Haken

(erstellt: Febr. 2020)

Ein Haken ist ein meist aus Metall bestehendes Gerät mit einer mindestens einen Halbkreis umfassenden Biegung, die etwas erfassen soll, um Zugkräfte auszuüben (z.B. ein S-förmiger Metzgerhaken oder ein Enterhaken). Deutsche Bibelübersetzungen geben mehrere hebräische Begriffe mit „Haken“ wieder, doch ist unsicher, inwiefern tatsächlich ein Haken gemeint ist.

1. Haken an der Stiftshütte?

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Fibel.

Das Wort קֶרֶס qæræs stammt von der Wurzel קרס qrs „sich krümmen“ (Jes 46,1.2) und wird oft mit „Haken“ übersetzt (Gesenius 18 [so schon die 1. Aufl. 1812]; durchweg in der Lutherbibel 1912, 1984, 2017; Einheitsübersetzung). Eher bezeichnet der Begriff aber einen Ring oder eine Art Fibel, da 1) Haken für den genannten Zweck ungeeignet sind (es sei denn Karabinerhaken) und 2) die antiken Übersetzungen ihn vielfach mit „Ring“ wiedergeben.

Die → Septuaginta übersetzt קֶרֶס qæræs in Ex 26,6.11 mit κρίκος krikos „Ring“, die → Vulgata in Ex 26,6.33; Ex 36,13 mit circulus „Ring“ und in Ex 26,11; Ex 36,18 mit fibula „Fibel“. Luther (1545) übersetzt nie mit „Haken“, sondern mit „Rinke“ (= „Schnalle“; > „Ring“). Die englischen Übersetzungen verwenden vielfach clasp „Spange“.

Verwendet wird der Begriff קֶרֶס qæræs im Alten Testament nur bei der Beschreibung des Zeltes der Begegnung (sog. → Stiftshütte), die sich auf die → Wüstenzeit bezieht, aber als Teil der → Priesterschrift erst aus nachexilischer Zeit stammt. Nach ihr bestand das Zeltheiligtum aus einer Holzkonstruktion mit einer doppelten Abdeckung aus Stoff. Die untere Abdeckung setzte sich, um besser transportierbar zu sein, aus zwei Decken von je fünf miteinander vernähten Zeltbahnen zusammen, die aus äußerst kostbaren Materialien bestanden (→ Decke). Um diese beiden Decken, die quer über dem Kern der Stiftshütte lagen, miteinander zu verbinden, befanden sich an ihnen auf der Seite, an der sie sich berührten, jeweils 50 Schlaufen aus blauem Purpur, und diese Schlaufen waren durch goldene „Haken“ miteinander verbunden (Ex 26,6; Ex 36,13; vgl. Ex 35,11; Ex 39,33). Selbst wenn es sich bei der ganzen Konstruktion um eine literarische Fiktion handeln dürfte, ist zu bedenken, dass hier keine senkrechte, sondern eine waagerechte Verbindung ohne ständige Spannung gemeint ist, bei der sich Haken – insbesondere kleine Metzgerhaken, wie Propp (407) sie in seiner Rekonstruktion zeichnet – schnell aus den Schlaufen gelöst hätten. Deswegen ist eher an Fibeln zu denken.

Über der unteren Abdeckung lag eine etwas größere Abdeckung, die aus dem für Zeltplanen üblichen Ziegenhaar bestand (→ Zelt). Fünf bzw. sechs Zeltbahnen waren zu zwei Decken zusammengenäht. Auch diese beiden Decken hatten an jeweils einer Seite 50 Schlaufen, und die waren durch kupferne „Haken“, eher Fibeln miteinander verbunden (Ex 26,11; Ex 36,18; vgl. Ex 35,11; Ex 39,33). Unter den Fibeln, die die beiden Decken verbanden, hing in der Mitte des Zeltes ein Vorhang, der den heiligen vom allerheiligsten Bereich trennte (Ex 26,33).

2. Haken beim Fangen wilder Tiere und Menschen

Links: Aus: Wikimedia Commons; © Yair Haklai, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff 16.2.2020; rechts: © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 2 Eine Siegesstele zeigt den assyrischen König Asarhaddon (681-669 v. Chr.), der die unterworfenen Könige Taharqo von Ägypten und Balu von Tyrus an zwei Bändern mit Kieferringen hält (Stele aus Samʾal / Zincirli).

