Korintherbrief, Dritter

1. Einleitungsfragen

Unter dem Dritten Korintherbrief (3Kor) wird in der Forschung zumeist der pseudepigraphische Briefwechsel des → Paulus mit der Gemeinde in Korinth verstanden, der aus einem Schreiben der Gemeinde an Paulus und aus einem Antwortschreiben des Paulus an die Gemeinde in Korinth besteht. Bisweilen wird auch nur der Antwortbrief des Paulus als 3Kor bezeichnet. Der ursprünglich griechisch verfasste Briefwechsel ist in mehreren Sprachen überliefert, und zwar sowohl selbständig als auch als Bestandteil der apokryphen → Paulusakten (zu den Überlieferungsverhältnissen im Einzelnen s.u.).

Wie man die Fragen nach Entstehungszeit, Entstehungsort und Verfasserschaft beantwortet, hängt wesentlich an der Frage, ob man den Dritten Korintherbrief für einen genuinen Bestandteil der Paulusakten oder für ein ursprünglich selbständiges Traditionsstück hält. Die Paulusakten sind aller Wahrscheinlichkeit nach in der späten zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts in Kleinasien entstanden (Rordorf: um 150 n. Chr.). Tertullian benennt um 200 n. Chr. einen namenlosen kleinasiatischen Presbyter, der „aus Liebe zu Paulus“ gehandelt und die Paulusakten zusammengestellt (construxit) sowie nach seiner Entlarvung sein Amt verloren habe, als Urheber (De baptismo 17). Während Tertullian die Paulusakten ablehnt, weil sie zur Stützung weiblicher Lehr- und Tauferlaubnis herangezogen werden können, werden sie in Hippolyts Danielkommentar (III 29; ca. 204 n. Chr.) und von Origenes (De principiis I 2,3 und Johanneskommentar XX 12) bedenkenlos benutzt bzw. zitiert. Noch bei Euseb (Historia ecclesiastica III 3,5) haben die Paulusakten zwar keine kanonische Gültigkeit, sind aber auch noch nicht (gänzlich) verworfen. Hält man nun 3Kor für einen genuinen Bestandteil der Paulusakten, ergibt sich für Entstehungszeit, Entstehungsort und Verfasserschaft das Nämliche wie für die Paulusakten selbst. Hält man 3Kor dagegen für ein ursprünglich selbständiges Traditionsstück, lässt sich über Ort und Verfasserschaft nichts Verlässliches sagen. Aus der Annahme, dass es sich um ein selbständiges Traditionsstück handle, ergibt sich auch nicht automatisch eine frühere Entstehungszeit, da wir nicht wissen, wann dann 3Kor Bestandteil der Paulusakten geworden ist. Allerdings spiegelt der apokryphe Briefwechsel zwischen den Korinthern und Paulus die theologische Debattenlage des 2. Jahrhunderts und gehört insofern sicher in eine ähnliche Entstehungszeit wie die Paulusakten insgesamt. Der Briefwechsel hat die normale Länge antiker Briefkorrespondenz (ohne Einleitung und Zwischentext ca. 700 Wörter im griechischen Text des Papyrus Bodmer X), der Antwortbrief des Paulus ist ungefähr dreimal so lang wie das Schreiben der Korinther. Damit hat der gesamte Briefwechsel etwa die doppelte Länge des neutestamentlichen → Philemonbriefes.

2. Überlieferungsverhältnisse

Der Dritte Korintherbrief ist sowohl selbständig als auch als Teil der Paulusakten überliefert, so wie die Paulusakten teils mit, teils ohne Dritten Korintherbrief überliefert sind. Die Überlieferungsverhältnisse sehen folgendermaßen aus (die Textzeugen der Paulusakten sind nur insoweit aufgeführt, als sie für die Überlieferung von 3Kor relevant sind, kleinere Fragmente sowie Zeugen für andere selbständig überlieferte Teile der Paulusakten wie die → Theklaakten oder das → Martyrium des Paulus bleiben unberücksichtigt):

