgebung aus und gründete dort kleinere Siedlungen.

Parallel zu dieser Deurbanisierung (die Städte lösten sich aber nicht ganz auf, die meisten bestanden in unterschiedlichem Ausmaß weiter und blieben lokale Zentren) kam es zu einer verstärkten Siedlungstätigkeit und verbesserten Landwirtschaft in den Bergregionen (etwa durch Terrassierung der Hänge mit besseren Werkzeugen, was die Ernährung einer größeren Zahl von Menschen ermöglichte; → Ackerbau). Die Herkunft dieser neuen Bevölkerung bleibt unklar, jedenfalls kam die neue Bevölkerung im Bergland nur zum Teil aus den Städten. Ob der Bevölkerungszuwachs nur auf innerkanaanäische Wanderung zurückzuführen ist, oder doch auch auf Zuwanderung von außen (etwa Sesshaftwerdung von Nomaden) bleibt offen.

Diese Veränderungen ziehen sich durch die Eisen-I-Zeit von ca. 1200 bis 1000 v. Chr. (nach traditioneller Datierung die Landnahme- und Richterzeit) und münden schließlich in eine Reurbanisierung, die dann ab 1000 v. Chr. in der Eisen-IIA-Zeit (→ Eisenzeit II) in Form der Entstehung von Königtümern in Israel und Juda greifbar wird (→ Königtum).

Diese Entwicklung gilt im Prinzip für das Westjordanland, aber auch für das etwas abgelegenere Ostjordanland. Gegenüber der Siedlungs- und Kulturgeschichte werden punktuelle Ereignisse wie die in den Landnahmeberichten behauptete Einnahme von Städten kaum thematisiert. Sie lassen sich auch, wie oben erwähnt, archäologisch nicht nachweisen. Umstritten bleibt lediglich die Stadt Hazor, wobei die Verursacher der Zerstörung (Seevölker, Israeliten, innerkanaanäische Gegner) bisher nicht identifiziert werden können.

4.3. Neben diesen Entwicklungen wäre zu beachten, dass um 1200 in der Küstenebene und in der Ebene → Jesreel die → Seevölker (→ Philister, Sekeler, Tjeker) sesshaft wurden und ihren Einfluss ausbauten. Dass die Philister einwanderten, ist kaum zu bestreiten, allerdings auch nicht, dass es in der Küstenebene Bewohner gab, die mit den Philistern zusammenlebten bzw. von ihnen beherrscht und dann als Philister betrachtet wurden.

Auf der anderen Seite gab es im südlichen Ostjordanland im Kupferbergbaugebiet von Punon/Feinan vom 13. bis zum 9. Jh. zentrale organisatorische Strukturen, die zwar noch kein Königtum darstellten, aber immerhin den Bergbau und den Vertrieb des Kupfers kontrollierten und schützten.

4.4. Es bleibt das grundlegende Problem, dass es ohne Texte kaum möglich ist, bestimmte Bevölkerungsschichten und Träger einer bestimmten Kultur zu identifizieren. In der Forschung der letzten Jahrzehnte wurden für die ethnische Identifikation (früh-)israelitischer Bevölkerung verschiedene archäologische Phänomene diskutiert: Das Vier-Raum-Haus (ein Haustyp mit einem teilweise überdachten Innenhof und drei, an drei Seiten anschließenden Räumen; → Haus; → Eisenzeit I), die collared-rim-jars (ca. 1m hohe Vorratskrüge mit einem markanten Wulst bzw. „Kragen“ um die oben gelegene Öffnung; → Eisenzeit I) und das Fehlen von Schweineknochen. Alle drei Phänomene sind jedoch weiter verbreitet und unterschiedlich erklärbar (bzw. das Alter des Schweinefleischverbotes ist unklar) und somit kein wirklicher ethnischer Indikator für die (frühen) Israeliten (vgl. Frevel, 2018, 81-85).

