Kaftor

Andere Schreibweise: Kaphtor, Kaphthor, Caphtor

(erstellt: Jan. 2020)

1. Name

Die Ableitung und Bedeutung des topographischen Namens Kaftor (hebräisch: כַּפְתּוֹר kaftôr, davon abgeleitet כַּפְתֹּרִי kaftôrî „Kaftoriter“) sind unbekannt. Mit der gleichlautenden Vokabel כַּפְתּוֹר kaftôr, die wohl einen Knauf am Leuchter der Stiftshütte (Ex 25,31-36; Ex 37,17-22) und ein Säulenkapitell (Am 9,1; Zef 2,14) bezeichnen kann, hat der Name nichts zu tun.

2. Belege

2.1. Mesopotamien – Ugarit – Ägypten

Außerhalb des Alten Testaments ist der Name Kaftor in Texten aus Mesopotamien (Kaptara), Ugarit (Kptr) und Ägypten (Kftjw) belegt (Zusammenstellung der Belege bei Strange, 16-112).

Aus: The Yorck Project, 10.000 Meisterwerke der Malerei, DVD-ROM 2002 (© gemeinfrei)

Abb. 1 Ägyptische Darstellung eines Menschen aus Kftjw als Tributbringer mit „mykenischem“ Rock (Theben, Grab TT86 des Mencheperreseneb; 18. Dyn.; 15. Jh. v. Chr.).

Ein Text aus → Mari (18. Jh. v. Chr.) listet auf, welche Geschenke König Zimri-Lim auf einer Reise für welche Empfänger mitgenommen hat. Einem Kaftoriter sowie dem Obmann der Kaufleute aus Kaftor bringt er bestimmte Mengen Zinn mit (HTAT, Nr. 73, Zeile 28-29). Andere Texte belegen Waren aus Kaftor (s. Weippert 1983, 227).

Im spätbronzezeitlichen → Ugarit gilt Kaftor als Wohnsitz des Gottes Kṯr w-Ḫss (CAT 1.3 VI 14, Astour 1975, 294 Nr. 51; vgl. CAT 1.1 III 1; Dietrich, 70f). Kaftor ist jedoch nicht nur ein mythischer, sondern – wie eine akkadische Steuerbefreiungsurkunde aus Ugarit zeigt (PRU 3, 16.238, 10-15) – auch ein realer Handelsort, der per Schiff erreichbar ist (vgl. Astour 1975, 354 Nr. 156; Weippert 1983, 226).

Aus: Wikimedia Commons; © Olaf Tausch, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 3.0 unported; Zugriff 8.11.2019

Abb. 2 Gefangener mit der Aufschrift „Kftjw“ (Westecke des 2. Hofes des Tempels Ramses’ II. in Abydos, Ägypten; 13. Jh. v. Chr.).

In Ägypten ist das Land Kftjw vor allem in Texten aus der Zeit des → Neuen Reichs vielfach belegt, doch hat Quack (75-81) gezeigt, dass die Transliteration des Namens den Regeln des Mittleren Reichs entspricht und damit Kontakte zwischen Ägypten und Kftjw schon zu dieser Zeit belegt. Es geht in den Texten beispielsweise um Tribute aus Kftjw und um Kftjw als eine Schiffsklasse (Belege s. Vercoutter, 33-123; Weippert 1983, 227-229).

Aus: Wikimedia Commons; lizenziert unter Creative-Commons-Lizenz CC0 1.0 Verzicht auf das Copyright; Zugriff 8.11.2019

Abb. 3 Ägyptische Darstellung von Tributträgern aus Kftjw mit kretischen Gefäßen (Theben, Grab TT71 des Senenmut; 18. Dyn.; 15. Jh. v. Chr.).

In mehreren Beamten-Gräbern in Theben aus der Zeit des Neuen Reichs finden sich Darstellungen von Menschen, die nach der Beischrift aus Kftjw kommen. Sie sind zum Teil wie Menschen auf Abbildungen im Palast von Knossos auf Kreta mit einem signifikanten sog. Zipfelschurz gekleidet (Rehak 1996; vgl. Matić) und bringen dem Pharao als Tribute unter anderem Gefäße in spätminoischem Stil (Matthäus, 181-186; vorsichtiger Rehak 1998), so dass sich eine Verbindung zwischen Kftjw und Kreta ergibt (Helck 1975, 69-72).

2.2. Altes Testament

Die unter 2.1. genannten Quellen stammen alle aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. Demgegenüber sind die Texte des Alten Testaments, in denen „Kaftor“ und „Kaftoriter“ je drei Mal belegt sind, wesentlich später anzusetzen.

Am 9,7 relativiert die mit dem Auszug aus Ägypten (→ Exodustradition) begründete Vorstellung von der → Erwählung Israels mit der Behauptung, dass Jahwe auch andere Völker aus einem Gebiet herausgeführt habe, nämlich die → Philister aus Kaftor und die → Aramäer aus → Kir. Der Vergleich hinkt insofern, als Kaftor für die Philister ihre ursprüngliche Heimat darstellt, während Ägypten für die Israeliten ein fremdes Land war.

Die → Völkertafel von Gen 10 leitet in Gen 10,13-14 (= 1Chr 1,11-12) eine Reihe von Völkern genealogisch von Mizrajim (= Ägypten) ab. Zu ihnen gehören – in der Liste als letzte genannt – die Kasluhiter und die Kaftoriter, die demnach Ägypten unterstellt zu sein scheinen. Der Relativsatz „von denen die Philister ausgegangen sind“ bezieht sich merkwürdigerweise auf die nicht identifizierbaren Kasluhiter. Vermutlich handelt es sich bei dem Satzteil um eine gelehrte Randnotiz, die von Am 9,7 inspiriert ist und sich auf die Philister beziehen sollte, aber von späteren Abschreibern an der falschen Stelle in den Text gezogen worden ist (dem entsprechend stellt die Lutherbibel 1984 den Text um, 2017 jedoch nicht mehr).

