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Lexikon

Jair

Klaus Koenen

(erstellt: März 2019)

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1. Name

Der Name Jair geht auf zwei im Hebräischen unterschiedlich geschriebene Namen zurück, die nichts miteinander zu tun haben.

1) Jair, יָאִיר jā’îr, ist ein Imperfekt Hifil der Wurzel אור ’wr „hell sein“, Hif. „leuchten“ (vgl. → Uria). Der Name bedeutet entweder „er (der Namensträger) leuchtet“ (vgl. Knauf, 271) oder als verkürzter theophorer Name „(Gott) möge leuchten“ bzw. „(Gott) möge (sein Angesicht) leuchten lassen“ (Noth 1928, 204; → Name). Keilschriftlich ist der Name als Ja’ īru belegt (Tallqvist, 91).

2) Jair, יָעִיר jā‘îr (Qere; Ketiv: יעור j‘wr), nur 1Chr 20,5 (s.u. 2.5.), kommt von der Wurzel עור ‘wr III „wach sein“, Hif. „auferwecken“ und bedeutet „(Gott) möge aufwachen“ (vgl. Noth 1928, 201-202) oder „(Gott) möge (den Verstorbenen im Namensträger) erwecken“ (vgl. Gesenius, 18. Aufl., 475).

2. Personen im Alten Testament

2.1. Sohn des Manasse

Manasse, der Sohn → Josefs, hatte zwei Söhne: → Machir und Jair. Wie Machir dürfte Jair ein Clan im Stamm Manasse gewesen sein (vgl. Noth 1971, 370). Ira, ein Priester im Umfeld Davids, soll als „Jairiter“ (2Sam 20,26) wohl diesem manassitischen Clan zugeordnet und damit von der levitischen Priesterschaft abgehoben werden. Nach Num 32,39-41 hat Machir → Gilead erobert und besiedelt. Jair soll in Gilead Zeltdörfer erobert haben, die deswegen „Zeltdörfer Jairs“ heißen. Dtn 3,14 und Jos 13,30 nehmen das auf, lokalisieren die „Zeltdörfer Jairs“ – nach Jos 13 waren es 60 – aber im → Baschan, also nicht südlich, sondern nördlich des Jarmuk. In einer Liste, die angeblich zwölf lokale Herrscher zur Zeit → Salomos zusammenstellt, umreißt 1Kön 4,13 ein ostjordanisches Herrschaftsgebiet, welches das Gebiet → Argob im Baschan umfasst sowie die „Zeltdörfer Jairs“, die hier wie in Num 32 in Gilead lokalisiert werden.

Von „Zeltdörfern“ (Einheitsübersetzung; Lutherbibel: „Dörfer“), hebräisch חַוֹּת ḥawwot, ist nur im Zusammenhang mit Jair die Rede. Um was es sich bei ihnen handelt und worin die besondere Bedeutung der Zeltdörfer Jairs bestand, ist unklar. Unter Verweis auf sabäisch ḥj „Zelt“ kommt man zur Bedeutung „Zelt“ (Noth 1968, 57) und unter Verweis auf arabisch ḥawā „Rundes / Kreis“ (E.W. Lane, An Arabic-English Lexicon, Bd. 2, London 1865, 679a) auf runde Bauten bzw. Anlagen. Man denkt dann an halbfeste Niederlassungen, z.B. aus Holzbauten, oder an Weiler bzw. Gehöfte (Kallai, 116), aber auch an Erntelager, aus denen später feste Ortschaften geworden seien (Knauf, 271; Groß, 536), an kreisförmige Dorfsiedlungen der Perserzeit, die in die vorstaatliche Zeit projiziert worden seien (Otto, 394), oder an Festungen (Kalimi, 50). Heyneck (I, 282-283.287.346-348) zeigt, dass das Gebiet südlich des Jarmuk städtisch geprägt war, und hält eine Übersetzung von חַוֹּת ḥawwot im Sinne von Zeltdörfer deswegen für falsch.

2.2. Der Richter Jair

Ri 10,3-5 bringt die „Zeltdörfer Jairs“ mit einem ganz anderen Mann namens Jair in Verbindung, nämlich mit dem sog. → Kleinen Richter Jair aus Gilead. Um seine Bedeutung zu veranschaulichen, werden ihm 30 Söhne zugeschrieben, die nach dem Wortspiel 30 Esel (עֲיָרִים ‘ǎjārîm) und 30 Städte (עָרִים ‘ārîm; cj.) – gegenüber den 60 Orten von Jos 13,30 wohl eine Angleichung an die Zahl der Söhne (Groß, 536) – besaßen, welche „Zeltdörfer Jairs“ genannt wurden und in Gilead lagen. Jairs Grab wird in Kamon lokalisiert, vermutlich Chirbet Umm el-Ġuzlān, 13 km südlich des Jarmuk (Koordinaten: 2168.2225; Gaß, 348).