Ebenso bleibt es schwierig, die Ursachen für Bevölkerungszunahme festzustellen. So kann die Bevölkerungszunahme im mittelpalästinischen Bergland im 12. Jh. auf Zuzug aus näheren oder ferneren Gebieten zurückgehen, aber auch auf verbesserte landwirtschaftliche Produktion, die mehr Menschen ernähren, zugleich aber auch wieder Zuzug verursachen konnte.

4.5. Unter diesen Voraussetzungen ist es praktisch unmöglich, frühisraelitische Gruppen und deren Herkunft zu identifizieren. Die prinzipielle Begrenzung auf Ausgrabungen und Surveys ermöglicht nur, den kulturgeschichtlichen und ökonomischen Rahmen der Entwicklung aufzuzeigen. Eine ethnische Identifikation oder Aussagen zur Herkunft bestimmter Bevölkerungsgruppen (z.B. ob die Bauern in den Siedlungen des Berglandes aus der Umgebung der Städte kamen, ob Nomaden sesshaft wurden oder ob nomadische oder bäuerliche Gruppen von außen kamen) ist, wie auch meistens zugegeben wird, mit rein archäologischen Mitteln nicht oder nur in Ausnahmefällen feststellbar. Das bedeutet aber auch, dass sie mit diesen Mitteln nicht widerlegt werden können.

4.6. Insgesamt wird man sagen können, dass Israel in Kanaan entstand und zwar sehr wahrscheinlich zum großen Teil aus Bevölkerungselementen, die sich bereits in Kanaan aufhielten. Die Entstehung der Größe „Israel“ mag zum großen Teil friedlich, vermutlich aber doch auch nicht spannungsfrei verlaufen sein. Die Entstehung ging offensichtlich mit einer zumindest zeitweisen Verlagerung des Gewichtes ins Bergland und innerkanaanäischen Verschiebungen (und damit sozusagen einer innerkanaanäischen Landnahme) einher. Es bleibt die Frage, welche soziologischen und religiösen Faktoren diese Menschengruppe auszeichneten und zusammenhielten. Die Besonderheiten müssen immerhin so markant gewesen sein, dass die Ägypter Israel als eigene Größe wahrnahmen, und zwar nicht als Stadt oder Landschaft (mit ihren Menschen), sondern als eine Volksgemeinschaft.

Dazu kommt die Beobachtung, dass in weiterer Folge der Jhwh-Glaube aus dem fernen Süden in Israel Einzug hielt. Es ist kaum vorstellbar, dass dies ohne Trägergruppen, d.h. ohne Menschen, die diesen Glauben mitbrachten, erfolgt sein könnte. So bleibt die Folgerung, dass Israel zwar in Kanaan entstand, und zwar überwiegend aus bereits in Kanaan vorhandenen, Bevölkerungselementen, aber doch nicht ganz ohne von außen kommende Menschengruppen.

5. Theologische und hermeneutische Aspekte der Landnahme

5.1. Dass Israel von außen ins Land kam, dass das Land Kanaan schon den Erzeltern versprochen und dass das Land mit Hilfe Gottes eingenommen wurde, ist ein wesentlicher Teil des alttestamentlichen Geschichtsbildes (→ Geschichtsschreibung). Das dabei in Besitz genommene Land wurde als Gabe Gottes verstanden. Aus dieser Theologie des Landes bzw. Landbesitzes ergeben sich dann auch religiöse, rechtliche und soziale Verpflichtungen. Diese wurden zum Teil in den Gesetzeskorpora (→ Recht) und zum Teil in prophetischen Texten und Erzählungen formuliert.

