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Lexikon

Hiwiter

Andere Schreibweise: Hewiter; Heviter; Hivites

Erasmus Gaß

(erstellt: März 2019)

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Vermutlich haben die historischen Hiwiter in Kilikien gesiedelt. Trotzdem haben die biblischen Autoren diese Volksgruppe im Norden Palästinas lokalisiert und als Vorbevölkerung stilisiert, die Israel vertreiben musste. Ob sie die Hiwiter im Süden (→ Sichem oder → Gibeon) ebenfalls verortet haben, ist fraglich.

1. Name

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Herkunft der Hiwiter (neuassyrisch Que / neubabylonisch Ḫuwe) in Kilikien.

Der Volksname Hiwiter (חִוִּי ḥiwwî), der im Alten Testament durchwegs mit Artikel determiniert wird, wird etymologisch gerne mit dem Namen des kilikischen Landstriches Koë in Verbindung gebracht. Diese kleinasiatische Region wird noch unter Salmanassar III. als Que bezeichnet und ab Nabopolassar als Ḫumē bzw. Ḫuwe (Parpola; Görg; Na’aman; Bagg; Hawkins). Angesichts der ähnlichen Lautung verbindet man gerne die neubabylonische Form Ḫuwe mit den biblisch belegten Hiwitern. Allerdings ist der zeitliche Abstand zwischen den neuassyrischen bzw. neubabylonischen Belegen und den biblischen Hiwitern zu bedenken, die in der vor- bzw. frühstaatlichen Zeit angeblich aufgetaucht seien (Hostetter). Dem Einwand, dass die Lesart Ḫuwe erst neubabylonisch belegt sei und insofern die biblische Gruppe mit diesem Toponym nicht gleichgesetzt werden könne, ist jedoch entgegenzuhalten, dass es eine topographische Liste auf einer Statuenbasis von → Ramses II. im Vorhof des Tempels von Luxor gibt, die ebenfalls ein Land ḫw kennt (Edel). Da auf dieser ägyptischen Liste im Nahkontext die Länder Arzawa und Ḫatti genannt werden, ist vermutlich auch das Land ḫw im kleinasiatischen Raum zu finden. Möglicherweise ist *Ḥwa sogar der alte Namen Kilikiens, von dem es dann verschiedene Abwandlungen als Kawa, Qawe, Quwe, Que, Ḥiyawa oder Ḫumē gibt (Novák). Da die Wiedergabe des Hieroglyphen-Luwischen in den semitischen Sprachen bestenfalls approximativ ist, sind mehrere Schreibweisen für ein und dasselbe Wort prinzipiell nicht auszuschließen (Lemaire 2004). Vermutlich liegt die unterschiedliche semitische Wiedergabe des Anfangskonsonanten daran, dass der luwische Laut k in der Aussprache stark aspiriert wurde. Insofern ist es durchaus möglich, dass das Land Koë im Hebräischen als קְוֵה Qǝweh wiedergegeben wurde. Dementsprechend hat man hier wohl die frühere neuassyrische Bezeichnung verwendet. Demgegenüber hat man die dort lebende Bevölkerung als הַחִוִּי haḤiwwî bezeichnet, wobei man nun der neubabylonischen Aussprachetradition verpflichtet war. Darüber hinaus könnten die biblischen Autoren die Verbindung der הַחִוִּי haḤiwwî mit dem Land קְוֵה Qǝweh bereits vergessen oder verdrängt haben. Da die beiden Begriffe קְוֵה Qǝweh und הַחִוִּי haḤiwwî in unterschiedlichen literarischen und voneinander unabhängigen Kontexten belegt sind (קְוֵה Qǝweh nur in 1Kön 10,28 // 2Chr 1,16), ist eine inhaltliche Unterscheidung zwischen קְוֵה Qǝweh und הַחִוִּי haḤiwwî nicht notwendig. Auf der → Bilingue von Çineköy wird im hieroglyphen-luwischen Abschnitt für das Land Kilikien zudem der Terminus Ḫiyawa verwendet (Tekoğlu / Lemaire), wobei es sich um die Basis des neuassyrischen Toponyms Qawe / Ḫumē handeln könnte (Lanfranchi).