In Dtn 2,23 findet sich eine Notiz, dass die Kaftoriter aus Kaftor ausgezogen seien, die Awiter vernichtet hätten und das Gebiet bis Gaza besiedeln würden. Damit werden die Kaftoriter, da Gaza zum Gebiet der Philister gehört, mit den Philistern in Verbindung gebracht (vgl. Perlitt, 188f). Jer 47,4 kündigt in einem Fremdvölkerspruch (→ prophetische Redeformen) an, dass Jahwe die Philister, den Rest der Insel Kaftor, vernichten werde.

3. Identifizierung mit Kreta

Die Kreter werden im Alten Testament כְּרֵתִי kəretî genannt und sie können im Parallelismus membrorum (→ Poesie) als Pendant zu den Philistern erscheinen (Ez 25,16; Zef 2,5; vgl. → Kreter und Pleter, d.h. Kreter und Philister). Obwohl die Kreter damit bereits einen Namen haben, werden in aller Regel auch die Kaftoriter mit den Kretern identifiziert und Kaftor entsprechend mit → Kreta. Für diese Identifizierung spricht: 1) Es handelt sich bei Kaftor um eine Insel. Das sagt Jer 47,4 und dazu passt, dass der Handel mit Kaftor nach einem der oben genannten Texte aus Ugarit über den Seeweg lief sowie dass der Begriff Kaftor in Ägypten für eine Schiffsart gebraucht wurde. 2) Die Philister werden im Alten Testament sowohl mit Kreta als auch mit Kaftor in Verbindung gebracht, so dass die Kombination eine Identifizierung von Kreta und Kaftor nahe legt. 3) Übereinstimmungen zwischen philistäischer und mykenischer Keramik zeigen, dass die Philister aus dem ägäischen Raum stammen, verweisen allerdings nicht speziell auf Kreta (vgl. Finkelstein, 150f). 4) Die oben erwähnten ägyptischen Darstellungen der Kftjw stellen einen Bezug zu Kreta her. Zudem wird Kftjw auf einer Sockelinschrift im Totentempel Amenophis’ III. (14. Jh. v. Chr.) mit kretischen Ortsnamen, z.B. Knossos und Amnisos, zusammengestellt (zur Interpretation der Inschrift vgl. Astour, 1966; Cline / Stannish), so dass die Identifikation mit Kreta weithin als gesichert gilt.

Septuaginta, → Vulgata, → Targum und → Peschitta geben כַּפְתּוֹר kaftôr mit einem Begriff für „Kappadokien“ wieder (in der LXX von Jer 47,4 [= Jer 29,4] fehlt der Name), identifizieren Kaftor also mit einer Landschaft in Kleinasien. Vermutlich war dafür der ähnliche Klang der Namen ausschlaggebend. In der Forschung wird die Identifikation mit Kappadokien von Wainwright (1931a+b; 1952; 1956) vertreten, der z.B. darauf verweist, dass die in Ägypten dargestellten Waffen und Kleidungsstücke der Philister Übereinstimmungen mit solchen aus dem kleinasiatischen Raum aufweisen.

Strange (147-184) will Kaftor mit Zypern identifizieren. Dagegen spricht jedoch, dass für diese Insel der Name Alaschia in den akkadischen → Amarnabriefen (Alašija) sowie in ugaritischen (’alṯy), ägyptischen (ἰsy) und hethitischen Texten gut bezeugt ist, für den Strange keine andere Identifikation überzeugend einführen kann. Zur Kritik an Strange vgl. z.B. Knapp 1985, 234-241; Wachsmann, 93-102. Drews (39-42) hebt hervor, dass Menschen in Palästina von den Mittelmeerinseln so wenig Kenntnisse hatten, dass sie zwischen Kreta und Zypern nicht unterscheiden konnten; Kaftor sei für sie nur eine ferne exotische Insel gewesen und alle neuzeitlichen Versuche einer exakten Identifikation würden dem Verständnis damaliger Leser nicht gerecht. Auch Vandersleyen (1985; 2002) will Kftjw / Kaftor nicht mit Kreta identifizieren; er bezieht den Begriff auf die Levante.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
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  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992 (Ägäis und Ägypten)
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  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Der Neue Pauly, Stuttgart / Weimar 1996-2003 (Kreta)
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006
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2. Weitere Literatur

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Ägyptische Darstellung eines Menschen aus Kftjw als Tributbringer mit „mykenischem“ Rock (Theben, Grab TT86 des Mencheperreseneb; 18. Dyn.; 15. Jh. v. Chr.). Aus: The Yorck Project, 10.000 Meisterwerke der Malerei, DVD-ROM 2002 (© gemeinfrei)
  • Abb. 2 Gefangener mit der Aufschrift „Kftjw“ (Westecke des 2. Hofes des Tempels Ramses’ II. in Abydos, Ägypten; 13. Jh. v. Chr.). Aus: Wikimedia Commons; © Olaf Tausch, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 3.0 unported; Zugriff 8.11.2019
  • Abb. 3 Ägyptische Darstellung von Tributträgern aus Kftjw mit kretischen Gefäßen (Theben, Grab TT71 des Senenmut; 18. Dyn.; 15. Jh. v. Chr.). Aus: Wikimedia Commons; lizenziert unter Creative-Commons-Lizenz CC0 1.0 Verzicht auf das Copyright; Zugriff 8.11.2019

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