Der Briefwechsel ist weiterhin Bestandteil zahlreicher armenischer Bibelhandschriften, die in der Regel beide Briefe sowie den Zwischentext bieten, außerdem behandelt Ephraem der Syrer in seinem Kommentar zu den Paulusbriefen 3Kor, bestehend aus den beiden Schreiben sowie dem Zwischentext. Ephraems ursprünglich auf Syrisch verfasster Pauluskommentar ist ebenfalls armenisch überliefert. Wie sich aus der obigen Übersicht ergibt, enthält das älteste handschriftliche Zeugnis für die Paulusakten, der Hamburger Papyrus bilinguis 1, 3Kor nicht, während der älteste Zeuge für den selbständig überlieferten Dritten Korintherbrief, Papyrus Bodmer X, 3Kor ohne Einleitung und Zwischentext bietet. Erst der koptische Heidelberger Papyrus 1 aus dem 6. Jahrhundert bietet – als einziger Zeuge überhaupt – 3Kor als Bestandteil der Paulusakten. Diese Beobachtungen können – bei aller methodisch gebotenen Vorsicht – als Indiz dafür gewertet werden, dass 3Kor zunächst als selbständiges Traditionsstück existierte, das entweder im Zuge der Komposition der Paulusakten oder erst im Zuge ihrer Überlieferung in sie eingefügt wurde. Hingegen spricht der Umstand, dass die armenische Überlieferung auch den Zwischentext bietet, eher für eine sekundäre Ausgliederung des Dritten Korintherbriefes aus den Paulusakten, zumindest innerhalb der armenischen (und syrischen) Überlieferung. Nach den Arbeiten von Willy Rordorf hatte sich in der Forschung ein vorsichtiger Konsens herausgebildet, 3Kor als ursprünglich selbständiges Traditionsstück anzusehen. Dieser Konsens wurde in jüngster Zeit durch Otto Zwierlein mit zum Teil guten Argumenten wieder in Frage gestellt, wobei Zwierlein explizit an die Auffassung von Adolf von Harnack, Theodor Zahn und Carl Schmidt anknüpft (Zwierlein, 2013, 191-231). So versucht Zwierlein u.a. den Komplex aus Einleitung, Korintherbrief, Überleitung und Paulusbrief als planvolle Komposition zu erweisen, indem er u.a. herausstellt, dass „Paulus“ in seinem Antwortschreiben auf Probleme eingeht, die zwar in der Einleitung, nicht aber in dem Schreiben der Korinther genannt werden.

3. Inhalt

Anders als z.B. der pseudepigraphische Paulusbrief an die Laodizener (→ Laodizenerbrief), der weitestgehend aus neutestamentlichen Pauluszitaten zusammengestückelt ist, gewissermaßen ein unechter Paulusbrief aus echten Pauluszitaten, ist die apokryphe Korintherkorrespondenz des Paulus eine eigenständige Komposition mit eigenen theologischen Akzenten. Die Fiktion einer Korrespondenz aus einem Schreiben der Korinther und einem Antwortbrief des Paulus kann dabei an die Tatsache anknüpfen, dass auch die neutestamentlichen Briefe des Paulus an die Korinther einen Briefwechsel zumindest voraussetzen (vgl. 1Kor 7,1: „Worüber ihr aber geschrieben habt...“).

3.1. Einleitung und Brief der Korinther

Während Paulus im makedonischen Philippi weilt, schreiben ihm die Korinther, des näheren Stephanas sowie die Presbyter Daphnos, Euboulos, Theophilos und Xenon, mit der Bitte um Unterstützung, möglichst durch persönliche Anwesenheit. Nach Korinth sind zwei Männer namens Simon und Kleobios gekommen, die die Gemeinde mit folgenden Irrlehren in Unruhe versetzen. Der Brief der Korinther an Paulus nennt:

  • Man dürfe sich (als Christ) nicht auf die (alttestamentlichen) Propheten berufen.

  • Gott sei nicht allmächtig.

  • Es gebe keine Auferstehung des Fleisches.

  • Der Mensch sei nicht Gottes Geschöpf.

  • Jesus habe keine leibliche Existenz gehabt.

  • Jesus sei nicht von Maria geboren worden.

  • Die Welt sei nicht Schöpfung Gottes, sondern der Engel.

    Die Einleitung nennt bereits mehrere dieser Irrlehren und ergänzt bzw. präzisiert:

  • Jesus wurde nicht gekreuzigt, sondern habe nur als Schein(-leib) existiert.

  • Jesus sei nicht nur nicht aus Maria, sondern auch nicht aus dem Samen Davids geboren.