Manchmal wurde vorgeschlagen, dass der biblische Terminus הַחִוִּי haḤiwwî eine lokale Übernahme des griechischen Wortes Ἀχαιοί Achaioi sei (Margalith 1994), das in hetitischen Quellen angeblich als Aḫḫiyawa und in ägyptischen Belegen als 3ḳywš belegt sei (Wainwright). Allerdings lässt sich die Region Kilikien kaum mit einer griechischen Besiedlung verbinden (Novák), zumal es in Kilikien keine einzige griechische Inschrift aus vorhellenistischer Zeit gibt. Auch die dort bezeugten Eigennamen lassen sich nicht mit einer griechischen Etymologie erklären. Rhodische und ostionische Keramik tritt in Kilikien zudem erst ab dem frühen 7. Jh. v. Chr. auf. Demnach sind die Hiwiter bestenfalls Kilikier, aber keine griechischen Ἀχαιοί Achaioi.

Darüber hinaus hat man bisweilen das Ethnonym הַחִוִּי haḤiwwî mit der syro-anatolischen Gottheit dḪebat zusammengebracht (Heller). Jedoch müsste man den Konsonantenwechsel von dḪebat zu Ḥiwwî schlüssig erklären, zumal die in Palästina belegten Eigennamen mit dem theophoren Element dḪebat gegen einen Wechsel von b zu w sprechen: ‘Abdi-Ḫeba von Jerusalem (→ Abdi Chepa) oder der biblische Eigenname Eljachba (2Sam 23,32 // 1Chr 11,33).

Aus alledem folgt, dass es sich bei den Hiwitern angesichts der Etymologie vermutlich um eine kleinasiatische Bevölkerungsgruppe handelte, die in Kilikien siedelte (Abb. 1). Inwieweit die biblischen Autoren auf eine zuverlässige historische Erinnerung zurückgegriffen haben, sei freilich dahingestellt, sodass man nicht mit Sicherheit von einem realen Eindringen von Bewohnern Kilikiens nach Palästina rechnen kann.

2. Biblische Überlieferung

Nach dem biblischen Befund gelten die Hiwiter als Volksgruppe, die seit jeher im Land Kanaan ansässig ist. Es verwundert daher nicht, dass in der Toledot Noahs die Hiwiter als Nachkommen Kanaans betrachtet werden (Gen 10,17 // 1Chr 1,15). Zusammen mit anderen Völkern siedeln die Hiwiter zudem im Verheißungsland (Gen 15,21), das den Nachkommen → Abrams aufgrund des Bundesschlusses (→ Bund) gegeben wird. Die Hiwiter zählen somit nach den biblischen Autoren zur Vorbevölkerung des Landes, wie der Hiwiter Hamor (Gen 34,2), der jedoch von → Septuaginta (LXX) als Horiter bezeichnet wird, oder der Hiwiter Zibon (Gen 36,2) zeigen. Auch die Bewohner von → Gibeon, die sich mit List ein Bleiberecht im Verheißungsland erschwindeln, werden zumindest im hebräischen Text als Hiwiter bezeichnet (Jos 9,7), auch wenn die Septuaginta die Gibeoniter zu Horitern macht. Der Hinweis, dass die Bewohner Gibeons als Hiwiter gelten, fehlt dementsprechend in Jos 11,19-LXX. In Num 13,29-LXX werden die Hiwiter noch bei der Bevölkerung des Gebirges zusätzlich zu den Hethitern, Jebusitern und Amoritern ergänzt.

Der Volksname Hiwiter steht in den Völkerlisten meist als Kollektivbegriff für eine vorisraelitische Bevölkerungsgruppe (Gen 15,21; Ex 3,8.17; Ex 13,5; Ex 23,23; Ex 33,2; Ex 34,2; Dtn 7,1; Dtn 20,17; Jos 3,10; Jos 9,1; Jos 12,8; Jos 24,11), die seit jeher im Verheißungsland lebt und von den Israeliten bei der Landnahme zu vertreiben ist. JHWH versetzt zudem zumindest die Hiwiter zusammen mit den Kanaanäern (→ Kanaan) und → Hethitern in Panik (Ex 23,28).

Die Israeliten vermögen allerdings die Hiwiter und andere Völker nicht aus dem Verheißungsland zu vertreiben (Ri 3,3.5), worauf auch die → VolkszählungDavids hinweist (2Sam 24,7). Die im Lande verbliebenen Hiwiter macht → Salomo schließlich zu → Fronarbeitern (1Kön 9,20 // 2Chr 8,7).

