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Lexikon

Kir

Klaus Koenen

(erstellt: Jan. 2019)

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1. Name

קִיר qîr bedeutet „Mauer“, sodann „ummauerter Ort“ und „Stadt“. Dementsprechend bezeichnet → Kir-Moab (קִיר־מוֹאָב qîr mô’āv; Jes 15,1) als „Stadt Moabs“ wohl die Hauptstadt der → Moabiter. Ob jedoch „Kir“ (קִיר qîr) als Name eines Gebietes von קִיר qîr „Stadt“ abzuleiten ist, bleibt unklar.

Die → Septuaginta gibt קִיר qîr an keiner Stelle als Namen wieder. In Am 1,5, 2Kön 16,9 und Jes 22,6 fehlt eine Übersetzung; in Am 9,7 findet sich statt „aus Kir“ „aus der Grube“. Aquila (→ Septuaginta) bezeugt in Am 1,5 und 2Kön 16,9 Κυρήνη Kyrēnē und stellt damit einen Bezug zu der Stadt Kyrene im Bereich der libyschen Mittelmeerküste her (so auch die Septuaginta-Rezension des Origenes in 2Kön 16,9). Dem folgt die → Vulgata, die קִיר qîr an diesen beiden Stellen sowie in Am 9,7 mit Cyrene wiedergibt (in Jes 22,6 lässt sie קִיר qîr unübersetzt). Die Wiedergabe des → Targum entspricht der der Vulgata. Hieronymus stellt Cyrene in 2Kön 16,9 als Ort in Ägypten vor (Onomastikon 119,9f; Edition Timm, Nr. 618).

2. Belege im Alten Testament

Kir ist im Alten Testament nur an vier Stellen belegt. Am 1,5 (→ Amos) kündigt den → Aramäern im Rahmen eines Fremdvölkerspruchs an, nach Kir in die Verbannung verschleppt zu werden.

2Kön 16,9 berichtet, ein König von → Assyrien – dem Kontext nach muss es Tiglat-Pileser III. (745-727 v. Chr.) gewesen sein – habe → Damaskus, ein Zentrum der Aramäer, erobert, die Einwohner nach Kir in die Verbannung verschleppt und den aramäischen König → Rezin getötet. Dieser Sieg, der in das Jahr 732 v. Chr. zu datieren sein dürfte, ist auch in den Annalen Tiglat-Pilesers III. bezeugt (TUAT I,4, 373 Z. 236; Rachianu ist dort die assyrische Namensform für Rezin). Auch wenn Am 1,5 die Verschleppung nach Kir dem Volk der Aramäer ankündigt, 2Kön 16,9 sie dagegen nur im Blick auf die Einwohner von Damaskus konstatiert, kann 2Kön 16,9 als Erfüllung der Ankündigung des Amos gelesen werden (vgl. Wolff, 191; Paul, 55). Vermutlich handelt es sich bei „nach Kir“ in 2Kön 16,9 um einen Zusatz, der die berichteten Ereignisse als Erfüllung des Amoswortes ausweisen möchte (vgl. Benzinger, 171; Andersen / Freedman, 257; Fritz, 35f).

Am 9,7 relativiert die mit dem Auszug aus Ägypten (→ Exodustradition) begründete Vorstellung von der → Erwählung Israels mit der Behauptung, dass Jahwe auch andere Völker aus einem Gebiet herausgeführt habe, nämlich die → Philister aus → Kaftor und die Aramäer aus Kir (der Vers wird zuweilen einem Bearbeiter zugeschrieben; vgl. z.B. Gese). Da Kaftor wohl Kreta oder umfassender den ägäischen Raum und damit das Herkunftsgebiet der Philister bezeichnet, nimmt man vielfach an, bei Kir handele es sich in Entsprechung dazu um das Herkunftsgebiet der Aramäer (vgl. z.B. Mays, 31; Wolff, 400; Paul, 55). Angesichts der Aussagen über eine Deportation der Aramäer nach Kir in Am 1,5 und 2Kön 16,9 dürfte mit Kir jedoch nicht deren Herkunftsgebiet gemeint sein, sondern das Gebiet ihrer Deportation bzw. Sklaverei. Damit hätte Kir für die Aramäer eine vergleichbare Bedeutung wie Ägypten für das Volk Israel (vgl. Wolff, 190f).

Jes 22,1-8 kündigt unter Aufnahme der Tradition vom → Tag Jahwes einen Kampf gegen Jerusalem an. Unter den Angreifern werden in v6 Elam und Kir genannt. Da es sich bei den Angreifern zur Zeit Jesajas um die Assyrer gehandelt haben müsse, vermutet Wildberger (818f), dass es im assyrischen Heer Truppenkontingente gegeben hat, die aus Elam und Kir stammten. Der Schluss ist jedoch nicht zwingend, da die Nennung von Kir von dem Wortspiel מְקַרְקַר קִר məqarqar qir (vielleicht: „Lärm lärmen“) im unmittelbar voranstehenden Vers inspiriert sein könnte; dann dürften sich aus der Nennung keinerlei historische Schlussfolgerungen ziehen lassen.