Der Begriff חוֹחַ ḥôaḥ1 bezeichnet eigentlich → Dornen von Pflanzen, übertragen mag er auch „Haken“ meinen können. Hi 40,26 setzt voraus, dass man Tiere mit Haken gefangen hat, die durch → Backen oder Unterkiefer gestoßen wurden. Der Vers hebt hervor, dass Menschen nicht die Macht haben, dies mit dem mythischen Seeungeheuer → Leviatan zu tun (Hi 40,25).

Nach 2Chr 33,11 ließ der assyrische König den judäischen König → Manasse „mit Haken“ festnehmen (oder „in Schlupfwinkeln / Felsspalten“ > חוֹחַ ḥôaḥ2, vgl. 1Sam 13,6, Köhler, 314; HALAT, 284). Unklar bleibt, ob es sich hier um einen bildlich zu verstehenden Ausdruck handelt, der die Brutalität der → Assyrer vor Augen führen soll, oder um eine tatsächlich geübte Praxis, bei der unterlegene Herrscher an einem Haken abgeführt wurden oder auch an einem Ring, wie → Asarhaddon es auf einer Siegesstele darstellt (Abb. 2 und 3). Ein solcher Ring müsste aufbiegbar gewesen sein (wie ein Schlüsselring), um ihn anlegen zu können.

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 20.2.2020

Abb. 3 Detail von Abb. 2: Unterworfener König, dem man einen Ring durch den Kiefer (oder die Lippe) gezogen hat, um ihn an die Leine zu legen (Siegesstele Asarhaddons; 7. Jh.).

Auch das verwandte Nomen חָח ḥāḥ wird häufig mit „Haken“ übersetzt (z.B. Zimmerli in Ez 19,4.9; Ez 29,4; Ez 38,4), doch ist diese Wiedergabe nicht unumstritten (vgl. Held, 183-185). Der Begriff bezeichnet außer einer Gewandnadel oder Gewandspange (Ex 35,22) eher einen Nasen- bzw. Kieferring, den man öffnen konnte. Mit einem solchen Ring kann man wilde Tiere und Gefangene nämlich sehr viel besser abführen als mit einem Haken. In 2Kön 19,28 (// Jes 37,29) kündigt Gott dem assyrischen König → Sanherib an, ihm einen Ring (Zürcher Bibel 2007: „Haken“) durch die Nase zu ziehen und ihn wegzuführen. Ez 19,4.9 spricht von zwei judäischen Königen, wohl → Joahas und → Jojachin (vgl. Zimmerli, 425-427; Pohlmann, 280f), allegorisch als von zwei Löwenjungen, die mit einem Ring (Zürcher Bibel 2007: „Haken“) verschleppt wurden. Ez 29,4 sieht den ägyptischen Pharao als ein → Krokodil, dem Gott einen Ring (Lutherbibel 2017: „Haken“) durch die Kinnlade treibt (→ Backe). Ohne Tierbild wird dies in Ez 38,4 dem Gewaltherrscher → Gog angekündigt (Lutherbibel 2017: „Haken“).

3. Angelhaken

Aus: W.M. Flinders Petrie, Gerar, London 1928, Tf. 24 Nr. 61

Abb. 4 Angelhaken (Bronze; Tell Ǧemme; Eisenzeit).

Das Nomen חַכָּה ḥakkāh bedeutet „Angel / Angelhaken“ (→ Fisch; → Fischfang). Im Rahmen einer Schilderung des Unheils, das über Ägypten kommen wird, kündigt Jes 19,8 an, dass die Fischer ihre Angelhaken vergeblich in den → Nil werfen werden. Das Bildwort Hab 1,14-15 sieht die Menschen als Fische und die feindlichen Herrscher als Fischer, die ihnen mit Angelhaken und Netzen nachstellen und sie aus dem Wasser ziehen. In Hi 40,25 (vgl. o. zu v26) zeigt Gott dem Menschen seine Grenzen auf: Er kann das mythische Seeungeheuer → Leviatan nicht mit einem Angelhaken aus dem Wasser ziehen.

Aus: O. Keller, Die antike Tierwelt, Bd. 2, Leipzig 1913, 331 Fig. 118 (Detail)

Abb. 5 Von einem Boot aus hält ein Mann eine Angelschnur mit mehreren Haken ins Wasser, und ein Fisch hat angebissen (Grab des Mereruka, Saqqara, Ägypten; 6. Dynastie, 23. Jh.).