Nach Jos 11,3-MT werden die Hiwiter zudem am Fuß des Hermongebirges im Land Mizpa lokalisiert. In Jos 11,3-LXX werden hingegen die Hiwiter mit den Hethitern ausgetauscht. Dies ist vermutlich eine sekundäre Korrektur, damit die Hiwiter näher an Mittelpalästina verortet werden können, zumal die Hetiter ohnehin meist in Nordpalästina belegt sind und daher besser am Hermongebirge (→ Hermon) lokalisiert werden können.

Die textkritische Überlieferung der → Septuaginta (LXX) ist zudem nicht über jeden Zweifel erhaben, zumal die Lesart ευαιος euaios von LXX nicht nur für die Hiwiter, sondern auch für andere Völkernamen verwendet wird. Mit dem Wort ευαιος euaios werden von der LXX auch die Awiter als Hiwiter gedeutet (Dtn 2,23; Jos 13,3; 2Kön 17,31). Nach Gen 26,34-LXX ist zudem die Frau Esaus Basemat eine Tochter des Hiwiters Elon, während Elon im MT hingegen ein Hethiter ist. Demnach kann der griechische Begriff ευαιος euaios von LXX für Hiwiter, Awiter und Hethiter gleichermaßen verwendet werden.

3. Identifizierung mit anderen Volksgruppen

Schon angesichts des disparaten textkritischen Befundes verwundert es nicht, dass die biblischen Hiwiter immer wieder mit anderen Volksgruppen verbunden werden. Derartige Gleichsetzungen lassen sich aber kaum zuverlässig begründen:

a) Amoriter: Die ethnische Einordnung der Hiwiter als Unterabteilung der Amoriter basiert lediglich auf einer synchronen Lesart von ausgewählten Bibelstellen. So werden die ehemaligen Bewohner → Sichems zum einen als Hiwiter (Gen 34,2) und zum anderen als Amoriter bezeichnet (Gen 48,22). Ähnliches gilt für die Bewohner von → Gibeon, die ebenfalls als Hiwiter (Jos 9,7) oder als Amoriter (2Sam 21,2) ausgewiesen werden. Eine solche Endtextexegese kann aber keine tragfähigen Schlüsse zur ethnischen Einordnung der Hiwiter liefern.

b) Awiter: Gelegentlich werden die biblischen Hiwiter mit den Awitern identifiziert, beide Bevölkerungsgruppen mit Eva verbunden und als JHWH-Verehrer klassifiziert (Hoekfeld-Meijer). Hierfür bieten die Texte aber ebenfalls keinen Rückhalt, es sei denn, man bemüht die Lesart der Septuaginta.

c) Horiter: Bisweilen wird ḤWJ zudem als falsche Lesart von ḤRJ gedeutet, sodass Hiwiter entweder textkritisch als Horiter oder als horitische Unterabteilung zu erklären wäre (Speiser). Ob man allerdings in den Textbestand auf diese Weise eingreifen darf, ist fraglich.

d) Hurriter: Gelegentlich wird vermutet, dass Hiwiter und Horiter nur zwei verschiedene Schreibweisen für Hurriter seien, die in Gesamtpalästina siedelten (Eybers). Für diese zweifache biblische Überlieferung der Hurriter als Hiwiter und Horiter könne man zum einen auf die ähnliche Schreibweise von w und r verweisen, zum anderen aber vermuten, dass der entsprechende hurritische Laut zwischen beiden Konsonanten angesiedelt gewesen sei. Angesichts der schwierigen biblischen Beleglage zu Hiwitern, Horitern und Hurritern sollte allerdings von historisch-topographischen Spekulationen jeglicher Art Abstand genommen werden.

Derartige Gleichsetzungen der biblischen Hiwiter mit anderen Volksgruppen und damit verbundene historische Rekonstruktionen der Vorgeschichte Israels sind jedoch nicht ohne Probleme. Hinzu kommt, dass man manche Bibelstellen nicht nach der Septuaginta verändert sollte, da die anderen Textzeugen klar Hiwiter belegen.