3. Lage

Da Kir in Am 9,7 ein Pendant zu Ägypten bildet, dürfte mit Kir nicht eine Stadt, sondern eher ein Gebiet gemeint sein. Weil die Assyrer die Aramäer wohl nach Mesopotamien deportiert haben, dürfte dieses Gebiet am ehesten irgendwo im Zweistromland zu suchen sein. Genaueres wird man aber nicht sagen können, da der Name in akkadischen Quellen nicht belegt ist.

Keil (301) lokalisiert Kir im Kaukasus. Gemeint sei die Gegend um den Fluss Kura, der durch Georgien und Aserbaidschan ins Kaspische Meer fließt. Haupt betrachtet Kir als einen Beinamen der Stadt → Ur. Für diese Identifizierung spreche, dass Kir in Am 9,7 als Herkunftsort der Aramäer gelte und Ur der Herkunftsort des Aramäers → Abraham (Dtn 26,5) sei sowie dass der arabische Name von Ur, Tell el-Muqejjir, mit Kir etymologisch verwandt sei. Nach Gray (633) ist קִיר qîr in 2Kön 16,9 im Sinne von „Stadt“ zu verstehen und auf die Stadt der Assyrer zu beziehen, nämlich Ninive. In Am 9,7 gehe Kir dagegen auf arabisch qeraqir „Wasserlöcher“ zurück und meine die Oasen der nordarabischen Steppe als Herkunftsgebiet der Aramäer. Astour (524) betrachtet Kir mit der Bedeutung „Mauer“ als Übersetzung des Ortsnamens Dēr bzw. Dūru, der ebenfalls „Mauer“ bedeutet; es habe sich um eine wichtige Stadt östlich des unteren Tigris an der Straße von Babylon nach Elam gehandelt (heute: Badrah, Koordinaten: N 33° 06' 57, E 45° 56' 18''). Wildberger (819) schließt aus der Nennung parallel zu Elam in Jes 22,6, dass Kir wie Elam in Südmesopotamien gelegen haben dürfte (vgl. Mays, 31). Wenn die dortige Nennung jedoch von dem Wortspiel in v5 angeregt ist, geht schon dieser Schluss zu weit. Nach Gehman (540) ist mit Kir das Gebiet zwischen → Tigris und Elam gemeint, also ein Streifen im südöstlichen Mesopotamien. Görg (480f) identifiziert Kir mit dem in den ägyptischen → Ächtungstexten belegten qhrmw, das er in der syrisch-arabischen Wüste lokalisiert; demgegenüber identifiziert Theis (125f) qhrmw mit Qadmu im Bereich von → Alalach.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The Interpreter’s Dictionary of the Bible, Nashville / New York 1962 (Supp. 1976)
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006

2. Weitere Literatur

  • Andersen, F.I. / Freedman, D.N., 1989, Amos (AB 24), Garden City
  • Astour, M.C., Art. Kir, in: The Interpreter’s Dictionary of the Bible, Supp., Nashville / New York 1976, 524
  • Benzinger, I., Die Bücher der Könige (KHAT IX), Freiburg u.a. 1899
  • Fritz, V., Die Fremdvölkersprüche des Amos, VT 37 (1987), 26-38
  • Gehman, H.S., Art. Kir, in: ders. (Hg.), The New Westminster Dictionary of the Bible, Philadelphia 1970, 540
  • Gese, H., Das Problem von Amos 9,7, in: A.H.J. Gunneweg / O. Kaiser (Hgg.), Textgemäß. Aufsätze und Beiträge zur Hermeneutik des Alten Testaments (FS E. Würthwein), Göttingen 1979, 33-38
  • Görg, M., Art. Kir, in: Neues Bibel-Lexikon, Bd. 2, Zürich u.a. 1995, 480f
  • Gray, J., First and Second Kings. A Commentary (OTL), London 2. Aufl. 1970
  • Haupt, P., Kir = Ur of the Chaldees, JBL 36 (1917), 93-99
  • Keil, C.F., Die Bücher der Könige (BC II/3), Leipzig 1865
  • Mays, J.L., Amos (OTL), Philadelphia 1969
  • Paul, S.M., Amos (Hermeneia), Minneapolis 1991
  • Theis, C., Neue Identifizierungsvorschläge zu den Ächtungstexten des Mittleren Reiches, ZDPV 128 (2012), 121-132
  • Timm, St. (Hg.), Das Onomastikon der biblischen Ortsnamen. Kritische Neuausgabe des griechischen Textes mit der lateinischen Fassung des Hieronymus (Die griechischen christlichen Schriftsteller der ersten Jahrhunderte N.F. 24), Berlin u.a. 2017
  • Wildberger, H., Jesaja, 2. Teilband, Jesaja 13-27 (BK X/2), Neukirchen-Vluyn 1978
  • Wolff, H.W., Dodekapropheton 2: Joel, Amos (BK XIV/2), Neukirchen-Vluyn 1969

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