Am 4,1-3 spricht von den Frauen der Oberschicht Samarias als „Basankühen“ und kündigt ihnen an, dass sie verschleppt werden. Am 4,2 führt aus, dass sie mit צִנּוֹת ṣinnôt und סִירוֹת דּוּגָה sîrôt dûgāh vertrieben werden. Der erste Begriff, צֵן ṣen, wird oft mit „Haken“ übersetzt (z.B. Zürcher Bibel, 2007; Nwaoru, 466-468), dürfte aber eher „Stachel“ bedeuten (vgl. Spr 22,5) und hier, dem Bild von den Basankühen entsprechend, im Sinne von → „Ochsenstachel“ zu verstehen sein, also ein Stab mit einer scharfen Spitze meinen, mit dem man Rinder von hinten antrieb (vgl. Jeremias, 45; anders Schwantes: Nasenseile; Paul, 188-190: Körbe).

Bei dem Parallelbegriff סִירוֹת דּוּגָה sîrôt dûgāh dürfte es sich um ein Fischereiwerkzeug handeln, da דּוּגָה dûgāh „Fischerei“ bedeutet (< דָּג dāg „Fisch“). Damit könnte zwar ein „Angelhaken“ gemeint sein (so viele Übersetzungen, z.B. Einheitsübersetzung; Nwaoru, 466-468), doch passt zum Bild von der Vertreibung der Frauen als Pendant zum Ochsenstachel eher ein Fischspeer (vgl. Jeremias, 45: Harpune; anders: Paul, 188-190: Fischtöpfe).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006

2. Weitere Literatur

  • Dalman, G., Arbeit und Sitte in Palästina, Bd. 6, Gütersloh 1939 (Nachdruck: Hildesheim 1987)
  • Held, M., Pits and Pitfalls in Akkadian and Biblical Hebrew, JANES 5 (1973), 173-190
  • Jeremias, J., Der Prophet Amos (ATD 24,2), Göttingen 1995
  • Köhler, L., Alttestamentliche Wortforschung. Ḫōḫim Schlupfwinkel, ThZ 5 (1949), 314
  • Nwaoru, E.O., A Fresh Look at Amos 4:1-3 and Its Imagery VT 59 (2009), 460-474
  • Paul, S.M., Fishing Imagery in Amos 4:2, JBL 97 (1978), 183-190
  • Pohlmann, K.-F., Der Prophet Hesekiel (Ezechiel), Kapitel 1-19 (ATD 22/1), Göttingen 1996
  • Propp, W.H.C., Exodus 19-40 (The Anchor Bible), New York u.a. 2006
  • Schwantes, S.J., Note on Amos 4,2b, ZAW 79 (1967), 82f
  • Zimmerli, W., Ezechiel (BK.AT XIII/1.2), Neukirchen-Vluyn 2. Aufl. 1979
  • Williams, A.J., A Further Suggestion about Amos IV 1-3, VT 29 (1979), 206-211

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Fibel. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Eine Siegesstele zeigt den assyrischen König Asarhaddon (681-669 v. Chr.), der die unterworfenen Könige Taharqo von Ägypten und Balu von Tyrus an zwei Bändern mit Kieferringen hält (Stele aus Samʾal / Zincirli). Links: Aus: Wikimedia Commons; © Yair Haklai, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff 16.2.2020; rechts: © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 3 Detail von Abb. 2: Unterworfener König, dem man einen Ring durch den Kiefer (oder die Lippe) gezogen hat, um ihn an die Leine zu legen (Siegesstele Asarhaddons; 7. Jh.). Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 20.2.2020
  • Abb. 4 Angelhaken (Bronze; Tell Ǧemme; Eisenzeit). Aus: W.M. Flinders Petrie, Gerar, London 1928, Tf. 24 Nr. 61
  • Abb. 5 Von einem Boot aus hält ein Mann eine Angelschnur mit mehreren Haken ins Wasser, und ein Fisch hat angebissen (Grab des Mereruka, Saqqara, Ägypten; 6. Dynastie, 23. Jh.). Aus: O. Keller, Die antike Tierwelt, Bd. 2, Leipzig 1913, 331 Fig. 118 (Detail)

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