4. Soziologische Deutung

Gelegentlich wird Ḥiwwî innersemitisch von einem Substantiv ḥwt „Land / Region“ abgeleitet, das bei der Anfügung der Gentiliznisbe die Femininendung verloren hätte (Lipiński 1992; 2018). Dieser Volksname müsste dann mit „Ureinwohner“ wiedergegeben werden. Außerdem könnte man Ḥiwwî mit dem Lexem ḥawwot „Zeltlager“ verbinden (Dozeman). Dementsprechend würde das Ethnonym Hiwiter „Zeltbewohner“ bedeuten, sodass dieser Terminus eine appellative Bezeichnung für Beduinen gewesen wäre (Böhl). Gegen einen solchen soziologischen Begriff sprechen aber die biblischen Informationen, welche die biblischen Hiwiter in Städten verorten (Day), es sei denn, man kann den Ausdruck עָרֵי הַחִוִּי ‘ārê haḤiwwî „Städte der Hiwwiter“ auch auf Zeltlager beziehen (Hostetter). Außerdem müsste man dann die anderen Gruppenbezeichnungen in den Völkerlisten, bei denen es sich wohl um echte Völkernamen handelt, ebenfalls als soziologische Termini deuten. Ansonsten hätten die biblischen Autoren unterschiedliche Kategorien miteinander vermischt.

Eine innersemitische Etymologie von ḥwt oder ḥawwot ist zwar nicht ausgeschlossen, aber auch nicht gerade wahrscheinlich. Dementsprechend ist der kleinasiatischen Deutung des Völkernamens der Vorzug zu geben.

5. Lokalisierung

Aus verschiedenen biblischen Texten lassen sich Hinweise auf die geographische Verortung der Hiwiter entnehmen, auch wenn immer wieder mit traditions- und überlieferungsgeschichtlichen Brüchen zu rechnen ist. Hinzu kommt, dass die biblischen Autoren nicht notwendigerweise zuverlässige historische Erinnerungen bewahrt haben müssen.

Nach Jos 11,3 siedelten die Hiwiter unterhalb des Hermongebirges im Land Mizpa (תַּחַת חֶרְמוֹן בְּאֶרֶץ הַמִּצְפָּה taḥat Ḥærmôn bǝ’æræṣ hamMiṣpāh). Das Land Mizpa, das nur hier biblisch belegt ist, lässt sich vermutlich mit der Ebene um Merğ ‘Ajjūn (Koordinaten: 2050.3075; N 33° 21' 45'', E 35° 35' 10'') gleichsetzen (Aharoni).

Auf eine nördliche Lokalisierung verweist auch Ri 3,3. Demnach sind die Hiwiter ebenfalls im Gebiet des Libanongebirges zu lokalisieren (יֹשֵׁב הַר הַלְּבָנוֹן jošev har halLǝbānôn), und zwar vom Berg Baal-Hermon bis nach Lebo-Hamat (מֵהַר בַּעַל חֶרְמוֹן עַד לְבוֹא חֲמָת mehar Ba‘al Ḥærmôn ‘ad Lǝbô’ Ḥămāt). Nach diesen Angaben siedelten die Hiwiter vermutlich irgendwo in der Beqā‘-Ebene.

Nach 2Sam 24,7 scheinen gewisse Städte der Hiwiter im Bereich der phönizischen Küstenstädte → Sidon und → Tyros gelegen zu haben. Die Constructusverbindung עָרֵי הַחִוִּי ‘ārê haḤiwwî „Städte des Hiwiters“ verweist offenbar auf eine feste Ansiedlung der Hiwiter in Städten und schließt folglich eine Deutung der Hiwiter als Nomaden aus. Die text- und literarkritisch unsichere Stelle Jes 17,9 könnte ebenfalls Städte der Hiwiter belegen, die aus Angst vor den Israeliten verlassen worden sind. Zumindest die Septuaginta erwähnt hier das Gentiliz ευαιος euaios, das ansonsten meistens mit den Hiwitern gleichgesetzt wird. Bei der Lesart der LXX handelt es sich jedoch mutmaßlich um eine midraschartige Interpretation, zumal die abweichende Lesart des Masoretischen Textes durch 1QJesa (→ Qumrantexte) gut bezeugt ist und somit nicht abgeändert werden muss (Barthélemy). Aus den bislang genannten Belegen wird ersichtlich, dass nach biblischer Geographie die Gruppe der Hiwiter im Norden Palästinas zu finden ist (kritisch hierzu aber Kuschke).