3.2. Überleitung und Antwortbrief des Paulus

Der Überleitungstext berichtet von der Überbringung des Briefes nach Philippi durch die Diakone Threptos und Eutychos sowie die Übergabe des Briefes an den im Gefängnis sitzenden Paulus. Auch der Antwortbrief des Paulus gibt sich als Gefangenschaftsbrief, das Briefpräskript lehnt sich eng an Phlm 1 an (3Kor 3,1: „Paulus, der Gefangene Christi Jesu, an die Brüder in Korinth“; die Kapitel- und Verszählung folgt der bei Wilhelm Schneemelcher, wo 3Kor eine eigene Kapitelzählung hat: Kap. 1: Brief der Korinther, Kap. 2: Zwischentext, Kap. 3: Antwortschreiben des Paulus. Rordorf unterteilt die Paulusakten in 14 Taten, die Philippi-Episode mit 3Kor hat danach die Nummer 10). Die Einbettung des Briefwechsels in die Philippi-Episode der Paulusakten ist literarisch geschickt, insofern der Autor an die Tradition einer Gefangenschaft des Paulus in Philippi anknüpfen konnte (angedeutet in 1Thess 2,2, ausgeführt in Apg 16,20-24).

Paulus arbeitet in seinem Antwortschreiben die aufgeworfenen Probleme in abweichender Reihenfolge ab, allerdings teilweise durch bloße Behauptung der rechtgläubigen Auffassung anstelle einer theologisch argumentierenden Widerlegung:

  • Jesus Christus ist von Maria aus dem Samen Davids durch den heiligen Geist geboren

  • zur Auferweckung des Fleisches durch sein Fleisch, indem er selbst auferweckt wurde.

  • Gott ist allmächtig und hat Himmel und Erde gemacht.

  • Gott sandte die Propheten, in denen ein Teil vom Geist Christi war, zur Rettung Israels.

    Die in Korinth agierenden Irrlehrer werden bezichtigt, sie haben „den verfluchten Glauben der Schlange“ (ὄφεως πίστιν / opheōs pistin), möglicherweise bereits eine Anspielung auf Naassener (von hebr. naḥaš Schlange; vgl. Hippolyt, Refutatio 5,6-11) bzw. Ophiten (von griech. ophis Schlange; vgl. Clemens Alexandrinus, Stromateis VII 17 [108,2]); vgl. auch die Rolle der Schlange im sethianischen Schöpfungsmythos (→ Schöpfung) der Hypostase der Archonten (NHC II,4 p.89,31 - p.90,19). Breiten Raum nimmt lediglich die Argumentation für die Auffassung von der → Auferstehung des Fleisches ein. Paulus argumentiert u.a. mit dem Beispiel des Propheten → Jona, der drei Tage im Leib des Walfisches zugebracht habe (3Kor 3,29-30), sowie mit dem Beispiel einer Totenauferweckung durch den toten → Elisa in 2Kön 13,21 (3Kor 3,32). Die Ermahnung, sich an die Regel (κανών / kanōn) zu halten, die „durch die seligen Propheten und das heilige Evangelium“ empfangen wurde, scheint ihrerseits bereits eine Art Kanon heiliger Schriften vorauszusetzen.

4. Stellung innerhalb der Paulusakten und theologische Eigenart

Innerhalb des koptischen Textes der Paulusakten im Heidelberger Papyrus ist der Dritte Korintherbrief eingebettet in den Philippiaufenthalt des Paulus, der, aus Ephesos kommend, anschließend nach Korinth weiterzieht. Der griechische Text des Papyrus Hamb. bil. 1, der 3Kor nicht bietet, erwähnt lediglich einen Philippiaufenthalt, jedoch ohne dass dort etwas geschieht. Auffällige sprachliche oder stilistische Besonderheiten des Dritten Korintherbriefes gegenüber dem sonstigen Text der Paulusakten lassen sich nicht ausmachen. Allerdings gibt es einige inhaltliche Besonderheiten. Einleitung und Text von 3Kor nennen die Gemeindeämter → Presbyter und → Diakon, die in den übrigen Paulusakten, wie auch andere Gemeindeämter, nicht erwähnt werden. Die Hauptthemen der Paulusakten sind die Auferstehung des Fleisches sowie die Propagierung einer geradezu als heilsnotwendig gedachten enkratitischen Lebensweise. Die Frage nach der leiblichen Auferstehung nimmt in 3Kor ebenfalls breiten Raum ein, während Enthaltsamkeit keine Rolle spielt. Die übrigen in 3Kor – allerdings eher knapp – behandelten Theologumena spielen wiederum im sonstigen Text der Paulusakten keine Rolle. Im Bericht über den sich anschließenden Aufenthalt des Paulus in Korinth gibt es keinerlei Rückbezug auf die in 3Kor entfaltete Konfliktsituation.