5.2. In einem Teil der Landnahmeerzählungen wird gefordert, dass die kanaanäischen Vorbewohner des Landes nicht nur besiegt werden, sondern dass an ihnen der → Bann vollzogen, d.h. dass sie ausgerottet werden sollen. Diese von Gott befohlene Vernichtung stellt ein ethisches und theologisches Problem des alttestamentlichen Gottesglaubens dar. Das Problem löst sich nicht durch den Hinweis darauf, dass die Landnahme historisch ganz anders erfolgte, und auch nicht durch den Hinweis darauf, dass die Vernichtungsforderung nur für die Frühzeit aufgestellt wurde und in weiteren Texten des Kanons nicht mehr vorkommt. Literarisch entstanden ist die Forderung erst in der Exilszeit, nach dem Verlust des Landes, und zwar vermutlich als eine Projektion: Wenn die Kanaanäer vernichtet worden wären, wären uns die Versuchungen und der Abfall zu den kanaanäischen Gottheiten erspart geblieben und hätte uns Gott nicht mit dem Exil bestraft.

5.3. Forschungsgeschichtlich fällt auf, dass die Landnahme – entsprechend den biblischen Berichten – immer ein Teil der alttestamentlichen Forschung war und auch ein wichtiger Impuls für archäologische Forschungen, dass sie aber von ca. 1950 bis ca. 1990 besonders intensiv diskutiert wurde. Dies hängt mit dem damals hohen Zutrauen in die Traditionsgeschichte der Überlieferungen zusammen, vermutlich aber auch mit der Zeitgeschichte, d.h. mit der Parallelisierung und Inanspruchnahme der Landnahmetexte für zeitgenössische Entwicklungen bzw. der Kritik daran.

5.4. Mit der Reduktion auf die archäologisch nachweisbaren Aspekte und der Absehung von den Texten hat sich das Thema der Landnahme auf die Siedlungsgeschichte Palästinas bzw. Kanaans in der Spätbronze- und Eisen-I-Zeit und im Wesentlichen auf eine „Landnahme“ im Bergland reduziert. Die beteiligten Bevölkerungsgruppen und ihre Herkunft sind mit archäologischen Mitteln kaum zu identifizieren. Dass Israel im Land, d.h. innerkanaanäisch, entstand, ist archäologisch sehr wahrscheinlich und auch angesichts einzelner Stammesnamen (s.o.) nicht zu bestreiten. Ob die beteiligte Bevölkerung nur autochthon war oder nicht doch auch zum Teil von außen kam, wird die zukünftige Diskussion zeigen müssen. Wesentlich dafür wird sein, ob es bei der Ausblendung bzw. pauschalen Spätdatierung der alttestamentlichen Texte bleiben kann, und auch die Frage, wie, d.h. mit welchen und wie großen Trägergruppen die aus dem Süden stammende Jahwe-Verehrung ins Land kommen und sich dort verbreiten konnte.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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    In vielen Lexika wird “Landnahme” oder “Conquest” als Teil des Artikels “Geschichte Israels” erörtert.

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Die in Ägypten auf Tell el-Amarna gefundene, aber in der Sprache Mesopotamiens geschriebene Briefkorrespondenz zwischen dem Pharao und lokalen Herrschern der Levante beleuchtet die Verhältnisse in Palästina im 14. Jh. v. Chr. Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 21.10.2019
  • Abb. 2 Die Stele des Merenptah enthält die älteste Erwähnung „Israels“. Aus: H. Greßmann, Altorientalische Bilder zum Alten Testament, Berlin / Leipzig 2. Aufl. 1927, Abb. 109
  • Abb. 3 Drei Kartuschen einer ägyptischen Inschrift aus der Mitte des 13. Jh.s. In der beschädigten rechten Kartusche steht möglicherweise „Israel“. Aus: Manfred Görg, Israel in Hieroglyphen, BN 106 (2001), 21-27, 24
  • Abb. 4 Tell es-Sulṭān, das antike Jericho. © public domain; Foto: Klaus Koenen, 2015
  • Abb. 5 Das Areal des spätbronzezeitlichen Palastes von Hazor. © public domain; Foto: Klaus Koenen, 2018

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