Neben dieser nördlichen Lokalisierung der Hiwiter gibt es Hinweise für eine südliche Verortung dieses Bevölkerungselementes. Gemäß Gen 34,2-MT ist → Sichem ein Sohn des Hiwiters Hamor. Der eigentliche Ortsname Sichem wird hier als ein Personenname „Sichem, Sohn Hamors“ verstanden. Da also schon Hamor, der Urahn der Sichemiten, ein Hiwiter war, handelt es sich nach Ansicht der biblischen Autoren bei den späteren Bewohner Sichems wohl zumindest teilweise ebenfalls um Hiwiter, die den Israeliten gewogen waren (wie später die gibeonitischen Hiwiter). Wenn man in Gen 34,2 allerdings das Gentiliz – wie LXX – als Horiter liest, erübrigen sich derartige Spekulationen. Für eine hiwitische Bevölkerung in Sichem liegen somit nur schwache Indizien vor.

Abb. 2 Die List der Gibeoniten (Abraham de Blois, 1728).

Abb. 2 Die List der Gibeoniten (Abraham de Blois, 1728).

Nach Gen 36,2 gehört zu den Nebenfrauen Esaus die Tochter Anas, des Stammvaters der Edomiter, der ein Sohn des Hiwiters Zibon gewesen sein soll. Dann hätte man vielleicht einen Hinweis darauf, dass die Hiwiter auch im Süden Palästinas gesiedelt hätten. Die vorliegende Stelle ist jedoch textkritisch ebenfalls umstritten, zumal Zibon später in Gen 36,20 nicht als Hiwiter, sondern als Horiter ausgewiesen wird. Die widersprüchlichen Angaben in Gen 36,2.20 werden gelegentlich in dem Sinne ausgeglichen, dass der Horiter Zibon ethnisch eigentlich ein Hiwiter gewesen wäre. Eine solche Gleichsetzung ließe sich dann erzielen, wenn man den Begriff Horiter als „Höhlenbewohner“ deutet. Der Höhlenbewohner Zibon kann folglich ethnisch ein Hiwiter gewesen sein. Fraglich ist jedoch, ob die Deutung von Horiter überhaupt als Epitheton zulässig ist, das auf die Siedlungsweise in Höhlen anspielt (Hieke).

Nach Jos 9 sind die Bewohner von → Gibeon ebenfalls Hiwiter, die zwar durch eine List ihre Verschonung von einer drohenden militärischen Auseinandersetzung mit Israel erwirken können (Abb. 2), aber als Holzfäller und Wasserträger für Israel arbeiten müssen. Allerdings ist die hier vorgenommene Identifikation der Gibeoniten als Hiwiter nicht über jeden Zweifel erhaben, zumal sie sich selbst als Fremde und nicht als Hiwiter bezeichnen. Der biblische Erzähler fühlte sich jedoch in Jos 9,7 zu einer Identifikation mit Hiwitern veranlasst, vielleicht um anzudeuten, dass die Fremden Hiwiter sind und sie damit zur Vorbevölkerung Kanaans gehören, die vertrieben werden muss (Ederer). Eigentlich hätte es mit den Feinden Israels zu keinem Bundesschluss kommen dürfen (Howard). Jos 9,7 liegt darüber hinaus vermutlich auf einer Linie mit Jos 11,19, wo gleichfalls die Besiedlung Gibeons durch Hiwiter belegt ist. Vielleicht hat der Erzähler aber auch an das im Norden gelegene Land der Hiwiter gedacht, zumal die Gibeoniten angeblich aus einem fernen Land kommen.

© Erasmus Gaß

Abb. 3 Siedlungsgebiet der Hiwiter.

Aus alledem folgt, dass die Hiwiter in erster Linie irgendwo in der nördlichen Beqā‘ gesiedelt haben (Abb. 3). Für eine südliche Lokalisierung gibt es nur schwache Hinweise, die zudem textlich schwierig und nicht über jeden Zweifel erhaben sind. Manchmal wird vermutet, dass die Hiwiter ausweislich der nördlichen und südlichen Siedlungen noch vor den Israeliten ins zentralpalästinische Bergland von Norden eingewandert wären und sich vor Ankunft der Israeliten noch nicht konsolidiert hätten (Vriezen). Für solche siedlungsgeographische Schlussfolgerungen gibt es aber keinen Anhalt in den biblischen Texten.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

Datenbank Ortsangeben der Bibel (odb)

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Herkunft der Hiwiter (neuassyrisch Que / neubabylonisch Ḫuwe) in Kilikien. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Die List der Gibeoniten (Abraham de Blois, 1728).
  • Abb. 3 Siedlungsgebiet der Hiwiter. © Erasmus Gaß

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