2.3. Sohn des Segub

1Chr 2,22-23 bringt die Zeltdörfer Jairs schließlich mit einem dritten Jair in Verbindung: Hezron, ein Enkel Judas, hat eine Enkelin Gileads, des Neffen des unter 2.1. genannten Jair, geheiratet, was in der nachexilischen Zeit des Chronisten wohl bedeutet, dass eine Gruppe von Juda ins Ostjordanland gezogen ist (vgl. Willi 2009, 93-94). Ihr Sohn Segub zeugte Jair und der bekam zwar 23 Städte in Gilead, verlor jedoch 60 Städte an die Geschuriter und Aramäer, nämlich die „Zeltdörfer Jairs“ und Kenat mit seinen Ortschaften.

2.4. Vater Mordechais

In der → Estererzählung wird Esters Vetter → Mordechai in Est 2,5 als Sohn Jairs eingeführt.

2.5. Vater Elhanans

Nach einer Notiz in 2Sam 21,19 wurde → Goliat nicht von → David, sondern von Elhanan, dem Sohn des Jare-Oregim (יַעְרֵי אֹרְגִים ja‘rê ’orəgîm), besiegt. 1Chr 20,5 nimmt die Notiz auf, stellt Elhanan jedoch als Sohn des Jair (zur Schreibweise s.o. 1.) vor. Die Variante des → Chronisten bietet vermutlich den ursprünglichen Text, da es sich bei אֹרְגִים ’orəgîm „Oregim“ in 2Sam 21,19 wohl um eine Dittographie von אֹרְגִים ’orəgîm „Weber“ in dem Begriff „Weberbaum“ am Ende des Verses handelt.

3. Epigraphische Belege

Eine Namensliste aus Lachisch nennt einen „Sohn des Jair“ (Ostrakon 31,5; 7. Jh.; HAE I, 314), und ein beschriftetes Gewicht gehörte einem „Sacharjahu (Sohn des) Jair“ (7. Jh.; AHI 108.054).

4. Jairus im Neuen Testament

Mk 5,21-43 (// Lk 8,41-56) erzählt von dem Synagogenvorsteher Jairus (Ἰάϊρος Iairos), der Jesus in sein Haus ruft und dessen Tochter Jesus dort von den Toten auferweckt. Das Geschehen würde zur Bedeutung des Namens Jair passen (s.o. 1. Nr. 2).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006

2. Weitere Literatur

  • Gaß, E., Die Ortsnamen des Richterbuchs in historischer und redaktioneller Perspektive (ADPV 35), Wiesbaden 2005
  • Groß, W., Richter (HThK.AT), Freiburg u.a. 2009
  • Heyneck, M., Gilead. Eine biblisch-archäologische Konstruktion der Eisenzeit Nordjordaniens (1200-520/450 v.Chr.) (PhD Wuppertal), Wuppertal 2012 (http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn%3Anbn%3Ade%3Ahbz%3A468-20130412-120125-3)
  • Kalimi, I., Zur Geschichtsschreibung des Chronisten. Literarisch-historiographische Abweichungen der Chronik von ihren Paralleltexten in den Samuel- und Königsbüchern (BZAW 226), Berlin / New York 1995
  • Kallai, Z., Conquest and Settlement of Trans-Jordan. A Historiographical Study, ZDPV 99 (1983), 110-118
  • Knauf, E.A., Art. Jaïr, in: Neues Bibel-Lexikon, Bd. 2, Zürich u.a. 1995, 271-272
  • Noth, M., Die israelitischen Personennamen im Rahmen der gemeinsemitischen Namensgebung (BWANT III.10), Stuttgart 1928 (Nachdr. Hildesheim / New York 1980)
  • Noth, M., Beiträge zur Geschichte des Ostjordanlandes I. Das Land Gilead als Siedlungsgebiet israelitischer Sippen, PJB 37 (1941), 50-101, auch in: ders., Aufsätze zur biblischen Landeskunde I, Neukirchen-Vluyn 1971, 347-390
  • Noth, M., Das Amt des „Richters Israels“, in: W. Baumgartner u.a. (Hgg.), Festschrift Alfred Bertholet zum 80. Geburtstag, Tübingen 1950, 404-417, auch in: ders. Gesammelte Studien zum Alten Testament II (ThB 39), München 1969, 71-85
  • Noth, M., Könige (BK IX/1), Neukirchen-Vluyn 1968
  • Otto, E., Deuteronomium 1-3 als Schlüssel der Pentateuchkritik in diachroner und synchroner Lektüre, in: ders., Die Tora. Studien zum Pentateuch. Gesammelte Schriften (BZAR 9), Wiesbaden 2009, 284-420
  • Tallqvist, K.L., Assyrian Personal Names, Helsingfors 1914 (Nachdruck: Hildesheim 1966)
  • Stamm, J.J., Beiträge zur hebräischen und altorientalischen Namenkunde (OBO 30), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1980
  • Willi, Th., 1. Chronik 1-10 (BK XXIV/1), Neukirchen-Vluyn 2009
  • Wüst, M., Untersuchungen zu den siedlungsgeographischen Texten des Alten Testaments, I. Ostjordanland (TAVO.B B 9), Wiesbaden 1975

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