Die im Dritten Korintherbrief aufgeworfenen theologischen Streitpunkte sind großenteil typisch für die Auseinandersetzung der werdenden Großkirche mit gnostischen Strömungen (→ Gnosis) verschiedener Spielart im 2. Jahrhundert. Trotz gelegentlicher Anklänge an paulinischen Sprachgebrauch im Antwortschreiben des Paulus (3Kor 3,4: 1Kor 15,3; 3Kor 3,5: Röm 1,3) erübrigt sich daher die Frage nach der Authentizität des Paulusbriefes bzw. des gesamten Briefwechsels. So wie die theologischen Problemstellungen für die Zeit des Paulus anachronistisch sind, so unpaulinisch ist über weite Strecken die Argumentation. Zwar argumentiert auch der historische Paulus in 1Kor 15 gegen die Leugnung der Auferstehung und benutzt dabei die Metapher vom Samenkorn (1Kor 15,37; vgl. 3Kor 3,26-28), verficht aber gerade nicht die Auferstehung des Fleisches (vgl. 1Kor 15,42-44). Ein typisch gnostisches Theologumenon ist die Ablehnung der alttestamentlichen → Prophetie bzw. alttestamentlicher Traditionen überhaupt, das in der frühen Christenheit vielfach diskutiert wird (vgl. EvThom 52; EpJac [NHC I,2] p.6,21 - p.7,1; Origenes, Johanneskommentar II 34,199-201). Hinter der Ablehnung der Schöpfung der Welt und des Menschen als Werk Gottes dürfte die verbreitete gnostische Vorstellung eines untergeordneten Demiurgen als Weltschöpfer stehen. Die Vorstellung, Christus habe nur einen Scheinleib besessen, findet sich so – oder so ähnlich – in diversen gnostischen Schriften, insbesondere im Zusammenhang mit der Kreuzigung. Der Briefwechsel im Ganzen ist ein interessantes Zeugnis der theologischen Auseinandersetzung der werdenden Großkirche, deren theologische Positionen selbst noch im Werden sind, mit christlichen Gnostikern im 2. Jahrhundert.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Textausgaben und Übersetzungen

  • Rordorf, W.: Actes de Paul, in: Bovon, F. / Geoltrain, P. (Hgg.), Écrits apocryphes chrétiens. I, Paris 1997, 1115-1177
  • Schmidt, C.: Acta Pauli aus der Heidelberger koptischen Papyrushandschrift Nr 1. Übersetzung, Untersuchungen und koptischer Text, Leipzig 1904
  • Schmidt, C. / Schubart, W.: ΠΡΑΞΕΙΣ ΠΑΥΛΟΥ. Acta Pauli. Nach dem Papyrus der Hamburger Staats- und Universitäts-Bibliothek (Veröffentlichungen aus der Hamburger Staats- und Universitäts-Bibliothek 2), Glückstadt / Hamburg 1936
  • Schneemelcher, W.: Paulusakten, Ders. (Hg.), Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. II. Band: Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, Tübingen 61997, 193-243
  • Testuz, M.: Papyrus Bodmer X-XII. X: Correspondance apocryphe des Corinthiens et de l’apôtre Paul. XI: Onzième Ode de Salomon. XII: Fragment d’un Hymne liturgique. Manuscrit du IIIe siècle, Cologny-Genève 1959
  • Vetter, P.: Der apokryphe dritte Korintherbrief neu übersetzt und nach seiner Entstehung untersucht, ThQ 72, 1890, 610-639
  • Die griechischen Textzeugen auch im Thesaurus Linguae Graecae: Acta Pauli

2. Weitere Literatur

  • Klijn, A.F.J.: The Apocryphal Correspondence between Paul and the Corinthians, VigChr 17, 1963, 2-23
  • Plisch, U.-K.: Art. Paulus III (in den ntl. Apokryphen), RAC 26, 2015, 1215-1229
  • Plümacher, E.: Art. Apokryphe Apostelakten, PRE.S XV, 1978, 11-70
  • Rordorf, W.: Hérésie et orthodoxie selon la Correspondance apocryphe entre les Corinthiens et l’apôtre Paul, in: W. Rordorf (Hg.), Lex orandi, lex credendi. Gesammelte Aufsätze zum 60. Geburtstag (Par. 36), Freiburg (Schweiz) 1993, 389-431
  • Zwierlein, O.: Petrus und Paulus in Jerusalem und Rom. Vom Neuen Testament zu den apokryphen Apostelakten (UALG 109), Berlin 2013

PDF-Archiv

Alle Fassungen dieses Artikels ab Oktober 2017 als PDF-Archiv zum Download:

VG Wort Zählmarke